Paradiesische Lebensräume für Bienen und Vögel

Paradiesische Lebensräume für Bienen und Vögel
Günter und Rita Brack hatten zum Spaziergang eingeladen: „Ein Prosit auf die Artenvielfalt“

Diplom-Biologe Thomas Merz erläuterte den Teilnehmern den Nutzen der artenreichen Wiese am Heinzentalhang für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Vögel.

Rauenthal. (chk) – Der Einladung zum „Spaziergang in den Frühling“ folgten 45 Teilnehmer, die Dr. Günter Brack am „Pumpezehnes“-Platz begrüßte. Er drückte seine Freude darüber aus, dass darunter auch junge Familien mit zehn Kindern waren. Eingeladen hatte der Traditionsverein Rauenthal, unter dessen „Dach“ Brack die Landschaftspflege verantwortet, seit er die von ihm gegründete Umweltstiftung vor vier Jahren aufgelöst hat.

Bürgermeister Kunkel, der aus zeitlichen Gründen nicht an dem Rundgang durch die Landschaft teilnehmen konnte, war es dennoch wichtig, am Treffpunkt ein Grußwort zu sprechen – aus Respekt für Dr. Brack und sein Engagement für die Landschaftspflege in Rauenthal, auf das auch er als Bürgermeister von Eltville stolz sei. Die Stadt habe die Agenda 2030 unterzeichnet und strebe Nachhaltigkeit in allen Bereichen an, und dazu gehöre auch, dem Artensterben entgegenzuwirken. „Wir sind gehalten, an den Nachhaltigkeitszielen zu arbeiten, damit wir uns vor den nächsten Generationen nicht schämen müssen“, sagte Kunkel und kündigte an, die Stadt werde in den nächsten Jahren selbst die Verantwortung für einige der Landschaftsprojekte übernehmen, um deren Fortsetzung zu sichern.

Günter Brack konnte den Spaziergang aus gesundheitlichen Gründen nicht mitmachen und stieß erst an der letzten Station wieder zu der Gruppe. Als Experten begleiteten der Diplom-Biologe Thomas Merz und Gartenbau-Experte (Master of horticulture) Bernd Mengel die Gruppe; mit dabei waren auch die Ornithologen Manfred Wilke und Fritz Sperling, die unterwegs auf den Gesang der Mönchsgrasmücke und der Feldlerche eingingen, wie auch auf in den Lüften kreisende rote und schwarze Milane und Bussarde. Vertreten wurde Günter Brack außerdem durch Klaus Bruns, einen langjährigen Mitstreiter in Sachen Landschaftspflege.

Eingangs hatte Brack noch auf den Bericht des Biodiversitäts-Weltrats hingewiesen, nach dessen Meldungen weltweit wahrscheinlich etwa 100 Millionen Arten vom Aussterben bedroht sind. In Rauenthal sei bereits in den Jahren von 1950 bis 1965 als Folge der restlosen Aufgabe des kommerziellen Obstbaus ein dramatischer Artenverlust eingetreten. „1950 wurden noch 12.046 Obstbäume von der Süßkirsche bis zur Mirabelle gezählt, 1965 wurde nur noch ein kläglicher Rest des Bestandes genutzt. Vögel, Bienen und viele weitere Insekten haben in diesem Zeitraum einen paradiesischen Nahrungsraum verloren.“ Insgesamt wurden durch das Engagement von Günter Brack seit 2005 an die 100 Bäume mit 23 verschiedenen Arten und 40 einheimische Sträucher mit 30 Arten gepflanzt, um die Qualität des Nahrungsangebotes für Vögel und Insekten wieder zu verbessern.

Nicht nur die Umstellung auf Weinbergs-Monokultur ist dafür verantwortlich – manchmal sind es auch Pflanzen, die aus anderen Regionen der Welt gewollt oder ungewollt „importiert“ werden. Auf der Wanderung durch das Heinzental wies Bernd Mengel auf eine solche Pflanze hin, die eigentlich schön aussieht, aber mit ihren Wurzeln alles andere im Boden „abtötet“ und damit die Biodiversität radikal einschränkt. Es ist der Sachalin-Staudenknöterich, der ähnlich wie der Japan-Knöterich ein invasive Pflanze ist, deren Ausbreitung nur schwer zu bekämpfen ist. Etwas weiter, in einem Trockenwald, konnte er genau das gegenteilige und positive Beispiel zeigen: Autochthone Pflanzen, die seit Jahrtausenden hier heimisch sind. So entdeckte er eine natürlich gewachsene Elsbeere, die „Baum des Jahres 2011“ war. „Die Elsbeere gilt als das vielleicht teuerste Holz mit besonderer Hell-Dunkel-Zeichnung“, erklärte er. Aus den Beeren lassen sich Marmelade und Säfte herstellen. „Wir haben die Elsbeere auch auf der Mirabellenwiese gepflanzt, die unsere letzte Station heute sein wird. Hätten wir die Elsbeere hier früher entdeckt, wäre es wahrscheinlich noch besser gewesen, das autochthone Pflanzgut zu verwenden, als es von einer Baumschule zu kaufen.“

