Starkes Zeichen gegen den Lärmterror der Bahn
Hessen und Rheinland-Pfalz stehen auf der Seite der Lärmgeschädigten

Rüdesheim. (rf) – „Ich freue mich, dass jeder, der hierher kommt, ein starkes Zeichen setzen will“, sagte Landrat Burkhard Albers. „Ein starkes Zeichen gegen den Lärmterror der Bahn, ein starkes Zeichen dafür, dass sich die Region zusammentut. Und dass sich die Region nicht mehr den Versprechungen aus Berlin hingibt“. Er sei froh, dass die Bürgerinitiativen eine große Unterstützung erfahren und man sich gemeinsam gegen den Bahnlärm engagiere. Sie kämen aus der ganzen Bundesrepublik. Es sei auch ein gutes Zeichen, wenn die Landesregierungen Rheinland-Pfalz und Hessen an der Seite derjenigen stehen, die gegen den Lärm der Deutschen Bundesbahn kämpfen. Beide waren mit Ministern und Staatssekretären zahlreich vertreten. „Doch das Allerwichtigste seid ihr“ so Burkhard Albers zu den Demonstranten, „Euer Protest muss gehört werden“.

Die Menschen seien es leid, mit Versprechungen getröstet zu werden, mit Zeitplänen über Umrüstungen, die dann sowieso nicht eingehalten würden. „Wir wollen, dass der Güterverkehr aus dem Rheintal verschwindet. Der Güterverkehr muss raus“, so der Landrat unter starken Beifall und schrillem Protestpfeifen. Doch bis es soweit sei, müsse etwas passieren. „Wir wollen Nachtfahrverbote für laute Güterzüge. Wir wollen Geschwindigkeitsbegrenzungen für den Güterverkehr im gesamten Rheintal“. Nachtfahrverbote und Geschwindigkeitsbegrenzungen sind möglich! „Wir wollen sie jetzt, sofort“, sagte Albers. Der Bahn sei das Schicksal der Menschen im Rheintal und an der Bahnstrecke vollkommen egal, hier gehe es nur um das dicke Portemonnaie der Vorstandsvorsitzenden und deren Profite. „Aber wir haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und unsere Nachtruhe!“. Deshalb werde man weiter kämpfen, bis die Forderungen durchgesetzt sind.

Das bekräftigte eine Lorcher Kindergruppe mit ihrem Song „Jetzt seid doch endlich still“, in dessen Refrain die Demonstranten mit Begeisterung einstimmten. Darin beklagten sie Ohrenschmerzen vor Schulbeginn, und Musik hören oder Hausaufgaben machen gehe nicht ohne den störenden Bahnlärm. Der Bahnlärm mache krank, was Opa schon zu spüren bekommen habe.

Die Bevölkerung der Schweiz habe dem St. Gotthard-Basistunnel nur zugestimmt, wenn mit dieser politischen Entscheidung auch gegen den Bahnlärm angegangen werde, so Innenminister Roger Lewentz (Rheinland-Pfalz). So seien für 2020 klare Entscheidungen in der Schweiz getroffen worden, ab dann dürfe nämlich kein lautes Zugmaterial mehr durch die Schweiz fahren. „Und das müssen wir uns zum Vorbild nehmen“, sagte Lewentz. Dafür müsse man kämpfen. Das müsse man im eigenen Interesse und im Interesse des Weltkulturerbes tun. Auch für die Kinder. Im Bundesverkehrswegeplan haben Rheinland-Pfalz und Hessen den Bau einer Umfahrung der Bahn um das Rheintal angemeldet. Dagegen wurden Bedenken geäußert, denn dort müsse erst einmal dem neuen Streckenbau zugestimmt werden. Doch wenn in Berlin darüber verhandelt werde, könne man sich auf die Unterstützung weiterer Länder verlassen. Man brauche für Industrietransporte andere Strecken, das Nadelöhr Rheintal sei schon mehr als erschöpft, so der Innenminister. „Wir werden diese Neubaustrecke durchsetzen“, sagte Roger Lewentz, „das kann ich Ihnen versprechen!“

