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Vor allem Jungen mangelt es an Leselust und an Vorbildern

Rheingauer Mentoren – die Leselernhelfer – nehmen ihre Arbeit auf / Vierstufiges Qualifizierungsprogramm

Bürgermeister Manfred Federhen, Landrat und Schirmherr Burkhard Albers und zahlreiche interessierte Gäste nahmen an der "Kick-off"-Veranstaltung teil.

Rheingau. (chk) – Am vergangenen Freitag war es soweit: Initiatoren, Lehrer, interessierte Gäste und potentielle Mentoren trafen sich im Sitzungssaal des Geisenheimer Rathauses zur "Kick-off"-Veranstaltung und zum ersten Teil des Qualifizierungsprogramms für die "Rheingauer Mentoren", die frei nach dem Vorbild des Bundesverbandes "Mentor – die Leselernhelfer" in der Region aktiv werden wollen. Eröffnet wurde die Veranstaltung der "Lernenden Region" von Bürgermeister Manfred Federhen und Landrat Burkhard Albers, dem Schirmherrn der Rheingauer Mentoren. In seinem Grußwort wurde deutlich, daß er die Schirmherrschaft aus tiefster Überzeugung für die Belange der Leseförderung übernommen hat.

Der erste Schritt des vierstufigen entgeltfreien Qualifizierungsprogramms für zukünftige Mentoren, Lehrer, Eltern und alle interessierten Bürger war ein Vortrag von Katrin Müller-Walder, die in ihrem Hauptberuf als ZDF-Journalistin zwar für den Bereich Politik zuständig ist, aber aus persönlichen Gründen der Frage "Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können" nachgegangen ist. Unter diesem Titel hat sie ein viel beachtetes Buch veröffentlicht. Inzwischen ist Katrin Müller-Walde Zweite Vorsitzende des Bundesverbandes "Mentor – Die Leselernhelfer" und Erste Vorsitzende von "Mentor – die Leselernhelfer – Hessen", die seit vergangener Woche ihre eigene Homepage haben: www.mentor-hessen.de. Über das aufschlußreiche Buch informiert die Seite www.warumjungennichtmehrlesen.de.

"61 Prozent der befragten Jungen zwischen 13 und 15 Jahren gaben an, in ihrem Leben noch nie ein Buch gelesen zu haben", hatte Katrin Müller-Walde festgestellt. "Nur 20 Prozent der Jungen gaben an, mit Freude zu lesen." Sie hat festgestellt, daß Jungs Lesen als "weibisch" empfinden, weil sie es als Kinder so erleben: Mütter, Großmütter, Erzieherinnen, Lehrerinnen lesen ihnen vor, Bibliothekarinnen und Buchhändlerinnen empfehlen Bücher. "Um die Jungen herum sind lesende Frauen", sagte Katrin Müller-Walde, und außerdem:. "Die Medien suggerieren: Reich und berühmt wird man auch ohne Buch."

"Jungen fördern"

Einer der Gründe für die Lese-Unlust bei Jungen sei das Spielen am PC. "Zu zeitiges Computerspielen kann das Gehirn auf Nicht-Lesen programmieren", warnte Müller-Walde. Sie rede nicht gegen das PC-Spielen, man müsse für Kinder ein "gerüttelt Maß" finden zwischen Sport, Bücherlesen, Hörkassetten, Filmen und PC. Und für sie sei sicher; "Nur ein guter Leser wird später auch ein guter Internet-Nutzer." Stolpersteine auf dem Weg, die Leselust bei Kindern zu wecken, sieht Katrin Müller-Walde in dem Lektüreangebot der Schulen, das die Interessen der Kinder nicht angemessen berücksichtigt, teilweise auch im Druck der Eltern, die Kinder zu anspruchsvoller Literatur hinzubringen, indem sie manches als Schund abtun, was Kinder gerne lesen. Sie ist sicher, daß Mädchen und Jungen sich mit steigender Lesekompetenz anspruchsvolleren Texten zuwenden. Comics seien durchaus ein guter Einstieg in die Freude am Lesen.

Weil Jungen besonders ungern lesen, seien sie inzwischen die Verlierer im Bildungssystem, was sich auf den Beruf und den Werdegang eines mündigen, kritischen Staatsbürgers negativ auswirke. Deshalb vertritt Müller-Walde die These: "Jungen fördern, Mädchen sind schon stark genug." Männliche Vorbilder, Väter, Lehrer, Erzieher und männliche Mentoren könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten, um die Leselust zu wecken. "Leselust kann nur in Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule erworben werden", urteilte Katrin Müller-Walde. Für die Förderung einzelner Kinder durch ehrenamtliche Leselernhelfer in den Schulen ist die Zustimmung der Eltern Voraussetzung.

