Kinder und Weine aus guten Jahrgängen

Kinder und Weine aus guten Jahrgängen
Eltviller Zeitraum: Winzer Klaus-Peter Keßler schaute beruflich und privat zurück

Nach dem anregenden Dialog dürfen sie mit einem guten Glas Wein anstoßen: Klaus-Peter Keßler und Leo Gros.

Eltville. (chk) – „Ich bin der Meinung, dass es hilfreich ist, in die Vergangenheit zu blicken, um die Zukunft zu gestalten“, sagte Bürgermeister Patrick Kunkel, der darauf hinwies, dass von allen Ausgaben des Eltviller Zeitraums eine Audio-Aufnahme archiviert werde. Den Martinsthaler Klaus-Peter Keßler kenne er sozusagen von Geburt an, erklärte Kunkel, und versprach dem Publikum einen Einblick in das Leben eines Menschen, der als Winzer und ehrenamtlicher Engagierter im Weinbauverband und anderen Institutionen als Zeitzeuge viel beizusteuern habe.

Großes Lob richtete er an Professor Dr. Leo Gros, der stets ein Garant für erstklassige Gesprächsführung im Eltviller Zeitraum sei.

Moderator Leo Gros kennt seinen Gesprächspartner ebenfalls seit Jahrzehnten und bewegte sich beim Thema Wein ohnehin auf bekanntem Terrain, so dass der Dialog von vornherein unter einem besonders guten Stern stand, was die fachliche und die persönliche Ebene betraf. Und Leo Gros setzte ganz am Anfang an und ließ Klaus-Peter Keßler (72) von seinen Eltern, Rosa und Josef Friedrich Keßler, von seiner Kindheit und dem Leben im Winzerbetrieb erzählen, den er noch als bäuerlichen Betrieb erlebte, wo neben dem Weinbau auch Landwirtschaft und Obstbau betrieben wurden. Aber irgendwann habe man sich entscheiden und spezialisieren müssen, weil die enorme Arbeitsbelastung mit der Landwirtschaft und der Obsternte neben dem Weinbau nicht mehr zu bewältigen gewesen sei. Vieles habe man damals von Hand machen müssen, was heute maschinell gehe, und bis 1968 der erste Schmalspurschlepper angeschafft wurde, habe man viele Arbeiten noch mit Pferden verrichtet. Keßler berichtete, dass er schon als Kind bei allen Arbeiten mit angepackt habe, und nach dem Schulabschluss sei klar gewesen, dass er eine Winzerlehre mache. Die Lehrzeit teilte er auf zwischen dem elterlichen Betrieb und dem Weingut des Grafen Eltz, den er als große Persönlichkeit wertete. „Von ihm habe ich sehr viel gelernt“, lobte Keßler. „Samstags mussten wir Lehrlinge zusammenkommen und er erteilte uns Unterricht.“

Nach der Lehre besuchte Klaus-Peter Keßler die Weinbauschule in Eltville und machte später noch weitere Fortbildungen, u.a. in Friedrichsdorf. Auf die Meisterprüfung bereitete er sich berufsbegleitend vor, denn seine Arbeitskraft im Familienbetrieb wurde gebraucht. Als sein Vater 1970 starb, übernahm er das Weingut und heiratete auch im selben Jahr seine Frau Inge. Gerne wollte Leo Gros wissen, wie er seine Frau kennen gelernt hatte. Das sei in der Rheingauer Landjugend gewesen, wo man viel gemeinsam unternommen habe, wie Vorträge, Fahrten und Freizeitgestaltung. Einmal habe eine junge Frau ihre Freundin Inge aus Hallgarten mitgebracht – und schon gleich habe es gefunkt, erzählte Keßler schmunzelnd. Die vier Wunschkinder – Martina, Stefan, Ruth und Peter – sind zwischen 1971 und 1976 geboren. „Das waren alles auch gute Weinjahrgänge.“

„Wie hast du die Entwicklung der Weinqualität über die Jahre wahrgenommen“, fragte Gros. Die Klimaveränderung und neue Entwicklungen im Pflanzenschutz hätten zu einer deutlich früheren Weinlese geführt, zudem hätten der technische Fortschritt und die reduktive Verarbeitung steigende Weinqualitäten erlaubt. „So sauberen, klaren Most wie wir ihn heute einlagern können, hat es noch nie gegeben“, versicherte Keßler. Als schlechtesten Jahrgang hat er das Jahr 1965 in Erinnerung mit Mostgewichten von 45 Grad Oechsle. Da habe man nur mit „Frankenthaler Sonne“ nachhelfen können – ein Hinweis auf die in Frankenthal beheimatete Zuckerfabrik.