Doch bis dahin brauche man die Ertüchtigung der Rhein-Sieg-Strecke und Eifel-Südstrecke, damit so viel wie möglich der Verkehr jetzt schon um das Mittelrheintal abgeleitet werden könne. Technisch sei dies machbar. 428 Millionen Tonnen Schiffsgüter kommen jährlich im Hafen Rotterdam an. Die würden zum großen Teil durch das Mittelrheintal in Richtung Süddeutschland und Südeuropa transportiert. Man rechne mit einem Zuwachs auf 560 Millionen Tonnen. Auch in Rotterdam sei klar, dass der Transport auf die herkömmliche Art und Weise nicht mehr möglich ist, sagte Lewentz, der in Rotterdam Gespräche führte. So gewinne man aus diesen Überlegungen heraus Mitstreiter. Man müsse aber auch über einen verstärkten Gütertransport auf Binnenschiffen sprechen, hier seien die Kapazitäten nicht ausgeschöpft. Einschalten in den Protest gegen den Bahnlärm will Lewentz auch die europäische Gesundheitsorganisation. „Bei uns muss man für die Menschen am Mittelrhein Verantwortung tragen.“ Die Politik trage gegenüber der Bevölkerung große Verantwortung, die bereits über Jahrzehnte den immer stärker werdenden Bahnlärm ertragen müsse. Diese Verantwortung werden Rheinland-Pfalz und Hessen wahrnehmen.

Große Solidarität

Die „Gruppe Lorchhausen“, die immer wieder darauf hinweist, dass Bahnlärm krank macht, kam mit einer ganzen Reihe an Forderungen zur Demonstration in Rüdesheim, auch aus der Rheingauer Winzerschaft erfuhr man große Unterstützung. Winzer fuhren mit ihren Traktoren im Protestzug von der „Rheinhalle“ bis zur Kundgebung an der Brömserburg mit und wiesen mit Schildern auf die Missstände entlang der Bahnstrecke hin: „Nachtruhe von 22 – 6 Uhr“, „Gesundheitsschutz vor Profitgier“, „Schluss mit dem Geratter“. Landräte aus den umliegenden Landkreisen und zahlreiche Bürgermeister aus dem Rheingau bis an den Niederrhein erklärten sich mit der bahnanliegenden Bevölkerung solidarisch.

Der Bahnlärm bleibe solange auf der Tagesordnung, wie die unzumutbare Situation fortbestehe. „Wir müssen laut und hörbar bleiben“, sagte Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir. Die Landesregierung sei an der Seite der Bahnlärmgegner und der betroffenen Menschen im Mittelrheintal. „Hier kämpfen Menschen um Lebensqualität, ihre Gesundheit und um die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit einer Region.“ Man habe lange für das Welterbe gekämpft und man wisse auch darum, wie viel in der Region vom Tourismus abhänge. Deswegen sei es eine Frage von Lebensqualität, von Gesundheit, aber auch eine Frage von wirtschaftlicher Entwicklung, die man auf der Tagesordnung habe. Man müsse weiter aktiv bleiben, um Verbesserungen zu erreichen. Tarek Al-Wazir: „Wir wissen, dass Deutschland von Import und Export abhängt und lebt. Wir wissen, dass der Güterverkehr steigt und dass Gütertransporte auf dem Schiff und auf der Schiene in aller Regel umweltfreundlicher sind als Gütertransporte auf der Straße oder in der Luft“. Das heiße aber nicht, dass man über unzumutbare Belastungen, die auch vom Güterverkehr auf der Schiene ausgehen, einfach hinweg sehen könne. Was unzumutbar sei, müsse auch unzumutbar genannt werden, dagegen müsse man vorgehen und etwas verbessern. Auch wenn es ein umweltfreundlicher Transport sei. Im Rheintal habe man es mit einer unzumutbaren Belastung zu tun, so Tarek Al-Wazir, Spitzenwerte von über 100 Dezibel seien gerade in der Nacht nicht mehr hinnehmbar. Hessen und Rheinland-Pfalz hätten sich mit Veränderungen stark gemacht. Die neue Landesregierung werde dieses Engagement fortführen und verstärken. Zwar gäbe es bei Bestandstrecken keinen Rechtsanspruch auf Lärmschutz, dennoch müsse auf Bundesebene dafür gesorgt werden, dass man Schritt für Schritt auch auf Bestandstrecken in die Lärmsanierung einsteige. Und dies müsse im Rheintal beginnen. Der Druck auf die Bahn müsse fortgesetzt werden. Langfristig gesehen führe an einer Alternativstrecke kein Weg vorbei. Die Umrüstung der Güterwagen kommt für Al-Wazir viel zu langsam voran. Andere Bremsen seien Stand der Technik und könnten schon jetzt eingebaut werden. Auch in die alten Güterwagen. Warum müsse dies solange dauern? Ihm habe das erste private Unternehmen jetzt angekündigt, dass es bis Ende dieses Jahres all seine Wagen mit neuen Systemen umgestellt hat. Warum können dies nicht andere Unternehmen, stellte sich Al-Wazir die Frage. Und er fügte hinzu: „Wer nachts fahren will, darf das nicht mehr mit alten Wagen machen“.

