Vegane Ernährung – der absolute Verzicht auf tierische Produkte
Wie sich ein pflanzenbasiertes Leben im Rheingau gestaltet, gesundheitliche Fragen und was noch dahinter steckt

Maximilian genießt im Zweiundzwanzig einen Falafel-Burger.

Rheingau. (la) – Kein Fleisch, keine Eier, kein Käse – nichts was in irgendeiner Form vom Tier kommt. Darauf basiert die sogenannte „vegane Ernährung“. Die Philosophie dahinter besagt, dass man nur essen sollte was gewissenlos zu sich genommen werden kann, sprich: alles wofür kein Tier leiden musste, eingesperrt oder nicht artgerecht gehalten wurde. Doch was bleibt sind Milchersatzprodukte aus Hafer, Soja oder Reis, ein Haufen Gemüse und Tofu. Sowas kann doch nicht gesund sein – oder? Und wie gestaltet sich eine derartige Lebensweise überhaupt in unserer Region, welche ja doch geprägt ist von der traditionellen fleischlastigen deutschen Küche?

 

Maximilian Arndgen ist Sportstudent an der Universität in Mainz und kommt aus Marienthal. Vegan lebt er jetzt seit einigen Monaten. „Ich habe selbst Tiere zuhause und irgendwann kam ich an den Punkt mich zu fragen, wieso ich meinem Hund ein schönes Zuhause biete, ihn liebe, ihn füttere und mich um ihn kümmere, und einer Kuh stehle ich die Milch, die für ihr Kind gedacht ist, oder akzeptiere, dass ein Huhn unter den furchtbarsten Bedingungen sein Dasein fristen muss nur damit ich günstige Eier essen kann.“

Das vegane Leben ist in der Universitäts-Stadt Mainz für ihn kein Problem. „In Mainz leben viele junge Leute, die sich immer mehr Gedanken über ihre Ernährung und die Herkunft ihrer Lebensmittel machen. Es gibt einige vegane Läden und man versucht hier bewusster zu essen. Auch in der Uni-Mensa gibt es immer mindestens ein veganes Gericht.“ Doch wie sieht es in seiner Heimat dem Rheingau aus?

Die Einkaufsmöglichkeiten

Der Rheingau bietet ein breites Spektrum an Einkaufsoptionen. Ob Netto, Edeka, Rewe oder Lidl, als Nicht-Veganer kann man überall seinen Wocheneinkauf erledigen. Wie sieht aber die Sachlage aus, wenn Produkte oder Inhaltsstoffe wegfallen, die sonst fast überall vorzufinden sind?

„Edeka Grisse in Geisenheim hat eine große Auswahl an veganen Produkten“, so Maximilian. Diese reicht von veganem Käse über Aufstrich bis hin zu geräuchertem Tofu oder Seitan, sämtlichen Hafer-, Soja,- und Reisprodukten und einer großen Vielfalt an veganen Bratlingen, Nuggets oder Filetstücken, wenn man mal von der erheblichen Auswahl an Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten absieht.

Auch Rewe bietet eine ganze Bandbreite an veganen Produkten an wie Humus, veganem Frischkäse und Käse, Powerriegel, veganer Schokoladenmilch und vielem mehr. Bei einigen Produkten wird bei Rewe sogar mit einem kleinen grünen Hinweisschild auf ihre vegane Konsistenz verwiesen.

Allerdings beschränkt sich die Produktauswahl bei vielen Großmärkten oft auf Ersatzprodukte in Form von „vegetarischer Wurst“ oder „vegetarischem Schnitzel“. Hier ist Vorsicht geboten, da beispielsweise das vegetarische Schnitzel des Marktführers Rügenwalder Mühle laut Stiftung Warentest 400 Milligramm Mineralölbestandteile enthält. „Die Mineralöl-Rückstände lagern sich ein Leben lang in den Organen an und können zu sehr hoher toxischer Belastung führen“, so der schweizer Toxikologe Konrad Grob. Zudem werden viele „vegetarische Alternativen“ auf Milch- oder Ei-Basis produziert und enthalten überwiegend Geschmacksverstärker.

Hierbei wäre zu beachten, sich an rein veganen Ersatzprodukten zu orientieren oder lieber gleich eine ersatzproduktfreie Wahl beim Einkaufen zu treffen. Auch kleinere Läden wie die „Sonnenblume“ oder der Shop vom „Zweiundzwanzig“ in Geisenheim bieten eine beachtliche Auswahl an schadstoffarmen Produkten an, die das vegane Herz höherschlagen lassen.

Die Lokalitäten

Doch was ist, wenn man mal ausgehen möchte? Wo geht man hin und welche Lokalitäten haben eine flexible Speisekarte? Im Rheingau gibt es viele Möglichkeiten essen zu gehen. Von der italienischen Küche über die asiatische, bis hin zur traditionell deutschen Küche, angeboten wird den Leuten hier einiges – doch auch Veganes?

