Weitgereiste Teilnehmer beim Sensorik-Seminar
Resümee: „Jeder, der beruflich mit Wein zu tun hat, sollte dieses Seminar besuchen“

Weinsensorik in der Prexis: Das Foto zeigt (v. l.) Dr. Fritz Zürn, Günter Ringsdorf, Peter Junker, Barbara Acklin, Alain Othenin-Girard und Prof. Dr. Rainer Jung.

Geisenheim. – Peter Junker ist einer der 30 Teilnehmer am Wein-Sensorik-Seminar der Hochschule Geisenheim. Wie alle anderen frischt er an diesem Samstag seine Kenntnisse auf. Und dennoch ist er anders als die anderen: Der aus Mainz stammende Deutsche ist der Teilnehmer, der die bislang weiteste Anreise hatte. Peter Junker lebt seit 2004 in Sizilien, in der Nähe von Palermo – und ist eigens für das Seminar in den Rheingau gekommen.

 

Der Sommelier, der diesen Titel in Italien im Rahmen einer zweieinhalbjährigen Ausbildung erwarb, kannte Geisenheim von früher, außerdem sei der Name der Hochschule auch in Italien bekannt. „Ich wollte eine richtige Schulung machen, denn man muss seine Kunden doch beraten können, wenn sie einen Wein suchen“, sagt der Besitzer eines Mainzer Geschäftes für Feinkost und Wein mit dem Schwerpunkt Sizilien. Einmal pro Monat kommt er für zehn Tage nach Mainz, ansonsten ist er in Italien unterwegs, denn er kauft direkt bei den Produzenten. „Wenn ich nicht da bin, unterstützen meine Eltern und eine Aushilfe im Verkauf.“

„Das Seminar bringt mir sehr viel“, berichtet er. „Denn Wein trinken muss man schulen. Mir hat es zum Beispiel absolut gefallen, verschiedene Farbnuancen zuzuordnen. Das würde ich gerne auch mal mit meinen Kunden machen.“ Als „extrem interessant“ bezeichnete er auch das Erkennen von Düften, die in schwarzen Gläsern, bzw. aus kleinen Gläsern erschnuppert werden konnten, die mit einer Substanz eines Duftes angereichert waren.

„Das ist ein absolutes Highlight heute“, bestätigen auch Barbara Acklin und Alain Othenin-Girard, die ebenfalls eine weite Reise hinter sich haben. Sie kommen aus der Schweiz, aus Luzern, und haben über Umwege und eine gemeinsame Bekannte des einen Referenten, Dr. Fritz Zürn, von dem Seminar erfahren. „Ich finde es großartig“, sagt Alain Othenin-Girard. „Ja, weil die Sinne getestet werden, die in dieser Feinheit im Alltag nicht zum Tragen kommen“, ergänzt Barbara Acklin.

Wer aber meint, dies ginge in einem Weinsensorik-Seminar nur mit Wein, wird schnell eines Besseren belehrt: Am Vormittag befindet sich hauptsächlich Wasser in den Gläsern – reines Wasser oder angereichert mit Zucker, Salz, Zitronensäure oder Koffein in unterschiedlicher Konzentration. Wer hier die Unterschiede herausfinden und die Proben als süß, salzig, sauer und bitter identifizieren möchte, muss gute Sinnesorgane haben und zudem viel Geduld und Konzentration.

Alle Sinne sind gefragt an diesem Wein-Sensorik-Tag, wenn es darum geht, Farben und Aromen zu bestimmen, den Triangel-Test kennen zu lernen oder in die Geheimnisse der AP-Nummern-Vergabe eingeweiht zu werden. 'Ganz nebenbei' lernen die Teilnehmer, wie viele Oechsle-Grade Kabinett, Spätlese, Auslese und die anderen Prädikatsweine haben müssen, wie viel Gramm Zucker ein trockener, halbtrockener, feinherber oder Classic-Wein haben darf.

