Ein Ort der Nazi-Diplomatie und des Widerstands?
Kloster Eberbach: Forschungsprojekt soll Licht ins Dunkel der Jahre von 1933 bis 1945 bringen

Kloster Eberbach war und ist eine Begegnungsstätte für Politik, Wirtschaft und Kultur. In der noch weitgehend unerforschten NS-Zeit soll es ein bevorzugter Ort diplomatischer Hintergrundgespräche gewesen sein.

Kloster Eberbach. (chk) – Wie stand das Kloster Eberbach zur Arisierung des Weinhandels? Was war zu den Vorgängen auf dem Eichberg bekannt und wie war der Umgang mit diesem Wissen? Um die Frage der Haltung und um Fakten soll es gehen, wenn in einem inzwischen angelaufenen wissenschaftlichen Forschungsprojekt die Zeit von 1933 bis 1945 beleuchtet wird.

Das Kloster ist seit fast 900 Jahren ein wichtiger Impulsgeber für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Geschichte belegt, dass es eine Begegnungsstätte für Politik, Wirtschaft und Kultur war und ist. Die Zeit des Nationalsozialismus ist allerdings bisher unerforscht geblieben. Das soll sich nun ändern. „Wir möchten Transparenz auch in unserer jüngeren Geschichte schaffen“, sagt Martin Blach, Diplom-Theologe und Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung Kloster Eberbach. Offenbar gingen hier Größen der Wehrmacht, der SS, des Diplomatischen Corps und des deutschen Widerstands ein und aus. Wer hat sich hier mit wem wann getroffen und warum? Blach hält die Quellenlage für vielversprechend, denn neben den im Kloster Eberbach vorhandenen Gästebüchern lässt sich Material in kommunalen Archiven, in Landes- und Bundesarchiven und auch in Archiven im Ausland finden. „Wir freuen uns sehr, dass wir mit dem promovierten Historiker Dr. Sebastian Koch einen jungen und unabhängigen Wissenschaftler für die Aufarbeitung gewinnen konnten. Er bringt eine umfassende Expertise für die Geschichte sowohl des Rheingaus als auch für den Weinbau mit“, erklärt Blach.

2015 ist eine 240 Seiten umfassende Monographie unter dem Titel „Kloster Eberbach – Geschichte und Wein“ im Verlag Tre Torri erschienen. Nur ein kleiner Abschnitt in diesem Buch ist der NS-Zeit gewidmet, denn das gesicherte Wissen über jene Zeit ist gering. „Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begann für die Domänendirektion eine schwierige Zeit“, heißt es dort. „Domänendirektor Rudolf Gareis sah sich fast umgehend Angriffen ausgesetzt. Reichsmarschall Hermann Göhring ereiferte sich, weil er ältere Jahre nicht freigeben wollte.“ Die Auseinandersetzungen hätten sich auch auf das Beibehalten der gängigen Praxis bezogen, jüdische Kommissionäre zu den Weinversteigerungen einzuladen und weiter mit ihnen Geschäftsbeziehungen zu unterhalten. Die national-sozialistische Weinbaupolitik zielte jedoch auf die Ausschaltung jüdischer Weinhändler ab. Sebastian Koch wird in der wissenschaftlichen Aufarbeitung auch diesen Sachverhalt genau untersuchen.

Für eine wissenschaftliche Darstellung als Basis für einen weitergehenden Dialog wagt die Stiftung Kloster Eberbach einige Thesen. Eine davon besagt, dass das Kloster ein abgeschotteter Raum war, der in besonderem Maße für die geheime Nazi-Diplomatie und die Geheimdienstarbeit – insbesondere auf internationaler Ebene – benutzt wurde. In Eberbach kreuzten sich auch die Wege einiger Protagonisten des deutschen Widerstands. Dass das Kloster hier mehr war als die Kulisse, vor der solche Treffen stattfanden, soll am Beispiel des besonderen Verhältnisses des Wiesbadener Widerstandskämpfers Hermann Kaiser zu Kloster Eberbach dargestellt werden. Über die Person Kaiser lässt sich auch die lokale Basis des deutschen Widerstands im Rheingau erforschen.

Einsatz von Zwangsarbeitern

Auch um den Einsatz von Zwangsarbeitern wird es gehen. „Kloster Eberbach konnte sich unter der Leitung von Rudolf Gareis und unter Berufung auf den Normenstaat einen begrenzten Bereich der Eigenständigkeit gegenüber der Willkür der Partei bewahren und einer größeren Gleichschaltung entgehen. Diese Freiräume zeigen sich im Umgang mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern“, heißt es in dem Thesenpapier. Es ist außerdem davon auszugehen, dass es im Kloster Eberbach Mitwisser über die Zwangssterilisationen und Tötungen psychisch kranker und geistig beeinträchtigter Menschen in der benachbarten Heil- und Pflegeanstalt auf dem Eichberg gab. Eine intensive Beschäftigung damit, wird möglicherweise neue Kenntnisse zur Euthanasie zu Tage fördern.

Aufgrund der Vielzahl von Spuren, die nach ersten Recherchen in sehr unterschiedliche Richtungen weisen, will Sebastian Koch mit seinen Forschungen zunächst in die Breite gehen, um die ganze Thematik zu umreißen. „In einem zweiten Schritt sollen dann auch gezielt ‚Tiefenbohrungen‘ erfolgen“, erläutert er und betont, wie wichtig die Gespräche mit den wenigen Zeitzeugen sind, die noch leben. „Wir suchen Zeitzeugen, die bereit sind, über Erlebtes zu berichten. Und wir sind dankbar über jeden, der Kontakt zu möglichen Zeitzeugen herstellt oder Zugang zu Archiven mit historischem Material aus dieser Zeit hat.“

Bis Ende 2018 soll die Untersuchung abgeschlossen sein und in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht werden. Geplant ist eine Präsentation der Ergebnisse im Rahmen der Feier zum 20-jährigen Bestehen der Stiftung Kloster Eberbach. „Es ist uns ein besonderes Anliegen, dafür Sorge zu tragen, dass diese Leerstelle in der Historie unseres Klosters gefüllt wird“, betont Martin Blach. „Wir vertrauen auf die Menschen, die der Ort Kloster Eberbach begeistert, denn um das Projekt erfolgreich abzuschließen, benötigen wir neben Zeitzeugen auch finanzielle Unterstützer, die sich für den Erhalt unseres historischen Kulturguts und auch für diese so wichtige Publikation einsetzen.“ Für das Forschungsprojekt sind 93.500 Euro veranschlagt. Bisher ist erst etwa die Hälfte der Kosten durch Eigenmittel und Förderer gesichert.

Zeitzeugen, Multiplikatoren und andere Unterstützer können sich direkt an den in Fulda lebenden Historiker Dr. Sebastian Koch wenden: Telefonnummer 0175–5906501, E-Mail an: Sebiko[at]gmx[dot]de oder an die Stiftung Kloster Eberbach, Telefonnummer 06723–9178110, E-Mail: stiften[at]kloster-eberbach[dot]de.

Wer das Forschungsprojekt finanziell fördern will, kann sich an Gabriele Roncarati wenden: Telefonnummer 06723–9178111, E-Mail: Gabriele.Roncarati[at]kloster-eberbach[dot]de.

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