Pfarrkirchen als Veranstaltungsorte des Musik Festivals
Konzerte in Kirchen von Lorch bis Hallgarten / Vom Bläserkonzert bis hin zur Bach’schen Hausmusik / Der König tanzt

Heimat der „Schrötermadonna“ ist die Kirche Mariae Himmelfahrt in Hallgarten.

Rheingau. (hhs) — Am 24. Juni beginnt die 30. Spielzeit des Rheingau Musik Festivals – traditionell mit den beiden Eröffnungskonzerten in Kloster Eberbach. Doch im Reigen der 42 Spielstätten nehmen auch einige Rheingauer Pfarrkirchen einen wichtigen Platz ein. Wir stellen sie nachfolgend vor.

Gleich mehrmals bietet die katholische Pfarrkirche Heilig Kreuz in Geisenheim – im Volksmund gerne „Rheingauer Dom“ genannt – die Kulisse für Veranstaltungen des RMF. Die im Kern 500 Jahre alte spätgotische Hallenkirche entstand in wesentlichen Teilen in den Jahren 1510 bis 1518 als Nachfolgebau einer 1146 erstmals erwähnten romanischen Kirche. Nachdem 1829 die noch aus der romanischen Entstehungszeit stammenden Westtürme wegen Baufälligkeit abgerissen wurden, nahm der in Geisenheim geborene Baumeister Philipp Hoffmann 1834 bis 1838 einen neogotischen Umbau vor. In den letzten Jahren wurde der Dom – diese Bezeichnung erhielt der Bau aufgrund seiner Größe und Bedeutung im Vergleich zu anderen Kirchen der Region, war aber nie Sitz eines Bischofs – aufwändig renoviert und beeindruckt die Konzertgäste immer wieder aufs Neue. Auch der vorgelagerte Bischof Blum-Platz trägt mit seinem Fachwerkensemble zu einem insgesamt positiven Eindruck bei. Der Domplatz ist benannt nach Peter Joseph Blum, der von 1842 bis 1884 Bischof der Diözese Limburg war.

ECHO-KLASSIK-Gewinnerin

Zwei große Namen spielen am 30. Juli die Hauptrollen im Rheingauer Dom: Als Musikerin ist das Iveta Apkalna, als Instrument die historische Stumm-Orgel, deren Einweihung vor 175 Jahren erfolgte. Für die als „weiblicher Star der Orgelszene“ angekündigte lettische Organistin dürfte beim Auftritt in Geisenheim der Kontrast beträchtlich sein – tritt sie doch sonst in viel größeren Häusern auf. Einem breiten Fernsehpublikum wurde sie in diesem Frühjahr bekannt, als sie zur Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie die dortige Orgel einweihen durfte und sie ausgiebig deren Vorteile erläuterte.

Die Geisenheimer Orgel ist um einiges älter als die neue in der „ElPhi“. Sie wurde 1842 von den Gebrüdern Stumm erbaut und kann damit in diesem Jahr ihr 175-jähriges Jubiläum feiern.

„Bei der jungen Organistin Iveta Apkalna verbinden sich tiefe Musikalität und makellose Technik mit einem untrüglichen Gespür für die Wirkung der Musik“, heißt es beim RMF. Mit ihrem Spiel habe die Ausnahmekünstlerin in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, die Orgel als Königin der Instrumente von ihrem angestaubten Image zu befreien.

Seit ihrem Konzert mit den Berliner Philharmonikern ist die zweifache ECHO-KLASSIK-Preisträgerin eine weltweit gefragte Solistin. „Eine Künstlerin mit Ausnahmerang, die perfekt geeignet ist, um den 175. Geburtstag der Stumm-Orgel im Rheingauer Dom, die größte zweimanualige Orgel des 19. Jahrhunderts, zu feiern“, freut man sich beim RMF auf das Konzert.

