„Bunter Rheingau statt braune Suppe“
Mehr als 300 Menschen protestierten gegen die AfD / Saalmiete geht an Flüchtlingshilfe

Carsten Sinß begrüßte die Gäste der von ihm und Christina Hajek organisierten Kundgebung.

Winkel. (sm) – Mit einem starken Polizeiaufgebot wurde am vergangenen Dienstag eine politische Kundgebung vor der Brentanoscheune in Winkel abgesichert. Gegenstand des Zorns war eine Veranstaltung der Alternative für Deutschland (AfD) Kreisverband Rheingau-Taunus. Unter dem Motto „Schicksalsfragen der Nation“ boten sie Reden und Diskussionen sowie Informationen für politisch interessierte Bürger. Aber nur etwa 60 Leutchen verirrten sich ins Innere der Scheune, AfD-Mitglieder und einige einfach nur politisch interessiert.

 

Der Geisenheimer Bürgermeister Frank Kilian wollte die Veranstaltung nutzen, um sich der AfD als künftiger Landrat vorzustellen. Als ihm jedoch zugetragen wurde, dass die zum Scheunen-Eingang strebenden Leute ein Spalier von pfeifenden, buhenden und „Nazis raus!“ skandierenden Demonstranten passieren mussten, zog er es vor fernzubleiben.

Carsten Sinß, SPD-Vorsitzender von Oestrich-Winkel, der am anderen Ende des Platzes die Demo-Teilnehmer begrüßte, versuchte die Anpöbelungen zu unterbinden, hatte damit aber wenig Erfolg. Plakate mit Aufschriften wie „Nazis blockieren bevor sie appearen“ oder „Damit Geschichte sich nicht wiederholt“ wurden hochgehalten, SPD-Fahnen geschwenkt, die „Lighthouse Lane“-Band stimmte ihre Instrumente. Wer am Eingang zur Brentanoscheune angekommen war, wurde von gestreng dreinschauenden Kontrolleuren inspiziert, Personalausweise wurden verlangt, ja sogar Body-Checks gab es. Ob das nicht ein etwas sehr stacheliger Empfang sei, fragte die Echo-Reporterin Christine Anderson, AfD-Direktkandidatin für die kommende Bundestagswahl. Vielleicht, aber die Erfahrungen würden es leider nötig machen, antwortete die junge Frau. Sie selbst sei mehrfach tätlich angegriffen worden, nur weil sie auf dem im Grundgesetz verankerten Recht bestehe ihre Meinung sagen zu dürfen, habe Brocken von Pflastersteinen an den Kopf bekommen, erst vor kurzem habe man ihre Hauswand mit dem Spruch „Make racists be afraid again“ verunziert. „Wer bei uns mitmacht, muss sich ans Spießrutenlaufen gewöhnen“, sagte Andersen. Nie habe sie sich träumen lassen, dass sie – wie vor drei Jahren passiert – in einer von der Polizei beschlagnahmten und schwer abgesicherten U-Bahn aus der Gefahrenzone gebracht werden würde. Kürzlich habe die Verdi-Gewerkschaft ihre Mitglieder offen dazu aufgerufen, Kollegen im Hinblick auf ihre politische Überzeugung auszuspionieren und zu denunzieren. Sie selbst sei von ihrer Familie so geprägt worden, Ungerechtigkeit nicht tatenlos hinzunehmen, ihr Vater war Widerständler in der DDR, wurde 1950 zu 25 Jahren Zwangsarbeit in Bautzen verurteilt und kam fünf Jahre später durch eine Generalamnestie frei.

Klaus Gagel, Kreis- und Fraktionssprecher der AfD, begrüßte von der Bühne aus die Gäste. „Danke für Ihren Mut, hierher zu kommen trotz des Pöbels vor der Tür“, sagte er. Selbst gestandene Parteimitglieder hätten Angst gehabt. Die Vorveranstaltungen unter dem Motto „Riesling statt braune Suppe“ hätten bewirkt, dass viele, die sich vielleicht gern nur mal informiert hätten, den Weg zur Brentanoscheune nicht wagten.

Mit denen kannman nicht reden

Bereits im Vorfeld der Veranstaltung war es zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen AfD und Sozialdemokraten gekommen. Die Veranstalter der Demo, Carsten Sinß und Christina Hajek hatten in ihrem Aufruf zur Kundgebung unter dem Motto „Der Rheingau bleibt bunt – Riesling statt braune Suppe“ betont, Gruppen, die auf Ausgrenzung und Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen und vor allem von Minderheiten setzten, seien in der Region nicht erwünscht. „Wir wollen erreichen, dass die Botschaften derjenigen, die an diesen Grundüberzeugungen rütteln, nicht gehört werden“.

Der AfD-Kreisverband reagierte in seiner Pressemeldung mit „Unverständnis nicht nur in den eigenen Kreisen“. Der SPD, so Frank Grobe, stellvertretender AfD-Kreissprecher, würden die Argumente gegen die von der AfD proklamierte Verteidigung von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit fehlen, daher greife sie zu dem Mittel der Diffamierung und sei eventuell sogar bereit, die Veranstaltung mit Gewalt zu behindern. Sie verlasse damit den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik. „Namentlich Carsten Sinß hat in dem von ihm moderierten geschlossenen Facebook-Forum Hetze gegen die AfD billigend in Kauf genommen.“

In einer unmittelbar darauf folgenden Stellungnahme stellten Sinß und Hajek klar, dass der als „bunt, friedlich und kreativ“ geplante Protest selbstverständlich gewaltfrei ablaufen werde. Und er sei von ihnen als Privatpersonen ohne Angabe der Parteizugehörigkeit angemeldet worden, aber aufgrund Sinß‘ Position bei der SPD natürlich dieser zugeordnet worden – allerdings stünden sowohl die Sozialdemokraten als auch die Grünen und andere Parteien hinter ihnen. Es sei auch in keinem Forum oder sonst wo gegen die AfD gehetzt worden, auf Facebook moderiere er, Sinß, eine „Ärgernisse im Rheingau“ genannte Gruppe, dort gebe es einen Beitrag zu der Veranstaltung in der Brentanoscheune und infolgedessen eine bunte und mitunter auch kontroverse Diskussion – in beide Richtungen.

