„Es wird nicht mehr sein wie vorher“

„Es wird nicht mehr sein wie vorher“

Beim digitalen Eltviller Wirtschaftsdialog stand Corona im Mittelpunkt

Barbara Lilje, Leiterin der Wirtschaftsförderung, moderierte den Live-Talk.

Eltville. (chk) – Der sechste Eltviller Wirtschaftsdialog (EWD) war zugleich der erste digitale. „Eine wirkliche Premiere“, wie die Leiterin der Eltviller Wirtschaftsförderung und Moderatorin Barbara Lilje zu Beginn betonte. Es war ein gelungenes und professionell wirkendes Debüt, wenn auch eigentlich kein freiwilliges. Im neu eingerichteten „Fernsehstudio“ von Joachim Jakob hatten sich im angemessenen Corona-Abstand vier Talkgäste mit Bürgermeister Patrick Kunkel und Barbara Lilje eingefunden. Es ging fast genauso zu wie in den vielen TV-Talkshows – mit dem Unterschied, dass hier alle ruhig und sachlich ihre Positionen vertraten und es dabei vor allem um Eltville und die Region ging.

 

Ursprünglich war geplant, den sechsten EWD Ende April beim Eltviller Gastgeber mediatixx Praxissoftware GmbH & Co. KG zu veranstalten und dabei sollte das Thema CSR (Corporate Social Responsibility), also die gesellschaftliche Unternehmerverantwortung, im Mittelpunkt stehen. „Das ist ein so wichtiges Thema für uns und wir hatten es sehr gut vorbereitet“, erklärte Barbara Lilje. Deshalb wolle man zu einem späteren Zeitpunkt mit Ruhe und Geduld darauf eingehen. Da nun das Thema Corona im Vordergrund stehe, seien vier Gäste eingeladen worden, um über ihre Erfahrungen – leidvolle und positive – zu berichten und zu diskutieren. Dies waren Geschäftsführerin Sabine Meder, IHK-Wiesbaden, Geschäftsführer Julius Wagner, DEHOGA-Hessen,

Carina Schirmer vom Schmuck- und Uhren Fachgeschäft Schirmer und Erste Vorsitzende der IGE Eltville aktiv und schließlich Rainer Berthold, einer der beiden Geschäftsführer der Jean Müller GmbH. Live zugeschaltet wurde medatixx-Geschäftsführer Dr. Jan Oliver Wenzel.

An Sabine Meder stellte Barbara Lilje die Frage, ob die IHK mit den nun vorgesehen Lockerungen für Einzelhandel und Gastronomie zufrieden sein könne. „Wir haben immer gefordert, dass die Regelungen objektiv und möglichst überregional abgestimmt sein müssen, das ist natürlich überaus hilfreich“, antwortete sie. Im Lauf des Gesprächs berichtete sie auch von der Hotline, in die viele IHK-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter eingespannt wurden, um allen Anfragen zur Soforthilfe gerecht zu werden, aber auch um eine Art „Sorgentelefon“ zu sein. „Wir freuen uns, dass es jetzt eine Perspektive für viele Branchen gibt; da ist sicher auch noch das eine oder andere zu tun.“ Ob es für die Gastronomie ausreichend sei – dazu könne sicher Julius Wagner noch etwas sagen.

In Hessen habe die Gastronomie einige zusätzliche Pirouetten zu drehen, erläuterte der DEHOGA-Vorsitzende. Dass Clubs und Diskotheken vorerst nicht öffnen dürfen, sei zu erwarten gewesen. Aber dass man in Hessen fünf Quadratmeter pro Gast zur Verfügung stellen müsse, mache der Branche sehr zu schaffen. Nicht alle Betriebe könnten unter diesen Voraussetzungen öffnen. „Wir sind zuversichtlich, dass der erste Schwung, der jetzt die Öffnung wagt, gut über die Bühne geht, denn darauf wird es ganz massiv ankommen, wie es am Markt weitergehen kann.“