In der Adventszeit wird der Dom dann gleich drei Mal den festlichen Rahmen für die traditionelle Bach-Trompeten-Gala bilden. Am 8.und 9. Dezember – am Samstag finden gleich zwei Konzerte statt – werden das Bach-Trompetenensemble München, das sich auf die wahrhaft königliche Instrumentenpaarung Orgel und Trompete spezialisiert hat, gemeinsam mit dem Organisten Edgar Krapp spielen. Der Rheingauer Dom in Geisenheim bietet den festlichen Rahmen für die stimmungsvollen Konzertabende, die üblicherweise schon frühzeitig ausverkauft sind.

Riesling-Register

Edgar Krapp und Bach-Trompetenensemble München werden in diesem Jahr aber schon vorher beim RMF gastieren. Am Sonntag, dem 20. August spielen sie aus Anlass des Jubiläums „500 Jahre Reformation“ in der Pfarrkirche St. Martin in Lorch. Als ob das Lutherjahr nicht für dieses festliche Konzert genügen würde, fand man beim RMF gleich noch weitere Jubiläen. „Zu unserem Jubiläum, zum Luther-Jahr und dem 250. Todestag von Georg Philipp Telemann haben sich die Kirchenmusikspezialisten zusammengetan, um sowohl die große Kunst des Orgelspiels als auch die Jubiläen näher zu beleuchten“, wirbt das RMF für den Besuch in Lorch.

Dort bietet die Pfarrkirche St. Martin den feierlichen Rahmen für einen stimmungsvollen Konzertabend. Es werden Werke vom Barock über die Romantik bis ins 21. Jahrhundert präsentiert, von Michel-Richard Delalande, Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann über Felix Mendelssohn Bartholdy und Léon Boëllmann bis zu Zsolt Gárdonyi, Franz Lehrndorfer und Wilfried Hiller. Es darf bezweifelt werden, dass Professor Krapp auch das „Riesling-Register“ ziehen wird – jene einmalige Zusatzausstattung der Lorcher Orgel. Das Register „Riesling 2-fach“ öffnet unter Vogelgezwitscher eine Klappe mit zwei Flaschen Wein und zwei Gläsern. Die Lorcher Orgel ist relativ jung, sie wurde erst 1984 eingeweiht. Die Orgelbaufirma bezog beim „Neubau“ aber das neugotische Gehäuse und fast alle Register des vorherigen typisch romantischen Instruments aus dem Jahr 1880 ein.

Neben der Konzentration auf die Musik wird sicherlich der Hochaltar aus dem Jahr 1483 die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er gilt als größter und erster ursprünglich monochrom konzipierter Schnitzaltar des deutschen Kunstbereichs und als eines der wertvollsten Kunstwerke im Bistum Limburg.

Perl(e) in Rüdesheim

Während in Lorch seit 1988 alljährlich mindestens ein Konzert stattfindet, nahm sich die Pfarrkirche St. Jakobus in Rüdesheim in den letzten Jahren eine „Auszeit“. In diesem Jahr zählt sie wieder zum illustren Kreis der Veranstaltungsorte. Am Sonntag, dem 6. August heißt es „Bach – ganz nah und intensiv“. Die 27 Jahre junge Sopranistin Anna Lucia Richter und der Bariton Georg Nigl werden unter Begleitung von Dmitry Sinkovsky (Violine), Hille Perl (Gambe) und Jeremy Joseph (Cembalo) Werke von Johann Sebastian Bach singen. Von den Instrumentalisten dürfte Hille Perl die bekannteste sein. Sie war schon mehrmals beim RMF zu Gast, meist mit ihrem Ensemble „Los Otros“.

Anna Lucia Richter ist sicher aber auch eine musikalische „Perle“: Sie gilt als aufgehender Stern in der Musikszene, hat es in diesem Jahr sogar zur „Fokus-Künstlerin“ des RMF geschafft und wird gleich vier Auftritte im diesjährigen „Sommer voller Musik“ haben. Schon im letzten Jahr wurde sie beim Weihnachtsoratorium im Wiesbadener Kurhaus für ihren berührenden Auftritt gefeiert. Ihre persönliche Vorstellung war dem RMF in der 85.000 Mal verteilten Broschüre „Ouvertüre 2017“ immerhin vier Seiten wert. Auch in der in Millionenauflage in Zeitungen beigelegten Programmzufassung nimmt die Fokus-Künstlerin eine herausgehobene Rolle ein. Für ihren Bach-Abend in Rüdesheim kündigt Anna Lucia Richter an: „Wir haben das Programm so zusammengestellt, dass man sich vorstellen könnte, es habe so bei Bachs zu Hause an einem Sonntag im Familienkreis stattgefunden. Es ist eine Hausandacht. Man setzt sich zusammen, liest die Bibel, musiziert gemeinsam, hat Spaß an dieser schönen Musik und verpackt in diesen intimen musikalischen Rahmen die großen menschlichen Themen.“