Die AfD reagierte auf dieses Statement mit der Vermutung, die SPD Rheingau-Taunus unterhalte womöglich Verbindungen in die linksradikale Szene: „Die Methoden der Demokratiefeinde wurden bei der sich jüngst formierenden Tarnorganisation ‚Der Rheingau bleibt bunt‘ offenbsichtlich von der vom Verfassungsschutz beobachteten linksradikalen Plattform ‚linksunten‘ abgekupfert.“ Der AfD Rheingau-Taunus werde somit ein weiteres Mal klar, dass sich die SPD im Kreis den Sozialpopulisten immer mehr annähere, um sich zu profilieren. „Mit denen kann man ja nicht reden“, lautete die mehrheitliche Meinung der Demonstranten. Aber genau auf diesem Boden gedeihen Missverständnisse. Carsten Sinß‘ schreibt der AfD eine „menschenfeindliche Einstellung“ zu, die oft als populistisch bezeichnete Partei fühlte sich als „Menschenfeinde“ diskriminiert und „entmenschlicht“.

Im Mittelpunkt der AfD-Veranstaltung stand der Vortrag „Schicksalsfragen der Nation“ von Albrecht Glaser: Er war lange Jahre Mitglied der CDU, als solcher Stadtkämmerer in Frankfurt, ist Afd-Gründungsmitglied und jetzt stellvertretender Bundes-Sprecher sowie einer der hessischen Landes-Sprecher. Zuvor sprach Christine Andersen über Angela Merkel. Diese werde vielleicht als „Kanzlerin der Rettung“ in die Geschichte eingehen, sie habe alle gerettet, die Banken, den Euro und die Flüchtlinge, nur Deutschland habe sie dabei wohl irgendwie vergessen. „Das erscheint mir dann doch ziemlich polarisierend“, sagte ein Gast, der gekommen war, „um mal zu hören, was die live so von sich geben“.

Das zunehmende Diktat der sich für political correctness zuständig fühlenden Erbsenzähler, die Duckmäuserei, Kuschelpolitik und Verfolgung eigener Interessen vieler Politiker hat dazu geführt, dass viele Menschen in Deutschland sich nicht mehr trauen, ihre vom Main-Stream abweichende Meinung öffentlich zu sagen. Selbst so harmlose Dinge wie Schnuckel für Kinder (die berühmten Mohrenköpfe) werden politisiert. Wen wundert es also, wenn immer mehr Bürger sich einen frischen Wind wünschen, Politiker, die die Dinge beim Namen nennen und sich nicht einschüchtern lassen. Frank Kilian brachte es auf den Punkt: „Interesse und der Wunsch nach Information werden bereits als Zustimmung gewertet.“ Kratzbürstige Gestalten wie Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Herbert Wehner sucht man in der aktuellen Politik-Landschaft vergeblich. Im Gewühl der Demo-Teilnehmer konnte man so manche originelle Äußerung erlauschen. „Mein Traum wäre eine Partei, die die jeweils positiven Aspekte der AfD und der Linken vereint“, sagte ein junger Mann, und ein distanziert-ironischer Beobachter bemerkte: „Ich werde das Gefühl nicht los, dass viele hier einfach nur die Aufregung genießen.“ Jedenfalls verscheuchte der um 19.30 Uhr einsetzende Regen rund zwei Drittel der Aufständischen – so groß war ihr Wille, ein „Wiedererstarken von Nazis“ zu verhindern, wohl dann doch nicht.

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Kommentare

Widersprüche und Mutmassungen

Der Artikel befremdet mich sehr. Es geht los im ersten Absatz mit der Behauptung, Frank Kilian habe seine geplante Teilnahme wegen der Gegendemonstration abgesagt und endet mit der Behauptung, Frank Kilian habe gesagt 'Interesse und Wunsch nach Information werden bereits als Zustimmung gewertet'. Ja was denn nun, war er da und hat gesprochen oder war er nicht da und woher kommt dann das ihm zugesprochene Zitat? So könnte ich weitermachen - in dem Artikel werden ständig Fakten / Aussagen mit Kommentaren / Schlußfolgerungen gemischt. Ohne dass dies deutlich gemacht wird. Beim ganzen letzten Absatz z.B. bleibt unklar von wem diese Aussagen kommen. Von der AfD oder der nicht näher benannten Echo-Reporterin (SM)?
Insgesamt scheint mir: schlechter Journalismus.
Ganz nebenbei - der einsetzende Regen gegen 19.30 Uhr war ein Platzregen und ziemlich viele waren bis auf die Haut nass.
Mich z.B. hat es aber nicht davon abgehalten zu dem Zeitpunkt trotzdem noch hinzu zu kommen. Gerade als es nass & kalt wurde und der Eine oder die Andere durchnäßt ging (gehen musste), ich war ja noch trocken. Eine der 'Aufständischen' _ E.M.G.

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