Viele Glanzpunkte zum 30-jährigen Jubiläum
Neues Buch des Rheingauer Mundartvereins stand im Mittelpunkt der Mundartmatinee

Ulrike Neradt mit dem brandneuen Buch, das im Mittelpunkt der Matinee stand: „Noch en Dutt voll Micke“.

Kiedrich. (chk) – „Noch en Dutt voll Micke“ heißt das neue Buch, das der Rheingauer Mundartverein anlässlich seines 30-jährigen Bestehens in diesem Jahr passgenau zur Mundartmatinee herausgegeben hat. Die Geschichten, Anekdoten und Gedichte aus diesem Buch standen im Mittelpunkt der stimmungsvollen Matinee an der Burgruine Scharfenstein.

Die Kostproben, die auf der Bühne vorgetragen wurden, zeigten die beeindruckende Vielfalt an hintergründigem Humor und an Rheingauer Mundart, die in Lorch anders klingt als in Kiedrich und in Walluf anders als in Johannisberg. 600 Zuschauer zeigten sich begeistert von dem Mundartprogramm, das mit brillanten musikalischen Darbietungen bereichert wurde.

Das erste Wort hatte Winfried Steinmacher als Kiedricher Bürgermeister und Hausherr der Burgruine Scharfenstein. „Wir sind stolz, dass der Verein seinen Sitz in Kiedrich hat“, sagte er, nachdem er eine Reihe von prominenten Gästen begrüßt und allen Mitstreitern des Vereins gedankt hatte, die sich um die Rheingauer Mundart verdient machen – allen voran Ulrike Neradt, die seit 28 Jahren Erste Vorsitzende des Vereins ist. Steinmacher eröffnete selbst den Reigen der Mundartrezitationen, indem er sein Grußwort mit einem Gedicht von Rolf Göttert aus Rüdesheim abschloss, das natürlich auch in dem neuen Buch enthalten ist. Wallufs Bürgermeister Manfred Kohl schloss sich mit einem Gedicht an, das Ilona Post aus Eltville beigetragen hat und das von den zwei Paradiesen auf beiden Seiten des Rheins handelt.

Vergnügliche Geschichten kamen aber nicht nur aus dem neuen Buch. Ulrike Neradt kündigte stolz die Rheingauer Schlappmäulcher, die Nachwuchsgruppe des Rheingauer Mundartvereins, an, die ein Theaterstück aufführte: „De Winzer im Himmel“, nach einem Märchen, das Hermann Becker in Anlehnung an ein Märchen der Brüder Grimm geschrieben hat. Als Gott (Chayenne Konrad) mit seinen Engeln (Franziska Kunkel und Jule Löw) zu einem Spaziergang durch den himmlischen Garten aufbricht, gibt er Petrus (Felix Gläser) die strikte Anweisung, niemand durch das himmlische Tor hineinzulassen. Als dann ein „armer Winzer“ (Moritz Gläser) um Einlass bittet, bleibt Petrus standhaft und stellt fest: „En arme Winzer? So ebbes gibt’s nit!“ Doch im zweiten Anlauf kann Petrus nicht widerstehen. „Ihr Winzer könnt so gut flenne!“ Den Ausblick vom himmlischen Thron, den der Winzer verbotenerweise „ausprobiert,“ findet er noch besser als Google Earth. Das Stück erzählt, wie der neugierige Winzer seine „Macht“ ausnutzt und was schließlich der liebe Gott dazu sagt. Mit beeindruckender Sicherheit spielten die Kinder ihre Rollen und durften sich über viel Szenenapplaus, herzliches Lachen und einen stürmischen Beifall am Ende ihrer Aufführung freuen.

„Wie war das für euch, vor einem so großen Publikum zu spielen?“, wollte Ulrike Neradt anschließend wissen. Schön sei es gewesen, aber auch mit ein bisschen Angst verbunden, verrieten die Kinder, die sich diese Aufregung während der Darbietung kein bisschen hatten anmerken lassen. Einstudiert hatten sie das Stück wieder mit Monika Albert und Inge Keßler, die sich genauso stolz auf ihren Mundartnachwuchs zeigten wie Ulrike Neradt, die als Moderatorin in vergnüglicher Manier durch die Matinee führte, die Akteure und ihre „Stickelscher“ ansagte und selbst aus dem Buch las – eigene Texte und Beiträge anderer Autoren, beispielsweise „De Stumbe“ von Günter Ringsdorf aus Rüdesheim und mehre Geschichten und Anekdoten von Franz Ludwig aus Martinsthal. Das Publikum amüsierte sich köstlich, kam doch in allen „Stickelscher“ der Rheingauer Mutterwitz zum Ausdruck.

