Albanien – so nah und so unbekannt
Dorela Dambmann und Marsejeza Mendlewitsch erlaubten einen persönlichen Einblick

Ulrich Bachmann, der Albanien selbst besucht hat, im Gespräch mit Marsejeza Mendlewitsch und Dorela Dambmann (rechts).

Eltville. (chk) – „Als wir vor zwei Jahren nach Albanien reisten, wurden wir gewarnt“, erzählte Moderator Ulrich Bachmann zu Beginn des „Albanien“-Abends in der Reihe „Völkermühle am Rhein“. Selbst Menschen, von denen er es nicht erwartet hätte, wiesen ihn auf die erhöhte Gefahr von Überfällen und Diebstählen hin. Doch während der Studienreise machten er und seine Frau Ulrike andere Erfahrungen; selbst auf dem Rückweg ins Hotel durch die nächtlichen Straßen von Tirana hätten sie sich sicherer gefühlt als in Frankfurt, berichtete er.

 

Rolf Lang, Stiftungsgründer der Philipp Kraft Stiftung, die regelmäßig zur „Völkermühle“ in die Mediathek einlädt, durfte das Land nicht bereisen, als er als junger Mann auf dem Weg nach Griechenland war. Damals war Albanien für Touristen ein schwarzer Fleck auf der Landkarte. Der stalinistische Diktator Enver Hoxha hielt sein Land mit strenger Hand über vier Jahrzehnte – bis zu seinem Tod 1985 – in einer bemerkenswerten Selbstisolation. Nach der Öffnung 1991 setzte ein Massenexodus ein – vor allem gebildete Albaner verließen das Land. Nur knapp drei Millionen Einwohner hat das kleine Land heute.

„Wir wollen heute Abend keinen akademischen Vortrag hören, sondern einen sehr persönlichen Eindruck von Albanien vermitteln“, erklärte Bachmann, denn die beiden Referentinnen sind in Albanien aufgewachsen und pflegen noch enge familiäre Beziehungen zu ihrem Heimatland. „Wir werden Ihnen keine Fotos aus dem Internet zeigen, sondern nur Fotos, die wir gemacht haben“, sagte Dorela Dambmann, die seit 18 Jahren in Deutschland lebt. Doch zunächst stellte sie mit ihrer Kollegin Marsejeza Mendlewitsch einige grundlegende historische Details vor, durch die schon die Bindung an ihr Land und der Stolz auf die Kultur spürbar wurden. Beide Frauen haben sich erst bei ihrem Arbeitgeber Lernplanet kennen gelernt, wo sie in Wiesbaden und Hohenstein mit jugendlichen Flüchtlingen arbeiten. Beide kamen der Liebe wegen nach Deutschland. Dorela Dambmann lernte ihren deutschen Mann in Albanien kennen und gab ihren Plan auf, in ihrer Heimatstadt Tirana zu studieren. Stattdessen machte sie in Deutschland eine duale Ausbildung als Industriekauffrau.

Wo liegt Albanien?

Marsejeza Mendlewitsch kam vor neun Jahren als albanische Offizierin über ein Austauschprogramm der Bundeswehr nach Deutschland, wo sie ihren deutschen Mann kennen lernte. Nach einem Masterstudium in Staats- und Sozialwissenschaften an der Universität der Bundeswehr in München gab sie ihre militärische Karriere auf und arbeitet seitdem als pädagogische Fachkraft. Die Unwissenheit über Albanien, die ihr unter ihren Kommilitonen entgegenschlug, empfand sie manchmal als verblüffend. Das ging bis zur Frage: „Wo liegt eigentlich Albanien?“

Das interessierte Publikum in der Mediathek wusste das mit Sicherheit auch schon vor dem Vortrag, dennoch war es gut, noch einmal auf der Leinwand zu sehen, wie nah Albanien ist, das in der Landessprache übrigens Shqipëria heißt. Als Anrainerstaat des Mittelmeeres liegt es an der engsten Stelle nur 71 Kilometer von Italien entfernt, grenzt im Norden an Montenegro und im Süden an Griechenland. Das Land zählt zu den hochentwickelten Staaten der Erde und zugleich zu den ärmsten Ländern in Europa. Als Nationalheld wird bis heute Skanderbeg verehrt, dessen Denkmal in Tirana steht. Er hatte das Land im 15. Jahrhundert gegen die Osmanen verteidigt. Der türkische Einfluss auf Küche und Kultur wirkt bis heute noch nach; stärker ist jedoch der italienische Einfluss. Viele Albaner sprechen neben ihrer Muttersprache fließend Italienisch, wie auch die beiden Referentinnen, die beide Musliminnen sind, ohne jedoch ihre Religion zu praktizieren. „Wir wissen das eigentlich nur aus der Überlieferung“, erklärten beide. So geht es wohl mehr als der Hälfte der Albaner, die dem Islam zugerechnet werden; der Rest sind Christen und „sonstige“ Religionen.

