Wie im Himmel
Neue Rheingauer Kantorei präsentierte moderne Chormusik aus Skandinavien

Geisenheim. (sf) – „Wie im Himmel“ heißt ein anrührender und sehr erfolgreicher Film, der vor einigen Jahren schon in aller Welt klar machte, welchen Stellenwert der Chorgesang in Skandinavien hat. Dieses „himmlische Phänomen“ hat jetzt die Neue Rheingauer Kantorei aufgegriffen und mit ihrem außergewöhnlichen Konzertprogramm „Nothern Lights – Lichter des Nordens“ eine wunderbare musikalische Reise nach Skandinavien unternommen. Mit an „Bord“

bei der Premiere dieses wundervollen Konzertes waren hunderte Besucher vergangenen Sonntag in der evangelischen Kirche in Geisenheim. Voll besetzt bis auf den allerletzten Platz nahmen es sogar einige Zuhörer auf sich, das Konzert stehend zu erleben, so faszinierend war das, was die Neue Rheingauer Kantorei unter der Leitung ihres Dirigenten Tassilo Schlenther hier bot.

„Allein in Schweden betätigen sich rund zehn Prozent der Bevölkerung in einem Chor, und in Norwegen schätzt man die Zahl der sängerisch aktiven Personen auf 125.000 und das in einem Land mit weniger als 4 Millionen Einwohner“, ließ der Chor sein Publikum erläuternd wissen. Die skandinavische Chormusik habe ihren entscheidenden Ausgangspunkt im 19. Jahrhundert genommen, ähnlich wie in Deutschland. „Das Chorsingen wurde zum wichtigsten Ausdrucksmedium des neuen bürgerlichen Musiklebens. Besonders die Männerchöre, gerade die studentisch-universitären, wurden zum selbstbewussten Ausdruck einer neuen politischen, liberal-nationalen Emanzipation. Das wiedererwachte Nationalgefühl führte auch zu einer Rückbesinnung auf die nordische Volksmusik-Tradition als Inspirationsquelle“, so die Rheingauer Kantorei. Diese Chortradition habe sich erstaunlicherweise bis in die heutige Zeit aufrecht erhalten, begünstigt worden sei das durch relativ stabile gesellschaftliche und politische Verhältnisse. Eine der weiteren Ursachen sei aber auch die breite musische Bildung der Bevölkerung, gefördert durch eine starke Verknüpfung der Staatskirchen sowie der freikirchlichen Einrichtungen mit dem Schul- und Ausbildungswesen. „Diese Grundlagen sowie auch die in den Gottesdiensten allgemein verwendeten vierstimmigen Gesangssätze bewirken eine Chorpraxis, die bis hinein in die private Häuslichkeit durch breite Bevölkerungsschichten getragen wird. Das Singen kann schon als eine Art von Volkssport in Skandinavien bezeichnet werden, und es gibt kaum eine Region, wo mehr zeitgenössische geistliche Chormusik komponiert und gepflegt wird als Nordeuropa“, erklärte der Chor. Da es jedoch unmöglich wäre, diesen immensen musikalischen Reichtum in einem einzelnen Konzert abzudecken, habe man eine kleinen Auswahl von vor allem neueren und „jungen“ skandinavischen Kompositionen, von denen einige erst fünf oder zehn Jahre alt seien, um einen kleinen Eindruck vermitteln zu können.

Und den bekamen die begeisterten Gäste, darunter viele Nordfans, die seit Jahren Urlaub in Skandinavien machen und ihre eigenen Erinnerungen an den Norden Europas durchaus in den dargebrachten Liedern wiederfanden. Den Anfang mache das Prelude und Ubi Caritas von Ola Gjeilo. Der 1978 geborene Norwegers stammt aus Oslo, studierte dort sowie beim Royal College of Music in London und hat bereits mehrere hochrangige Auszeichnungen für seine Kompositionen erhalten. „Seine Werke sind, wie wir finden, recht gute Beispiele für die junge zeitgenössische skandinavische Chormusik. Diese hat ihre ursprünglich avantgardistischen Tendenzen weitgehend abgelegt und steht mittlerweile wieder in einer festen traditionellen Tonalität mit einer unmittelbaren klangsinnlichen Wirkung. Diese Musik verwendet sozusagen fast alles, was sie bekommen kann: Romantische Chorlieder, alte Vokalpolyphonien, Renaissancetänze, ja sogar gregorianische Choräle werden genommen und oft mit Elementen der traditionellen nordischen Volksmusik neu zusammengemischt. Das Ergebnis soll keineswegs nur national, sondern auf alle Fälle international verständlich sein. So spielen auch die eigenen skandinavischen Dialekte bei der Auswahl der Texte kaum noch eine Rolle, vielmehr Latein und insbesondere auch Englisch sind dominierend. Das erleichtert natürlich Zuhörern wie auch Sängern den Zugang zu dieser Musik immens“, erläuterte der Chor für die Zuhörer. Ola Gjeilo war dann auch später im Programm mit dem Titelgebenden Stück „Northern Lights“, „Serentity“ und „Unicorns Captivatur“ zum Abschluss zu hören.