„Der Einzelhandel hatte zuerst geöffnet. Geht das in Eltville überhaupt – Einzelhandel ohne Gastronomie und Weinwirtschaft?“, war die Frage der Moderatorin an Carina Schirmer. Unter den Eltviller Einzelhandelsgeschäften habe man sich schnell vernetzt und sich ausgetauscht, wie man die Hygienemaßnahmen fachgerecht in jedem kleinen Betrieb umsetzen könne“, antwortete sie. „Wir waren sehr gespannt, wie der Zulauf sein würde.“ Sie habe inzwischen mit vielen Kollegen sprechen können und man sei überrascht und erfreut, wieder in ein Stück Normalität zu gehen – zumindest, was die Kundenfrequenz betreffe. „Wir hatten in den vier Wochen, als geschlossen war, den Kontakt mit den Kunden sehr vermisst.“ Die ersten Tage habe sie so erlebt, dass gerade die Eltviller Kunden den Kontakt suchten. Vorher habe habe man oft gehört, dass die Kleinstadt nicht genug zu bieten habe. Vielleicht hätten die Menschen in den letzten Wochen gemerkt, dass sie ihre Kleinstadt brauchen mit all den kleinen Geschäften und Gaststätten, vermutete Carina Schirmer.

Lieferfähig geblieben

Sehr beruhigt habe man zur Kenntnis nehmen dürfen, dass das international tätige und größte Eltviller Unternehmen, Jean Müller, wirtschaftlich bisher nicht unter Corona gelitten habe und man sei sehr gespannt, was der Geschäftsführer darüber zu berichten habe, eröffnete Barbara Lilje das Gespräch mit Rainer Berthold. Er sprach sogar von einem Umsatzplus, auch wenn man befürchten müsse, dass auch Hamsterkäufe dazu geführt haben könnten. Im Unternehmen habe man die Arbeitsbedingungen in Absprache mit dem Betriebsrat so gestaltet, dass die Mindestabstände gewährleistet und alle Mitarbeiter mit Schutzmasken ausgestattet seien, ohne allerdings eine permanente Maskenpflicht einzuführen. Man sei auf Videokonferenzen umgestiegen, aber im Vertrieb fehle natürlich der direkte Kundenkontakt. „Wir leben von unserem guten Ruf am Markt, von unserer Präsenz und von unserer Lieferfähigkeit.“ Man sei mit der Produktion in Deutschland geblieben. „Dadurch sind wir teurer, aber wir sind dadurch auch lieferfähig“, betonte er.

Zugeschaltet wurde Dr. Jan Oliver Wenzel, dessen Unternehmen mediatixx derzeit in einer ganz besonderen Verantwortung steht. Rund 38.000 Humanmediziner in Deutschland, das sind mehr als ein Viertel, arbeiten mit einer Ambulanz- oder Praxissoftware von mediatixx. „Es ist wichtig, dass wir unsere Leistungsfähigkeit für diese Arztpraxen erhalten. Wenn wir heute nicht mehr in die Arztpraxen können, wenn ein Störfall ist oder eine Anlage erneuert werden muss, dann ist diese Praxis wenige Stunden später nicht mehr arbeitsfähig.“ Das Unternehmen habe einen Beitrag für das deutsche Gesundheitswesen zu leisten – ohne Einschränkung. Man habe es in kürzester Zeit geschafft, 90 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice zu haben. „Dadurch und durch das große Engagement und die Flexibilität unserer Mitarbeiter ist es uns gelungen, den Geschäftsbetrieb und die Leistung für unsere Ärzte uneingeschränkt aufrechtzuerhalten.“

„Freiheit ist Verantwortung“

„Wir sehen, wir haben einen großartigen Wirtschaftsstandort in Eltville“, fasste Barbara Lilje das zuvor Gehörte zusammen. Deshalb sei es für die Stadt wichtig, alle gemeinsam wieder aus der Krise „herauszubekommen“. An Patrick Kunkel richtete sie die Frage, wie er den Spagat schaffe zwischen den Mahnern zur Vorsicht und den Menschen, auch den Winzern und Gastronomen, denen die Öffnung nicht schnell genug gehen könne. „Den Spagat beantworte ich mit dem Spagat, die Infektionszahlen auf niedrigem Niveau zu halten und dem Spagat zu wissen, dass wir uns alle nichts sehnlicher wünschen, als unser ‚normales‘ Leben mit allen Lockerungen, Annehmlichkeiten und allen Freiheiten.“ Der Ministerpräsident habe gesagt: „Freiheit ist auch Verantwortung“ und diese Verantwortung habe er bei den Eltviller Gastronomen und Geschäftsleuten – trotz aller Ängste – deutlich wahrgenommen. „Behutsam gehen sie auch die nächsten Schritte.“

