„Es ist gut, dass wir wieder so zusammenkommen können“

Krieg, Krisen, positive Rückbesinnung und hoffnungsvolle Ausblicke prägten die Reden beim Neujahrsempfang

Ingo Schon, Patrick Kunkel und Julius Wagner stießen auf das neue Jahr und eine weiterhin gute Kooperation zwischen Stadt und Stiftung Kloster Eberbach an.

„Herzlich willkommen zum ersten Neujahrsempfang nach zwei Jahren ‚Social Distancing‘, nach über zwei Jahren pandemiebedingter Restriktionen und auch zum ersten Neujahrsempfang, an dem ich die Ehre, vielmehr die Freude habe, Sie im Kloster Eberbach leibhaftig zu begrüßen“, wandte sich Julius Wagner ans Publikum. Am 1. Januar hat er die Nachfolge von Martin Blach angetreten. Er war zuvor 14 Jahre als Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gastronomieverbandes DEHOGA Hessen tätig, in einer Branche also, die schwer unter Corona gelitten hat und sich erst langsam wieder stabilisieren kann. Die Stiftung Kloster Eberbach hingegen könne gute Nachrichten vermelden: Im Jahr 2022 haben 86.370 Menschen das Kloster besucht. „Eingedenk der schwierigen Monate zu Beginn dieses Jahres können wir von einem veritablen Besucherrekord sprechen“, sagte Wagner, der auf die Neukonzeption einzelner Bereiche und weitere Pläne der Stiftung einging. Da er über diese bereits wenige Tage zuvor in einem Pressefrühstück gesprochen hatte, sind sie an anderer Stelle im Rheingau Echo nachzulesen. Dazu gehört beispielsweise der Neubau eines Hotels, der mit dazu beitragen soll, die Gastgeberkompetenz der Stiftung zu stärken.

„Wir wollen Erfahrungen und Rückbesinnungen auf Werte vermitteln, die diesen Ort ausmachen“, sagte er weiter. Dazu zähle der nachhaltige und ertragreiche Umgang mit der Schöpfung. „Und das bedeutet Natur- und Umweltbewusstsein, Verantwortung füreinander tragen, Kontemplation, Reflexion und Achtsamkeit, Bildung als Beitrag zur Entwicklung als soziale Wesen in der Gemeinschaft.“ Er bat die Gäste, mit ihm den wichtigsten Wunsch für das neue Jahr zu teilen, nämlich den Wunsch nach Frieden. Dazu trug er das Friedensgebet vor, das der heilige Franz von Assisi vor rund 800 Jahren formulierte: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens …“

„2023 liegt vor uns, und es ist an uns, es positiv zu gestalten“, sagte Bürgermeister Patrick Kunkel. „Ich finde, die Sternsinger sind hier ein guter Beginn – Segen bringen, Segen sein.“ Ein Großteil seiner Rede bestand aus der Begrüßung von Ehrengästen aus Politik, Verbänden, Vereinen und Stiftungen. Dazu gehörten unter anderem die Bürgermeister aus Walluf, Kiedrich und Heidenrod, die Landratskandidaten, die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren und der Rettungsdienste, verdiente Sportlerinnen und Sportler, die Rheingauer und Erbacher Weinprinzessinnen, zahlreiche weitere ehrenamtlich Engagierte und auch Ehrenbürgerin Helga Simon, die trotz ihrer schweren Erkrankung aufmerksam am Empfang teilnahm. „Es ist gut, dass wir wieder so zusammenkommen können, aber einige haben sich bei mir entschuldigt; mit Blick auf ihre Gesundheit trauen sie sich noch nicht auf einen solchen Empfang. Mir ist es deshalb wichtig, dass wir gerade an diese Mitbürgerinnen und Mitbürger heute besonders denken.“

Politisches Ringen

Am Eingang ins Laiendormitorium hatten die Gäste eine Tafel der fairen Stadtschokolade als Begrüßungsgeschenk erhalten. „Die Schokolade sehen Sie bitte als ein Symbol, als ein positives Zeichen für Nachhaltigkeit“, sagte Kunkel. „Verantwortung zu übernehmen soll keine Qual sein, sondern für uns eine Handlungsmaxime.“ Weiter sagte er: „Im Rückblick auf 2022 müssen wir festhalten, dass unsere Hoffnung, auf das Ende der Corona-Pandemie werde ein krisenfreies Jahr folgen, am 24. Februar jäh zunichte gemacht wurde. Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat uns in eine weitere, viel größere Krise gestürzt.“ Er erwähnte die monatliche Mahnwache und Initiativen wie „Eltville Helping Hands“, die die Flüchtlinge aus der Ukraine unterstützen. Internationale Partnerschaften, wie Eltville sie mit Montrichard, Arzens und Passignano pflege, seien eine Basis für den Frieden. „Miteinander erreichen wir hoch gesteckte Ziele – nicht gegeneinander. Politisches Ringen um den besten Weg ist wichtig – immer auf der Basis, die uns eint: unsere Demokratie“, betonte der Bürgermeister abschließend.

