Küsschen rechts und links und noch ein Stößchen
26. Mundartmatinee des Rheingauer Mundartvereins war wieder ein voller Erfolg

Das große Gelände auf dem Scharfensteinplateau proppevoll besetzt.

Rheingau. (mh) – Die 26. Mundartmatinee des Rheingauer Mundartvereins auf dem Scharfenstein war dank kaiserlichem Wetter und vor Spielfreude sprühender Akteure einmal mehr ein voller Erfolg. Erste Vorsitzende Ulrike Neradt und ihr Team hatten ein abwechslungsreiches und höchst unterhaltsames Programm erstellt, an dem sich die Besucher bestens erfreuten und voll des Lobes waren.

 

Nachdem Burgherr Bürgermeister Winfried Steinmacher fast drei Minuten benötigt hatte, um die zahlreich anwesenden Ehrengäste namentlich zu begrüßen, war er mit seinem Kollegen Manfred Kohl ans Mikrophon getreten, um die Besucher in die Rheingauer Mundart einzustimmen. Dazu zitierten sie die aus der Feder der unvergessenen Heimatdichterin Hedwig Witte stammenden Gedichte vom „Dippehas“ und der abenteuerlichen „Scheese-Fahrt“ des Herzogs von Nassau, die nach dessen Order an den Kutscher: „Fahr er uns nach Hause“ nicht im Biebricher Chateau“ sondern im Örtchen Hausen endete.

Dann kramte Ulrike Neradt in ihren jugendlichen Erinnerungen und erzählte ihren Gästen, dass sie zur Martinsthaler Weinkönigin überredet wurde, „obwohl ich eigentlich nur am Weinstand aushelfen wollte“. Ihren Frust habe sie dann mit einem „staubtrockenen“ Riesling herunter gespült. Folgerichtig sang sie, begleitet von Gerd Kremer am E-Piano, das von Hohner vertonte Lied von Hedwig Witte „Guck e bissje, schluck e bissje“.

„Ein Steinmacher macht nicht nur Stein, sondern auch eig’nen Wein“, hielt Winfried Rathke eine Laudatio (und kleine Wahlrede) auf den Bürgermeister. Er verwalte gut sein Amt, „weil er ja aus Kiedrich stammt. Deshalb sollte man ihn empfehlen und ihn auch wieder wählen“, bezeichnete er den amtierenden Rathauschef als Glücksfall für Kiedrich. „Erbach wirbt mit Erdbeerbowle, Eberbach holt Dieter Bohlen“, richtete er beim gereimten Blick auf Rheingauer Feste auch einen kleinen Seitenhieb auf die dortige Veranstaltung von „Deutschland sucht den Superstar“.

Rathke war ein zweites Mal auf die Bühne gekommen, um in Prosa Kurioses über Sprachen und Dialekte vorzutragen, die er als weit Gereister kennen gelernt hat. Dabei wies er auf das im Rheingau gerne bei jeder Gelegenheit genutzte Wörtchen „Ei“ hin und verband diese Feststellung spontan mit dem Fibronil belasteten Eiern. Wäre der Skandal zu Ostern passiert, „wäre es für den Osterhausen zu einem peinlichen Eier-Engpass gekommen“, so sein Fazit.

Dass die vor 22 Jahren gegründeten und aktuell von Monika Albert betreuten „Rheingauer Schlappmäulcher“ die Rheingauer Mundart bestens beherrschen, bewiesen Antonia, Ann-Sophie und Jakob sehr überzeugend. Dabei trugen sie in freier Rede unter anderem das Gedicht „Des Pfarrer’s Katz“ vor. Diese besuche jeden Gottesdienst, „weil der Pfarrer dort für die Katz predigt“. Dabei stellten die Besucher mit Freude fest, dass die Schlappmäulcher ihren sprachlichen Auftrag gut erfüllen.

Helga Simon hatte es gerne übernommen, dem geneigten Publikum die „Uutsnamen“ oder „Spitznamen“ von Rheingauer Orten vorzutragen und diese näher zu erläutern. Wie es dabei unter anderem erfuhr, werden die Eltviller „Dalbe = dumme Dormel“ genannt. Dabei stamme das Wort von einem Baumstamm, an dem früher Boote auf dem Rhein festgemacht wurden. Ferner wies sie auf die Redensart „Zahnweh und eine Frau aus Hallgarten sind das größte Übel“ hin. Wer vornehm sein wolle, bezeichne Geisenheim als „Ziegenbockshausen“. Und die Kiedricher seien früher immer „mit dem Stußkarrn zwersch über de Kliacker gefahn (mit der Schubkarre quer über den Kleeacker) Sie hoffe, entschuldigte sie sich scherzhaft, „dass ich bei meinem Vortrag keinem auf die Füße getreten habe“.

