Bei 4,91 Promille kam die Wende
Alkoholabhängig und obdachlos: Erich Gelzenleuchter fand den Weg zurück ins Leben

Offen, authentisch und fesselnd erzählte Erich Gelzenleuchter im Gespräch mit Pfarrerin Bianca Schamp aus seinem Leben.

Erbach. (chk) – „Am 13. November 1991 habe ich das letzte Glas Alkohol getrunken“, erinnert sich Erich Gelzenleuchter. Genau genommen war es die letzte Flasche – eine ganze Flasche Wodka, die er sich an der Tankstelle kaufte, die gegenüber der Klinik lag, in der er sich zur Entgiftung angemeldet hatte. Mit 4,91 Promille ging er noch aufrecht in die Klinik, während bei vielen anderen Menschen bei 3 Promille schon der Tod eintreten kann. Doch er war ein abgehärteter Pegeltrinker. Und er war ein Obdachloser, ein Penner, der seit Jahren auf der Straße lebte.

In der Reihe „Lebenswandel“ schilderte er im Forum Triangelis im Gespräch mit Pfarrerin Bianca Schamp, wie jener Tag im November die Wende brachte und welche Höhen und Tiefen das Leben danach noch für ihn bereithielt.

„Ich glaube nicht, dass ich hier stehen würde ohne diesen Weg“, sagte Gelzenleuchter (57), „und deshalb bereue ich keine Sekunde meines Lebens.“ Heute hat er eine feste Stelle als Logistikleiter der Gießener Tafel, die zum Diakonischen Werk gehört und 2.500 Nutzer mit Lebensmitteln versorgt. Er ist Chef von 250 Ehrenamtlichen; auch Nutzer der Tafel arbeiten mit, darunter auch einige Obdachlose.

Bis Erich Gelzenleuchter da ankam, musste er etliche Herausforderungen bestehen. „Der Weg nach der Entgiftung war ein harter Weg.“ 1992 heiratete er, fand eine Arbeit und er arbeitete so viel, dass seine Frau sich vernachlässigt fühlte, sich seinem Bruder zuwandte und die Ehe geschieden wurde. „Ich blieb zurück mit 60.000 Euro Schulden, wog 210 Kilo, der Job war zu hart und die Wohnung zu teuer. Es wurden schon Wetten abgeschlossen, wann ich wieder anfange zu saufen.“ Ein zweites Mal stand er am Abgrund, und mehr als einmal hat er an Suizid gedacht, aber nie versucht, es umzusetzen. „Wenn meine Eltern mir das Leben geschenkt haben und Gott dazu beigetragen hat, dann habe ich nicht das Recht es selbst zu beenden. Das Leben ist nicht vorbei, solange Gott es nicht will“, vertritt er seine Überzeugung. Mit eiserner Disziplin, schaffte er es, 100 Kilo abzunehmen und innerhalb von sieben Jahren schuldenfrei zu sein – ohne Privatinsolvenz.

Vor sieben Jahren fing er an, bei der Gießener Tafel zu arbeiten, zunächst ehrenamtlich, um einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen. Als sein Chef sein Potenzial erkannte, wurde eine feste Stelle daraus. Bei der Tafel lernte er auch Gitti, seine heutige Frau, kennen, die dort ehrenamtlich arbeitet. „Die tollste Frau der Welt“, schwärmt er. „Meine Frau und ein Job, der mir Spaß macht, machen mich zum glücklichsten Menschen der Welt.“ Viele, die sein Schicksal kennen, kommen zu ihm, wenn sie Rat und Hilfe brauchen. „Ich leide oft mit, aber durch mein Leben zeige ich: Es geht auch anders.“ Auch die Armut, die er bei den Nutzern der Tafel wahrnimmt, schmerzt ihn. „Es ist beschämend, dass in einem reichen Land Menschen von ihrer Arbeit nicht leben können.“ Eine steigende Tendenz zur Altersarmut und bei Alleinerziehenden falle ihm auf.

Alkohol war hoffähig

Auf Nachfrage von Bianca Schamp an Momente der Scham im Hinblick auf sein früheres Leben fiel ihm eine Szene in der Gießener Fußgängerzone ein. Seine Eltern und sein Bruder erblickten ihn dort als Penner und wechselten auf die andere Seite. „Es hat geschmerzt. Es kam eine Mischung aus Verständnis, Schmerz, Wut und Hass in mir hoch.“ Aus dem Publikum kamen Fragen wie: „Gab es einen Auslöser für die Alkoholabhängigkeit? Hat sie niemand zurückgehalten?“ Einen konkreten Auslöser habe es nie gegeben, versicherte er. Er sei in einem Milieu groß geworden, in dem Alkohol bis zu einem bestimmten Punkt hoffähig gewesen sei. „Wer trinkfest ist, ein ‚Kerl‘. Ich hatte schon mit 13 den ersten Vollrausch.“ Aufgehalten habe ihn niemand, aber er suche die Schuld nicht bei andern. Er ganz allein habe die Entscheidung getroffen, zu saufen. „Am Anfang wollte ich vielleicht nur beweisen, dass ich dazugehöre.“ Zunächst absolvierte er eine Ausbildung als Autolackierer, ging zur Bundeswehr, arbeitete danach als Fernfahrer, bevor er abglitt in die Trunksucht, Arbeitslosigkeit und schließlich in die Obdachlosigkeit.

Es habe immer Menschen gegeben, die an ihn geglaubt hätten, aber Hilfe anzunehmen und zuzulassen, sei das Schwerste, was es gebe, weil man seine Hilflosigkeit eingestehen müsse. „Vom theoretischen Wissen und von der Unterstützung der Therapeuten ist noch keiner geheilt worden. Trocken wird man nur, wenn man es selbst will – nur durch die eigene Entscheidung.“

„Sie haben uns gefesselt mit ihrer Schilderung und so viele schöne, einprägsame Sätze formuliert. Sie hätten auch auf die Kanzel steigen und predigen können“, sagte Pfarrerin Schamp zum Abschluss. Doch das wies Erich Gelzenleuchter zurück. „Von der Kanzel aus rede ich bestimmt nicht. Das Leben ist die Predigt“, war sein Schlusswort.

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Kommentare

Erich, danke für Deine Offenheit

Wer (wie ich) Erich persönlich kennt, kann alles, was hier von und über ihn gesagt wird, voll und ganz bestätigen.
Erich setzt sich total für seine Mitmenschen ein und ist immer für sie da. Seine Lebensgefährtin Brigitte unterstützt ihn dabei
nach Kräften.

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