Lob aus berufenem Munde: „Ihr wart wieder richtig gut“
Neue Rheingauer Kantorei mit begeisternden Aufführungen des „Elias“ / (Fast) alle populären Chorwerke aufgeführt

Engagierte Leistung: Die „Neue Rheingauer Kantorei“ und das Ensemble Glob'Arte in der Schlosskirche von Johannisberg.

Geisenheim. (hhs) — Am letzten Wochenende führte die „Neue Rheingauer Kantorei“ Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“ gleich zwei Mal auf. Beide Male gab es stehende Ovationen für einen engagierten Auftritt. Doch so langsam bekommt die Kantorei ein Problem: Wie will sie sich noch steigern?

Seit ihrer Umfirmierung im Jahr 2002 vom kleinen evangelischen Kirchenchor – den der damals 19-jährige Abiturient Tassilo Schlenther 20 Jahre zuvor ins Leben gerufen hatte – in die gemeinde- und konfessionsübergreifende „Neue Rheingauer Kantorei“ hat der Chor schon viele der populärsten Chorwerke der Musikliteratur aufgeführt. Nach dem Start mit Carl Orffs „Carmina Burana“ folgten u.a. Mozarts „Requiem“, Händels „Messias“ und von Haydn die „Schöpfung“ und die „Jahreszeiten“. Mit Felix Mendelssohn Bartholdys „Elias“ wurde nun ein weiterer Höhepunkt erreicht.

Aus Kreisen des Chores und des unterstützenden Fördervereins war zu hören, dass der „Aufwand immens“ gewesen sei „und das Finanzvolumen neue Rekorde“ erreicht habe. Und auch vom Schwierigkeitsgrad dürfte sich der „Elias“ durchaus im Topbereich bewegt haben – bei nur wenigen Chorwerken ist der Chor so stark gefordert. Doch genau das schien die Motivation für den Kraftakt gewesen zu sein, die die rund 60 Sängerinnen und Sänger antrieb. Diese kommen längst nicht mehr nur aus Geisenheim. Gemäß dem Namen „Rheingauer Kantorei“ singen Frauen und Männer von Walluf bis Kaub im Chor mit.

Bei den Aufführungen am Samstag im Rheingauer Dom in Geisenheim und am Sonntag in der Schlosskirche in Johannisberg wurde der Chor von der Orchestervereinigung Glob’Arte begleitet. Dass sich dieses Ensemble, das sich aus Musikern aus vielen Ländern zusammensetzt und auch international aktiv ist, schon seit Beginn der Kooperation im Jahr 2009 immer wieder der Kantorei als Partner zur Verfügung stellt, ist auch ein Anerkennung für deren musikalische Qualität. Glob’Arte spielte souverän und bildete Basis und perfektes Bindeglied zwischen Chor und Solisten zugleich.

Lob von Solisten

Unter den Solisten hatte Elisabeth Scholl ein Heimspiel. Dass die mittlerweile zur international gefragten Sopranistin aufgestiegenen Kiedricherin der Kantorei noch immer die Treue hält, kann ebenfalls als Anerkennung gewertet werden. Elisabeth Scholl wird zwar von großen Festivals engagiert, freute sich aber offenkundig, auch mal wieder die „Neue Rheingauer Kantorei“ zu unterstützen. So fiel auch diesmal ihr persönliches Fazit wieder sehr positiv aus: „Ihr wart wieder richtig gut“.

Neben Elisabeth Scholl überzeugten aber auch die anderen Solisten, allen voran Bariton Peter Schüler, der ebenfalls schon zum wiederholten Mal bei Konzerten der Kantorei auftrat. Auch er drückte dem Chor seinen Dank aus: „Ich habe den Elias schon so oft gesungen, auch früher in meiner Jugend als Chormitglied. Danke dafür, dass Ihr auch meine liebsten Passagen so toll intoniert habt. Man meint einen viele Jahre jüngeren Chor zu hören“.

Scholl und Schüler sangen nicht nur großartig, sondern unterstrichen auch mit Gestik und Mimik ihre jeweiligen Vorträge. Ganz stark waren auch die beiden jungen Stimmen Bettina Ranch (Alt) und Tenor Christian Rathgeber.

Thema des „Elias“ ist die Leidensgeschichte des Propheten Elias im Kampf für seinen Gott und die Auseinandersetzung mit den zum Götzenglauben abgefallen Anhängern des Baalkults. Mendelssohn, der stark von Händel und Haydn geprägt wurde, vertonte diese Geschichte so eindrucksvoll, dass das Oratorium seit seiner Aufführung im Jahre 1846 in einem Atemzug mit dem „Messias“, der „Schöpfung“ oder den „Jahreszeiten“ seiner Vorbilder genannt wird.

