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Endstation Fukushima Die letzte Reise der "Freydis II"

Heide und Erich Wilts berichteten im Segelclub Rheingau über ihren Segeltörn von Alaska nach Japan

Die Freydis wirkt wie ein Spielzeug vor einer imposanten Kulisse ins Meer kalbender Gletscher.

Rheingau. (mh) Es ist gehört zur guten Tradition im Segelclub Rheingau, Seglern mit außergewöhnlichen Leistungen ein Forum für Vorträge zu bieten. Deshalb waren im Vereinshaus des Clubs in Walluf selbst die Stehplätze rar geworden, als Heide und Erich Wilts höchst spannend und mitreißend in Worten und Bildern über ihre letzte Reise mit der "Freydis II" und den Verlust ihres Schiffes bei dem verheerenden Tsunami im Japan berichteten.

Dabei riefen sie mit ihren Schilderungen von ursprünglicher, gewaltiger Natur und von Küsten, die noch niemals zuvor eine Yacht erkundet hat, von den Auswirkungen der Klimaveränderungen auf das Leben der Menschen in dieser Region, von den alltäglichen Schwierigkeiten des Bordlebens sowie von ihren Ängsten und von den oft schwierigen Entscheidungen in der Schiffsführung großen Respekt und Bewunderung der aufmerksamen Zuhörer hervor.

Wie ein Blick ins Internet offenbart, sind die Wilts seit 40 Jahren auf den Weltmeeren zu Hause. Für ihre seglerischen Pionierleistungen wurden sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Schon zwei Mal wurde ihnen mit dem Trans-Ocean-Preis die begehrteste Trophäe der Blauwassersegler verliehen. GEO, Stern, Life, Times und Le Figaro haben zahlreiche Reportagen veröffentlich.

Die Bücher von Heide Wilts über abenteuerlichen Segelreisen in den extremen Breiten der Nord- und Südhalbkugel sind nicht nur in Seglerkreisen gefragter Lesestoff. Die von Erich Wilts aufgenommenen, preisgekrönten Bilder sind in den renommiertesten Fotogalerien Italiens ausgestellt und mit dem internationalen Fotopreis "Marian Skubin/No Limits Award" ausgezeichnet worden.

Wie die Zuhörer erfuhren, hatten Heide und Erich Wilts nach zwölf Jahren abenteuerlichen Reisens auf der Südhalbkugel mit ihrer Freydis Kurs auf die Aleuten, die Alaska-Halbinsel und das Beringmeer genommen. "Hier ist" erzählen sie, "der Bär los, aber sonst rein gar nichts". Packeis, Nebel, Regen und Stürme bestimmten das Klima. Die wenigen fernab von der Zivilisation lebenden, ungemein gastfreundschaftlichen Menschen hätten sie "wie Besucher von einem anderen Stern" wahrgenommen.

Mehrere Sommer seien sie in diesem Revier, oft fernab von jeder Zivilisation gesegelt, "das aufregender und schöner nicht sein könnte". Mit seinen einsamen, wild zerklüfteten Küsten und Bergen mit ihren in die Fjorde kalbenden Gletschern habe sie die Schönheit dieses "Insel-Irrgartens" ebenso wie dessen Ausmaße in den Bann gezogen. Um dieses "faszinierende" Gebiet nur annähernd kennen zu lernen, "bräuchte man Jahre mit dem Boot".

"Unsere Ankerplätze waren", berichten sie höchst spannend, "irgend ein Steg in kleinen Fischer- oder Eskimodörfern und verlassenen Goldgräbersiedlungen". Weil sie ihre Erlebnisse auch in beeindruckenden Bildern festgehalten haben, erweckten die Schilderungen über Beobachtungen der manchmal nur wenige Meter entfernten Grizzly-Bären, die trocken gefallene Sand- und Schlickflächen nach Fressbarem absuchen und umgraben, die besondere Aufmerksamkeit der Zuhörer. Ebenso wie die Aufnahmen halbwüchsiger, miteinander spielender Tiere, ihren Nachwuchs unterrichtende Mütter und zwei mit Ausdauer im Innern einer Bucht sich paarender Bären.

Die Küsten seien ein "Dorado" für Angler und Fischer. "Deshalb konnten wir", berichten die Wilts weiter, "in Lachs, Heilbutt und Königskrabben schwelgen, so dass unsere Freydis zum exquisiten Fischrestaurant wurde". Von dem Meeresreichtum profitierten aber nicht nur die Menschen, sondern auch Wale, Orcas, Seelöwen, Pelzrobben und Fischotter ebenso wie die unzähligen Seevögel vom Fischadler bis zum Papageientaucher.

Mit großem Stolz weisen Heide und Erich Wilts darauf hin, "dass wir wahrscheinlich als erste Yachties alle Inseln im Beringmeer besucht haben". Durch die Beringstraße seien sie anschließend in die Tschuktschensee, Teilgebiet des Nordpolarmeeres, gelangt. Nördlichstes Etappenziel sei die kleine Eskimosiedlung Kotzebue nördlich des Polarkreises gewesen, "wo wir in einem überwältigendem Empfang freundlich, interessiert, hilfsbereit aufgenommen wurden".

Nach zehn Tagen Aufenthalt in Kotzebue habe man "den ganzen weiten Weg zurück ins Beringmeer angetreten, das wir Ende August in einer turbulenten Nacht durch den Unimak-Pass mit seinen Stromschnellen verlassen haben". Rechtzeitig vor dem ersten Herbststurm habe man den kleinen Fischereihafen King Cove am Ende der Alaska-Halbinsel erreicht. Dort sei die Freydis mit dem Travellift zum Überwintern an Land gehoben worden, um in der Saison 2008 noch einmal zu den Gestaden Alaskas, zu den Bären und den Gletscherfjorden zurückzukehren, "wo wir die nächsten Jahre verbracht haben".

Als "folgenschwere" Entscheidung bezeichnen Heide und Erich Wilts die auf dem Weg in die Südsee kurz entschlossene Änderung ihrer Pläne, über Hawaii, das Midway-Atoll, Japan und Kamtschatka noch einmal zurück nach Alaska zu segeln. Als am 11. März 2011 Japan nach einem Seebeben vom schlimmsten Tsunami seit über 100 Jahren getroffen und verwüstet wurde, habe die Freydis zeitgleich in der Iwaka-Sun-Marina in der Provinz Fukushima überwintert.

Zwar habe das Schiff aufgrund seiner soliden Bauweise als Einzige von über 150 Yachten die unvorstellbare Wucht der Wellen überstanden, sei aber anschließend herrenlos auf die Klippen der Steilküste unweit des zerstörten Atomkraftwerks Fukushima zugetrieben. Alle ihre Versuche, das Schiff heil zu bergen, seien jedoch fehlgeschlagen. Inzwischen sei das Wrack der Freydis in einer aufwendigen Aktion von den Behörden gehoben worden und soll in Iwaki als Denkmal für die Opfer des Tsunami aufgestellt werden. Ferner als Symbol für die seit 150 Jahren bestehende deutsch-japanische Freundschaft.

"Wir haben", geben Heide und Erich Wilts offen zu, "um unsere Freydis getrauert, denn sie war unsere zweite Heimat". Trotz ihres fortgeschrittenen Alters hätten sie sich dennoch entschlossen, eine dritte Freydis zu bauen. Ihr Ziel sei es, Mitte 2012 von Leer in Ostfriesland in Richtung Pazifik zu starten.

An Büchern, Vorträgen, Reisen und weitere Pläne der Wilts Interessierte erhalten unter http://freydis.de umfassende Informationen.