Buchbesprechung
Wechselnde Paare in der Lindenstadt
Anke Velmekes sprachmächtiger Geisenheim-Roman „Hinketanz“

Die Rezension verfasste Horst Falker, Leiter der Stadtbücherei Geisenheim. Anke Velmeke: Hinketanz. Roman. Leinpfad-Verlag, Ingelheim 2017, 188 Seiten, Preis: 17 Euro.

Rheingau. – Orten und Räumen, ob aus dem Blickwinkel des Autors oder des Lesers betrachtet, kommen in der Literatur eine zentrale Bedeutung zu. Wenn die Schriftstellerin Anke Velmeke, die seit mehr als dreißig Jahren im Rheingau lebt, ihren im Herbst erschienenen dritten Roman „Hinketanz“ in Geisenheim spielen lässt, macht das neugierig auf ihre Geschichte.

Gerade im ersten Kapitel ihres neuen Buches gelingen der Autorin sprachmächtige Beschreibungen markanter Sehenswürdigkeiten wie dem Dom oder der Linde, die im Gedächtnis haften bleiben, indem sie Geisenheim zu einem bleibenden literarischen Schauplatz machen.

„Der Domplatz ließ den Himmel in die Stadt“ ist eine ebenso starke poetische Formulierung wie die folgende Charakterisierung der Linde: „Sie war durch die Jahrhunderte hindurchgewachsen, wild und ungebärdig, war über alles hinweggewachsen, über Brände, Kriege und Hungersnöte, hatte ihre Zweige zum Himmel gestreckt, aber auch in die Fenster der nahen Häuser, war zur Strafe gestutzt worden, hatte zu anderen Zeiten ihr Laubdach über die tanzenden Paare des Lindenfestes gespannt, sie beschirmt, dann wieder mit ihren schweren knarzenden Ästen bedroht, war schließlich sogar gestützt worden…“

In einer Einführung des Leinpfad-Verlags wird der Roman „Hinketanz“ als eine heiter-melancholische Kleinstadt-Geschichte angekündigt, die an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit angesiedelt ist. Wie der Titel bereits verrät, ist das Gegensätzliche als ein entscheidendes Gestaltungsprinzip in diesem Werk angelegt.

Das schiefe Bild vom „Hinketanz“ verweist auf einen Widerspruch in sich, es deutet einen Makel an, welcher der Schrittfolge und der Eleganz der Bewegung abträglich ist. Ein solches Handicap stört den Rhythmus beim Welttanztag in Geisenheim, dessen Szenerie zu Beginn der Geschichte beschrieben wird.

Die gemeinsame Leidenschaft für Musik und Tanz sowie die Erprobung toleranter Spielarten der Liebe sind die zentralen Themen, anhand derer die Hauptfiguren des Romans charakterisiert werden. Die Lokaljournalistin Teres, einzige Redakteurin des „Stadtblattes“, teilt mit zwei vom Typ her eher unterschiedlichen Männern Bett und Leben. Der sensible und leicht psychotischeGitarrist Karl sowie der gutmütige, aber etwas schwerfällige Möchtegern-Schlagzeuger Jupp leben mit der Frau in einer offenen Dreierbeziehung. Autorin Anke Velmeke hat an dieser Ausgangskonstellation das Thema „Polyamorie“ interessiert und die Frage, wie es sich anfühlt, im Wissen unter den Beteiligten mehr als einen Menschen zur selben Zeit zu lieben.

Eine ähnliche Dreiecksgeschichte kennen wir bereits aus ihrem 2003 erschienenen zweiten Roman „Fuga“, der in Spanien spielt. Dorthin reist die Tochter nach dem Tod ihrer Mutter, die häufig ihre Liebhaber wechselte, und zieht mit zwei Männern zusammen, was Erinnerungen an die Verstorbene wachruft. In ihrem von der Kritik gelobten Debüt-Roman „Luftfische“ aus dem Jahr 2000 schilderte die Autorin aus der Sicht der 13jährigenLene eine schwierige Kindheit im nordrhein-westfälischen Kleinbürgermilieu der siebziger Jahre, in dem sich die Jugendliche von ihrem prügelnden Vater befreit.

Auffällig erscheinen die parallelen Lebensstationen der 1963 in sauerländischen Olsberg geborenen Anke Velmeke mit den Schauplätzen ihrer drei Romane. Die studierte Literatur- und Sprachwissenschaftlerin war Stipendiatin des Literarischen Colloquiums Berlin und lebte längere Zeit als Übersetzerin in Barcelona. Wie die Hauptfigur Teres im Roman „Hinketanz“ arbeitete sie auch mehrere Jahre als Lokaljournalistin beim„Rheingau-Echo“.

Unter der gleichermaßen schwierigen wie idyllischen Liebe zu dritt leidet Karl, der Teres zur Pianistin machen will, am meisten. Als dann auch noch die mit zwei Kindern allein lebende Sabeth auftaucht und sich das Beziehungskarrussell weiter dreht, ist das Gefühlschaos komplett.Seine zunehmend stärkere Neigung zur Selbstzerstörung führen bei Karl, der als Kind bei einem Unfall seine Milz verloren hat, wiederholt zu Selbstmordabsichten. Mit einer Gummibärchendiät lassen sich solch depressive Schübe nicht beheben.

Wie schon in ihren ersten beiden Romanen überzeugt Anke Velmeke in „Hinketanz“ mit einer ebenso poetischen wie metaphernreichen Sprache. So ziehen Schienen eine Schneise durch die Stadt, rasen Güterzüge zwischen den „müden Häusern“ (Anthropomorphismus) durch oder beim Shoppen steht Teres „brusthoch im Kleidermeer“. Nach einem gescheiterten Versuch, im Rhein zu ertrinken, beschreibt sie den frierenden Karl als eine „Zittermaschine“ (Wortneuschöpfung). Den für eine Pflegemaßnahme im Wein- oder Obstbau gebräuchlichen Fachterminus „Kopfschnitt“ übernimmt die Autorin als Kapitelüberschrift, was dem Wort einen breiten interpretatorischen Spielraum verleiht.

Eine stilistische Spielerei gelingt Anke Velmeke auch mit kursiv gesetzten Texten über Körperteile (Milz, Zunge, Haar, Knöchel) oder Befindlichkeiten (Schwindel, Frieren). Diese Artikel imitieren den objektiven Ton eines Lexikons, nutzen aber in ihrer Zusammenstellung das dichterische Mittel der Verfremdung.

Abschließend muss noch erwähnt werden, dass in dem Roman ein Geisenheimer Original eine Rolle spielt, die dem des Narren in einer Komödie von Shakespeare vergleichbar ist. In dem kleinstädtischen Mikrokosmos, dass Anke Velmeke in „Hinketanz“ treffend beschreibt, begegnen sich verschiedene soziale Milieus auf engstem Raum. Für frühe Auszüge aus ihrem Roman wurde die bundesweit schon mehrfach geehrte Autorin im Jahr 2009 mit dem Kulturpreis des Rheingau-Taunus-Kreises ausgezeichnet.

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