RheingauCenter Nachrichten

Selbstbewusstsein durch Freundschaft

Aufführung des Pubertätsstücks der Rheingauschüler aus der Jahrgangsstufe 9 ging unter die Haut

Der Chor untermalte das Stück fast wie ein Musical mit passender moderner Musik.

Geisenheim. (sf) "Arme Eva" rutscht es einer Schülerin der 5. Klasse raus, als das Mädchen "Eva" (hervorragend gespielt von Sophie Sedo) in dem Stück "Bitterschokolade" nach einer Ohrfeige ihres strengen Vaters auf der großen Schattenwand verzweifelt weint und das eindringliche Schlagzeugspiel von Henok Mebrahton die Dramatik der Situation verstärkt. Die Bühnenfassung des Romans "Bitterschokolade" von Mirjam Pressler, die die rund 30 Schauspieler und zehn Sänger und Musiker der Wahlpflichtfächer "Darstellendes Spiel" und "Musik" der Jahrgangsstufe 9 der Rheingauschule auf die Bühne brachten, ging unter die Haut. Was nicht zuletzt an der hervorragenden Leistung der jungen Schauspielerinnen lag. Denn die spielten nicht nur sich selbst als pubertierende Jugendliche mit all den Problemen, die diese turbulente Zeit mit sich bringt. Da nur Mädchen in dem Kurs waren, wurden auch alle männlichen Rollen von den jungen Darstellerinnen gespielt und das als echte Meisterleistung. Allen voran die 15-jährige Ricarda Fillhardt, die sich die Rolle des Michel ausgesucht hatte. "Ich wollte unbedingt eine Hauptrolle, damit ich so lange wie möglich auf der Bühne sein kann", erzählt das Mädchen, das Schauspielerin werden will. Mit dem "Michel" hat sie sich eine besondere Herausforderung ausgesucht, die sie mit Bravour meisterte. "Ich hatte im Vorfeld die Jungs in meiner Klasse genau beobachtet und studiert, wie sie so laufen und gehen, tanzen und reden", erzählt Ricarda. Das habe sie dann versucht umzusetzen. "Und schließlich hat auch mein Klassenkamerad Stavros Strogilaki, der bei uns in der Technik hilft, mir einige wertvolle Tipps gegeben", so die junge Schauspielerin weiter. Die Umsetzung ist ihr so gut gelungen, dass die Zuschauer, selbst als Eva und Michel sich näher kamen, teilweise vergaßen, dass die Rolle des Michel von einem Mädchen gespielt wurde.

"Das Stück "Bitterschokolade" setzt sich mit der Frage "Was ist eigentlich Schönheit?" auseinander und handelt von einem Mädchen namens Eva, das wegen ihres Äußeren unter einem schwachen Selbstwertgefühl leidet. Da sie auch von ihren Eltern wenig Unterstützung erhält, beginnt sie sich zu isolieren und baut Mauern der Gleichgültigkeit um sich herum auf. Doch im Laufe der Handlung beginnen diese einzureißen. Eva begegnet einem Jungen namens Michel, durch den sie lernt über sich hinauszuwachsen und mit Selbstbewusstsein ihren Weg zu gehen. Durch Franziska, ein neues Mädchen in der Klasse, erfährt Eva Freundschaft und begreift, was es bedeutet, so akzeptiert zu werden, wie man ist. Es ist eine Geschichte aus dem Leben, über die erste Liebe, Freundschaft, Familie und darüber, zu sich selbst zu stehen und seinen eigenen Weg zu gehen", erklärte eingangs des Theaterstücks Jessica Jung dem Publikum.

1980 hatte Autorin Mirjam Pressler ihren Roman "Bitterschokolade" geschrieben, der heute noch so aktuell ist wie vor 33 Jahren, wie das Theaterstück der Rheingauschüler dokumentierte. Mirjam Pressler begann Ende der 70er Jahre Texte für Kinder und Jugendliche zu schreiben. Heute arbeitet sie als freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Für "Bitterschokolade" wurde sie mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis ausgezeichnet.

Erzählt wird die Geschichte der 15-jährigen Eva, die mit ihrem Übergewicht kämpft und in die neunte Klasse eines Gymnasiums geht. Sie ist eine gute Schülerin, aber dennoch eine Einzelgängerin mit schwachem Selbstbewusstsein, da sie das einzige pummelige Mädchen ihrer Klasse ist und sich für ihre Figur schämt. Ihre einzige Freundin ist Franziska, nachdem ihre damalige Freundin Karola ihr die Freundschaft kündigte.