Neujahrsbaum und Baklava

Alle Konfessionen und Religionen haben im öffentlichen Leben eine untergeordnete Wichtigkeit, was auf das totale Religionsverbot zurückzuführen ist, das bis 1991 galt. Die religiösen Feste haben eher kulturelle Bedeutung und werden von allen gemeinsam gefeiert. „Wir haben keinen Weihnachtsbaum, sondern einen Neujahrsbaum“, berichtet Dorela Dambmann. „Und für uns Kinder war es ein großes Fest, wenn es dann Baklava gab, denn wir hatten das ganze Jahr über keine Süßigkeiten.“ Sehr plastisch schilderte sie, wie ihre Mutter in der Vorbereitung für diesen Tag die dünnen Teigschichten über alle Räume verteilte. „Heute kann man Baklava überall kaufen, und niemand mehr macht diese aufwändige Arbeit zu Hause.“ Als sie ein Kind war, mussten beide Eltern arbeiten und sie war schon als Baby den ganzen Tag in einem Kindergarten. „Es ist schön, dass meine Kinder anders aufwachsen konnten, dass sie Spielsachen hatten und dass wir als Eltern mehr Zeit für sie hatten.“ Selbst Marsejeza Mendlewitsch, die erst 1988 geboren ist, kannte als Kind noch kein Spielzeug. Erst als Erwachsene in Deutschland hielt sie zum ersten Mal Legosteine in den Händen.

Beide Referentinnen zeigten viele persönliche Fotos von Familientreffen und -feiern, wobei die Hochzeit der jüngsten Schwester von Dorela Dambmann eine besondere Stellung einnahm. „Meine Eltern haben drei Töchter, und die jüngste wollte unserem Vater eine Freude machen und traditionell heiraten.“ Das bedeutete ein dreitägiges Fest mit 400 Gästen und traditionellen Tänzen und Gebräuchen. „So feiert heute kaum noch jemand, und das lässt sich nur finanzieren, weil die Hochzeitgäste Geldgeschenke mitbringen.“ Traditionen und kulturelle Gebräuche spielen in dem Land aber immer noch eine Rolle, und sie wurden im Gegensatz zur Religion vom stalinistischen Regime auch nicht unterdrückt.

Auch viele Fotos von landschaftlichen Schönheiten, von alten Burgen und Festungen, von Meer und Strand hatten die beiden Frauen mitgebracht. Dazu gehörten Berat, die Stadt der 1.000 Fenster, wo Marsejeza Mendlewitsch herkommt, der Burgfelsen von Gjirokastra, die Ruinenstadt Butrint und natürlich die Hauptstadt Tirana, die mit ihren Vororten etwa 900.000 Einwohner hat. Über die enorme Bautätigkeit in Tirana zeigten sich beide Frauen nicht glücklich. Zu vieles sei in den letzten Jahren planlos und unkoordiniert gebaut worden. Um die abgelegeneren Sehenswürdigkeiten Albaniens zu besuchen, mangele es vielerorts an Infrastruktur, denn das Straßennetz ist immer noch zu wenig ausgebaut.

Fast jeder studiert

Bildung spielte schon immer eine große Rolle in Albanien. „Inzwischen ist es so, dass fast jeder studiert“, sagte Dorela Dambmann. „Fast jeder Taxifahrer hat ein abgeschlossenes Studium.“ Hingegen mangelt es gewaltig an Handwerkern. „Wir kennen in Albanien leider nicht die duale Ausbildung, die es hier in Deutschland gibt.“ So bleiben zu viele zu gut ausgebildete junge Menschen ohne angemessene Arbeit. Beide Referentinnen waren sich jedoch einig, dass sich in den letzten Jahren sehr viel in Albanien zum Besseren entwickelt hat. Vor allem werde das völlig unzureichende Steuerwesen gerade neu geregelt, so dass der Staat durch die Steuereinnahmen seinen Verpflichtungen für das Allgemeinwohl nachkommen könne. Nicht geklärt werden konnte, warum Albanien und den Albanern ein besonders schlechter Ruf in punkto Kriminalität anhaftet. Seit das Land offizieller Beitrittskandidat der Europäischen Union ist, werden von der internationalen Gemeinschaft größere Anstrengungen erwartet, was Albanien mit einer deutlichen Modernisierung seiner Polizei in den letzten drei Jahren erfüllt hat. Priorität hat vor allem der Kampf gegen das organisierte Verbrechen, aber auch das Gefühl der Sicherheit in Tirana mag mit diesen Anstrengungen zusammenhängen. Es war ein informativer „Völkermühlen“-Abend mit einem sehr privaten Einblick und einem regem Austausch mit dem Publikum.

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