Auch Thomas Merz wies auf heimische Blumen im Wald hin, wie das Salomonsiegel, Nickendes Leinkraut und frühblühendes Habichtskraut. Etwas weiter, am Heinzentalhang, erläuterte er, dass dank der gezielten Pflege durch Schafbeweidung und abwechselndes Mulchen sich der wilde Majoran mit seinen von Schmetterlingen, Bienen und Hummeln hochgeschätzten Blüten von selbst wieder ausgebreitet hat. Der wilde Majoran blühte zwar noch nicht, aber Merz konnte der Gruppe doch einige seltene Pflanzenarten wie die Dürrwurz, die Felsenfetthenne und das Hügelvergissmeinnicht zeigen. Die „genetische Identität“ der Pflanzenwelt bezeichnete er als großes Thema für die Zukunft.

Nächste Station war eine Süßkirschenwiese auf der der Traditionsverein mit dem Weingut Günther Werner ein Kooperationsprojekt begonnen hat, wie Klaus Bruns erläuterte. Damit nach Absterben der teilweise „vergreisten“ Kirschbäume nicht eine artenarme Verbuschung entstehe, habe man 2018 bereits 17 Jungpflanzen der Baumarten, Hybridnuss, Haselbaum, Speierling und Edelkastanien zwischen die Altstämme der Kirschen gesetzt. In diesem Projekt geht es auch um den Test, welche Bäume bei Zunahme der globalen Erwärmung für die Region geeignet sind. Merz unterstrich, dass insbesondere der Haselbaum chancenreich sei, weil er selbst extremer Dürre widerstehe.

An der letzten Station der Wanderung, der sogenannten Mirabellenwiese, beschrieb Bernd Mengel die Eigenheiten der 13 verschiedenen Baumarten, zu denen die klassischen Wildobstarten Mehlbeere, Elsbeere, Speierling, Vogelbeere, Wildapfel und Wildbirne auf der Wiese gehören. Einige der Bäume waren bereits „Baum des Jahres.“ Als „Star“ der Wiese bezeichnete Brack die Elsbeere, die nicht nur einen hohen ökologischen Nutzen habe und von Vögeln und Bienen geschätzt werde, sondern auch ökonomisch interessant sei und von der Möbelindustrie geschätzt werde. „Für einen Festmeter Elsbeere werden Preise von mehr als 800 Euro gezahlt. Außerdem ist die Elsbeere sturmfester und trockenresistenter als die Eiche.“

Nicht nur für die Bienen und Vögel war der Tisch auf der Wildobstwiese reichlich gedeckt, sondern auch für die Frühlingswanderer. Eine zünftigen Vesper mit Wildbratwürste und köstlichem Lammschinken aus Rauenthal wurde begleitet von einem „Prosit auf die Artenvielfalt“ mit verschiedenen Edelschnäpsen der Wildobstarten Vogelbeere, Elsbeere und Mispel. Neben Spundekäs hatte Rita Brack das Büfett auch mit selbstgekochten Gelees und Marmeladen aus Mirabellen, Äpfeln und Quitten bestückt.

Vogelkundler Manfred Wilke las noch eine kleine stimmungsvolle Passage über die Feldlerche, den Vogel des Jahres 2019, aus einem alten vielgerühmten Vogelbuch mit dem Titel „Die Gefiederten – Das schöne Leben der Vögel“ aus dem Jahr 1964. Darin beschreibt der bekannte Ornithologe Richard Gerlach – der genau an diesem Tag vor 120 Jahren geboren wurde – etwa 150 Vogelarten So auch die Feldlerche und ihren Gesang – ganz ohne Fotos, ohne Zeichnungen, nur mit gut ausgewählten Worten.

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