Das Besondere an dem Mentor-Leseförderkonzept ist die Eins-zu-Eins-Betreuung und die damit verbundene deutlich höhere emotionale Zuwendung für die Kinder, die nach bisherigen Erfahrungen zu guten Erfolgen führt. Ein Leselernhelfer begleitet immer nur einen Schüler. Beim Reden und einander Zuhören entsteht zunächst Vertrauen, das schließlich das bewußte Sprechen, Schreiben und Lesen der deutschen Sprache fördert. Kinder stets bei ihren Interessen abzuholen, weckt den Spaß am Lesen. Gelesen wird nicht in erster Linie das "gute Buch", sondern Texte, die direkt mit der Lebenswelt der Kinder zu tun haben, wie zum Beispiel Anleitungen für Modellflugzeuge, Fußballzeitschriften oder die Starbiographie. Langsam pirschen sich die Lesetandems an immer längere und kompliziertere Texte heran.

"Bildungsferne Familien"

Überzeugend an dem Konzept ist es, auch die Kinder zu erreichen, die aus bildungsfernen Elternhäusern stammen und die weniger oft Zugang zu Angeboten wie dem Eltviller Lesefest haben. Das war auch das Motiv für Sabine Stemmler vom Lesefest Eltville, die Mentoren-Idee in den Rheingau zu holen. Hartnäckig – und noch immer ehrenamtlich – in Sachen Leseförderung unterwegs, suchte sie nach einer Möglichkeit die Idee in die Praxis umzusetzen. "Ohne die ‚Lernende Region’ hätte ich das nicht durchziehen können", sagte sie, nachdem die "AG Lernförderung" in der "Lernenden Region" das von ihr vorgestellte Projekt angenommen und so die Kooperation zwischen ihrem Lesefest Eltville und der "Lernenden Region" ermöglicht hatte. In der "Lernenden Region" ist Franziska Zink für das Projekt verantwortlich.

Motive der Mentoren

Bei der Kick-off-Veranstaltung trugen sich bereits viele interessierte Mentoren und Mentorinnen in die ausgelegten Listen ein. Eine davon ist Miriam Grünkemeier aus Kiedrich, Mutter zweier Kinder im Alter von vier und sechs Jahren. Sie hat eine Ausbildung zur Präventologin absolviert, ist derzeit nicht berufstätig, und will ehrenamtlich tätig werden. "Ich lese meinen Kindern so viel vor und tue alles, um sie zu fördern und zu unterstützen. Ich habe aus eigener Anschauung erfahren, daß nicht alle Kinder von zu Hause Unterstützung erfahren, daß sie Defizite haben", sagt Miriam Grünkemeier. "Da möchte ich helfen. Mit dem reinen Vorlesen ist es nicht getan. Man braucht viel Empathie."

Stefan Heyse-Rahm aus Walluf hat sich ebenfalls eingetragen. Als Vater, Pädagoge und ehrenamtlicher Mentor will er bewußt Vorbild sein. Seit drei Jahren liest er viel mit seinem Sohn (9) und seiner Tochter (7). Als Pädagoge betreut er nachmittags Schüler in der Rheingauer Schülerhilfe und legt Wert auf Leseförderung. Viele seiner Schüler empfinden Lesen als notwendiges Übel. "Oft lese ich aus einem Buch vor und höre an einer besonders spannenden Stelle auf", sagt Stefan Heyse-Rahm, "das regt den Schüler an, selbst weiterzulesen." Mit dieser Methode hat er bereits gute Erfolge erzielt. Da er vormittags Zeit hat, will er sich ehrenamtlich als Leselernhelfer engagieren.

Auch Geelke Braun aus Walluf, Buchhändlerin aus Leidenschaft, möchte am liebsten sofort als ehrenamtliche Mentorin tätig werden. "Leider paßt das derzeit noch nicht zu den Schulzeiten, denn ich bin noch in Vollzeit berufstätig", sagt sie. "In zwei Jahren gehe ich in Rente, dann will ich Mentorin werden. Lesen zu können ist wichtig, um sich die Welt aus dem Buch heraus eröffnen zu können. Lesen fördert die Kritikfähigkeit – vor allem auch im politischen Bereich."

Wer Leselernhelfer werden will oder sich für das Qualifizierungsprogramm interessiert, kann sich melden bei Franziska Zink, Telefonnummer 06722/701116, E-Mail: franziska.zink@geisenheim.de oder bei Sabine Stemmler, Telefonnummer 06123/902717, E-Mail: sabine.stemmler@lesefest.de, und bei der Kulturbeauftragten des Rheingau-Taunus-Kreises, Martina Pawusch, Telefonnummer 06124/510242 oder unter E-Mail: martina.pawusch@rheingau-taunus.de.