Keine Versprechungen

Ihren Unmut hatten auch Karl Ottes, Rheingaubund gegen den Bahnlärm und Vorstandsmitglied im Zweckverband UNESCO Oberes Mittelrheintal, der Vorsitzende der Bürgerinitiative im Mittelrheintal gegen Umweltschäden durch die Bahn, Willi Pusch, und der Koblenzer Hotelier Hans-Joachim Mehlhorn zum Ausdruck gebracht. Letzterer verwies auf den deutlichen Rückgang der Touristen im Mittelrheintal und erhebliche Geschäftsverluste. Willi Pusch forderte auf, weiterhin Druck auf die Bahn aufzubauen, es müsse dringend etwas geschehen. Karl Ottes begrüßte die große Solidargemeinschaft, die sich gegen den Bahnlärm aufbäume. Die direkt an der Strecke lebenden Mitbürgerinnen und Mitbürger hätten es verdient. Dieses Bündnis müsse so lange halten, „bis endlich den Verantwortlichen bei der Bahn und im zuständigen Dobrindt, dem früheren Ramsauer-Ministerium, unser fortwährender Protest so auf den Wecker geht, dass im Interesse unserer Gesundheit, unserer Kulturlandschaft, unseres Eigentums sowie der international bekannten Tourismusregion endlich Taten und keine reinen Versprechungen mehr erfolgen. Wir fordern auch den neuen Minister an einem Tag wie heute auf, möglichst bald an den Brennpunkt der von der Bahn gegen alle Umweltnormen erzeugten Lärmaktivitäten hier ins Rheintal zu kommen“, sagte Ottes. „Wir bieten ihm ein Doppel- oder Einzelzimmer in Assmannshausen, Lorch, Kaub oder anderswo an, in dem er an einem warmen Sommertag bei geöffnetem Fenster die Nacht an der Gütertrasse bei überfallartigem Lärm – mit einem Presslufthammer oder Düsenjäger zu vergleichen – hoffentlich erholsam genießen kann.“

Nach Schätzung der Polizei hatten bis zu 900 Menschen friedlich gegen Bahnlärm im Rheintal protestiert. Der Einsatzleiter der Rüdesheimer Polizei zeigte sich mit dem friedlichen Verlauf und der Kooperation mit den Versammlungsteilnehmern sehr zufrieden. Durch die weiträumige Umleitung des Straßenverkehrs und einer Rundfunkwarnmeldung hätten sich auch die Auswirkungen auf den Fahrzeugverkehr rund um Rüdesheim in Grenzen gehalten.

Die Diözesanversammlung des Bistums Limburg (DV), die gewählte Vertretung der Katholiken des Bistums, hatte bereits im Vorfeld der Demonstration ihre Solidarität mit den dort vorgebrachten Anliegen bekundet. „Lärm ist eine Belastung für die Menschen, die immer größer wird“, sagte Ingeborg Schillai, Vorsitzende der Diözesanversammlung. Die DV stehe daher weiter hinter der Forderung, Lärm zu reduzieren und die Gesundheit der Menschen zu schützen. „Ich unterstütze die Bezirksversammlungen Rheingau und Rhein-Lahn in ihren Forderungen“, betonte Schillai.

Noch keine Bewertungen vorhanden

Neueste Kommentare

„Bunter Rheingau statt braune Suppe“
2 Tage 15 Stunden
Galakonzert im Kiedricher Bürgerhaus
4 Wochen 3 Tage
Bei 4,91 Promille kam die Wende
5 Wochen 5 Tage
Den traurigen Winter verkürzen
9 Wochen 5 Tage
Frank Kilian ist der neue Landrat
10 Wochen 2 Tage


X