Melancholie pur / „Mit meinen heißen Tränen“

Melancholie pur / „Mit meinen heißen Tränen“
Ergreifende Interpretation von Schuberts „Winterreise“ im Rahmen der Sonntagskonzerte

„Wohnzimmer-Atmosphäre“ in der Boosenburg. Heike-Dorothee Allardt am Flügel und Bariton Geyer nahmen die Zuhörer mit auf die „Winterreise“.

Rüdesheim. (hhs) — Die Räumlichkeiten atmen Musik. In der Rüdesheimer Boosenburg, in denen bis zu seinem Tod vor fünf Jahren Dr. Hans Otto Jung lebte, finden seit letztem Jahr wieder Konzerte statt. Jungs Sohn Edu führt die Tradition der Jazzkonzerte fort, und auch die von der Familie Jung unterstützten Rüdesheimer Sonntagskonzerte haben in der Boosenburg einen würdigen Veranstaltungsort gefunden.

Am letzten Sonntag stand dort die Schubert’sche „Winterreise“ auf dem Programm. In den Privaträumen der Familie Jung gab es keine freien Stühle mehr, etliche Besucher mussten gar mit Plätzen ohne Sicht vorlieb nehmen. Grund für den großen Andrang war zunächst einmal das attraktive Programm: Die „Winterreise“ gilt als einer der bekanntesten Liederzyklen der Romantik. Sie wurde von nahezu allen bedeutenden Liedsängern – gleich ob Bass, Bariton oder Tenor, aber auch von Sängerinnen (Mezzosopran, Alt, Sopran) interpretiert. Er gilt sowohl technisch als auch interpretatorisch als große Herausforderung für Sänger und Pianisten. Über 50 verschiedene Einspielungen existieren auf Schallplatte und CD.

Zur Attraktivität des Programms gesellte sich der überragende Ruf der ausführenden Künstler. Bariton Stefan Geyer und die Pianistin Heike-Dorothee Allardt werden in der Musikszene als „wunderbares Lied-Duo“ gefeiert.

Dritter Grund war die Widmung des Konzertes für Hans Koppenburg. In diesen Tagen jährt sich der erste Todestag des Dirigenten und langjährigen Kulturredakteurs des Hessischen Rundfunks. Koppenburg galt als Förderer des Nachwuchses weit über Hessen hinaus. Auch mit Dr. Hans Otto Jung hatte ihn eine enge künstlerische Freundschaft verbunden.

Steinway-Flügel

Zwei Steinway-Flügel stehen noch immer in den Räumlichkeiten, in denen Hans Otto Jung, der auch Mitbegründer und Förderer des Rheingau Musik Festivals war, mit renommierten Musikern private Konzerte gab. Schon Jungs Vater hatte regelmäßig häusliche Kammermusikkonzerte organisiert. In der Boosenburg gingen Musiker und Komponisten wie Paul Hindemith ein und aus. Trotz der Führung des Weinguts, das sich auf die Produktion von alkoholfreiem Wein und von Weinbrand spezialisierte, pflegte Jung seine Liebe zur Musik bis an sein Lebensende.

An einem der beiden Steinways saß am Sonntag Heike-Dorothee Allardt, um den Solisten Stefan Geyer zu begleiten. Beide gewannen schon vor mehr als 20 Jahren ihre ersten Auszeichnungen, u.a. den internationalen „Wettbewerb Franz Schubert“. Es war nur folgerichtig, dass an diesem denkwürdigen Sonntag Schuberts „Winterreise“ auf dem Programm stand. Dabei bewältigte das Duo die Mammutaufgabe, alle 24 Stücke des Liederzyklus ohne Pause aufzuführen. Insbesondere für den Bariton eine einzigartige Herausforderung, die Geyer bravourös meisterte.

Franz Schubert (1797–1828) hatte den Zyklus im Herbst 1827, ein Jahr vor seinem Tod, vollendet. Die schwermütigen Gedichte von Wilhelm Müller (1794–1827) – übrigens ein Zeitgenosse und enger Freund der auch im Rheingau bestens bekannten Clemens Brentano und Achim von Arnim – hatten Schubert tief berührt.

Wanderlieder

Die ersten zwölf Gedichte wurden von Müller unter dem Namen „Wanderlieder von Wilhelm Müller“ verfasst und als „Winterreise. In 12 Liedern“ veröffentlicht. Weitere zehn Werke erschienen 1823 in den Deutschen Blättern für Poesie, Literatur, Kunst und Theater. Erst 1824 erschienen alle 24 Texte zusammen unter dem Namen „Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten. Lieder des Lebens und der Liebe“.

Mit der Vertonung der Gedichte in seiner „Winterreise“ schuf Schubert einen der bekanntesten Liederzyklen der Romantik. Voller Melancholie und tiefer Traurigkeit stellte er den existentiellen Schmerz des Menschen dar und bediente sich dabei der Eindrücke eines jungen Mannes, der nach verflossener Liebe in die Welt hinaus ging. Nur vereinzelt gibt es in der „Winterreise“ auch Phasen von Leichtigkeit und Freude.

Im Verlauf des Zyklus wird der Hörer innerlich immer mehr zum Begleiter des Wanderers, der die zentrale Figur der Winterreise ist. Ohne Ziel und Hoffnung zieht dieser durch die Welt. Das bekannteste Lied dürfte der „Lindenbaum“ sein, das mit seiner Textpassage „Am Brunnen vor dem Tore“ zu einem populären Volkslied wurde.

Bariton Stefan Geyer interpretierte jedes einzelne Lied mit viel Einfühlungsvermögen und Gefühl, stand mal starr und steif neben dem Flügel, ein anderes Mal verstärkte er die Wirkung von Text und Musik mit ausladenden Gesten.

Tiefe Ergriffenheit prägte das letzte Lied, den „Leiermann“. Darin trifft der Wanderer auf den Leiermann, der frierend seine Leier dreht, aber von niemandem gehört wird. Schubert gelang in dieser Szenerie unendlicher Hoffnungslosigkeit eines seiner anrührendsten und gleichzeitig schlichtesten Lieder, das von dem Duo Stefan Geyer und Heike-Dorothee Allardt grandios interpretiert wurde. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis endlich die Spannung bei Künstlern und Zuschauern wich und sich die Anspannung im verdienten Applaus löste.

Die in der Überschrift genannten „heißen Tränen“ sind übrigens ebenfalls der „Winterreise“ entlehnt – sie waren auch Titel gebend für den Fernsehfilm über das Leben Franz Schuberts.

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