180 Seminare gab es seit der Gründung der Wein-Sensorik-Seminare im Jahr 1982, über 5.000 Teilnehmer, drei Referenten, von Anfang an Wartelisten, – so sieht die Bilanz der Weinsensorik-Seminare aus, die in diesem Herbst ihr 35jähriges Bestehen feiern. Beteiligte der ersten Stunde sind Dr. Fritz Zürn, der an der damaligen Forschungsanstalt Geisenheim die Grundlagen der Sensorik aufgebaut hat, und Günter Ringsdorf, der ehemalige Geschäftsführer von Kloster Eberbach. Seit gut 15 Jahren ist der Dritte im Bunde Prof. Dr. Rainer Jung mit dem Fachgebiet Kellerwirtschaft an der Hochschule Geisenheim.

Die Idee kam vor über 30 Jahren von der anderen Rheinseite, als die Weinbauschule Oppenheim dreitägige Sensorikseminare anbot. Daran angelehnt entwickelte der damalige Leiter der Hessischen Staatsweingüter, Dr. Hans Ambrosi, ein eintägiges Programm, das das erste Mal am 8. Oktober 1982 im Laiendormitorium von Kloster Eberbach angeboten wurde. „Zu groß“, war die Bilanz nach dem ersten Seminartag, 80 Personen waren zu viel, die Teilnehmerzahl wurde auf 30 Personen begrenzt. Alles andere an dem Konzept stimmte, an dem in den vergangenen Jahren nur Kleinigkeiten verändert wurden. Der Erfolg spricht für sich: Die Seminare, anfangs zwei bis drei pro Jahr, mittlerweile sieben jährlich, sind regelmäßig ausgebucht.

„Ein Grund für den Erfolg liegt zweifellos darin, dass wir renommierte Weinfachleute als Referenten gewinnen konnten“, sagt Günter Ringsdorf, von Anfang an für die Organisation zuständig und als Referent dabei. Außer ihm waren das Dr. Fritz Zürn, Professor Bauer und Professor Rapp Hochschule Karlsruhe. „Hinzu kommt, dass die Teilnehmer praxisnah arbeiten und ihre Sinne testen können. Die Erfolgserlebnisse motivieren.“

„Wir haben immer wieder Spaß daran, wenn wir die Begeisterung der Teilnehmer und Weinfreunde spüren, die ihr theoretisches Wissen erweitern möchten“, so Prof. Dr. Jung, der sich freut, dass auch Winzer und Kellermeister den Weg in die Hochschule finden, um ihre Kenntnisse aufzufrischen. Beliebt sei das Seminar auch als Geschenk. „Wir erleben es sehr oft, dass Teilnehmer ihrem Vater, Freunden, Lebensgefährten einen Weinsensorik-Tag bei uns schenken.“

Ein weiteres Merkmal des Weinsensorik-Seminars, das selbst die Referenten manches Mal überrascht: „Wir machen so gut wie keine Werbung, seit 35 Jahren nicht“, betont Dr. Zürn. „Wir haben natürlich eine Website, und ab und zu erscheint ein Artikel über unser Seminar in der Zeitung. Aber das meiste läuft über Mund zu Mund-Propaganda.“ Es gebe auch eine Reihe von 'Wiederholungstätern'. „Sie haben so viel Freude, dass sie wiederkommen und jemanden mitbringen, der noch nicht dabei war.“ Seit einigen Jahren gibt es auch ein Aufbau-Seminar pro Jahr, bei denen die Kenntnisse vertieft werden. Auch hier ist das Interesse groß.

„Wir hätten 1982 nicht gedacht, dass unsere Seminare 35 Jahre später noch immer so stark nachgefragt würden“, sind sich die Referenten einig. „Damals war Vieles improvisiert. So mussten die Teilnehmer in Kloster Eberbach Eimer mit Hobelspänen oder Katzenstreu zum Spucken benutzen. Seit wir in der Forschungsanstalt sind, können wir hier den hervorragend ausgestatteten Sensorik-Raum nutzen.“

Doch eines hat sich nicht geändert: Die Referenten vermitteln Fachwissen auf lockere Art. Gleich geblieben ist auch die Begeisterung der Teilnehmer, die sogar von sehr weit anreisen und wie Peter Junker am Ende überzeugt sind: „Jeder, der beruflich mit Wein zu tun hat, sollte dieses Seminar besuchen.“

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