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Vom Glück, lang und knackig zu leben

Survival-Experte und Menschenrechts-Aktivist Rüdiger Nehberg faszinierte das Publikum

Rüdiger Nehberg faszinierte als großartiger Erzähler, Abenteurer und Kämpfer für Menschenrechte.

Eltville. (chk) – "Ich wollte lieber kurz und knackig leben, als lang und langweilig. Und ich habe das Glück, lang und knackig zu leben." Das sagt Rüdiger Nehberg, auch "Sir Vival" genannt. Im Mai wird er 77 Jahre alt, und noch immer sprüht er vor Energie und Tatendrang. "Querschnitt durch ein aufregendes Leben" hat er seinen Dia-Vortrag betitelt, den er im bis auf den letzten Platz besetzten Festsaal des Kulturzentrums (KUZ) Eichberg vorstellte. Als grandioser Erzähler begleitete er die Bilder seines Lebens im Schnelldurchgang – rasant, zunächst chronologisch geordnet, mit viel und manchmal recht schwarzem Humor.

"Sie werden heute Abend vielleicht merken, dass viel mehr möglich ist, als man sich bisher zugetraut hat." In jungen Jahren war der gebürtige Bielefelder als Bäcker und Konditor erfolgreich. In Hamburg eröffnete er mehrere Filialen, doch im Rückblick urteilt er: "Der Beruf erfüllte mich nicht." Mit den Einnahmen aus seinem Geschäft schaffte er es schon bald, sich jedes Jahr eine Aus-Zeit für Reisen, Survival-Trainings und Abenteuer zu nehmen. Und in der Backstube installierte er eine Kletterwand.

Nehberg zeigte Bilder von Survival-Techniken, die den Atem stocken lassen oder den Magen umdrehen können. "Ekel ist ein Alarmsignal des Körpers", erklärte er, "der Ekel vor Würmer und Insekten ist allerdings nicht begründet." Gegrillte Würmer sind seinen Schilderungen nach eine Delikatesse und – wenn es sein muss – offenbar auch roh zu genießen. In mehreren Büchern gibt Nehberg seine im Lauf der Jahre erlernten und erprobten Überlebenstechniken weiter. Eines der Bücher trägt den Titel "Überleben ums Verrecken". "Wer das liest und dann immer noch stirbt, ist selber schuld", kommentiert er.

Durch Wüsten, Wälder und über Meere führten seine Abenteuer. Als er 1972 mit zwei Freunden in einem selbstkonstruierten Boot zuerst den Blauen Nil in Äthiopien befuhr, wurden die drei Abenteurer überfallen. Es kam zu einer Schießerei, die ein Freund Nehbergs, der als Fotograf mit dabei war, nicht überlebte. In Äthiopien lernte Nehberg die islamische Gastfreundschaft kennen; Einheimische stellten sich unter Einsatz ihres Lebens schützend vor ihn. "Damals lernte ich, dass der Islam sich nicht auf Terrorismus reduzieren lässt", erklärte er. Die Freundschaften und Erkenntnisse aus jener Zeit hatten weitreichende Folgen für sein heutiges Engagement, das er im zweiten Teil seines Vortrags vorstellte.

Kampf im Regenwald

Im Lauf der Jahre wurde aus dem Abenteurer, Survival-Experten und "Outdoor-Freak" immer mehr ein Aktivist für die Menschenrechte. 1980 begann Nehbergs Kampf gegen die Goldsucher-Lobby im angeblich geschützten Gebiet der Yanomami im brasilianischen Regenwald. In Wirklichkeit zerstörten dort 65.000 bewaffnete Goldsucher von 120 Landepisten aus die Lebensgrundlagen der Yanomami – unbemerkt und unbeachtet von der Öffentlichkeit und wider alle Beteuerungen der brasilianischen Regierung. Für seine Recherchen tarnte er sich selbst als Goldsucher. "Wut hat mich noch nie depressiv gemacht", erklärt Nehberg, der nicht aufgab – auch als er nicht sofort eine aufmerksame Öffentlichkeit herstellen konnte. Durch spektakuläre Aktionen lenkte er die Aufmerksamkeit auf die Yanomami. In einem Extremtraining überwand er die Angst vor dem Wasser und fuhr allein mit dem Tretboot über den Atlantik. Ein weiteres Mal segelte er mit Christina Haverkamp, die seine Partnerin und Verbündete im Kampf für die Yanomami wurde, auf einem Bambusfloß von Senegal bis nach Washington – vor das Weiße Haus, wo gerade der 500. Jahrestag der "Entdeckung" Amerikas gefeiert wurde. "Man gedachte bei den Feiern aber nicht der ermordeten Indianer und ihrer Kultur."

Durch die Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Wolfgang Brög erreichte Nehbergs Kampf einen wesentlichen Durchbruch. Der Dokumentarfilm "Goldrausch in Amazonien" wurde im ZDF gezeigt und von Greenpeace an Sender in aller Welt verteilt. Durch den öffentlichen Druck erreichte Nehberg einen akzeptablen Frieden für die Yanomami. Zuletzt bauten er und Christina Haverkamp mitten im Regenwald ein Hospital und eine Schule.

