Geburtstagskonzert für die 175 Jahre alte Stumm-Orgel
Großer Beifall für den „weiblichen Star der Orgelszene“ Iveta Akpalna / Initiative ging vom Bezirkskantor aus

Die Ausnahmekünstlerin Iveta Apkalna spielte an der historischen Stumm-Orgel im Rheingauer Dom.

Geisenheim. (hhs) — Das Rheingau Musik Festival verteilt in diesem Jahr großzügige Geschenke an Geisenheim. Gab es vor einigen Wochen ein Open Air-Konzert auf dem Domplatz zum Sonderpreis, folgte nun ein Orgelkonzert aus Anlass des 175. Geburtstags der Stumm-Orgel im Rheingauer Dom. Ausführende war die als „weiblicher Star der Orgelszene“ geltende Iveta Apkalna.

„Eigentlich“, so die beim RMF für die Programmplanung zuständige Lisa Ballhorn, „haben wir im Sommer immer nur ein Orgelkonzert im Programm. Und das findet traditionell in Lorch statt“. (In diesem Jahr am 20. August, wie gewohnt mit Professor Edgar Krapp an der Orgel, im Lutherjahr ausnahmsweise zusammen mit dem Trompetenensemble München). Doch als Florian Brachtendorf, Bezirkskantor der Pfarrei Heilig Kreuz Rheingau anfragte, ob man aus Anlass des Jubiläums der Stumm-Orgel nicht doch ein eigenes Konzert veranstalten könne, ging Ballhorn – die selbst seit Jahren in Geisenheim wohnt – gerne auf die Anregung ein.

Dabei gelang ihr ein besonderer Coup: Sie konnte Iveta Apkalna verpflichten, jene weltweit gefragte Organistin, die bereits im Jahr 2005 als erste Organistin überhaupt mit dem ECHO Klassik als Instrumentalistin des Jahres ausgezeichnet wurde. Sie spielt seit Jahren mit den berühmtesten Orchestern der Welt und ist in allen führenden Konzertsälen Europas zu Gast. Einem breiten Fernseh-Publikum wurde die 40-Jährige bekannt, als sie anlässlich der Eröffnung der Elbphilharmonie Hamburg die dortige Orgel einweihen durfte und zur „Titularorganistin“ ernannt wurde.

In Geisenheim spielte sie ein buntes Programm mit Stücken aus der Zeit Johann Sebastian Bachs, aber auch neuzeitliche Kompositionen, die in strengem Kontrast zu den Werken des Barock standen. Apkalna, die neben Riga auch in Berlin eine Wohnung hat – und ganz ohne Starallüren mit der Bahn vom Flughafen an- und abreiste – baut gerne auch Komponisten in ihr Programm ein, die einen Bezug zu ihrer lettischen Heimat haben.

Musikalische Vielfalt

So lebte der Bach-Schüler Johann-Gottfried Müthel (von ihm spielte sie zum Auftakt die großartige „Fantasie F-Dur“) lange in Riga und war dort Kapellmeister. Die mit Vorfreude erwartete Triosonate Nr. 3 d-Moll BWV 527 von Johann Sebastian Bach selbst konnte sie nicht spielen, weil – so RMF-Intendant Michael Hermann entschuldigend – an der Stumm-Orgel das d-Pedal fehle.

Als Ersatz gab es ein modernes Stück („Music in similar motion“) des US-Amerikaners Philip Glass, der – so das Programmheft des RMF – als prominenter Vertreter der „Minimal Music“ gilt. Während sich Musikkenner mit höchster Anerkennung äußerten, erschloss sich für Musiklaien nicht der tiefere Sinn der sich ständig wiederholenden Tonfolgen. „Einfache, aneinander gereihte melodisch-rhythmische Strukturen machen den Reiz des von Glass begründeten Stils aus“ heißt es im Programm. Wer es nicht besser wusste, hätte meinen können, die Organistin lege eine 17-minütige Fingerübung ein.

Wie wohltuend – weil harmonisch – dann das „Te Deum per organo“ des Letten Peteris Vasks, das in der Heimat der Organistin als Lobgesang auf die Unabhängigkeit von Russland im Jahr 1991 gefeiert wurde. Gesteigert wurde das Wohlgefühl im Publikum bei der sich anschließenden Orgelsonate Nr. 4 B-Dur op. 65 von Felix Mendelssohn Bartholdy, der selbst ein begnadeter Organist war.

Mit einem Auszug aus dem Musiktheater „Satyagraha“, das der eingangs schon erwähnte Philip Glass für eine Oper über das Leben Mahatma Gandhis geschrieben hatte, gab es nochmals einen Schwenk zur „Minimal Music“, bevor dann – endlich – auch Altmeister Johann Sebastian Bach mit seiner „Passacaglia c-Moll BWV 582“ zu hören war. Dieses berühmte Stück begründete – nach Überlieferungen von Zeitgenossen – Bachs Ruf „als stärkster Organist, den man jemals gehabt hat“. Die Passagaglia bildete das Finale des offiziellen Programms und dürfte die Organistin nochmals gefordert haben – soweit man bei dieser Ausnahmekönnerin überhaupt von Herausforderung sprechen kann.

Nach dem letzten Ton dann der erlösende Beifall der Zuhörer im ausverkauften Dom, der persönliche Dank Apkalnas an Florian Brachtendorf, der ihr beim Registrieren assistiert hatte, an die Zuschauer – und an die historische Stumm-Orgel, der Iveta Apkalna selbst Applaus spendete. Bachs Prelude zum Choral „Wachet auf ruft uns die Stimme“ war – leider – nur eine kleine Zugabe, bevor sich die Künstlerin auf den Weg zum Bahnhof machte. Sie wollte noch nach Frankfurt um weiter nach Berlin fliegen, um noch am Sonntagabend bei ihren beiden Töchtern – „sie sind neun und sechs Jahre“ – zu sein.

