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Unterschied zwischen arm und reich kennengelernt

Julia Rupp aus Oestrich besucht ihre Austauschschülerin in Bolivien / Neue Lebenserfahrungen gesammelt

Das Wiedersehen mit ihrer Gastschwester Adriana war für Julia Rupp besonders wichtig.

Oestrich. (sf) Genau zehn Monate ist es her, daß die 16jährige Adriana Bazoberry aus Bolivien für vier Monate bei der Familie Rupp in Oestrich lebte und an einem Austauschprogramm der Geisenheimer Rheingauschule teilnahm. Das Gymnasium bietet als einzige Schule im Rheingau spanischen Sprachunterricht an.

Als Adriana wieder nach Hause reiste, tat sie dies mit gemischten Gefühlen, denn ihr waren Gastfamilie und viele Menschen in der Region so ans Herz gewachsen, daß der Abschied richtig schwer fiel. Doch ein Wiedersehen stand ja in Aussicht: Noch in den Sommerferien sind Kevin Schneider, Daniela Schwarz und Julia Rupp, die an dem Austausch teilgenommen hatten und als Gastgeber fungieren, in die Vier-Millionen-Stadt La Paz gereist und leben dort nun fünf Monate lang.

So gab es auch ein freudiges Wiedersehen zwischen den beiden 16jährigen Freundinnen Adriana Bazoberry und Julia Rupp. Doch die ersten Wochen in Bolivien empfand die Oestricherin als ziemlich hart: "Der Anfang fiel mir nicht ganz leicht, da ich vieles für eine längere Zeit zurücklassen mußte, was mir wichtig ist ganz besonders meine Familie, meine Freunde und auch meine Heimat. Ich hatte mich vorher monatelang auf dieses "Abenteuer" gefreut und dann war doch alles anders als erwartet. Ich habe viel gelernt hier und erst jetzt gemerkt, wie sehr ich mein Zuhause schätzte, den gewohnten Tagesablauf, Familie, Freunde und vieles mehr, was man sonst alles als selbstverständlich hin nimmt", so Julia. Auch wenn alles in Bolivien ganz neu und ungewohnt ist, hat sich die junge Oestricherin doch nach ein paar Wochen gut eingelebt: "Wenn man mich fragen würde ob ich es bereuen würde, würde meine Antwort auf keinen Fall lauten. Die Zeit, die ich hier lebe, wird mich stärker machen und ich werde noch vieles lernen, was mich in meiner Zukunft weiterbringen wird".

Jeden Morgen besucht Julia Rupp die Deutsche Schule in La Paz, aus Sicherheitsgründen wird sie von der Gastfamilie dort hingebracht und wieder abgeholt, denn die Kriminalitätsrate ist in Bolivien hoch. Nach dem Mittagessen treffen sie und Adriana wie Jugendliche in Deutschland auch Freude, hören Musik, sehen Filme und genießen ihre Freizeit. Die Sonntage gehören allerdings allein der Familie: "Meist sind alle zusammen, Großeltern, Tanten und Onkel, Nichten und Neffen. Dann wird alles gemeinsam gemacht, das finde ich sehr schön". Und doch könne man das Leben in Bolivien in keiner Weise mit Deutschland vergleichen, stellt Julia fest. "Es ist ein Land mitten in der Entwicklung, hier muß noch einiges passieren. In der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lage ist Bolivien noch weit zurück, dennoch fasziniert mich dieses Land mit all seinen Ecken und Kanten. In Deutschland ist immer alles perfekt, zumindest scheint es so, aber hier kann man auch hinter die Kulissen schauen und man entdeckt Negatives und Berührendes zugleich", erzählt die Austauschschülerin. Vor allem die Armut sei gravierend und der Unterschied zwischen arm und reich "gigantisch". "Besonders sichtbar wird es dadurch, daß alle reichen Familien mindestens eine empleada, also ein Hausmädchen, haben, wie meine Gastfamilie. Adriana Bazoberrys Familie gehört zu den reichen in der Zona Sur, doch nicht weit von uns entfernt sieht die Welt ganz anders aus", so Julia Rupp. So hat sie auch "El Alto", ein sehr armes Viertel kennengelernt, "wo die Menschen leben, die nicht besonders viel haben". Schon die Häuser seien sehr ärmlich aus blanken Backsteinen und mit einem Wellblechdach versehen, vom Leben der Menschen dort gar nicht zu sprechen.

"Diese Armut hat mich so bewegt, daß ich den Kontakt zu einer Stiftung namens arco iris, zu deutsch Regenbogen (www.arco-iris.de), gesucht habe. Diese Stiftung betreut verschiedene Projekte und sorgt sich besonders um Kinder und Jugendliche, die hier auf der Straße leben und unter dem miserablen Gesundheitssystem Boliviens leiden", erklärt Julia Rupp. Sie selbst engagiert sich auch vor Ort in diesen Projekten und arbeitet mit Straßenkindern: "Jedes Jahr findet eine Wallfahrt aller Projektbeteiligter von Arco iris statt und diese Fahrt nach Copacabana durfte auch ich miterleben. Wir sind für ein Wochenende mit 2.000 Kinder, die auf der Straße, in Heimen und im Gefängnis leben, in 39 Bussen und fünf Krankenwagen an den Titicacasee gefahren." Es sei ein unvergeßliches Erlebnis gewesen, als man in Copacobana von den Einwohnern mit Blumen, Brot und Musik willkommen geheißen wurde. "Wir sind alle gemeinsam in einem Umzug zur Kirche gelaufen, dort haben wir eine Messe gefeiert, die hier viel bunter und mitreißender gestaltet wird als in Deutschland. Wir haben viel mit den Kindern gelacht und die Zeit sehr genossen. Das war ein Erlebnis, daß ich so schnell nicht mehr vergessen werde", so Julia.

Das Zusammensein mit diesen Kindern habe sie tief geprägt: "Es ist etwas Besonderes, daß diese Kinder ihr Lachen nicht verlernt haben, trotz all der Schicksalsschläge, die ihnen widerfahren sind. Diese unbegreiflichen Geschichten zu hören und diese funkelnden Augen zu sehen, hat mich sehr beeindruckt. Die Kinder strahlen eine unglaubliche Wärme aus, die einen sehr berührt". Gerade einmal die Hälfte ihres Austausches in Bolivien sei erst um, doch schon jetzt wisse sie, daß sie viel neue Lebenserfahrung mit nach Hause nehmen werde, resümiert Julia Rupp, die auch manchmal Heimweh hat: "Trotz der schönen Zeit hier freue ich mich schon sehr wieder da zu sein, wo ich Zuhause bin".