8.000 Jahre Weinbau und 537 Rebsorten

8.000 Jahre Weinbau und 537 Rebsorten
Experten stellten die weitgehend unbekannte Vielfalt des Weinlands Georgien vor

Die Weinexperten im Gespräch: Ulrich Bachmann, Wolfgang Schäfer, Dr. David Chichua und Hans Lang (von links).

Eltville. (chk) – 537 autochthone Rebsorten sind bis heute heimisch in Georgien; 38 davon sind für die Vermarktung zugelassen und werden im großen Stil von etwa 100.000 Winzern angebaut. Es gibt jedoch darüber hinaus etwa 500.000 Haushalte, die Wein für ihren Eigenbedarf anbauen, was dazu geführt hat, dass auch die „kleinen“ Rebsorten überlebt haben in dem Land, das als „Wiege des Weinbaus“ gilt.

Das und noch viel mehr erfuhren die Gäste bei Bachmanns Wein und Kultur, wo Experten über die 8.000 Jahre alte Tradition im Weinbau bis zu den modernen Großkellereien von heute sprachen

Auf Empfehlung von Hans Lang hatte Ulrich Bachmann den ausgewiesenen Experten Wolfgang Schäfer eingeladen. Beide kennen sich seit ihrem Studium in Geisenheim und Schäfer ist zudem Berater für tropischen Weinbau. Mit seiner Frau Mary war er zweieinhalb Jahre in Georgien tätig; seit einem Jahr sind sie zurück in Friedrichsdorf. „Und wir haben noch einen Überraschungsgast, Dr. David Chichua, Chef-Önologe der Binekhi Kellerei und Professor der Agricultural University in Tbilisi“, erklärte Bachmann. Tbilisi ist der Name der Hauptstadt Georgiens in der Landessprache, der auch in den meisten anderen Sprachen verwendet wird, während die Hauptstadt auf Deutsch Tiflis genannt wird. Die Ehepaare Schäfer und Lang pflegen fachliche und freundschaftliche Kontakte zu David Chichua, der gerade im Rheingau weilte und deshalb das Gespräch in fließendem Deutsch bereichern konnte.

Das Thema blieb keine trockene Materie, sondern wurde von einer Verkostung von acht Weinen begleitet, darunter gleich drei Mal ein Rkatsiteli, die in Georgien und Osteuropa am häufigsten verbreitete Rebsorte. Zwei davon waren maischevergorene Qvevri-Weine, die nicht als Weißwein, sondern als „Amber Wine“ bezeichnet werden und eine dunkelgelbe Farbe aufweisen. Ob „Amber-Weine“, auf Deutsch auch als „Orange-Weine“ bezeichnet, eine vierte Weinfarbe neben Weiß, Rot und Rosé darstellen, darüber waren sich die Experten nicht ganz einig. Schäfer und Chichua erläuterten die Tradition der Amphoren- bzw. Qvevriweine, die seit 8.000 Jahren in Georgien praktiziert und heute noch angewendet wird. Die Methode des Weinausbaus in Qvevris steht seit 2013 auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Die meist 1.000 bis 1.500 Liter großen Gefäße aus Ton werden bis zum Rand in die Erde eingegraben, wo die Traubenmaische in der kühlen Erde gärt.

Verkostet wurde auch ein 2017er Tsolilkauri aus der Khareba Winery, wo Dr. David Chichua früher tätig war. „Damals umfasste das Weingut 400 Hektar, heute sind es schon 700 Hektar“, erläuterte er. Vorgestellt wurden auch das Weingut Château Mukrani, ein altes Rittergut, und das Weingut von Burkhard Schuchmann. Der deutsche Weinliebhaber hat 2008 im georgischen Kaukasus ein Weingut übernommen, baut dort Weine nach europäischem Standard und auch nach der traditionellen Methode im Qvevri an. An diesen drei Beispielen wurde deutlich, dass die Betriebe modern ausgestattet sind und auch die touristische Vermarktung der Weingüter sehr perfektioniert ist.

