Bewegende Reise in die „entfernte Nähe“

Bewegende Reise in die „entfernte Nähe“
Nader Djafari und Brigitte Wiemann-Djafari sprachen über ihre Erfahrungen in Isfahan

Moderator Ulrich Bachmann mit Dr. Brigitte Wiemann-Djafari und Nader Djafari am Ende eines überaus gehaltvollen Gesprächs.

Eltville. (chk) – „Ich war 40 Jahre nicht in Isfahan, weil ich Angst hatte vor meiner Trauer über das, was mir verlorengegangen ist“, sagte Nader Djafari, der 1958 als Elfjähriger mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland kam und im vergangenen Jahr gemeinsam mit seiner Frau, Dr. Brigitte Wiemann-Djafari, eine Urlaubsreise zu seinen Wurzeln machte. Der Abend in der Veranstaltungsreihe „Völkermühle am Rhein“ – wie immer in der Mediathek – hatte den Titel „Die Reise nach Isfahan“. Es ist die Stadt, in der Nader Djafari als Kind gelebt hat.

 

„Ich habe erwartet, dass ich in eine Stadt mit verbitterten Menschen komme, aber es war ganz anders. Alle waren sehr kommunikativ“, erzählte er. Nach einleitenden Worten von Stiftungsgründer Rolf Lang, der die Philipp Kraft Stiftung und ihre Aktivitäten vorstellte, erzählte das Ehepaar Djafari im Gespräch mit Moderator Ulrich Bachmann überaus fesselnd und farbig von Erfahrungen, Eindrücken, Begegnungen, Wahrnehmungen und Gefühlen.

„Diese Reise war für mich sehr bewegend“, erklärte Brigitte Wiemann-Djafari, die seit 45 Jahren mit ihrem Mann zusammen ist und die „entfernte Nähe“ seiner iranischen Heimat – über die stets diskutiert wurde – als schmerzlich empfunden hat. Sie bezeichnete sich selbst als „kritischen Geist“ und sie habe zudem durch ihren Beruf als Psychiaterin und Psychotherapeutin immer den Wunsch, auch das zu verstehen, was sich nicht sofort erschließe. Weil sie es nicht ausgehalten habe, sei sie vor 20 Jahren mit Freundinnen mit einer Reisegruppe in den Iran gereist. Diese frühere Reise sei aber nicht vergleichbar gewesen mit der Intensität der Erfahrungen während der gemeinsamen Reise, für die sie die treibende Kraft war.

Das Ehepaar Djafari hat die Kulturinitiative „Ostwestpassagen“ in Frankfurt ins Leben gerufen. Im Rahmen der Initiative werden im Kino „Orfeos Erben“ ausgewählte Filme gezeigt, die den Kulturaustausch zwischen Orient und Okzident fördern sollen, es gibt außerdem auch Gesprächs- und Lyrikabende. „Die qualitative Filmauswahl und der offenherzige Erfahrungsaustausch haben das Völkerkino in Eltville maßgeblich ermöglicht, auch wenn wir die Filme in einem nicht so professionellen Rahmen und dafür niederschwellig ohne Eintritt zeigen“, betonte Rolf Lang. „Ich besuche sehr gerne die Veranstaltungen der ‚Ostwestpassagen‘ in Frankfurt, bei denen das Ehepaar als Veranstalter auftritt, und ich erhalte jedes Mal wichtige und schöne Anregungen für unsere Arbeit in Eltville.“ Nader Djafari, Ingenieur und Erziehungswissenschaftler, hat sich beruflich und ehrenamtlich stets für Bildung und Integration eingesetzt und wurde dafür im vergangenen Jahr mit der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt ausgezeichnet.

Märchenstadtund Weltkulturerbe

Beide schilderten Isfahan als Märchenstadt, reich an Architektur und Kunsthandwerk, mit großen Plätzen, bewässerten Parks und prächtigen Bauwerken, insbesondere Moscheen, von denen viele zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. „Auf den Plätzen und in den Parks sitzen überall Menschen und palavern.“ Die Stadt mache einen sehr gepflegten und sauberen Eindruck. „Ich wurde in Isfahan oft gefragt, wie ich das Land einschätze, und ich habe sehr wertschätzende Antworten gegeben“, erzählt Nader Djafari.

Neben der muslimischen Mehrheit leben etwa 10.000 armenische Christen in einem Stadtviertel namens Dschulfa, wo es großartige Kirchen gibt. In anderen Vierteln leben Juden und Anhänger Zarathustras. „Sie alle sind durch die Verfassung geschützt, aber Spannungen haben dazu geführt, dass viele armenische Christen und Juden ausgewandert sind“, berichtete Nader Djafari. „Leider gibt es den Trend zur ‚Monokultur‘ und zum ‚Artensterben‘ überall“, ergänzte Brigitte Wiemann-Djafari. „Der Iran ist seit Jahrtausenden ein Vielvölkerstaat und viele Religionen haben die Region bereichert.“ Heute gebe es einen dominanten Islam und viele andere Gruppen, die einen säkularen Staat wollen, daneben auch die Sufis, Anhänger einer mystischen Ausrichtung des Islams, die den Herrschenden allerdings ein Dorn im Auge seien.

