Einblick in ein zerrissenes Land

Völkermühle am Rhein: Clemens Ronnefeldt sprach über Begegnungen im Libanon

Clemens Ronnefeldt gab als Kenner des Libanons einen Einblick in ein konfliktgeprüftes Land.

Eltville. (chk) – In der Völkermühle am Rhein, die in diesem Jahr wegen Corona nicht regelmäßig stattfinden konnte, sprach Clemens Ronnefeldt über Begegnungen im Libanon. Er ist seit 1992 Friedensreferent beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes (IFOR) und seit 2005 Moderator bei der Internationalen Münchner Friedenskonferenz. Die Veranstaltung, die nicht, wie üblich, in der Mediathek stattfinden konnte, war in den Ahnensaal der Rotkäppchen-Mumm-Sektkellereien verlegt worden.

 

„Wir haben Clemens Ronnefeldt nicht eingeladen, weil wir nicht genug schlechte Nachrichten haben, sondern weil er sich als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident sieht“, erklärte Rolf Lang von der veranstaltenden Philipp-Kraft-Stiftung. Ulrich Bachmann übernahm nicht seine übliche Moderatoren-Rolle, sondern beschränkte sich auf gelegentliche Zwischenfragen und überließ dem Referenten das Feld für seinen reich bebilderten Vortrag. Er hat im Oktober 2019 mit einer Reisegruppe den Libanon besucht. Dazu gehörten Besuche im Büro des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, in einem syrischen Flüchtlingslager in der Beka-Ebene, im palästinensischen Flüchtlingslager Shatila, in Kirchengemeinden und in der Deutschen Botschaft in Beirut. Außerdem kennt er das Land von früheren Aufenthalten und durch einen regelmäßigen Austausch mit Kontaktpersonen.

„Der Libanon ist ein zerrissenes Land“, sagte Clemens Ronnefeldt und führte dies in der jüngeren Geschichte auf die Wunden des von 1975 bis 1990 dauernden Bürgerkriegs zurück. „Aber niemand will das Wort ‚Bürgerkrieg‘ aussprechen. Die Menschen reden von den ‚Ereignissen‘, wenn sie diese Zeit meinen.“ Die libanesische Regierung habe für den Wiederaufbau des Landes Kredite und Staatsanleihen aufnehmen müssen und rangiere auf Platz 3 der am höchsten verschuldeten Länder weltweit. Knapp die Hälfte der staatlichen Einnahmen müssten für die Schulden aufgewendet werden, so dass für Gesundheit und Soziales nicht viel übrig bleibe.

Offiziell habe der Libanon seit 2011 rund eine Million Geflüchtete aus Syrien aufgenommen. „Aber inoffiziell sind es mehr als 1,5 Millionen bei etwa 4,5 Millionen Einheimischen“, erklärte Ronnefeldt. „Dazu kommen noch 400.000 registrierte palästinensische Flüchtlinge.“ Eine der Ursachen für die aktuelle Krise sieht er in der französischen Mandatszeit bis 1943, als ein religiöses Proporzsystem eingeführt wurde, das bis heute gelte. Demnach müsse der Präsident ein Christ, der Ministerpräsident ein Sunnit und der Parlamentspräsident ein Schiit sein. Die Bevölkerung sei dieses Systems überdrüssig, das schon lange nicht mehr den Mehrheiten im Land entspreche, doch die Verfassungsänderung scheitere an der notwendigen Mehrheit.

Ronnefeldt zeichnete das Bild eines Landes, das eigentlich alles hätte, um „glücklich“ zu sein. Faszinierende Landschaften und prächtige architektonische Sehenswürdigkeiten brachten dem Land den Ruf ein, die „Schweiz des Nahen Ostens“ zu sein. „Die Libanesen sind ein Volk mit einer sehr hohen Bildungsschicht“, hob er hervor und wies darauf hin, dass die Hälfte der Libanesen im Ausland lebt und mit Überweisungen dafür sorgt, dass das Land überhaupt überleben kann. Als Kontrast zu den landschaftlichen und kulturellen „Gütern“ ist die Realität mehr als ernüchternd: Ein korruptes politisches System, anhaltende Spannungen und bewaffnete Kämpfe zwischen Israel und dem Libanon, die Hisbollah als Staat im Staat und die Unterstützung der verschiedenen Religionsgemeinschaften durch widerstreitende Interessen der USA, Europas, des Irans, Chinas und Russlands. Der Kampf um die Macht in der Golfregion spielt sich auch im Libanon ab, ganz besonders im israelisch-syrisch-libanesischen Grenzgebiet. Auch Tagelöhnern auf Plätzen und am Straßenrand, die auf Auftraggeber warten und sich zu niedrigsten Löhnen verdingen, prägen das Bild.