Sahnehäubchen

Zurück blieben begeisterte Zuhörer – allen voran Bezirkskantor Florian Brachtendorf, von dem die Anregung für das Konzert ausgegangen war. Es fehlten ihm die passenden Worte, so Brachtendorf, um das Spiel von Iveta Apkalna zu beschreiben. „Technisch überragend, absolut souverän“ sei ihr Spiel gewesen. Auch die die menschliche Art von Apkalna, die anstandslos die baulichen Besonderheiten der Orgel wie das fehlende d-Pedal akzeptiert habe, nötigte Brachtendorf großen Respekt ab.

„Sie ist so unglaublich musikalisch, die Musik strömt nur so aus ihr heraus“ versuchte er eine Beschreibung seiner Eindrücke. „Alles was sie spielte war so klar, so durchsichtig.“ Sein Resümee: „Hier wurde uns etwas nicht Alltägliches geboten.“ Im Vergleich zu allen Organisten, die er bisher erlebt habe, habe Apkalna „das kleine Sahnehäubchen obendrauf“ gesetzt.

Der Bezirkskantor freute sich auch über die Geste Apkalnas bezüglich der Orgel – die ihm als Geisenheimer „Haus- und Hoforganist“ natürlich besonders am Herzen liegt. Über die reine Begleitung zu den Gottesdiensten hinaus hat Brachtendorf, der seit sieben Jahren in Geisenheim wirkt, schon viele weitere Aktionen initiiert – so die Reihe „Bach am Rhein – Mit dem Fahrrad zu vier Orgeln“.

Für dieses Jahr hat er noch einiges geplant: Am Samstag, 26. August stellt sich ab 19 Uhr die Frage „Warum ist es am Rhein so schön“ – mit programmatischer Orgelmusik mit Bildern. An der Orgel wird dann Joachim Aßmann sitzen.

Am Samstag, 23. September findet ab 20 Uhr die „4. Geisenheimer Orgelnacht“ statt. Zunächst spielt Florian Brachtendorf selbst, danach folgte das Concert Royal (Oboe und Orgel), bevor die Nacht ab 23 Uhr wieder mit Orgelstücken ausklingt. Als Besonderheit gibt es nach jedem Konzert Getränke und Snacks zur Stärkung. Der Eintritt ist frei, Spenden werden gerne angenommen.

Historisch

Als Reminiszenz an die Anfangsjahre der Orgel vor 175 Jahren gibt es am Samstag, 18. November, 19 Uhr ein Konzert unter dem Motto „STUMM-Orgel unplugged“. Dann wird Brachtendorf „Festliche Orgelmusik ohne Motor“ spielen. Vier Balgtreter (Kalkanten) sorgen dann für die nötige Luft für die altehrwürdige Orgel, die im Jahr 1842 von den Gebrüdern Stumm erbaut wurde.

Der erste Orgelbauer der Stumm-Dynastie war von Hause aus Goldschmied, ihm sollten sechs weitere Generationen Orgelbauer folgen, bevor die Technik ihr Handwerk – scheinbar – überflüssig machte. Die Wurzeln der Familie Stumm befinden sich in Rhaunen im Hunsrück, von dort aus wirkten die Stumm-Orgelbauer im Mittelrheingebiet mit einem Radius bis Saarbrücken, Luxemburg, Köln und Amorbach im Odenwald. Ihre Blütezeit mit dem weitesten Wirkungskreis war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Stumm-Dynastie gehört zu den berühmtesten Orgelbauerdynastien Deutschlands.

Insgesamt widmeten sich sieben Generationen der Stumm-Familie über zwei Jahrhunderte hinweg dem Orgelbau. 370 Orgeln sind nachgewiesen, davon sind 140 Instrumente noch erhalten. Nicht mehr in Gänze erhalten ist die älteste der Orgeln, 1722 für Münstermaifeld gebaut, eine 1723 für Rhaunen gebaute Orgel ist dank sorgfältiger Restaurierung noch funktionstüchtig, die letzte Orgel der Stumm-Dynastie wurde 1896 in Niederhosenbach errichtet.

Zum Kundenkreis der Orgelbauer gehörten Kirchengemeinden, Abteien, Fürstenhöfe an der Mosel, in Eifel, Hunsrück, Rheinhessen, und von der Pfalz bis zum Odenwald. Die Orgel im Rheingauer Dom, 1839 in Auftrag gegeben, wurde in der vierten Stumm-Generation von Carl Stumm 1842 aufgestellt. Sie ist die größte zweimanualige Stumm-Orgel aus dem 19. Jahrhundert. Im Jahre 1987 erfolgte eine grundlegende Restaurierung durch die Firma Klais (Bonn).

2014 erfolgte eine Ausreinigung und grundlegende Nachintonation durch die Orgelbaufirma Fasen (Oberbettingen). Hubert Fasen und seine Mitarbeiter nahmen der Orgel ihre extreme klangliche Schärfe und bewahrten gleichzeitig ihren charaktervollen Klang, so dass die Orgel in den Jubiläumskonzerten 2017 in ihrer ganzen Pracht erlebt werden kann. Mit Iveta Akpalna dürfte die Orgel ihre bislang bedeutendste Organistin erlebt haben.

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