Mit Håkan Parkman und seinen spielerisch-leichten Shakespeare-Vertonungen „Madrigal“ und dem „Sonet 76“ aus „Three Shakespeare Songs“ ging die musikalische Reise weiter nach Schweden. „ Trotz seiner Jugend war Parkman schon eine bedeutende Persönlichkeit im schwedischen Musikleben, bevor er mit nur 33 Jahren im Jahr 1988 durch einen tragischen Unfall ums Leben kam. In seiner Heimatstadt Uppsala, wo er als Leiter von mehreren Chören und als Kapellmeister am Theater tätig war, vermisst man ihn noch heute“, informierte der Chor. Die beiden Lieder aus dem Album „Three Shakespeare Songs“ entpuppten sich als gutes Beispiel, wie unbefangen und locker sich die neue skandinavische Chormusik von allen möglichen kulturellen Einflüssen inspirieren lässt.

Hörenswert war auch ein Ausschnitt schwedischer weltlicher Chorlyrik aus dem 19. Jahrhundert: Von Wilhelm Peterson-Berger wurde das „Vesleblomme“ gesungen. „Seine romantischen Chorsätze, beeinflusst durch traditionelle Volksweisen und inspiriert durch die Schönheit der nordischen Natur gehören mit zu den schönsten ihres Genres. Peterson-Berger hat recht viel komponiert, auch einige schwedische Opern, die hierzulande allerdings kaum jemand kennt. Er hatte in Dresden studiert und war ein großer Wagner-Verehrer“, informierte der Chor. Seine „8 Lieder op. 11“ entstanden 1898 und auch das Publikum in Geisenheim spürte beim Hören sofort seine Lebensfreude und tiefe Naturverbundenheit, obwohl der Text in einem der beiden norwegischen Dialekte, dem „Nynorsk“ abgefasst ist und von dem norwegischen Nationaldichter Bjornstjerne Bjornson stammt, dem ersten skandinavische Literaturnobelpreisträger.

Mit dem „Lied an Farö“, 1976 komponiert von der schwedischen Dichterin und Liedsängerin Elisabet Hermodsson ging es weiter. Das Lied sei in Schweden sehr populär und beschreibt die herbe Naturschönheit der Insel Farö in der Ostsee.

Danach widmete sich die Neue Rheingauer Kantorei den nordischen Volkstänzen und stellte „El Hambo“ einen bekannten Rundtanz im Dreivierteltakt vor, der in Gruppen getanzt werde und ganz strenge synkopierte Schrittfolgen und Figuren habe. „Das Ganze wird in Schweden ziemlich ernst genommen, und einmal im Jahr finden sogar Weltmeisterschaften im Hambo-Tanzen statt“, erklärte der Chor, der dafür ein Lied des Finnen Jaakko Mäntyjärvi ausgewählt hatte und der den „Hambo“ auf musikalische Art und mit einem völlig sinnlosen Text „augenzwinkernd durch den Kakao ziehe“.

Schließlich war Dirigent Tassilo Schlenther im Rahmen des Konzertes auch wieder als virtuoser Orgelspieler zu hören, der mit „Power of Life“, eine Komposition des Osloer Organisten Mons Leidvin Takle, eine typische nordische Crossover-Musik; „irgendwo zwischen Barock und Rock“, vorstellte.

Danach stand das letzte Programmteil mit geistlicher Musik aus dem Norden an, die einluden, einem tiefen inneren Frieden nachzufühlen. So auch zum Beispiel der erste Chorsatz des titelgebenden „Northern Lights“ von Ola Gjeilo, das der Komponisten tatsächlich beim Anblick der Polarlichter in einer klaren norwegischen Winternacht komponierte. „Der Text stammt aus dem Hohelied von König Salomon aus dem Alten Testament und kann hier aber auch durchaus als Hommage an dieses Naturschauspiel verstanden werden, als Bewunderung und tiefe Ergriffenheit“, meinte die Sänger. Von Knut Nystedt, 1915 in Oslo geboren und mit über 300 Kompositionen einer der Altmeister der modernen skandinavischen Chormusik stellte der Chor „Immortal Bach“, ein eindrucksvolles Klang-Arrangement des geistlichen Liedes „Komm, süßer Tod“, das original aus Johann Sebastian Bachs „Schemelli“-Gesangbuch stammt, vor. Kilian Balzer begleitete die Neue Rheingauer Kantorei dann beim am „Sanctus“ von Jan Sandström und der Motette „O Magnum Mysterium“ von Ola Gjeilo für Chor und ein Streichinstrument am Cello. Und mit dem von mittelalterlicher Melodik und Rhythmik dominierten Stück „Unicornis captivatur“, 2001 von Ola Gjeilo komponiert, ging das Konzert fulminant zu Ende.

„Wir hatten sehr viel Freude bei der Erarbeitung unseres Konzertes mit neuer Chormusik aus Skandinavien“, gestanden die Sängerinnen und Sänger zum Abschluss der gelungenen Premiere ihres neuen „Northern Lights“-Konzertes und das war auch deutlich zu spüren. Wer mit der Neuen Rheingauer Kantorei gerne in musikalisch in den Norden reisen will, kann das am kommenden Sonntag um 17 Uhr in der Oestricher St. Martinskirche noch einmal tun.

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