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Historisches Orgelkonzert im Rheingauer Dom

Ganz nah am Original: Albert Schweitzers Konzert aus dem Jahr 1928 in Geisenheim

Auf den musikalischen Spuren von Albert Schweitzer: Martin Lücker an der historischen Stumm-Orgel im Geisenheimer Dom.

 

Geisenheim. (hhs) - In der rheingauweiten Konzertreihe "Bach am Rhein" fand am letzten Samstag im Rheingauer Dom ein Orgelkonzert mit dem Frankfurter Organisten Professor Martin Lücker und dem Kirchenchor der Gemeinde Heilig Kreuz statt. Vorbild war ein Konzert von Albert Schweitzer, das dieser im Jahr 1928 in Frankfurt gegeben hatte.

Musikalisch war die Geisenheimer Aufführung ganz nah am Original. Mit Martin Lücker, dem langjährigen Organisten der Frankfurter St. Katharinenkirche hatte Bezirkskantor Brachtendorf einen hervorragenden Solisten gefunden. Für den vokalen Part, den vor mehr als 80 Jahren zwei Frankfurter Chöre übernommen hatten, zeichnete der heimische Kirchenchor der Gemeinde Heilig Kreuz verantwortlich. Geleitet wurde er von Florian Brachtendorf, der auch die fünfteilige Konzertreihe "Bach am Rhein" ins Leben gerufen hatte.

Das Konzert in Geisenheim war das vierte dieser Reihe. Wenn es auch musikalisch absolut hochwertig war, konnte es sich hinsichtlich der Besucherresonanz kaum mit dem Original messen. Zeitgenössische Berichte vermelden, die Menschen hätten "in Scharen" dem Spiel des populären "Urwald-Doktors" gelauscht. Albert Schweitzer nutzte seinerzeit seine Popularität, um Geld für sein Spital in Lambarene im zentralafrikanischen Gabun zu sammeln.

Dass der für seinen humanitären Einsatz mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Albert Schweitzer auch ein bekannter Organist, Musikwissenschaftler, und einer der für das 20. Jahrhundert stilbildenden Interpreten der Musik Johann Sebastian Bachs war, ist vielfach in Vergessenheit geraten. Martin Lücker ging auf diese musikalischen Fähigkeiten Bachs in seiner Einführung ein. Schweitzer habe 1908 eine Bach-Monographie veröffentlicht, die nach wie vor ein Standardwerk von großer geistes- und wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung sei. In der Monographie zeigte er seinerzeit auch auf, dass zum richtigen Verständnis der Orgel-Choralbearbeitungen auch die Kenntnis des jeweiligen Choraltextes gehöre.

So ließ er im Originalkonzert von 1928 zu den jeweiligen Choralvorspielen die dazu gehörigen Choralsätze singen. Genau an diese Vorgabe hielten sich auch die Geisenheimer Musikerinnen und Musiker. So ergab sich ein geschlossener, harmonischer Gesamteindruck. Ein "kleines Leben Jesu" hatte Schweitzer das Programm damals thematisch überschrieben und vier Choralvorspiele zu Advent, Weihnachten, Passion und Eucharistie zusammen gestellt.

Eingerahmt wurden die vier Choralbearbeitungen "Nun komm, der Heiden Heiland", "Gelobet seist du, Jesu Christ", "Sei gegrüßet, Jesu gütig" und "Schmücke dich, o liebe Seele" mit Bachs berühmtesten Orgelwerk, der Toccata und Fuge d-moll zum Eingang und Mendelssohns Sonate d-moll op. 65 2 "Vater unser im Himmelreich" zum Finale.

Auch für dieses letzte Stück fand Professor Lücker einen engen Bezug zu Geisenheim: Wurde doch die Mendelssohn'sche Orgelsonate seinerzeit in der Frankfurter Katharinenkirche auf einer Stumm-Orgel gespielt. Während diese in Frankfurt aber schon lange nicht mehr existiert, konnte Lücker mit großer Freude die Sonate auf der prächtigen Geisenheimer Stumm-Orgel interpretieren.

Die Konzertreihe "Bach am Rhein" findet ihren Abschluss am 17. Juni mit der Veranstaltung "Mit dem Fahrrad zu vier Orgeln". An diesem Sommer-Sonntag wird die Reihe mit Konzerten in der Basilika von Mittelheim (14 Uhr), dem Rheingauer Dom in Geisenheim (15 Uhr), der Pfarrkirche St. Hildegard in Eibingen (16 Uhr) und schließlich der Pfarrkirche St. Jakobus in Rüdesheim (16.45 Uhr) ihren Abschluss finden. Ausführende an den Orgeln werden Florian Brachtendorf und Timo Ziesche (Kiedrich) sein.