Sir John Sutton als größten Förderer Kiedrichs gewürdigt
Förderkreis Kiedricher Geschichts- und Kulturzeugen ließ Gedenktafel an der Aula der John-Sutton-Schule anbringen

Feierliche Enthüllung der Gedenktafel für Baronet Sir John Sutton auf dem Gelände der John-Sutton-Grundschule.

Kiedrich. (mh) – Anlässlich des 140. Todestages von Baronet Sir John Sutton hat der Förderkreis Kiedricher Geschichts- und Kulturzeugen an der Außenwand der Aula der John-Sutton-Grundschule eine Gedenktafel zur Erinnerung an Kiedrichs größten Förderer anbringen lassen. Die feierliche Enthüllung dieser Tafel erfolgte im Rahmen des Schulfestes.

„Die roten Buchstaben „John-Sutton-Schule“ an einem der Schulgebäude sind zu wenig“. Deshalb hat, wie die amtierende Erste Vorsitzende des Förderkreises Anne Linke-Diefenbach sagte, der Vorstand entschieden, „dass dies schöner werden muss“. Die Idee einer Gedenktafel sei schon bei der Einweihung der Kletterspinne vor etwa zwei Jahren vom Beiratsmitglied Werner Kremer geboren und nunmehr realisiert worden.

Anne Linke-Diefenbach erinnerte daran, dass die Schüler in ihrer Zeit als Lehrerin an dieser Schule in der dritten Klasse sich mit dem Leben und Wirken von Sutton beschäftigten. Dies sei, wie Schulleiterin Petra Kelm-Kühne bestätigte, auch heute noch so. Jetzt aber könnten sich alle Schüler sowie auch die Eltern auf der Gedenktafel kurz über Sutton informieren.

Wie unter anderem einem Beitrag der Vorsitzenden des Kirchenbau Vereins Kiedrich Wilma Scholl in dem Kompendium „Kiedricher Persönlichkeiten aus sieben Jahrhunderten“ zu entnehmen ist, wurde Sutton am 18.10.1820 in Sudbrooke Holme/Lincolnshire als erstes Kind anglikanischer Eltern geboren und am Eton-College ausgebildet. Den Baronet-Titel (3rdBt.) erbte er 1855 und war dadurch Oberhaupt der Familie und Verwalter des Vermögens. Im gleichen Jahr konvertierte er zum katholischen Glauben.

Von 1841 bis 1844 studierte Sutton verschiedene Wissenschaften am Jesus College in Cambridge. 1844 heiratete er Emma Helene Sherlock, die bereits ein Jahr später starb. Durch die Prägung in seinem Freundeskreis, der ein mittelalterliches Rittertum verherrlichte, blieb Sutton bis zu seinem Tod Witwer, also 28 Jahre lang.

Vor allem die Freundschaft mit August Welby Pugin, Erbauer des englischen Parlaments und ein Verfechter der Wiederbelebung der mittelalterlichen Gotik in England (Palace of Westminster) beseelte ihn sehr. Da Sutton sich auch besonders für Baukunst und Kirchenausstattungen interessierte, wurde er mit der Restaurierung der Kapelle des Jesus-College in Cambridge beauftragt.

Hoch gebildet undsehr wohlhabend

Sutton war ein gebildeter wohlhabender Engländer und nach immer wiederkehrenden Aussagen einer der reichsten Männer der damaligen Zeit in England. Er bereiste 1857 zum zweiten Mal mit seinen Freunden, darunter Architekt, Künstler und Designer Jean-Baptiste de Bethune Belgien, Holland und Deutschland, um eine umfassende Kenntnis der dortigen Kunstschätze zu sammeln.

Ein Hinweis des Mainzer Prälaten Schneider führte ihn 1858 ein zweites Mal nach Kiedrich. Hier fand er sein weiteres wichtiges Projekt, das er mit viel Liebe und erforderlichem Geld voranbrachte. Er fand eine in der Substanz unbeschädigte jedoch sehr renovierungsbedürftige gotische Kirche mit einem Choral, der noch gregorianische Messgesänge vortrug. Der zuerst skeptische Pfarrer Peter Zimmermann und die Pfarrgemeinde öffneten ihm schließlich die Möglichkeiten zu seinem weiteren Handeln.