Die Popularität des „Elias“ beruht auf seiner fast opernhaft-dramatischen Anlage, insbesondere des ersten Teils, in dem sich der Prophet Elias stark und kämpferisch gegen die Vielgötterei auflehnt und das Volk der Juden wieder zu dem einen Gott Jahwe zurückführen will. Im zweiten Teil ist Elias weniger kraftvoll, angesichts der Anfeindungen seines Volkes resigniert der Prophet und erlebt zurückgezogen in der Wüste den Tiefpunkt seines Lebens, bevor er in den Himmel aufgenommen wird.

Harmonie

Bei beiden Aufführungen bewiesen Chor und Solisten eine große Harmonie, die angesichts der nur kurzen gemeinsamen Probenzeit erstaunlich war. Mit großem Einsatz führte Tassilo Schlenther „seinen“ Chor, der den Profis aus Orchester und den Solisten ein guter Klangpartner war.

Von den Solisten hatte Bariton Peter Schüler mit dem Elias als einziger „nur“ eine Rolle – er interpretierte den Propheten mit all seinen Siegen und Niederlagen ausdrucksstark und variantenreich. Sopran, Alt und Tenor übernahmen verschiedene Rollen. Dass die Zuhörer dabei den Handlungsstrang nicht verloren, war auch Verdienst des Programmheftes, für das im Wesentlichen Chormitglied Thomas Brettner verantwortlich zeichnete. Die kleine Broschüre bräuchte sich sowohl bezüglich der Aufmachung als auch der inhaltlichen Qualität nicht hinter den Informationen professioneller Anbieter zu verstecken.

Die beiden Frauenstimmen waren jede für sich schon ein Hörgenuss – grandios waren ihre Duette. Und der aus dem Windsbacher Knabenchor herausgegangene Tenor Christian Rathgeber dürfte erst am Anfang einer großen Karriere stehen. Einen Kurzauftritt hatte Ephraim Dahl als Knabe, der für Elias nach dem ersehnten Regen Ausschau hielt.

Zu den an Glanzpunkten reichem Konzertes gehörten das Quartett „Wirf dein Anliegen auf den Herrn“ oder die vielen Chorpassagen – allen voran „Öffne den Himmel“ und „Danket dem Herrn“ zum Ende des ersten Teils beim ergreifenden „Regenwunder“ und „Wer bis an das Ende beharrt“.

Dass der Chor das Engels-Terzett „Hebe deine Augen auf“ übernahm, wurde zu einer weiteren der vielen ergreifenden Passagen. Mehr als einmal wartete man unwillkürlich auf den – glücklicherweise unterbleibenden – Zwischenapplaus. Erst am Ende löste sich die Spannung, als die Besucher mit stehenden Ovationen die Leistung aller Akteure belohnten.

Sponsoren

Die „Neue Rheingauer Kantorei“ als Veranstalter des Konzertes ging auch in diesem Jahr wieder ein finanzielles Risiko ein, denn Solisten und Orchester singen und spielen zwar mit viel Freude, aber nicht umsonst. Nur dank der Unterstützung von zahlreichen Sponsoren war die Aufführung möglich. So wies die Danksagung im Programmheft neben „Großsponsoren“ wie Fraport und Rheingauer Volksbank auch die Rheingau-Apotheke oder das Orthopädie-Fachgeschäft Kempenich aus Geisenheim als Förderer aus. Selbst das Hessische Sozialministerium zählte zu den Unterstützern – dies auch dank der Vermittlung von Staatssekretärin Petra Müller-Klepper, die am Sonntag persönlich viel Freude am Konzert hatte.

Wesentliche Beiträge kamen darüber hinaus vom Freundeskreis der Rheingauer Kantorei selbst, dem evangelischen Dekanat und der Stiftung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die das Projekt finanziell unterstützen. Auch Privatpersonen, unter ihnen auch Chormitglieder tauchten auf der Förderliste auf.

Besonders dankbar zeigte sich die „Neue Rheingauer Kantorei“ gegenüber den katholischen Kirchengemeinden Heilig Kreuz in Geisenheim und Johannes der Täufer in Johannisberg, die der Kantorei für die beiden Konzerte wieder einmal Gastrecht gewährten.

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