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Konkurrenz für Scheherazade

Kosmopolitisches Lächeln: Roger Willemsen bereiste "die Enden der Welt"

Humor, Melancholie und Weisheit prägen die Texte von Roger Willemsen, meisterhaft musikalisch begleitet von der Pianistin Olena Kushpler.

Johannisberg. (sm) – "Ich habe mich sehr auf Sie gefreut, und das schon seit Jahren", so begrüßte Roger Willemsen sein Publikum beim Rheingau Musik Festival. Keine leere Floskel, sondern Teil seiner besonderen Art, die Welt zu sehen und zu erleben. Der Künstler, der seine Zuhörer im Fürst von Metternich-Saal des Johannisberger Schlosses ein literarisches Event der Extraklasse erleben ließ, beherrscht die Kunst, das Alltägliche und Gewohnte mit einem Zauber zu umgeben. Aus der banalen Begegnung zweier sich fremder Menschen macht er eine spannende Geschichte, aus seinen Reiseerlebnissen spinnt er ein ineinander greifendes Netzwerk der Poesie. Scheherazade, die Geschichten-Erzählerin aus 1001 Nacht, hätte in Willemsen ihren Meister gefunden.

Der Künstler trat im Fürst von Metternich-Saal von Schloss Johannisberg mit seinem Programm "Unterwegs" auf, begleiten ließ er sich am Klavier von Olena Kushpler. Wunderbar verhaltene Melodien und sparsame Klänge erhöhten noch den Zauber und die Rätselhaftigkeit der rezitierten Texte. Worte und Klänge setzten sich in unendlichen Schwingungen fort. So mancher Zuhörer fühlte sich angeregt, den eigenen Alltag auch mal unter dem Aspekt des Wunderbaren zu erleben und zu betrachten. Roger Willemsen ist ein reisender Sammler von poetischen Geschichten. Seinen 2010 erschienenen Erzählband "Die Enden der Welt", der als Grundlage für den Auftritt beim RMF diente, leitet er mit einer melancholischen, in einem Krankenhaus spielenden Geschichte ein: "Vor wenigen Minuten hat der achtjährige Tom von der Krankenschwester erfahren, dass er nur noch drei Monate zu leben hat. Jetzt steht er in der Tür und spricht diesen bodenlosen Satz: ‚Mir ist langweilig’". Das Erzähl-Ich, im der Geschichte der Freund der Krankenschwester, legt sich mit dem Jungen auf dessen Bett, fängt an, Geschichten zu spinnen. Gemeinsam gehen sie auf die Reise, den Raum verlassen sie dabei nicht, aber "die Überquerung des Teppichs wird zum Abenteuer, die Zimmerdecke zur unendlichen Landschaft." Später, auf seinen Reisen, habe er noch oft an den Jungen gedacht – "wenn ich Landschaften erblickte, die er nie sehen würde, wenn ich auf den Karussellen fuhr, die er nie würde besteigen können, oder wenn ich Speisen aß, die ihm erspart blieben", erzählt Willemsen. Der letzte Satzteil offenbart seinen feinen Humor, das in sich gekehrte und dennoch mit dem Publikum kommunizierende "kosmopolitische Lächeln" weicht während der ganzen Vorstellung nicht von seinem Gesicht. "Gelesen wird nicht, sondern in die lebendige Pantomime des Gegenübers abgesondert", so begann er seine Rezitation. Und tatsächlich: Willemsen ist wie ein sprudelnder Quell ungeheurer Textmengen, und das, ohne ein einziges Mal auf ein Blatt zu schauen. Er spricht schnell, doch das wirkt nicht störend, sondern erhöht die Intensität.

Die irgendwie alles durchdringende Melancholie seiner Literatur durchbricht der Künstler immer wieder durch einen trockenen, intelligenten und selbstkritischen Humor, der seinesgleichen sucht. Der Metternich-Saal war spärlich beleuchtet, eine intime Atmosphäre förderte die stille Konzentration der Zuhörer, und doch gab es zwischendurch herzliche Lachsalven. Hintergründig ist der Witz in den Texten, zärtlich und menschlich. Da ist zum Beispiel die Szene, in der – Reisen macht einsam – sich verzweifelt allein fühlender Roger Willemsen auf einmal, in den Gassen der spanischen Stadt Toledo, ein Schild hoch über den Köpfen der Passanten erblickt. "Abrazos gratis", steht darauf. Eine Gratis-Umarmung, ja, das ist genau das, wonach er sich in diesem Moment sehnt. Also steuert er auf die jungen Leute zu, die das Schild vor sich her tragen, segelt einer Studentin mit "kritischer Gesichtsdermatologie" entgegen, unbeholfen umarmen sie sich. "Zweifellos war auch ich nicht das, was sie sich erträumt hätte, egal, ihre dermatologisch bedenkliche Wange ruhte an meiner Brust, mein Oberkörper hing über ihrer Schulter, beide wussten wir nicht, wie lange so eine Gratisumarmung dauern muss, irgendwann gab es einen Ruck und wir lösten uns voneinander", erzählt Willemsen. Und trifft wenig später auf einen Reiseführer, der ihm sagt: "Vor allem hüten sie sich vor den ‚Abbrazos gratis’-Leuten, die räumen ihnen die Taschen leer!" Willemsen fühlt in seiner Tasche nach seinem Lieblingskuli – er ist noch da, und, was weit verwunderlicher ist, ein zweiter Kuli hat sich rätselhafter Weise dazu gesellt.

