Ein Eltviller revolutionierte die Tiefbohrtechnik

Ein Eltviller revolutionierte die Tiefbohrtechnik
Anton Raky wurde zum Bergbaupionier / Ausstellung bis 12. Mai in der Mediathek

Rudolf Engler, Initiator der Ausstellung in der Mediathek, stellte zum Auftakt Anton Raky mit zwei kurzen Filmen und einführenden Worten vor.

Eltville. (chk) – Anton Raky, der vor 150 Jahren im Taunus geboren wurde und seine Kindheit und Jugend in Eltville verbrachte, entwickelte als Bohrtechniker revolutionär neue Methoden zur Rohstoffexploration. Er gilt als genialer Erfinder und risikofreudiger Unternehmer, der in vielen Teilen der Welt Bodenschätze erschloss, Tochterfirmen gründete, Beteiligungen einging, und weiterhin – noch von Erkelenz und Salzgitter aus – an Projekten in Eltville arbeitete. Eine Ausstellung, die noch bis zum 12. Mai in der Mediathek zu sehen ist, widmet sich Rakys Erfindungen und seinem bewegten Leben.

Den Auftakt zur Ausstellung bildete ein Themenkonzert mit zwei Kurzfilmen über Anton Raky. Rudolf Engler, der den zweistündigen Film „Spuren“ über Anton Raky gedreht hat, sprach einführende Worte. Engler, der ebenfalls im Rheingau aufgewachsen ist und 1980 als Professor für Chemie an die Bergische Universität nach Wuppertal ging, ist ein Enkel von Rakys Cousine, und hat das Leben des Pioniers erforscht und nachgezeichnet – insbesondere seit er im Ruhestand ist. Die Recherchen zu dem Film „Spuren“ haben ihn bis zum Schwarzen Meer geführt. Auch hat er gemeinsam mit einem Musiker-Trio – Thomas Haloschan, Marco Horn und Ashley Adair – einen musikalischen Rahmen entwickelt, in dem das Schicksal Rakys zu Songtexten von Leonard Cohen in Beziehung gesetzt wurde. Songs, wie „Bird on the wire“ oder „Lover, lover, lover“ wurden virtuos vorgetragen. Mit gesprochenen Zitaten – in deutscher Sprache – wurden Bezüge zu Rakys Leben hervorgehoben, denn dieser hat nicht nur als genialer Erfinder und rastloser Unternehmer Höhen und Tiefen erlebt, sondern auch in seinem rasanten Privatleben. Er hatte acht Kinder aus drei Ehen, galt als leidenschaftlicher Automobilist, aber auch als Verschwender, „Schürzenjäger“ und schillernde Persönlichkeit.

Anton Raky war der Sohn von Franz Raky und Karoline Raky geborene Abt, deren Grab bis heute auf dem Eltviller Friedhof erhalten ist. Franz Raky war Mitinhaber der Firma Abt und Raky; er besaß Weinberge, eine Dampfholzschneiderei in der Gartenstraße und betrieb den Kran am Rhein. Der Großvater, Johann Josef Abt, hatte eine Schmiede in Kiedrich, wo Anton Raky, der schon als Kind technisch interessiert und begabt war, nach der Mittleren Reife eine Schlosserlehre machte. Der junge Erfinder setzte später auf das selbst entwickelte Schlagbohren mit starrem federgelagerten Gestänge und ausgeklügeltem maschinellem Antrieb.

Aufstieg in Erkelenz

Die Erfinderkarriere begann, als der Kölner Bohrunternehmer Emanuel Przibilla 1887 in Kiedrich nach einer Salzquelle bohrte und Anton Raky für ihn einen Spezialbohrmeißel anfertigte. Dadurch wurde Przibilla auf den talentierten jungen Mann aufmerksam und wollte ihn sofort in seinen Betrieb aufnehmen, was der Vater aber nicht zuließ. So ging Anton Raky 1889, als er volljährig war, zu Przibilla, wo er es schnell zum Bohringenieur brachte, fortan die Tiefbohrtechnik verbesserte und weiterentwickelte. Neben diversen Entwicklungen und Patenten in den frühen 1890er Jahren konstruierte er als 25-Jähriger den berühmten Schnellschlag-Bohrkran Nr. 7, mit dem er 1894 im Elsass bis zu 340 Meter tiefe Erdbohrungen durchführen konnte. Später wurden mit diesem Bohrkran Tiefen von bis zu 2.000 Metern erreicht. Der Bohrkran war so erfolgreich, dass er noch 50 Jahre später auf Bohrstellen benutzt wurde.

Der Ruf Rakys als einer der innovativsten Bohrfachleute seiner Zeit war damit gesichert, und im selben Jahr kam er als Bohringenieur der Firma Przibilla nach Erkelenz. Als Przibilla kurze Zeit später Konkurs anmelden musste, übernahm er die die gesamten Produktionsstätten für die Herstellung von Bohrgeräten seines früheren Arbeitgebers und Lehrmeisters. Mit dem Fabrikanten Otto Seib und weiteren Investoren gründete er 1895 die Internationale Bohrgesellschaft (IBG) zunächst in Straßburg und verlegte aber wenig später den Firmensitz nach Erkelenz. Schon bald beschäftigte die IBG 1.500 Arbeitnehmer, und 1903 wurde der 35-jährige Raky zum Generaldirektor eines weltweit tätigen Großunternehmens. Alle technischen Segnungen seines eigenen Betriebes ließ er auch Erkelenz zugute kommen. Durch Elektrifizierung, Kanalisation, Wasserversorgung und Wohnungsbau erlebte die Stadt einen enormen Aufschwung. Raky wurde zum Initiator und Förderer vieler städtebaulicher Veränderungen und er brachte sich in vielfältiger Weise ins Vereins- und Kulturleben der Kleinstadt ein. 1907 musste er die Geschäftsführung in der IBG aufgeben, weil die Geldgeber sich nicht mehr in der Lage sahen, seine kostspieligen Geschäftsaktivitäten zu finanzieren. (Quelle: Heimatverein der Erkelenzer Lande)