Im Jahr 2000 folgte Nehbergs erneute Atlantiküberquerung zum 500-jährigen "Jubiläum" der Entdeckung Brasiliens und wieder, um auf seinem Segel Handlungsbedarf anzumahnen. Sein Engagement hatte er inzwischen auf die Waipí-Indianer im Amozonas-Regenwald ausgedehnt. Diesmal segelte er allein auf einem Floß aus einer 18 Meter langen massiven Schwarzwaldtanne. "The Tree" ist heute im Technik-Museum in Speyer ausgestellt.

Gegen Verstümmelung

Brach das Publikum im ersten Teil immer wieder in lautes Lachen aus, wenn es um Survival-Abenteuer und selbstironische Kommentare Nehbergs ging, so herrschte im zweiten Teil des Abends absolute Stille, als er sein Engagement gegen die weibliche Genitalverstümmelung vorstellte. Sie wird vor allem in afrikanischen Ländern von Somalia bis Senegal als grausames Ritual praktiziert wird. Nie habe er gedacht, dass er sich für eine solche Sache einmal engagieren würde, erklärte Nehberg, auch nicht als er einer Äthiopierin begegnete, die nach Eritrea geflüchtet war. Sie schilderte in sehr offener und erschütternder Weise die pharaonische Verstümmelung, die man an ihr vollzogen hatte. Erst nachdem er die Autobiografie "Wüstenblume" von Waris Dirie gelesen hatte, meldete sich der Aktivist in ihm. Er gründete mit seiner Frau Sabine Nehberg-Weber und fünf Vertrauensleuten die Menschenrechtsorganisation "Target", die sich diesem und weiteren Menschenrechtsthemen widmet.

"Täglich werden 8.000 Mädchen ihrer Genitalien und damit ihrer Würde beraubt", entsetzt sich Nehberg, "weltweit sind 150 Millionen Frauen betroffen. Dieses Verbrechen will Target beenden. Männer haben sich diesen Brauch vor 5.000 Jahren ausgedacht, um Frauen zur Treue zu zwingen." Nehberg fand heraus, dass der Brauch mit dem Christentum, vor allem aber mit dem Islam in Verbindung gebracht wird, was ein großer Irrtum ist. Weil die meisten Opfer Musliminnen sind, suchte Nehberg nach Verbündeten, um diesen fatalen Irrtum aufzuklären. Er suchte zunächst in Deutschland und fand vor allem Vorurteile. "Der Islam ist nicht dialogfähig", war eines davon.

Nehberg besann sich seiner Kontakte und Erfahrungen in Äthiopien und bahnte sich langsam und mit der ihm innewohnenden zähen Energie den Weg – einen beispiellosen Weg. "Manchmal dachten Sabine und ich, wir träumen", stellte er selbst im Rückblick fest. Der Durchbruch war die Internationale Konferenz Islamischer Gelehrter gegen Weibliche Genitalverstümmelung an der Azhar-Universität zu Kairo, die Target mit hochrangigen islamischen Gelehrten unter der Schirmherrschaft des Großmuftis von Ägypten, Professor Dr. Ali Gom’a im November 2006 verabschiedete.

"Das Ergebnis schreibt Geschichte und besitzt den Wert einer richtungweisenden Fatwa, eines Rechtsgutachtens: Weibliche Genitalverstümmelung ist ein strafbares Verbrechen. Es verstößt gegen höchste Werte des Islam", erläutert Nehberg. Er sieht in seinem Engagement eine Würdigung der hochkultivierten islamischen Gastfreundschaft, die ihm das Leben rettete.

Inzwischen konnte die Botschaft in den betroffenen Ländern und Gesellschaften weit verbreitet werden. Target durfte die Fahne mit der Fatwa an Moscheen hissen. In einer "Karawane der Hoffnung" zog er mit seiner Frau Sabine, zehn mauretanischen Begleitern und 14 Kamelen im Auftrag des Großmuftis von Mauretanien von Oase zu Oase, um die neue Botschaft gegen die Genitalverstümmelung bekannt zu machen. Sie steht in weißer Schrift auf grünen Fahnen. Über die Erfolge, die für die betroffenen Mädchen und Frauen bereits erreicht wurden und die weiteren Ziele von Target, können sich Interessierte unter www.target-nehberg.de informieren.

Mittlerweile ist die Fatwa in einem "Goldenen Buch" veröffentlicht worden, das an Vorbeter in den Moscheen verteilt wurde und noch weiter verteilt wird. Rüdiger Nehbergs Vision ist es, den Azhar-Beschluss in alle Moscheen der Welt zu tragen und abschließend das Verbot weiblicher Genitalverstümmelung in Mekka verkünden zu lassen. "Wenn ich das noch schaffe, hat mein Leben komplette Erfüllung gefunden", betont er. Zum Abschluss des Vortrags rollte er mit Hilfe von zwei Mädchen das Banner mit der Fatwa in arabischer, englischer, französischer und deutscher Sprache auf der Bühne auf.

Lang anhaltenden Beifall gab es am Ende für Rüdiger Nehberg, den Survival-Experten, den Menschenrechtler, der durch seine mitreißende, vitale Art das Publikum fasziniert hat. Vielleicht beschämte er gar den Einen oder Anderen ein wenig – ist er doch der lebende Beweis dafür, was ein einzelner Mensch anregen und erreichen kann, wenn er die Vision und den Willen hat, Berge zu versetzen.