„Oewi“ feierte Beginn eines aktiven Jahres
Neujahrsempfang der Stadt mit vielen Gästen und einer informativen Ansprache

The same procedure as every year: Zum Neujahrsempfang der Stadt Oestrich-Winkel kamen wie immer zahlreiche Gäste.

Oestrich-Winkel. (sm) – Dicht an dicht standen die zahlreichen Gäste beim Neujahrsempfang der Stadt im großen Saal des Bürgerzentrums, tranken Wein und knabberten Brötchen oder Laugenbrezeln. Bürgermeister Michael Heil, Erster Stadtrat Werner Fladung und Roland Laube, Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung, und ihre Ehefrauen begrüßten jeden Einzelnen mit Handschlag und guten Wünschen für 2017. In Oestrich-Winkel, der Stadt mit der größten Weinanbaufläche in ganz Hessen, lebt es sich gut.

Zu verdanken ist dies allen seinen Bürgern, besonders aber denen, die sich im sozialen, kommunalpolitischen und kulturellen Leben engagieren. Dies sind unter vielen anderen die Vereine, die vier Orts-Feuerwehren, die Kitas und Schulen, Kirchen, Hilfsorganisationen, Seniorenclubs und last not least die Betriebe, die sich um Abfallbeseitigung und Wasserversorgung kümmern. Zu Gast war auch eine Abordnung der Rüdesheimer Polizei und der Reservistenkameradschaft sowie der Traditionsgemeinschaft Pionierbataillon 320.

Die Stadtkapelle Oestrich-Winkel gab der Veranstaltung einen prachtvollen musikalischen Rahmen, die Neujahrsansprache hielt diesmal Roland Laube. „2016 hat uns viel abverlangt. Wir mussten feststellen, dass die Unvernunft immer noch steigerbar ist, obwohl wir doch schon Anfang des Jahres unangenehme Höhen erlebt hatten“, begann er. Aber es sei auch viel Positives dabei gewesen. Die Kommunalwahl Anfang 2016 hatte zu einer Änderung der Mehrheit im Stadtparlament geführt. Nach fünf Jahren einer Kooperation zwischen SPD und Bündnis 90/ Die Grünen hat nun eine Koalition aus CDU und FDP das Sagen. Die Führungspositionen wurden neu besetzt und ein Ausschussvorsitz den Grünen überlassen, die SPD hatte auf einen Vorsitz verzichtet. Das Stadtparlament wurde von 37 auf 31 Abgeordnete verkleinert, erstmals gab es in allen Stadtteilen Ortsbeiratswahlen, nicht nur in Hallgarten. 19 Personen aus Stadtverordnetenversammlung und Magistrat schieden nach – zusammengenommen – 340 Jahren Tätigkeit aus, darunter Christel Hoffmann, Andreas Orth und Karl-Heinz Kühn, ihnen allen sprach Laube Dank aus.

Wertevermittlung

Ein paar ernste Worte widmete der Redner der grundsätzlichen Frage nach den Werten in unserer Gesellschaft, die zur Zeit immer wieder durch brutale Terrorakte in Frage gestellt werden. Hier müsse man mit Festigkeit und in der Praxis mit Überwachungsmaßnahmen reagieren. Dass diese wirken, habe die nach den Vandalismus-Aktionen auf dem Winkeler Kerbeplatz installierte Videokamera gezeigt. Besser aber sei es, wenn unmenschliche Gedanken erst gar nicht entstehen, wenn also Wertevermittlung bereits bei der Erziehung beginnt. Die drei Millionen Euro, die die Stadt in 2017 für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe einplant, seien gut angelegt und würden von engagierten KiTa-Erziehern und schulischem Lehrpersonal liebevoll erzieherisch umgesetzt, betonte Laube. Er wies aber auch darauf hin, dass zu große Nachsichtigkeit oft in Bequemlichkeit ausarte, die jedes noch so abwegige Menschenbild und Handlungsweise hinnehme. Mancherorts gehe sie so weit, dass zum Beispiel der St. Martins-Zug in „Lichterprozession“ umbenannt werde. Toleranz bedeute, die Meinung des anderen zu akzeptieren, sich mit ihr auseinander zu setzen, aber nicht, dessen Position zu übernehmen oder die eigene Meinung zu verschweigen. Toleranz setze voraus, dass man überhaupt einen eigenen Standpunkt habe. Es sei ihm völlig unverständlich, dass sich die Kirchen immer mehr aus der Kinderbetreuung zurückziehen und Zuschüsse reduzieren, anstatt in diesen unruhigen Zeiten ihr Engagement und ihre Wertevermittlung zu verstärken. „Wertevermittlung erzeugt menschliche Wärme, Verständnis füreinander, und sie wird vor allem von ehrenamtlich Tätigen vermittelt, so zum Beispiel von Feuerwehren und Rettungsdiensten, Betreuern und Helfern in den sozialen Einrichtungen, den Pflegediensten, der Flüchtlingshilfe, den Vereinen.„Was gerade diese auf die Beine stellen können, das hat im vergangenen Jahr der Hallgartener Sportverein bewiesen, der mit enormen Eigenleistungen zum Bau des Kunstrasenplatzes beigetragen hat“, unterstrich der Stadtverordnetenvorsteher.

