„Wir zahlen bei einem Storchenbiss keine Alimente“
Tag der offenen Tür der Storchengemeinschaft Wiesbaden-Schierstein e.V. erfreute sich reger Beteiligung

In diesem Horst haben die beiden Altvögel zwei Junge ausgebrütet.

Rheingau. (mh) – Der wissenschaftliche Name lautet Ciconia ciconia. Im Volksmund wird er auch „Adebar“ genannt – und als Symbol der Fruchtbarkeit auch Klapperstorch. Deshalb mahnte Erster Vorsitzender Hubertus Krahner junge Besucherinnen scherzhaft, „dass wir bei einem Storchenbiss keine Alimente zahlen“. Die Rede ist vom Weißstorch, der 1984 und 1994 in Deutschland Vogel des Jahres war.

 

Um diese prächtigen Vögel in ihrem Paradies zwischen Schierstein und Walluf aus gebührender Entfernung in Augenschein nehmen und dabei viel über sie erfahren zu können, hatte die Storchengemeinschaft Wiesbaden-Schierstein e.V. am vergangenen Sonntag zum Tag der offenen Tür eingeladen.

Da das Wetter sich von seiner besten Seite präsentierte, waren der Einladung des cirka 20 Mitglieder starken Vereins eine stattliche Zahl an Besuchern gefolgt. Deshalb hatten Hubertus Krahner und seine Mitstreiter alle Hände voll zu tun, um immer wieder Fragen zu beantworten.

„31 Brutpaare mit derzeit vielen gesunden Jungvögeln in ihren Horsten bedeutet für uns ein neuer Rekord“, freute sich Krahner, mit einer positiven Mitteilung aufwarten zu können. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es in Schierstein keine Störche mehr gegeben. 1972 habe sich ein Arbeitskreis rekrutiert, der mit Hilfe von Spendengeldern und der fachlichen Unterstützung eines Schweizer Storchenfreundes die Wiederansiedlung in Angriff nahm. Im Jahr 1981 sei die Storchengemeinschaft Wiesbaden-Schierstein e.V. gegründet worden.

Der damalige Betreiber des Wasserwerks in Schierstein, die ESWE (heute Hessenwasser), sei dem Ansinnen der Storchenfreunde entgegen gekommen, indem er sein Gelände für dieses Projekt zur Verfügung stellte. Das stark gesicherte Areal biete ideale Lebensbedingungen für Weißstörche. Der einzige Feind der Störche sei der Fuchs.

Viele Teiche mit Fischbesatz und weitflächige Wiesen mit einer reichhaltigen Fauna sind, so Krahner, „geradezu ein Schlaraffenland für Meister Adebar“. Hinzu kommt, dass für die stolzen Vögel neben den aufgestellten Bruthorsten und gestutzten Bäumen die Ausleger der Hochspannungsmasten eine willkommene Nistunterlage sind, „habe er doch von oben einen weiten Blick auf seine Umgebung“.

Wie die Besucher ebenfalls erfuhren, sind die Bemühungen der Storchenfreunde um Nachzucht im Jahr 1975 mit der Geburt von vier Jungstörchen belohnt worden. Bis heute haben, wie ihnen mitgeteilt wurde, über 1200 Jungstörche in Schierstein das Licht der Welt und seien ausgeflogen. Damit haben sie, wie mit großer Genugtuung gesagt wurde, wesentlich zur Vergrößerung des Weißstorchenbestandes in Deutschland und in Europa beigetragen.

Da inzwischen über 900 Jungstörche seien beringt worden seien, wisse man dank dieses „Personalausweises“ und vieler Sichtmeldungen von Storchenflugbeobachtern sehr viel mehr über das Zugverhalten dieser Vögel. Dabei habe man im Mittelalter noch geglaubt, dass Störche den Winter über schlafend im Wasser verbringen oder sich in Mäuse verwandeln.