Anna Lucia Richter, in Köln gebürtig, derzeit in Leipzig lebend und musikalisch weltweit unterwegs, bringt dazu enge musikalische Freunde mit nach Rüdesheim. „Mit den innigen wie farbenfrohen Stücken aus Schemellis Gesangbuch und mit Kleinodien aus dem Klavierbüchlein für Anna Magdalena Bach kommen Anna Lucia Richter & Friends dem großen Barockmeister ganz nah“, versprechen die Musikexperten des RMF. Um zu ergänzen: „Alles, was sie macht, besticht durch beeindruckende Intensität, Kreativität und Stilsicherheit“.

Schrötermadonna

Gemessen an den anderen Kirchen ist das Gotteshaus Mariae Himmelfahrt in Hallgarten eher klein – was aber nur für die äußere Form gilt. Rund um die Kirche gibt es aber eher ein großes Programm, das über die Musik hinaus geht. Legendär ist die umfangreiche Bewirtung durch den „Freundeskreis Mariae Himmelfahrt“ bei den RMF-Konzerten. Es ist schon gute Tradition, dass der Förderverein mit seinen zahlreichen freiwilligen Helfern für das leibliche Wohl der Konzertbesucher sorgt – und aus den erzielten Einnahmen den Unterhalt der Kirche mitgewährleistet.

Die Kirche selbst entstand in verschiedenen Bauphasen und zeigt dementsprechend eine große Stilvielfalt mit romanischen, gotischen, barocken und neugotischen Elementen. Die ältesten Teile, so der wehrhafte quadratische Turm und Teile der Nordwand, stammen aus dem 12. Jahrhundert und gehörten ursprünglich zu einer kleinen romanischen Anlage. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche immer wieder umgebaut und erweitert. Die Reste der Barockeinrichtung sowie die neugotischen Altäre wurden zwar um 1965 durch den Übereifer des damaligen Pfarrers vernichtet, bedauert man beim RMF. Umso mehr beeindrucken den Kirchenbesucher aber die verbliebenen sakralen Einrichtungsgegenstände. Allen voran natürlich das Andachtsbild – die Hallgartener Schrötermadonna. Diese kunsthistorisch bedeutende Figur entstand um 1415. Sie wird wegen eines Weinkrügleins – mundartlich „Scherbe“ genannt – in ihrer rechten Hand auch als „Madonna mit der Scherbe“ bezeichnet. Verehrt als Schutzheilige der Weinschröter, die möglicherweise auch die Stifter der Figur waren, wird sie gerne „Schrötermuttergottes“ genannt. Die zarte Tonplastik zählt am Mittelrhein zu den bedeutendsten Schöpfungen des weichen Stils, dessen Madonnenfiguren als „Schöne Madonnen“ in die Kunstgeschichte eingegangen sind. Eine aus demselben Model wie die Hallgartener Madonna entstandene Figur ist heute im Pariser Louvre zu finden. Sie befand sich ursprünglich im Kloster Eberbach, von wo sie im 17. Jahrhundert während der Raubkriege Ludwigs XIV. nach Paris gebracht wurde.

Weniger kriegerisch als eher tänzerisch heißt es am 27. August: „Der König tanzt“. Dann lässt die „Hamburger Ratsmusik“ den Glanz des Sonnenkönigs wieder aufleben. Ludwig XIV erhielt seinen Beinamen „Sonnenkönig“, nachdem er im „Ballet royal de la nuit“ selbst in der Rolle der aufgehenden Sonne als Apollon tanzte.

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