Bahnhof wird„Verkehrsstation“

Viel ist bereits am Stadtbild von „Oewi“ verbessert worden, jetzt soll auch endlich der Bahnhof in Mittelheim, bisher alles andere als ein repräsentativer Empfang für Gäste, dran kommen. Roland Laube wurde deutlich: „Der Zustand der Anlage ist katastrophal, Höhenunterschiede zwischen Bahnsteig und Zug vermiesen schon Nichtbehinderten die Lust am Bahnfahren, für Behinderte bedeuten sie aber den Ausschluss aus der Mobilität.“ Das Land Hessen hat jetzt über 3,12 Millionen Euro und damit hessenweit den dritthöchsten Zuschuss für eine solche Maßnahme bereit gestellt. Nach dem Umbau soll keiner mehr über die Gleise laufen müssen, Bahnsteig und Zug werden höhengleich sein. Zugleich wird auch der vom Stadtparlament seit Jahren geforderte Parkplatz geschaffen, weil die Bahn die entsprechende Fläche verkauft. Spätestens dann will die Stadt auch das „Problem Bahnhofgebäude“ angehen. Allerdings hat sie wenig Einfluss darauf, da das Gebäude mehrfach an Private verkauft wurde, die kaum Interesse an einer Veränderung im öffentlichen Interesse haben.

Nach der Umbau wird die Anlage auf Bahn-Deutsch „Mittelheimer Verkehrsstation“ heißen, über eine Rampe, also einen treppenfreien Zugang, gelangt man zur Unterführung. „Damit wird das vermieden, was wir in Oestrich mit dem in freier Natur stehenden Aufzug erleben, der mehr defekt als einsatzbereit ist. Auch wenn die Bahn als Eigentümer bisher zu keiner anderen Lösung bereit war, bin ich mir sicher, dass eines Tages auch sie einsehen wird, dass eine im Bau teurere Rampe auf Dauer weniger kostet als die Unterhaltung eines Schaden-anfälligen Aufzugs“, sagte Laube.

Brentanohaus: Kultur pur

Der Bestand des Mehrgenerationenhauses ist durch den Bund bis 2020 finanziell gesichert. Mit Hochdruck laufen die Planungen für einen Neubau auf dem Gelände der ehemaligen Rabanus-Maurus-Schule in Winkel. Hier wird ein bundesweit beachtetes Projekt für Generationen übergreifendes Wohnen geschaffen. Die Bemühungen der Stadt, den vor Jahren auf das Dach des Edeka-Marktes in Winkel verlegten Kerbeplatz mit Leben zu erfüllen, gehen weiter. Der Ortsbeirat Winkel hat sich dies als sein erstes großes Projekt vorgenommen. Die Oestrich-Winkeler waren im vergangenen Jahr jedoch mehr an den verkehrstechnischen Änderungen zwischen Mittelheim und Oestrich interessiert. Wellen der Empörung schlugen hoch, als der zur Schulstraße führende „Schleichweg“ durch den Wingert nach langen Diskussionen tatsächlich mit einer Schranke verbarrikadiert wurde – übrigens mit Zustimmung aller Parteien im Stadtparlament. Freundliche Appelle, den Weg besonders jetzt, nach der Umwandlung der „Reformschule“ in die nach dem Pfingstbach benannte Grundschule, zu meiden, hatten nicht gefruchtet. Auf Drängen der Stadt hat der Landkreis für die Sicherheit der Kinder einen Busverkehr geschaffen, leider, so Laube, würden nicht alle Eltern dieses Angebot nutzen, sondern die Straße mit ihren „Taxis zur Schule“ verstopfen. Um eine kulturelle Attraktion ersten Ranges reicher wird Oestrich-Winkel durch die bald abgeschlossene Sanierung des Brentanohauses. Für die Organisation der unterschiedlichsten Veranstaltungen wird der am 5. März vergangenen Jahres gegründete Freundeskreis Brentanohaus sorgen.