Ein echter Italiener stellt beispielsweise seine Nudeln durchaus nur aus 100 Prozent Hartweizen her und im Pizzaboden sollten ebenfalls keine tierischen Spuren enthalten sein. Doch wird eine Pizza mit Käse überbacken und in vielen Nudelsoßen befindet sich Fleisch oder Sahne. „Da Toni“ in Rüdesheim hat mit Extrawünschen kein Problem. „Ich habe meine Pizza einfach ohne Käse bestellt.“, so Maximilian. Die Kulanz des italienischen Restaurants scheint da zu sein, die Pizza kam, sie schmeckte und der Veganer war satt.

Doch wie sieht es in einer Straußwirtschaft aus? Der Rheingauer lebt für seinen Wein und hervorragenden Wein gibt es in der Goldatzel in Johannisberg. Winzerschmaus und traditionelle Speisen werden hier neben dem goldenen Getränk angeboten. „Auch hier konnte ich bei der Suppe der Weinlese mit Speck einfach den Speck abbestellen, eine Laugenbrezel dazu und ich war glücklich“, berichtet Maximilian von seinen Erfahrungen dort.

Die asiatische Küche weist ohnehin schon viele vegane Speisen auf. Sie basiert zu einem Großteil auf Reis-und Gemüsegerichten, demnach ist es immer eine gute Idee als Veganer Lokalitäten wie zum Beispiel den „Asia Wok“ in Rüdesheim aufzusuchen.

Traditionelle deutsche Küche gibt es in der „Ratsstube“ in Rüdesheim. Der Besitzer selbst lebt vegan aber bietet überwiegend fleischlastige Speisen an. Denn das Restaurant lebt vom dortigen Tourismus, welcher von Speisewünschen wie „einem echten deutschen Schnitzel“ geprägt ist. Allerdings stellt es auch hier kein Problem dar, Dinge auf der Speisekarte einfach abzubestellen und Gerichte vegan zu gestalten.

„Man merkt, dass die Leute anfangen, zu hinterfragen was sie essen.“, erklärt Maximilian. So auch die Besitzer des „Zweiundzwanzig“. Zwei Frankfurter, die nach Johannisberg zogen und sich überlegten ein veganes Restaurant in Geisenheim zu eröffnen. „Wir wussten nicht wirklich, ob das hier gut anschlagen würde, aber wir haben uns einfach gewünscht, dass sich mehr Leute mit dem veganen Leben auseinandersetzen“, so die Besitzer. „Und letztendlich wurden wir gut angenommen, unser Restaurant ist immer gut besucht.“ Maximilian geht selbst gern ins Zweiundzwanzig. Von Falafeln über Waffeln mit Eis, Burgern, bis hin zu zahlreichen Vorspeisen, Dips und sogenannter „Vegan-Bowls“ – sowohl Veganer als auch Nicht-Veganer kommen hier auf ihre Kosten. „Ich habe immer eine riesige Auswahl und kann mich kaum entscheiden. Das ist wirklich toll. Und die Leute merken langsam, dass ‚vegan-sein‘ nicht gleich bedeutet ungesund zu leben oder sich nur von Hafer und Tofu zu ernähren.“

Veganer Wein

Doch wie sieht es eigentlich mit dem Schönsten aus, was der Rheingau hervorbringt, dem Wein? Da es sich bei Wein um ein rein pflanzliches Produkt handelt könnte man annehmen, er sei vegan. Doch oft setzen Winzer Klärmittel aus tierischen Produkten ein um Weine von Trübstoffen zu befreien und sie zu filtrieren. Durch die Zugabe von Gelatine, Fischblasen oder auch Hühnereiweiß flocken die unerwünschten Inhaltsstoffe aus, sinken schneller zu Boden, und der klare Wein kann von oben abgezogen werden. Möchte man darauf verzichten, so kann man auf sogenannten „veganen Wein“ zurückgreifen. Dieser wird statt mit tierischem Zusatz mit Bentonit, einer Gesteinsmischung aus verschiedenen Tonmineralien, oder mit pflanzlich hergestellten Tanninen geklärt. Das Nachfragen beim jeweiligen Winzer gibt oft schnell Aufschluss über die Klärungsmethode. Zum Beispiel bietet das Weingut Altenkirch in Lorch auch vegane Weine an. Darüber hinaus findet man auch im Zweiundzwanzig eine Auswahl an veganen Weinen.

Die Gesundheitsfrage

Doch ist es eigentlich ungesund vegan zu leben?