„Manchmal muss man im Leben so einiges einstecken, für das man eigentlich gar keine Tasche hat“, sagte Stadtverordnetenvorsteher Ingo Schon in seiner Rede und zählte auf, was in Deutschland und der Welt passiert ist seit dem letzten Neujahrsempfang im Kloster Eberbach vor drei Jahren, insbesondere Corona und die damit verbundenen Lockdowns, Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen, die Flutkatastrophe an der Ahr, die Rekordkälte in Nordamerika, Bürgerkrieg im Iran. „Und natürlich Krieg in Europa.“ Er bekam in seiner Rede, in der er recht ausführlich auf internationale Entwicklungen einging, jedoch die Kurve, auch die positiven Ergebnisse und Ziele hervorzuheben.

„Gehen Sie wählen!“

Schon appellierte ans Publikum: „Gehen Sie wählen 2023!“ Die Landratswahl am 12. März sei wichtig. „Einige Hundert Mitarbeiter hat der Landkreis als einer der größten Arbeitgeber der Region. Er verwaltet ein Budget von fast 350 Millionen Euro und ist zuständig für Schulen, Baugenehmigungen, den Öffentlichen Personennahverkehr, Schulbusse, Abfallbeseitigung, Kfz-Zulassung, Sozialhilfe und Katastrophenschutz – um nur eine kleine Auswahl zu nennen.“ Und im Herbst stehe die Wahl zum Hessischen Landtag an. „Auch da stehen ein paar Eltviller zur Wahl.“ Einer davon ist Ingo Schon selbst. Als sportbegeisterter Bürger ging er auch auf die sportlichen Ereignisse ein, die ihre Schatten vorauswerfen und an denen auch Eltvillerinnen und Eltviller beteiligt sind.

„An ganz vielen Stellen haben wir diese Stadt behutsam fortentwickelt“, betonte er und nahm die Verkehrssituation in der Kernstadt in den Blick: Mehr Radwege, eine Beruhigung der Rheingauer Straße, über die sicher auch in diesem Jahr gesprochen werde. „Dazu kommt endlich der Kreisel am Gutenberg Platz – und angekündigt vom Kreis ist auch der Kreisel am Wiesweg.“ Für viele war es beruhigend zu hören: „Wir wollen die Situation aller Verkehrsteilnehmer verbessern, aber auch Autofahrer haben in dieser Stadt weiter einen Platz.“

Beim Blick in die Stadtteile erwähnte der Stadtverordnetenvorsteher zunächst Hattenheim, wo die Vorplanung für das perspektivisch größte Baugebiet der Stadt, den Hundertmorgen, ansteht. „Dazu kommt die Arbeit am Regenrückhaltebecken und insgesamt das Thema Vorsorge beim Thema Starkregen, bei dem wir hessenweit Vorreiter sind und bei dem in vielen Ortsteilen wichtige Verbesserungen erzielt werden konnten, wobei die Schwerpunkte in Hattenheim und Erbach lagen.“ In Erbach überrage das Projekt „Erbacher Halle“ alles andere, denn es gehe dabei nicht nur um Erbach, sondern um eine Halle für die ganze Stadt. „Es ist die größte im Stadtgebiet und wir haben sie gerade in den letzten Jahren sehr intensiv genutzt und deshalb liegt sie uns auch sehr am Herzen.“

In Martinsthal werde das Wiesental weiter entwickelt und auch im Kloster Tiefenthal werde es vorangehen. Die Stiftung Knettenbrech habe das Anwesen erworben und werde dort verschiedene Wohnprojekte behutsam entwickeln; dazu gehöre auch ein Angebot für die Tagespflege, das im Oberen Rheingau dringend benötigt werde. In Rauenthal stehe ebenfalls eine Menge an, von der weiteren Entwicklung der Bubenhäuser Höhe bis zum Parkplatz am Sportplatz, wie auch verschiedene Vorhaben privater Vereine – bei der Fatima-Kapelle angefangen bis zur fünften Glocke im Kirchturm.