Baustellen

Was ist sonst noch so passiert in „Oewi“? Der Baubetriebshof brannte ab, nach der für die Winzer sehr unglückliche Schließung der Raiffeisen-Werkstatt fand sich schnell ein sogar besserer Standort. Das Feuerwehrhaus Mittelheim wurde umgebaut, um endlich allen Vorschriften gerecht zu werden, das neue Feuerwehrboot in Betrieb genommen. Der Koepp-Tunnel ist Geschichte, schnell war er abgerissen, aber die Neugestaltung des dazugehörigen Stücks auf der B42 ist noch immer nicht ganz abgeschlossen. Weniger erfreulich, so der Stadtverordnetenvorsteher, sei das Bild, das die Grundstücke nördlich davon nun bieten. Gar nicht erfreulich auch das Verhalten des Bauherren Hessen Mobil, der Absprachen und deren Einhaltung noch nicht recht verinnerlicht habe. Zum Thema ganz allgemein hatte Laube noch eine humorige Anmerkung parat: „Die uns sonst gar nicht auffallende Brücke an der Fähre Mittelheim hat ja auch Nerven gekostet, aber: Nicht jede Baustelle läutet den Untergang des Rheingaus ein, und Bauen ohne Baustelle hat auch noch niemand erfunden. Egal, wann – im Rheingau gibt es keinen passenden Termin, hier bei uns ist eben immer etwas los, worum uns andere beneiden. Aber wenn wir schöne Straßen wollen, müssen wir auch die damit verbundenen Unannehmlichkeiten ertragen.“

Der Dippemarkt und Oestricher Markt wurden belebt, die Flötenwandertage sind ein echtes Event geworden. Kunstausstellungen im Bürgerzentrum beflügelten das kulturelle Leben der Stadt, das Graue Haus, viele Jahre leerstehend, hat wieder einen Nutzungszweck, in dem sinnstiftende Seminare durchgeführt werden sollen. Die KiTa-Gebühren wurden nach vielen Jahren wieder einmal angepasst, die Abwassergebühren gesenkt. Das ehemalige Hotel Nägler wird in Kürze wieder seine Türen öffnen, ein Gewinn für Stadt und Gäste. Maßnahmen zur Ausweisung von Bauplätzen wurden eingeleitet. Die dadurch möglich werdenden 43 Bauplätze stünden in keinem Vergleich zu dem, was in Nachbargemeinden aus dem Boden gestampft werde, betonte Laube. Möglichst behutsam mit der Landschaft umzugehen, sei seit Jahrzehnten das Ziel in dieser Stadt, und zwar aller Parteien.

Zum Schluss seiner Ansprache kam der Stadtverordnetenvorsteher noch einmal auf das Thema Werte zurück. Mit Werten zu tun habe auch der Umgang der Politiker mit den Bürgern und umgekehrt, und nicht zuletzt habe die Presse ihren Anteil. Ein Zitat des Bundespräsidenten dazu lautet: „Gute Kommunikation muss ein eigener politischer Wert sein. Zu oft wird den Menschen von einer elitären Minderheit erklärt, dass sie keine Ahnung hätten. Darauf beginnen die Bürger anders zu reagieren als früher. Die Bürger sind emanzipiert.“ In Oestrich-Winkel übt sich die Politik seit langem im direkten Austausch mit den Bewohnern der Stadt. CDU und SPD geben regelmäßig eine Zeitung heraus, alle Parteien informieren mit Flugblättern zu aktuellen Themen. Alle bieten umfangreiche Darstellungen im Internet, sie sind nicht nur unterwegs bei Ortsterminen, Verbänden und Vereinen, sondern auch in den sozialen Medien. Dort, so bemerkte Laube, sei der Ton allerdings zu oft verbesserungswürdig. Auch die Stadt informiert mit ihrer Homepage über alle Aktualitäten, die Beschlüsse der Gremien sind als redaktionelle Berichte und in Original-Protokollen einsehbar. In Zukunft werden zwei Bürgerversammlungen pro Jahr stattfinden, hinzu kommen Anhörungen in besonderen Verfahren.

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