Evas Familie besteht aus ihrem Bruder Berthold (Leonie Burkard), dem ordnungsfanatischen Vater Fritz (ebenfalls eine Glanzleistung von Johanna Fuchs), der täglich nach der Arbeit die Familie zusammen beim Essen sitzen haben will und Eva ausschimpft, beleidigt und auch handgreiflich wird, und ihrer schüchternen Mutter (sehr einfühlsam gespielt von Alexandra Lobov), die sich nicht gegen ihren Mann stellt. Durch den angestauten Frust aufgrund des täglichen Streits mit ihrem Vater frisst Eva ihre Probleme wortwörtlich in sich hinein. Sie schämt sich für ihre Essgewohnheiten, kann aber nicht anders. Sie würde gerne abnehmen, schafft es aber nicht, da sie nicht genug Durchhaltevermögen aufbringt und ihr der Rückhalt der Eltern fehlt. Auch hier sieht man im dramatischen Schattenspiel, wie Eva erst nach freiwilligem Hungern und dann einer Fressattacke unter massiven Essstörungen leidet.

Eines heißen Nachmittags im Sommer geht Eva in den Park, dort trifft sie auf Michel, der sie gerne ins Café einladen will, aber kein Geld hat. Eva gibt ihm das Geld, das ihre Mutter ihr für das Schwimmbad und ein Eis geschenkt hat, so gehen sie schließlich ins Gartencafé, wo Eva erfährt, dass Michel in die neunte Klasse der Hauptschule geht, sieben Geschwister hat und nach der Schule Matrose werden will. Seine Familie ist so arm, dass Michel kein Taschengeld bekommt. Sie beschließen sich erneut zu treffen, worauf sie sich für den nächsten Tag verabreden, um schwimmen zu gehen. Gleichzeitig trifft Eva in der Schule auf Franziska (Jana Hermes), die Verständnis für die sonst so alleingelassene Schülerin zeigt und mit Eva Freundschaft schließt.

Nach dem langen, beschwerlichen Weg findet Eva nun, dank der Gefühle zu Michel und der Freundschaft zu Franziska, endlich zu sich selbst. Vor dem Spiegel probiert sie neue Kleidung, ein rotes Tuch und eine rote Jacke an und sieht eine neue, frische Eva in sich.

"Bitterschokolade" spricht eine Fülle von Themen an, die für Jugendliche von besonderer Bedeutung sind: Erste Liebe, das äußere Erscheinungsbild, der Umgang mit dem eigenen Körper, das "sich unverstanden fühlen von Eltern und Erwachsenen".

"Das Buch ist also immer noch aktuell, weil auch heute viele Jugendliche mit ihrem Äußeren unzufrieden sind und sich einsam fühlen. Es kommt authentisch rüber, weil wir uns da richtig reinversetzen können", erklären die Schauspielerinnen.

Eineinhalb Jahre haben sie sich auf die Aufführung vorbereitet, ihre Lehrerin Tina Henseling hatte ihnen drei Stücke zur Auswahl gegeben, aber "Bitterschokolade" habe sofort das Rennen gemacht. Die Romanfigur "Eva" habe den Mädchen die Möglichkeit gegeben, sich mit ihr zu identifizieren, die Konfliktsituationen eingeschlossen. Gemeinsam mit den Mitglieder des Wahlpflichtfaches "Musik" von Lehrer Michael Bibo hat der Kurs "Darstellende Kunst" die Vorlage behutsam modernisiert, mit viel Humor und Situationskomik, die beim Publikum für gute Laune sorgt. Beeindruckend ist vor allem die rasante Szenenabfolge, die keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt und die Zuschauer ebenso wie die Schauspieler in Atem hält. Besonders raffiniert ist dabei der Einsatz der neuen Leinwand, die im Bühnenhintergrund dazu dient, die Kulissen rasch sich wechseln zu lassen und die eindrucksvollen Schattenspiele der Eva in Not zu ermöglichen.

Das alles gefiel dem Publikum so sehr, dass es am Schluss Riesenbeifall gab, Schulleiter Drollinger Blumen und Freistunden verteilte und gemeinsam mit den Zuschauern vehement einfordert, dass die Aufführung von "Bitterschokolade", die nur für diesen einen Abend geplant war, wiederholt werden muss.