Nach den Beobachtungen des Ehepaars darf man davon ausgehen, dass eine Mehrheit sich eine freie Gesellschaft wünscht und nicht hinter der Auslegung des Islams steht, wie sie vom Regime der Mullahs vorgegeben wird. „Die Zivilgesellschaft ist stark, es verändert sich sehr viel, aber politisch wagen die Menschen keinen Widerstand.“ Vieles, was verboten sei, werde oft stillschweigend geduldet, aber eine Sicherheit oder eine Garantie, dass sich eine freiere Gesellschaft entfalten könne, gebe es nicht. So erzählte Nader Djafari von einer Beobachtung in einem Künstlercafé, wo auch viele Frauen als Gäste waren, die ihre Haare nur locker mit einem Tuch bedeckt hatten. Dort erschien eine Frau, deren Kleidung auf eine streng religiöse Haltung schließen ließ. Sie ging sicheren Schrittes zu einem Bücherregal und inspizierte die Literatur, die dort stand. Offensichtlich habe sie nichts Anstößiges gefunden und habe das Café wieder verlassen. Mit solchen „Kontrollen“ müssen die Menschen immer wieder rechnen. Erlebt hat das Ehepaar auch Musikdarbietungen, die eigentlich verboten sind, aber manchmal geduldet werden und andere Male von Revolutionswächtern gestört werden. „Die Mullahs mögen keine Musik – und Frauen dürfen in der Öffentlichkeit nicht solo singen“, erzählte Djafari. „Jugendliche machen Musik in Kellern und in Kuhställen.“

Widersprüchlichesund Bigottes

Es gebe sehr viel Widersprüchliches und Bigottes, und manche strenge Regeln hätten sogar positive Auswirkungen gehabt. Als die Mullahs 1979 wieder getrennte Schulen für Mädchen und Jungen eingeführt hätten, hätten auch die Töchter aus konservativen Familien wieder zur Schule gehen dürfen. In 40 Jahren seien gebildete Mädchen und Frauen herangewachsen, die die Gesellschaft prägen. Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, weibliche Mitglieder im Parlament und Frauen in verantwortungsvollen beruflichen Positionen, die ihr eigenes Geld verdienen, würden sich zu Wort melden und die Gesellschaft verändern. „Es gibt viel Bewegung.“

Aus dem Publikum wurde Unverständnis darüber geäußert, dass sich die Bevölkerung nicht gegen das rigide Regime der Mullahs aufgelehnt habe, doch Nader Djafari machte mit einem Rückblick in die jüngere Geschichte klar, dass ein Volk, das aus der Diktatur des Schahs in die Diktatur der Mullahs kam, darauf nicht ausreichend vorbereitet war. Der Iran sei nie eine Kolonie gewesen, aber es habe immer koloniale Einflüsse gegeben, insbesondere durch die Briten. Mehrfach haben der britische und amerikanische Geheimdienst das politische Schicksal des Landes mitbestimmt. Eine größere Gefahr als die, die von den Mullahs oder von Amerika ausgehe, könne sich aus der drohenden Wasserknappheit im Iran entwickeln, befürchten die Djafaris. „Es gibt inzwischen Iraner, die aus ökologischen Gründen das Land verlassen wollen.“

„Wie war es für Sie? Waren Sie eher enttäuscht oder eher glücklich?“, wollte Ulrich Bachmann als Resümee der Reise von Nader Djafari wissen. „Ich war glücklich über das, was ich erlebt habe, aber auch zwiegespalten, weil ich an die Folterkammern dachte, die es sicher immer noch gibt“, war seine Antwort. Die Angst vor seiner verdrängten Trauer habe sich relativiert. „Aber am Gewürzstand kamen mir die Tränen. Das waren Erinnerungen an die verlorene Kindheit, die der Elfjährige zurückgelassen hat, als er in den Bus gestiegen ist.“ Eigentlich war das Gespräch so gedacht, dass Dr. Brigitte Wiemann-Djafari aus der Sicht der Europäerin und Nader Djafari aus der Sicht des Orientalen berichtet, doch beide haben eine ähnliche Perspektive eingenommen, bei der zu spüren war, wie sehr sie durch ihren Austausch über Jahrzehnte zusammengewachsen sind. Der „Gesang“ des Muezzins, den auch Brigitte Wiemann-Djafari so liebt, und dem sie mit ihm auf einer Bank sitzend lauschte, war es, der ihm als besonders inniger gemeinsamer Moment in Erinnerung geblieben sei, auch wenn der Ruf kein Gesang sei, wie er richtig stellte. „Ich bin kein besonders religiöser Mensch, aber nach diesem Ruf habe ich mich manchmal gesehnt.“

„Haben Sie Frieden gefunden?“, hakte Ulrich Bachmann nach. „Nein! Ich weiß auch nicht, ob ich nochmal hin will“, war die Antwort von Nader Djafari, und mit einem Seitenblick auf seine Frau: „Aber wahrscheinlich werde ich dazu gezwungen.“ Weiter sagte er: „Frieden kann ich nicht finden, so lange es so ist wie es ist oder vielleicht noch schlimmer wird.“ Dass es vielleicht wieder schlimmer wird und auch die vielen kleinen hoffnungsvollen Veränderungen zunichte gemacht werden, stand bei der anschließenden noch sehr regen Diskussion mit dem Publikum im Raum. Die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich in der jüngsten Zeit aus dem Atomstreit mit den USA und durch die Sanktionen ergeben haben, scheinen für die Menschen im Iran derzeit nicht in eine sorglose Zukunft zu weisen.

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