„Da wisse se zwar, wo Moskau leit, aber nix über ihr eichene Gemarkung“, nahmen Ulrike Neradt, Monika Albert und Gisbert Kessler ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf einen historischen Schnellkurs über den Rheingau. Dabei zogen sie im Eiltempo einen weiten Bogen von der Entstehung des Gebücks über den Bauernaufstand am Wacholder bis in die Zeit, in der der Rheingau nassauisch und hessisch wurde. Gott habe, fügten sie hinzu, „den Rheingau als das schönste Fleckchen Erde auf der Welt bezeichnet, weil die Menschen dort immer gut druff sind“.

De wilde Jaab

Auch Markus Molitor hatte gleich zwei Auftritte. Dabei zitierte er unter anderem die von Bruno Kriesel geschriebene Geschichte vom „Parre Klippel vun Kidderich, der en leutselicher guuder Unterhalter besonnersch bei Familienfeiern war und dem die Leute „gern die beste Trobbe und scheenste Tortesticker gebbe han“.

Beim Mundartlieder-Potpourri mit Texten von Hedwig Witte, dargeboten von Erika Mager, Conny Kremer-Blasius, Monika Albert und Gisbert Kessel sowie Kapellmeister Gerd Kremer hörten die Gäste nicht nur zu, sondern schunkelten auch kräftig mit. Erfuhren sie doch dabei, was man in der Straußwirtschaft so alles trinkt und isst, „und dann lecke mer uns die Schnut, den das schmeckt der Wein noch mal so gut“, heißt es im Refrain. In die anschließend dargebotene Kostprobe aus dem neuen Theaterstück „De wilde Jaab“ oder „Die Lück im Gebück“ wurden sie in den Refrain der „Hymne auf den Rheingau“ sogar gesanglich mit einbezogen. Die Darbietungen des Fünftetts endenden mit dem Strunserlied „Bei uns daham is alles besser“ und klingenden Gläsern beim Lied „Viel probieren, heißt studieren, darum schenket ein“.

Nachdem Monika Albert aus dem Buch ReimGold auch das „Das Piffche“ vorgetragen hatte, begeisterten Seppel Friedrich und Werner Schmitt aus Lindenholzhausen das geneigte Publikum unter anderem mit dem umgetexteten Lied „Zehn kleine Schöppcher Wein, bis sie dann feststellten: „Ein kleines Schöppche Wein, ist traurig anzuseh‘n, beim Wirt hab ich dann neun bestellt, da waren’s wieder zehn“.

Mit den deftigen Worten: „Ihr könnt mich alle am Arsch lecken“ endete die von Franz Ludwig aus Rauenthal vorgetragene Geschichte von der Teilnahme des Eltviller Liederkranzes beim Jubiläum des Gesangvereins Kiedrich, denn der vorgesehene Redner war nicht erschienen. Als der Ersatzmann einsprang, aber bei seiner Rede von seinen Sangesbrüdern im Stich gelassen wurde, entglitt ihm diese deftige Bemerkung.

Das Sahnehäubchen setzte zum Abschluss „Ei Gude Gerd“ Gerd Brömser der Mundartmatinee mit seinem Mundartvortrag mit Playback Gesang auf, wobei er das Publikum zunächst mit seinen Beobachtungen aus dem Alltag in Lach-Stress versetzte und dafür immer wieder mit Szenenapplaus gefeiert wurde. Schopping heiße für ihn nicht einkaufen, sondern Schoppe trinken gehen. Ein „One-Night-Stand“ bedeute für ihn, „die ganze Nacht am Weinstand zu stehen“. Das Gehabe mit dem „Küsschen rechts und Küsschen rechts“ statt einem herzlichen „Gude“ und das Stößchen statt „Prost“ gehe ihm auf den Wecker.

Dass er mit seiner Frau zu Einkaufen gegangen sei, „war mein größter Fehler in meinem Leben“. Deshalb gab er Frauen den Geheimtipp: „Nehmt Euren Mann mit, aber schickt ihn in einen Baumarkt“. Als er dann mit „Buon Giorno, Ka Frau Da“ (weil seine Frau in Mallorca weilt) und mit „O Sole mio“ Star-Tenören Konkurrenz machte, hatte die Stimmung auf dem Scharfenstein ihren Höhepunkt erreicht.

Der guten Tradition folgend endete die wiederum rundum gelungene Mundartmatinee mit der Darbietung „Sträusje am Häusje“ aller Akteure auf der Bühne.

Im Verlaufe der Veranstaltung hatte Ulrike Neradt nach einem kleinen Ausrutscher den am Grill stehenden Kiedricher Feuerwehrleuten großes Lob gespendet. Diese könne nicht nur Feuer löschen sowie Menschen retten und bergen, sondern auch kleine Wunden verpflegen.

Die Besucher wies sie noch darauf hin, dass bei der Busfahrt des Mundartvereins auf die Loreley am 17. September inklusive Darbietungen in Mundart noch einige Plätze frei sind.

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