Da durch die von Raky begründete Tiefbohrtechnik Bodenschätze in 2.000 Metern Tiefe erreicht werden konnten, kontrollierte Raky als Großaktionär seiner IBG bald Rohstofflager überall in Europa, Russland und Aserbaidschan. Die IBG stellte nicht nur Bohrgeräte für Fremdfirmen her, sondern beteiligte sich auch an Explorationen anderer Tiefbohr-Gesellschaften oder bohrte vermehrt auf eigene Rechnung nach Steinkohle, Kali und Erdöl. Auch nach seinem Ausscheiden bei der IBG blieb Raky Unternehmer und führte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Bohrungen in Rumänien, Russland und Aserbaidschan durch. Nach dem verlorenen Krieg wurde sein Besitz im Ausland enteignet. Während der Weimarer Republik wurde der umtriebige Unternehmer mit der Neugründung der Raky Bergbau AG im Jahr 1919 in Salzgitter erneut zum Eigentümer strategischer Rohstoffe, Kohle, Erdöl und Eisenerz. 1921 verlieh ihm die Bergakademie Clausthal die Ehrendoktorwürde als Dr.-Ing.

Rakys Weinberg in Eltville

Während Anton Raky im In- und Ausland als Tiefbohrexperte und Bergbaupionier unterwegs war, verfolgte er weiterhin noch Pläne in Eltville. Er kaufte Grundstücke, betrieb eine Ziegelei, ließ sich eine Villa in der Wörthstraße bauen, und wie sein Vater, interessierte auch er sich für den Weinbau. Von der Stadt kaufte er rund 40 Morgen bewaldeten Berghang, ließ ihn roden und im Winter 1905 mit Rebstöcken bepflanzen. Direkt daneben kaufte er sich ein weiteres Waldstück, ließ sich dort ein Gutshaus mit einer Gaststätte bauen, die nach der Weinlage „Die Rausch“ benannt wurde. Das Gelände erhielt eine Stützmauer von 1.500 Meter Länge; Wirtschaftswege und Treppen wurden angelegt. Zur Bewirtschaftung gründete Raky eine Weinbau GmbH, die nach der Lage „Wildenbruch Steinberg“ benannt wurde. Abgeschlossen waren die Pflanzungsarbeiten im Jahr 1913. Schon der Erste Weltkrieg brachte Raky in finanzielle Bedrängnis, und die Reblaus gab ihm 1926 den Rest. Ein kleiner Teil des Weinbergs wurde neu bestockt und bis in die 1950er Jahre genutzt. Das restliche Gebiet verbuschte und ist inzwischen wieder bewaldet. Von der Weinbergsmauer sind im Wald noch Reste erhalten.

Über den Weinberg berichtet auch Helga Simon in ihrem Buch „Eltville – eine Stadt am Rhein und ihre Geschichte(n)“. Sie erwähnt dort außerdem Rakys Bohrarbeiten, über die der Rheingauer Bürgerfreund 1906 berichtete. Auf dem Gelände an der Rausch hatte er einen Bohrturm errichtet und ließ Bohrungen vornehmen. Dem Zeitungsbericht zufolge soll mit lautem Getöse ein etwa 60 Grad Celsius heißer Wasserstrahl hervorgetreten sein, dessen Wasser ähnlich geschmeckt habe, wie das Wasser der Wiesbadener Kochbrunnenquelle.

Die Anton Raky AG in Salzgitter hatte sich 1919 auf Bohrungen nach Erdöl und die Erschließung von Erzvorkommen im Salzgittergebiet spezialisiert. 1923 rief Raky mit August Thyssen die „Bergbau AG Salzgitter“ ins Leben, wo über 600 Personen beschäftigt wurden. In den Werkhallen wurden Reparaturen am eigenen sowie auch an fremdem Bohrgerät vorgenommen. Die Energieversorgung des Werkes war für die damalige Zeit hochmodern. Energie wurde über Dampflokomobile erzeugt. Licht und Notstrom gewann man über Deutz-Motoren und Batterie-Aufladegeräte. Kostspielige Bohrarbeiten und die Inflation setzten der Bergbau AG Salzgitter und den Unternehmen Rakys in den Jahren zwischen 1932 und 1934 ein Ende. Seine Betriebe gingen alle in Großfirmierungen des Dritten Reichs auf. „Der hohe Kapitalbedarf machte die Firma angreifbar und im herbeigeführten Konkurs wurde Raky enteignet“, erklärt Rudolf Engler die Entwicklung.

1936 zog sich Anton Raky ins Privatleben zurück. Schon seit 1928 litt er unter den Folgen von Verletzungen, die er sich bei einer Erdölexplosion 1928 in Rumänien zugezogen hatte. Er wohnte mit seiner Frau zuletzt in einer Villa in Berlin-Zehlendorf, wo er 1943 im Alter von 75 Jahren verarmt starb.

Für die Entwicklung der Tiefbohrtechnik ist Anton Raky von herausragender Bedeutung. Davon gibt die Ausstellung in der Mediathek einen Eindruck. Modelle seiner Bohrgeräte und Bohranlagen stehen heute im Deutschen Bergbaumuseum in Bochum, im Erdölmuseum Wietze und im französischen Erdölmuseum Merkwiller-Pechelbronn im Elsass.

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