Seinen Dank richtete er auch an die IGE, an die Unternehmerinnen und Unternehmer, Geschäftsleute, Gastronomen, Einzelhändler, Freiberufler, Winzerinnen, Winzer und alle anderen Wirtschaftsvertreter, die jeden Tag das Risiko auf sich nehmen, Geld zu erwirtschaften, um Menschen beschäftigen zu können, damit es allen gut geht. „Ich glaube, wir nehmen oft viel zu selbstverständlich, dass wir alle Arbeit haben und dass unsere Jugendlichen nicht wie anderswo in Europa auf der Straße stehen und dass trotz Corona, trotz Krieg unsere Wirtschaft und unser Arbeitsmarkt einigermaßen stabil bleiben.“

„Gemeinsam stärker“

Beim Thema „städtische Finanzen“ erwähnte er den Eltviller Schuldenberg von einst über 35 Millionen Euro, der inzwischen auf 12 Millionen Euro Investitionskredite zurückgegangen sei. „Wir haben uns nachhaltig entschuldet, aber das haben wir nicht alleine geschafft. Wir haben von vielen Projekten der interkommunalen Zusammenarbeit profitiert; einige Vertreter der Nachbarkommunen sind auch heute hier. Vielen Dank an Sie, an Euch alle. Wir zeigen gemeinsam an vielen Stellen, dass man gemeinsam einfach stärker ist.“

Die Erhöhung der Grundsteuer sei keine leichte Entscheidung gewesen. Den 500.000 Euro, die die Stadt dadurch mehr einnehme, stellte er nur zwei Ausgabepositionen gegenüber für den Bereich Kitas und für die Kreis- und Schulumlage. „Allein diese beiden Positionen verlangen über 4 Millionen Euro, und da sind Inflation, höhere Zinsen, Baukostensteigerungen, Lohnerhöhungen usw. noch gar nicht dabei. Vielleicht kommen Sie daher mit mir gemeinsam zu dem Ergebnis, dass die Erhöhung der Grundsteuer vertretbar war.“

Schwerpunkt bleibe die soziale Stadt, die Familienstadt Eltville. „Deshalb investieren wir in diesem Jahr wieder mehr Geld in die Kinderbetreuung – fast 8,5 Millionen Euro“, versicherte Schon. Stolz sei die Stadt, dass vieles im sozialen Bereich ehrenamtlich gestemmt werde. Natürlich war auch die Nachhaltigkeit ein Thema – über die Stadtschokolade hinaus.

Das Kloster Eberbach bezeichnete er als einer der größten Schätze in der Stadt; als Vater dreier Kinder hob er auch die Familienfreundlichkeit und die Kulturvermittlung an die Jüngsten hervor. „Deshalb will ich an dieser Stelle dem ganzen Team um Timo Georgi und Julius Wagner und auch an der Stelle noch einmal Martin Blach von Herzen danken. Und deshalb: Vielen Dank, dass wir heute wieder hier sein dürfen und vielen Dank für eure großartige Arbeit!“

Es war erstaunlich, wie viele Danksagungen Ingo Schon noch äußerte und wie viele Themen er außerdem noch in seine Rede gepackt hatte, bevor er den Gästen ein gesegnetes Jahr 2023 wünschte. Erwähnenswert wäre noch sein Hinweis, dass es demnächst in der ARD eine Themenwoche zur Digitalisierung gibt und der HR dafür Eltville als Musterbeispiel ausgewählt hat.

Selina Schlier, Eltviller Sängerin mit starker Stimme und Ausdruckskraft, sang nach dieser Rede ihr „Eltville-Lied“; zuvor hatte sie bereits den Song von Loren Allred mit dem Titel „Never Enough“ interpretiert und stürmischen Beifall erhalten. Sie verstärkte auch zum Abschluss am Rednerpult das Trio Schon, Wagner und Kunkel bei der Nationalhymne, die immer zum Abschluss des Neujahrsempfangs gemeinsam gesungen wird und vom Posaunenchor begleitet wurde, der sich ebenfalls über herzlichen Beifall freuen durfte, so auch bei der „Europahymne“ von Beethoven und Händels „Feuerwerksmusik“.

Zahlreiche Gäste verweilten noch beim Umtrunk im Laiendormitorium, nutzen die Begegnungen für Neujahrswünsche, privaten und beruflichen Gedankenaustausch oder zur Netzwerk-Erweiterung. Sehr gefragt war Julius Wagner, der mit seinem Grußwort gepunktet hatte und mit großer Zugewandtheit den Gästen auch nach dem offiziellen Teil des Empfangs begegnete.

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