„Noch en Dutt voll Micke“

Die meisten dieser originellen Geschichten und Gedichte würden irgendwann verloren gehen, wären sie nicht in diesem Buch verewigt worden. Und so hat der Rheingauer Mundartverein wieder einmal einen wesentlichen Beitrag zur Kulturgeschichte geleistet. Als er im vergangenen Jahr aufrief, diese Texte einzuschicken, kamen so viele Einsendungen, dass die Jury aus gestandenen Mundartautoren sich für 47 Beiträge entscheiden musste. Und für einen Titel. „Ich war eigentlich für den Titel ‚En Sack voll Flöhe‘, aber Ulrike hat sich mit ihrem Vorschlag durchgesetzt“, merkte Professor Leo Gros mit einem Augenzwinkern an. Er trug sein Gedicht „Feiern – nit eiern“ vor, das im Buch gleich dem Vorwort von Ulrike Neradt folgt. Das Gedicht ist eine Laudatio auf den Mundartverein und sein Jubiläum. „Drum heeßt es jetzt nit rumzeiern – losst uns, dass mir so schwätze, feiern! En Prost der Hedi, Prost uff alle, wo unser Mundart hochgehalle!“ Mit Hedi ist Hedwig Witte gemeint, die Rheingauer Heimatdichterin und Mitgründerin des Rheingauer Mundartvereins, die 1991 starb. Vier Monate nach ihrem Tod wurde die erste Mundartmatinee ihr zu Ehren gefeiert, zunächst am Hedwig-Witte-Blick und danach am Scharfenstein. Seitdem pilgern Jahr für Jahr am ersten Sonntag im August Hunderte von Mundartfans auf den Scharfenstein.

Der Titel „Noch en Dutt voll Micke“ wurde bewusst gewählt und knüpft an das erste Buch dieser Art an, das Ulrike Neradt und Leo Gros 1991 herausbrachten, mit dem Titel: „En Dutt voll Micke“. „Wir haben so viele tolle Texte erhalten, die wir für unser neues Buch nicht berücksichtigen konnten, dass wir uns entschlossen haben, weitere Geschichten ab Oktober in einer Mundartzeitung unter dem Titel ‚Rheingauer Gebabbel‘ herauszugeben“, kündigte Ulrike Neradt an. „Und zur Chefredakteurin wurde Helga Simon auserkoren.“ Die neue Chefredakteurin las auf der Bühne ebenfalls eigene Beiträge aus dem Buch, wie auch Herbert Michel aus Walluf, der an der Herstellung des Buches maßgeblich beteiligt war. „Er hat die Texte druckreif gesetzt und zusammen mit unserem neuen Mitglied im Verein, Oskar Wiffler aus Kiedrich, haben sie ein wirklich schönes Mundartbuch geschaffen“, lobte Ulrike Neradt. „Und Oskar Wiffler hat viele der Geschichten mit originellen Zeichnungen versehen, so dass das Buch schon optisch Laune macht, darin zu lesen.“

Lust darin zu lesen, machten eigentlich alle Beiträge, die bei der Mundartmatinee dargeboten wurden, auch die Kostproben von Monika Albert aus Martinsthal und Lothar Meckel aus Oestrich-Winkel. Witzige Gedichte, urige Geschichten, unglaubliche Anekdoten, sogar gereimte Rezepte, laden zum weiteren „Schmökern“ ein. Das Buch ist für 9,90 Euro beim Mundartverein und in den Rheingauer Buchhandlungen erhältlich. Ulrike Neradts Hinweis, dass Mitglieder das Buch kostenlos erhalten, bescherte dem Verein während der Matinee noch einen gewissen Zuwachs.

„Singender,klingender Rheingau“

Die vielen amüsanten Redebeiträge wurden klangvoll von originellen musikalischen Beiträgen „unterbrochen“. Stürmischen Beifall spendete das Publikum den Eltviller Kellergeistern unter der Leitung von Bernd Hans Gietz. Sie bereicherten die Matinee mit Rheingauliedern, wie die „Die Rheingau-Riesling-Route“ von Hedwig Witte; dazu hat Bernd Hans Gietz die Musik geschrieben. Das Lied „Singender, klingender Rheingau“ hat er getextet und komponiert.

Mitreißende und heitere Lieder mit eigenen Texten präsentierte die Männergesangsgruppe „Emsbachdohlen“ aus Lindenholzen bei Limburg, beispielsweise „Wir sind die fröhlichen Emsbachdohlen“ oder „Die lieben Verwandten“ – Stücke, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurden.

Die „Gulaschsänger“ aus Gau-Algesheim bereicherten die Matinee mit einem Andrea-Berg-Medley, das von den Zuschauern mit viel Jubel und Applaus honoriert wurde. „Die Gulasch-Sänger feiern in diesem Jahr ihr 80-jähriges Bestehen“, erklärte Ulrike Neradt. „Schon seit vielen Jahren verbindet uns eine Freundschaft mit Gau-Algesheim, die über den leider viel zu früh verstorbenen Alfons Molitor zustande kam.“ Nach dem schwungvollen Ausklang mit dem Männer-Ensemble von der anderen Rheinseite stimmte Ulrike Neradt das traditionelle „E Sträusje am Häusje“ an und lud das Publikum zum Mitsingen ein. Sie dankte alle Mitwirkenden, Bürgermeister Winfried Steinmacher und der Kiedricher Feuerwehr, die ein Shuttle-Service eingerichtet und die Gäste mit Bratwurst versorgt hatten. Die rührige Vorsitzende vergaß nicht, noch einmal auf die Theater-Aufführungen „En gude Jahrgang“ im September in Lorch und im Oktober in Kiedrich hinzuweisen.

Die wieder einmal sehr gelungene Matinee konnte regenfrei stattfinden, denn das Wetter hatte gehalten, was der Wetterbericht für diese Stunden versprochen hatte. Bei leicht bedecktem Himmel ließ es sich in der idyllischen Atmosphäre des Scharfensteins wunderbar aushalten.

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