Erst als im Jahr 1822 in Deutschland ein durch einen afrikanischen Jagdpfeil verletzter Storch erlegt worden sei und man diesen Pfeil einem bestimmten Stamm habe zuordnen können, sei der Beweis erbracht worden, dass Störche im Winter nach Afrika ziehen.

Wie die Besucher weiter erfuhren, konnten durch die Beringung dieser Zugvögel zwei Zugrouten der deutschen Störche ermittelt werden. Die westliche führt über Frankreich, Spanien und Gibraltar ins westliche Äquatorialafrika bis nach Mauretanien und Niger. Die östliche über den Balkan, die Türkei und Israel nach Ostafrika bis hinunter nach Südafrika.

Wie an einer mit Fähnchen markierten Landkarte deutlich wurde, nehmen die meisten Schiersteiner Störche die Westroute. „Wir haben jedoch auch beobachtet“, so Krahner, „dass der ein oder andere Westzieher die Ostroute ausprobiert hat. Deshalb war auf der Karte auch Israel mit einem Fähnchen markiert.

Kraftsparender Segelflug

Bei den mit Sendern ausgestatteten Störchen habe sich herausgestellt, dass der Weißstorch Tagesetappen von 150 bis 300 Kilometer im größtenteils kraftsparenden Segelflug zurücklegt. Wegen der fehlenden Thermik meide der Vogel den Überflug über das Mittelmeer.

Zum Zugverhalten der Weißstörche erfuhren die Besucher, dass diese Ende Februar/Anfang März aus ihren Winterquartieren auch nach Schierstein zurückkehren. Sobald alle Beziehungsfragen geklärt seien und die Horstsuche erfolgreich abgeschlossen wurde, beginne das Storchenpaar mit dem Nestbau und komme dann seinen ehelichen Pflichten nach.

Die Eiablage ziehe sich von Mitte März bis Anfang April hin. Dabei lege jedes Storchenpaar drei bis sechs cirka sechs Zentimeter breite und acht Zentimeter lange Eier, die somit etwas größer als ein Hühnerei sind. Auch dies konnten die Besucher in einem Schaukasten in Augenschein nehmen.

Geht alles glatt, erfuhren sie weiter, schlüpfen nach cirka 32 Tagen die Jungen. Danach beginne mit der Fütterung ihres Nachwuchses die Arbeit der Eltern mit auf dem Gelände reichlich vorhandenen kleinen Säugetieren, wie Mäuse und Frösche, aber auch Schlangen und Insekten. Nach cirka acht bis zehn Wochen nach dem Schlüpfen erfolgten die ersten Flugversuche der Jungvögel.

Ab Mitte Juli sammelten sich zunächst die Jungstörche, um ins Winterquartier aufzubrechen. Die Altvögel folgten ihnen später nach. Abgesehen von einigen abgehärteten Wintergästen flüchteten bis Mitte September dann auch die letzten Störche vor dem herannahenden Herbst in südlichere Gefilde.

Während Jungstörche erst nach drei bis vier Jahren zurückkehrten, wenn sie das Erwachsenenalter erreicht haben, machten sich die älteren Vögel ab Januar wieder auf den Heimweg, bei dem sie bis zu drei Monaten unterwegs sind.

Wie Krahner mitteilte, wechselten Störche bei ihrer Rückkehr oftmals sowohl ihren Partner als auch ihr angestammtes Domizil. Dank der Beringung habe man in der Vergangenheit unter anderem feststellen können, „dass Störche unter anderem auch aus Holland zu uns kommen und unsere Störche auch in Holland nisten.

Damit auch Kinder sich betätigen konnten, hatten Mitglieder des Vereins einen Maltisch bereitgestellt, der rege genutzt wurde, während ihre Eltern die elegant über ihren Köpfen fliegenden oder in den Horsten sitzenden, immer wieder klapperden Störche beobachteten. Um Kindern auch die Möglichkeit zum Nachbau eines Storchenhorstes zu geben, waren um einen runden Tisch Heu, trockenes Gras und Zweige bereitgestellt worden.

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