Hoffnungszeichen

Als Clemens Ronnefeldt vor einem Jahr das Land besuchte, fand er auch Zeichen der Hoffnung. Reiseleiter war Said Arnaoud, ein Erziehungswissenschaftler aus Tübingen, der sich als gebürtiger Libanese seiner Heimat verbunden fühlt und den Verein „Dar Assalam“ gegründet hat. Unterstützt wird er von dem evangelischen Pfarrer aus Bad Kreuznach, Siegfried Pick, der ebenfalls als Reiseführer dabei war und Vorsitzender des „Netzwerks am Turm“ ist, das Hilfsaktionen und die Solidaritätsarbeit im Libanon mitträgt. „Das Haus des Friedens – Dar Assalam – in Wardaniyeh bei Saida, das uns während unseres zweiwöchigen Libanonbesuchs beherbergte, hat sich nach der Explosion im Beiruter Hafen im August entschlossen, das Gästehaus als Notherberge für obdachlose Frauen zu öffnen“, erzählte Ronnefeldt. In Zusammenarbeit mit der libanesischen, konfessionsübergreifenden Frauenrechtsorganisation „Kafa“ und der libanesischen demokratischen Frauenvereinigung werden Frauen in ihrer derzeitigen Notlage unterstützt. „Beide Organisationen versuchen auch, Frauen bei der Instandsetzung ihrer Wohnungen zu unterstützen, wenn diese noch bewohnbar sind.“ Wer die „Dar Assalam Libanon Nothilfe Beirut“ unterstützen will, kann Kontakt aufnehmen über www.netzwerk-am-turm.de.

Austausch pflegte die Besuchergruppe auch mit der Frauenrechtsorganisation „Kafa“, was auf Arabisch „genug“ heißt im Sinne „genug Gewalt“ und „es reicht!“ Die Frauen haben erreicht, dass Gewalt in der Familie in der Rechtsprechung stärker geahndet wird und gewalttätige Männer die gemeinsame Wohnung verlassen müssen. Als hoffnungsvoller Ansatz stellte Ronnefeldt auch die Organisation „Kämpfer für den Frieden“ vor, wo sich ehemalige Bürgerkriegssoldaten zum Dialog treffen und sich zu Friedenskämpfern „umschulen“ lassen. Die syrischen Kinder in den übervollen Flüchtlingslagern können nicht in staatlichen Schulen unterrichtet werden und so ergreifen Privatpersonen im Libanon die Initiative, die Kinder in improvisierten Schulen zu unterrichten. Ronnefeldt stellte dazu ein eindrucksvolles Beispiel vor. Bemerkenswert an seinem Vortrag war der Lebensmut der Menschen, die sich den widrigen Umständen nicht beugen, sondern sich diesen immer wieder mit großer Kraft entgegenstellen.

Im Anschluss hatte Ulrich Bachmann noch einige Fragen aus dem Publikum zu moderieren, unter anderem nach der Religiosität der jüngeren Generation. „Atheist sein geht im Libanon nicht“, antwortete Clemens Ronnefeldt, „aber die jüngeren Menschen möchten Staat und Religion stärker trennen und meiden Kirchen und Moscheen.“ Thema waren zuvor auch die willkürlich gezogenen Grenzen durch die Kolonialmächte im Nahen Osten, die keinerlei Rücksicht auf Volkszugehörigkeiten genommen hatten. „Glauben Sie, dass die Grenzen von damals langfristig Bestand haben?“, wollte ein Zuhörer wissen. „Das glaube ich nicht“, antwortete Ronnefeldt. „Ich rechne damit, dass der Orient in 20 bis 30 Jahren anders aussieht.“

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