Es ist bekannt, dass Vegetarier und Veganer häufig einen niedrigeren Eisengehalt im Blut haben als Fleischesser. Das zeigte zum Beispiel die Deutsche Vegan-Studie von Annika Waldmann am Institut für Lebensmittelwissenschaft der Universität Hannover. Dass vegane Ernährung bedeutet, wichtige Nährstoffe dem Körper zu enthalten, dementiert Maximilian. „Bevor ich mich dazu entschieden habe vegan zu leben, habe ich mich mit vielen Leuten darüber unterhalten und mich in die Materie eingelesen. Ja, der Körper nimmt durch Fleisch, Milchprodukte und Eier Nährstoffe zu sich, die er braucht. Doch sind diese genauso gut über andere Lebensmittel zu bekommen. So findet man Eisen in Haferflocken, Amarant, Quinoa, Hülsenfrüchten, Nüssen oder Samen. Calcium bekommt man auch über Grünkohl, Spinat, Salat, Mangold, Fenchel, Kichererbsen, Soja oder auch Meersalz. Eiweiß kann man zum Beispiel auch über Bohnen und Tofu bekommen und Vitamin B2 über Vollkornprodukte oder auch Brokkoli. Man sollte im Hinterkopf behalten, dass der Mensch ein Omnivore (Allesfresser) ist.“

Allerdings ist zum Beispiel pflanzliches Eisen für den Körper nicht so gut verfügbar wie tierisches. Das Mineral der Pflanzen liegt in einer anderen chemischen Gestalt vor als das der Tiere und muss erst umgewandelt werden, bevor es der Körper aufnehmen und speichern kann. Demnach braucht der menschliche Körper erheblich mehr an pflanzlichen Nährstoffen, als an tierischen.

Sanitätsoffiziersanwärter Julius von Ingelheim – auch ein Rheingauer – ist im Praktischen Jahr des Medizinstudiums und arbeitet zurzeit am Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz. Er bestätigt die Aussage von Maximilian: „Auch als Veganer kann man sehr gut an alle lebenswichtigen Nährstoffe gelangen. Gerade diverse Hülsenfrüchte verfügen über viele Proteine und Vitamine. Auch Eisen kann man durch reichhaltige Säfte, oder auch als Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen. Wie bei jeder Ernährung ist immer die Ausgewogenheit der Kernpunkt, damit der Körper alle nötigen Stoffe zur Verfügung gestellt bekommt.“

Von veganer Ernährung für Kinder und stillenden Müttern raten Ärzte jedoch ab. Ernähren sich stillende Mütter vegan, so kann das auch schnell zu Nährstoffmangel führen, da Babys einen erhöhten Bedarf an Vitamin B12 haben. „Dieser wird durch die unzureichende Zufuhr über die eigene Ernährung der stillenden Mutter dann über die Muttermilch beim Säugling nicht gedeckt“, so Dr. Gunter Burmeister, Oberarzt der Pädiatrie im Kinderkrankenhaus im Hamburger Stadtteil Altona.

Die Wahlfreiheit

Maximilian ist der Meinung, dass jeder für sich entscheiden sollte, was er zu sich nimmt.

„Ich habe mich eben für diese Art der Ernährung entschieden, da es im Bereich meines Möglichen liegt, dies zu tun. Solange ich mich ausgewogen ernähre und darauf achte, dass ich die Stoffe die ich meinem Körper durch das Weglassen von Fleisch- und Milchprodukten vorenthalte, durch andere Lebensmittel außreichend bekomme, ist das doch okay. Meinen Hund würde ich beispielsweise nie vegan füttern, da Hunde Carnivoren sind und Fleisch evolutionsbedingt zu ihrer Ernährung dazugehört. Wenn ich später mal ein Kind haben sollte, würde ich mir von meiner Frau ebenfalls wünschen, dass sie zumindest während des Stillens selbst auf die vegane Ernährung verzichtet, damit das Kind keine Mangelerscheinungen bekommt. Denn vor allem bei heranwachsenden Menschen kann man glaube ich viel falsch machen. Ich würde meinem Kind die Wahl lassen, wie es sich ernähren will und zuhause für mich selbst zwar vegan kochen, wenn mein Kind aber Heißhunger nach Käse oder Wurst hat dann würde es das bekommen, ich würde nur aufpassen wo ich diese Lebensmittel kaufe.“ Er fährt fort: „Denn spricht einen das vegane Leben nicht an, so sollte man dennoch hinterfragen was man kauft. Nicht alles was günstig ist, sollte auch gekauft werden. Wenn man auf den Genuss von Fleisch, Käse und Eiern nicht verzichten will, macht es Sinn zum Bio-Bauern um die Ecke zu gehen oder auf den Markt und sich zu informieren, woher die Produkte kommen und wie die Tiere gehalten werden. Das gleiche gilt auch für Tiernahrung.“

Von den verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten bis hin zu Lokalitäten, die flexibel und aufgeschlossen sind bietet der Rheingau jedoch einen „annehmbaren Rahmen, für Veganer und Leute, die sich für das vegane Leben interessieren.“, so Maximilian.

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