Reisen ist Rätsel, Abenteuer, Schritt ins Bodenlose, aber auch Suche nach Bekanntem im Unbekannten. Als Reisender versucht Willemsen, jeden Ort zur Heimat zu machen. Immer wieder erreicht er "die Enden der Welt". Der Zauber seiner Texte ist schwer beschreibbar, man muss sie selbst hören oder lesen. Willemsen erzählt und philosophiert gleichzeitig: "Schwärmerisch und maßlos ist das Reisen, und es wird von zwei Kräften genährt. Die erste ist die Schubkraft, die uns vor der Routine fliehen lässt. Denn für das alltägliche Leben haben wir eine Routine entwickelt, es bringt uns nichts Neues. Die zweite Kraft ist der von Städtenamen wie Paris, Algier, Timbuktu oder Abidjan ausgehende Sog. Städte bestehen aus all den Erfahrungen, die jemals von Menschen dort gemacht wurden. Aber: Nicht das Fremde im Fremden fasziniert uns, sondern das Vertraute im Fremden. Der Schriftsteller John Steinbeck erklärte sich seine Rastlosigkeit so: ‚Ich habe noch nicht jedes Zuhause gesehen." Willemsens Aphorismen schweben wie schillernde Seifenblasen ins Publikum, seine Erzählungen entführen die Zuhörer in viele Länder. So reiste er nach Locarno und wohnte dort in einem Hotel, in dem auch einst Marlene Dietrich und Königin Elizabeth abgestiegen waren – allerdings nicht gemeinsam. Die Direktion hatte kein Geld, um seine Lesung zu bezahlen, bot ihm aber dafür an, so lange er wolle dort zu wohnen. "Das Hotel war etwas Besonderes, das Allerbesonderste war, dass es am Tag nach der Lesung abgerissen wurde." Von Locarno aus reist der Schriftsteller in ein Land, das sozusagen als Ganzes zum Abbruch freigegeben zu sein scheint – Afghanistan. Kabul, für 50.000 Einwohner gebaut, jetzt fünf Millionen beherbergend, ohne nennenswerte Infrastruktur, gelegen auf einer wie eine schwärende Wunde wirkenden Hochebene. Es sei nicht leicht, eine amüsierfähige Geschichte aus Afghanistan zu erzählen, sagt Willemsen. Mit seinem Gespür für das Absurde im menschlichen Dasein gelingt es ihm dennoch – die Beschreibung seines Hotelzimmers mit dem Flokatiteppich, dessen untere Filzschicht ein reges Biotop beherbergt, in dem er auf rätselhafte Weise sein im Locarner Hotel verlorenes Zahn-Inlet wiederfindet, ist ein Meisterstück des Humors. Auch in Afghanistan erlebte der Autor die rätselhaften "Enden der Welt", auch hier kam er bei seinen Reisen an einem Punkt "wo die Landschaft keine Konturen mehr hat, wie die Rückseite einer Stickerei, wo sie dir sagt ‚Dreh dich um, geh heim, hier ist Schluss’."

Willemsens Bühnenprogramme sind keine Lesungen im klassischen Sinn. Als Moderator, der jahrelang im Fernsehen tätig war ("Willemsens Woche" oder "Willemsen – Das Fernsehgespräch) ist er es gewohnt, frei zu sprechen, wirkt eher wie ein Kabarettist. Auf der Bühne stand er unter anderem gemeinsam mit Dieter Hildebrandt oder Anke Engelke. Geboren 1955 in Bonn, studierte er Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn, Florenz, München und Wien, promovierte, startete eine journalistische Karriere als Korrespondent in London und begann 1991 als Fernsehmoderator. Olena Kushpler studierte Musik in Lemberg und Hamburg und ist bei international renommierten Festspielen und in Konzerthäusern als Pianistin tätig. Willemsens Vortrag begleitete sie mit Stücken von Henry Purcell, Sergej Prokofiew, Claude Debussy und anderen. Besonders eindringlich, melancholisch und wunderbar zu Willemsens Texten passend war das "Opening Piece from Glassworks" von Philip Glass, das Olena Kushpler zu Beginn und zum Ende der Veranstaltung und zur Pause spielte.