Aus den beiden zuletzt genannten Weingütern wurden nach der Pause zwei trockene Rotweine verkostet, ein 2014er Shavkapito und ein 2015er Saperavi. Interessant war es zu erfahren, dass Rotwein für den Export eine große Rolle spielt, aber im Inland fast gar nicht. Ein großer Teil des georgischen Weins wird in Georgien selbst getrunken; 60 Prozent werden nach Russland verkauft, das sich allerdings immer wieder als wankelmütiger Handelspartner erweist. Zweitgrößter Absatzmarkt für georgischen Wein ist China.

Dass sich so viele Rebsorten in Georgien halten konnten, läge daran, dass es dort nie eine Eiszeit gegeben habe und dass es verschiedene Klimazonen gebe, erläuterte Schäfer. Die Rebsorten kämen spezifisch in einer der vier Anbaugebiete vor – Kachetien, Kartlien, Imeretien und Ratscha-Letschchumien – und dürften nicht miteinander vermischt werden, um die Reinheit der Anbaugebiete zu wahren, erklärte Chichua. Den letzten der acht Weine, einen süßen 2017er Odjaleshi Rotwein aus West-Georgien, pries Ulrich Bachmann als „Edelrotwein“ an. Er hatte, wie fast alle Weine des Abends, 12,5 Volumenprozent Alkohol.

Am Ende der Expertenrunde, die natürlich viele weitere fachkundige Fragen erörtert hatte, erzählte Mary Schäfer noch einiges über das Leben in Tiflis und Reisen in Georgien, was sie mit Fotos illustrierte, die sie selbst gemacht hatte. Mary Schäfer hat als Ökonomin fast vier Jahrzehnte für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet und war zuletzt Landesdirektorin der GIZ für den Südkaukasus. Sie war in vielen Ländern eingesetzt, wo auch ihr Mann als selbständiger Weinbau-Experte tätig wurde. Zehn Jahre lang war das Paar in Tansania, wo auch die beiden Kinder geboren wurden. Von Oktober 2015 bis Frühjahr 2018 hat das Ehepaar in Tiflis gelebt und gearbeitet. Dort ging es u.a. um Projekte der Wirtschaftsförderung mit Georgien, in denen auch der Wein eine Rolle spielte, beispielsweise um den Aufbau eines Weinlabors, um Keramikuntersuchungen der Qvevris und um die Anerkennung der Qvevri-Weine für den Export in die Europäische Union. In dieser Zeit lernten die Schäfers nette Menschen kennen wie beispielsweise David Chichua, wie Mary Schäfer betonte. Die Georgier seien herzlich, gastfreundlich und sehr belesen. „Wir haben in vielen Ländern gearbeitet, aber nirgendwo sonst haben wir so viele Menschen getroffen die Deutsch sprechen und an Deutschland interessiert sind – es gibt eine enge Verbindung zwischen den beiden Ländern.“ Tiflis mit seinen 1,1 Millionen Einwohnern sei eine liebenswerte Stadt mit einem bunten Kulturleben. Sie zeigte zahlreiche Bilder aus der Stadt, aber auch aus der näheren und weiteren Umgebung – eine Vielfalt von Bauwerken, Klöstern, Bogenbrücken und Naturschönheiten. „Eine solche Pracht von Blumen habe ich selbst in meiner Kindheit nicht gesehen“, kommentierte sie ihre Fotos von bunten Wiesen. Sie zeigte Bilder von Schafen, die auf saftigen grünen Weiden auf 1.800 Metern Höhe grasten, und von ganzjährig weißen Berggipfeln im Hintergrund. Ins Schwärmen kam sie auch, als es um das Thema Essen und Trinken ging und sie ein Supra, ein mehrstündiges georgisches Festessen, beschrieb. Dabei werden Speisen in mehreren Gängen im Überfluss serviert und in die Mitte des Tisches gestellt, so dass sich alle Gäste bedienen können. Als Besonderheit wird vom Gastgeber ein Zeremonienmeister, eine Art Moderator, ernannt, der für die Trinksprüche zuständig ist und auch Gedichte rezitiert. „Die Georgier trinken viel Wein zum Essen, aber nie würden sie sich betrunken zeigen“, versicherte Mary Schäfer.

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