Die Zuneigung von Sutton zu diesem Gotteshaus, mit einer alten defekten Orgel (um 1500), den alten Glocken (1389, 1513), dem kompletten Laiengestühl (1510) und dem Choral, dessen Tradition urkundlich bis 1333 zurückreicht, muss außerordentlich gewesen sein. Sein großes Vermögen ermöglichtem es ihm, die komplette Renovierung der Pfarrkirche und der St. Michaelskapelle durchzuführen. Um den Chor auf feste Beine zu stellen und ihm einen soliden finanziellen Hintergrund zu bieten gründete er im Dezember 1865 eine Stiftung und richtete eine Chorschule ein. Hauptamtliche Chorregenten leiteten ab sofort die „Chorbuben“. Neudrucke und der Kauf zweier auf dem freien Markt erhältlicher Codices sicherten die Rückführung der Mainzer gregorianischen Choralmelodien, die im gesamten Bistum und damit überall im Rheingau gesungen wurden, aber heute nur noch im Hochamt im gotischen Weindorf vorgetragen werden.

Kiedricher Madonna

Die Kiedricher haben Sutton auch die Renovierung der Kiedricher Madonna zu verdanken. Sutton hatte die in der Barockzeit beschädigte Skulptur auf dem Kirchenspeicher entdeckt und mit geschultem Blick erkannt, dass es sich um ein mittelalterliches Marienbild aus der ersten gotischen Kirche handelte.

Aber auch die notleidenden Kiedricher Bürger hatte Sutton nicht vergessen. Wie der Chronik der ehemaligen Bäckerei Bibo zu entnehmen ist, spendete er als fürsorglicher Mensch wöchentlich Brezel für Kinder. Außerdem ließ er Häuser am Bassenheimer Weg bauen, gründete das „Schwesternhaus“ mit Krankenstation, einen Kindergarten und eine Nähschule (Benutzung bis 2004) und setzte eine Studienstiftung (bis 1873) für begabte Jugendliche ohne finanzielle Mittel ein.

Sein Eifer nach vollkommener Gotik veränderte das Erscheinungsbild der St. Valentinusbasilika und damit das komplette Ortsbild Kiedrichs. Zuerst wurde vom Wiener Architekten Schmidt der Dachreiter in einen Gotischen neu gebaut. Franz Josef Ritter von Denzinger erhielt den Auftrag, den unbeschädigten dreistufigen barocken Zwiebelturmhelm zu ersetzen. Ein neuer Turmhelm wurde von dem Zimmermeister König aus Mainz 1875/77 errichtet. Der nun um 30 Fuß (9,4 m) höhere neugotische Turmhelm mit der Gesamtturmhöhe von 69,9 Metern verschafft einen stilvollen und weit sichtbaren hervorragenden Eindruck. Sutton erlebte diesen bedeutenden Umbau nicht mehr.

Gotisches Ensemble

Eine Umfassungsmauer mit Kreuzwegstationen bildet eine harmonische Einheit um das gotische Ensemble, der Kiedricher „Oase der Gotik“ oder auch „Insel der Gotik“ und „Schatzkästlein der Gotik“ genannt. Auch hier ist Sutton der Ideen- und zum großen Teil Geldgeber. Die Mauer umschließt die St. Valentinus- und Dionysiuskirche, die St. Michaelskapelle, die Kreuzigungsgruppe, Suttons Grabstelle und die angrenzenden Gebäuden, die ehemalige erste Kiedricher Schule (heute Pfarrheim), das Pfarrhaus und die Chorschule. Papst Benedikt XVI. zeichnete im Jahr 2010 die Pfarrkirche aus, indem er sie zur Basilica minor erhob.

Sutton verstarb plötzlich am 5. Juni 1873 in Brügge und wurde im Stadtteil St. Kruis in der Familiengruft von Boone beigesetzt. Seine Umbettung fand am 2.11.1974 in Kiedrich in einem sehr feierlichen Rahmen statt. Sein originales Brügger Grabmal bedeckt die heutige Gruft mit dem weinblattumrankten Kreuz und ziert den nördlichen Kirchhof. Die Gottesdienstbesucher gedenken viermal im Jahr beim Umgang vor dem Choralhochamt dieses größten Förderers Kiedrichs.

Inzwischen hat sich Kremer ausführlich mit dem Leben und Wirken von Baronet Sir John Sutton befasst. Das Ergebnis seiner Recherche wird demnächst in der Homepage „www.kiedrich-geschichte.de“ zu lesen sein.

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