Jede Fläche, die zu bekommen war habe er dazu gekauft und das Weingut auf 16 Hektar vergrößert. Als 1978/79 eine allgemeine wirtschaftliche Rezession eingesetzt habe, hätten er und seine Frau entschieden, einen Gutsausschank zu eröffnen, um den Betrieb breiter aufzustellen. Die tatkräftige Unterstützung seiner Frau betonte er mehrmals an diesem Abend. Sie stärkte ihm auch stets den Rücken für die Vereins- und Verbandsarbeit, die er schon in jungen Jahren begann und über Jahrzehnte durchhielt. Neben der Arbeit im eigenen Weingut engagierte er sich 25 Jahre als Vorsitzender des Martinsthaler Weinbauvereins und schon mit 27 Jahren wurde er ins Präsidium des Rheingauer Weinbauverbands gewählt. 1977 unterstützte er die Kandidatur von Fritz Allendorf, den er als seinen besten Freund und als einen charismatischen Menschen bezeichnete. 2004 wurde Keßler selbst zum Präsidenten gewählt, nachdem er zuvor bereits Vizepräsident war. Bis 2010, zwei Amtsperioden, blieb er Rheingauer Weinbaupräsident und wurde in dieser Zeit auch zum Vizepräsidenten des Deutschen Weinbauverbands gewählt. In den Jahren seines Engagements wurde die Rheingauer Weinwoche in Wiesbaden ins Leben gerufen und das Terroir-Projekt vorangebracht. Auch hat Keßler sich stets gegen weitere bürokratische Hürden eingesetzt, die die Winzer mehr und mehr belasten.

Bezüglich des Kampfes um die Eltviller Umgehungsstraße räumte Keßler ein, dass er sich damals auch dagegen ausgesprochen hätte, denn jeder Quadratmeter Boden, der dafür verloren gegangen wäre, hätte für die Winzer einen hohen Stellenwert gehabt. Eine Lösung sei erst durch den Verkauf der Weinberge von Graf Eltz möglich gewesen. „Heute sage ich natürlich, dass es schade wäre, wenn das Eltviller Rheinufer durch die Uferstraße zerstört worden wäre.“ Für seinen Heimatort Martinsthal wünscht er sich eine Umgehungsstraße, die – von Walluf kommend – vor Martinsthal zum Kreisel in Richtung Eltville führt, um wenigstens die enge Hauptstraße zu entlasten. „Aber es dauert viel zu lange, bis solche Entscheidungen getroffen werden“, stellte er fest. Auch die Flurbereinigung in Martinsthal ziehe sich viel zu lange hin.

Das Weingut und den Gutsausschank hat er an seinen Sohn Stefan Keßler übergeben, der mit seiner Frau beides in bewährter Manier, aber auch mit neuen Ideen weiterführe. Sohn Peter hat mit seiner Frau in Hallgarten ein Weingut mit Gutssauschank eröffnet. „Morgens gehe ich gerne nach Hallgarten, nachmittags arbeite ich in Martinsthal in den Weinbergen. So helfe ich noch beiden Söhnen, und mir macht das Freude“, versicherte Keßler. „Als Rentner am Rhein spazieren zu gehen, wäre nicht mein Ding.“ Auf die Frage von Leo Gros, was Wein ganz persönlich für ihn bedeute, antwortete er: „Ein Tag ohne Wein ist wie ein Tag ohne Sonne.“ Rückblickend könne er sagen, dass er kein anderes Leben hätte leben wollen. „Ich hoffe, dass ich in gut einem Jahr mit Inge die Goldene Hochzeit feiern kann und dass uns noch einige gute Jahre beschieden sind.“

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