Seine Verantwortung als Bürgermeister sehe er vor allem darin, dafür zu sorgen, dass die Bürgergesellschaft in Einklang, in Balance, bleibe, indem er die beschlossenen Maßnahmen auch verständlich mache. Das beschäftige ihn 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche. „Ich habe begonnen, Tagebuch zu schreiben, um für mich festzuhalten und irgendwann ein bisschen bewerten zu können, ob alles richtig war oder was hätte anders sein müssen, was gut gelaufen und was zu bewahren ist – auch für die Zukunft“, verriet er. „Mein Blick in Eltville als Nachhaltigkeitsstadt geht auch in die Zukunft und das was wir heute entscheiden, soll auch tragfähig sein.“

Breiteren Raum nahm die Diskussion unter den Gästen ein, wie die Öffnung als Touristenstadt vonstatten gehen soll. Ist es zu schaffen, die Innenstadt, die Geschäfte und die Gastronomie wieder zu beleben, ohne die Abstandregeln zu gefährden, die vermutlich noch eine Weile eingehalten werden müssen? „Wir wollen nicht in drei Wochen wieder dastehen und sagen, wir machen alles zu“, sagte Kunkel. „Für die Branche wäre nichts schlimmer als ein zweiter Lockdown“, pflichtete Julius Wagner ihm bei, der die nächsten Tage als „Testphase“ für die Gastronomie sieht. Nicht ganz einig war man sich unter den Gästen, wie der „Strom“ von Touristen gelenkt werden könne, damit wieder mehr kommen – aber nicht zu viele.

„Wie lange noch?“

„Wie lange geht das denn noch?“, sei eine Frage, die ihm immer wieder gestellt werde, berichtete Kunkel. „Wir müssen eine Frage aushalten können, die wir nicht beantworten können.“ Man lebe mit einer Gefahr, die man nicht sehe und es sei angesagt, vorsichtig damit umzugehen. „Wenn wir helfen können, wollen wir helfen. Ruft an bei der Stadt, ruft an bei der IHK, ruft an bei der DEHOGA. Lasst euch beraten“, war sein Appell.

Barbara Lilje, die als Amtsleiterin nicht nur für Wirtschaft, sondern auch für Kultur und Tourismus zuständig ist, sprach mit Bedauern über die Kulturveranstaltungen, die ausfallen müssen und auch über die eigentlich bevorstehenden Rosentage und das Sektfest. Aber es sei nicht damit getan, dass in diesem Sommer alles einmal ausfalle und nachher ginge es einfach wieder weiter. „Es wird nicht mehr so wie vorher.“ Kleine, feine Konzepte müssten für die Zukunft entworfen werden. Sie ging auch auf die Nöte der Kulturveranstalter ein, die unter der Bedingung, fünf Quadratmeter für eine Person vorzuhalten, in absehbarer Zeit keine Veranstaltungen mehr anbieten könnten. Im Live-Chat hatten dazu auch Teilnehmer Fragen gestellt; weitere Fragen kamen vor allem aus der Gastronomie. 90 Teilnehmer hatten sich angemeldet, um beim EWD live dabei zu sein. Wer die gesamte Aufzeichnung sehen will, findet sie unter „EWD digital Mai 2020“ auf YouTube.

Schon zu Beginn hat Barbara Lilje der Firma Jakob Veranstaltungstechnik gedankt und als Leiterin der Eltviller Wirtschaftsförderung Werbung für das neu eingerichtete Studio gemacht: „Sie können dieses wunderbare Studio inklusive Equipment, Technik und Personal mieten. Nutzen Sie diese Gelegenheit. Sie können hier internationale Chats mit ihren Firmen und Familien hier veranstalten – und es ist wunderbar von Eltville aus in die Welt zu gehen, so wie wir heute Abend in die Region gehen.“

Da für Jakob Veranstaltungstechnik alle Aufträge wegen der Absage von Großveranstaltungen bis Ende August weggebrochen sind, hat Joachim Jakob in seiner Lagerhalle ein Studio aufgebaut, in dem in alle Welt gesendet werden kann – in der Hoffnung, daraus irgendwann einmal einen gewinnbringenden Geschäftszweig zu entwickeln. Beim EWD war er selbst als Kameramann im Einsatz, unterstützt von seiner Tochter Elena an der zweiten Kamera. Am Tonmischpult war sein Mitarbeiter Christian Born im Einsatz; am Videomischpult betätigte sich Carl Rosenberger, dem diese Technik keineswegs fremd ist und der von seinem Pult aus noch zwei weitere Kameras steuerte. Ein bisschen aufregender war es aber dann doch. „Das hier erfordert 180 Prozent Konzentration, weil es live in die ‚Welt“ geht“, versicherte er.

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