„Seufzergemeinschaft“ in Sehnsucht und Aufbruch

Wieder blickten rund eine Million Fernsehzuschauer in die Erbacher Johanneskirche

Pfarrerin Bianca Schamp freute sich, den Berliner Bischof Dr. Christian Stäblein in der Johanneskirche begrüßen zu dürfen.

Erbach. (chk) – Am vergangenen Sonntag startete die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unter dem Motto „Kirche ist Zukunft“. Der Auftakt-Gottesdienst dazu war ursprünglich in der Berliner Marienkirche geplant. „Wir sind spontan für die Berliner Gemeinde eingesprungen, aus der dieser Gottesdienst eigentlich übertragen werden sollte“, sagte Bianca Schamp, Pfarrerin der Triangelis-Gemeinde Eltville-Erbach-Kiedrich zu Beginn der Fernseh-Übertragung. „Und wir freuen uns darauf, heute gemeinsam mit Ihnen Gottesdienst zu feiern – der Ungewissheit und den Sorgen zum Trotz mit einem zuversichtlichen Blick in die Zukunft!“

 

„Einige Ideen aus der Berliner Vorbereitung haben wir übernommen, vieles andere musste neu geschrieben und auf unsere Gemeinde und Kirche angepasst werden. Wir freuen uns, dass Bischof Dr. Christian Stäblein, der auch in Berlin gepredigt hätte, zu uns nach Erbach gereist ist und die Predigt übernommen hat“, erklärte Bianca Schamp im Anschluss an den Gottesdienst, den sie mit dem Bischof und Mitwirkenden aus der Gemeinde und der Region gestaltet hatte. Wegen der aufgrund von Corona nun wieder stärker beschränkten Reisemöglichkeiten des ZDF-Teams werden Gottesdienste vorzugsweise aus Mainz und der Umgebung übertragen. Aus demselben Grund fand auch die EKD-Synode erstmals digital statt.

Pfarrer Lothar Breidenstein, selbst leidenschaftlicher Sänger in mehreren Chören, Projektchören und freien Ensembles, hatte eigens für den Fernseh-Gottesdienst ein Vokal-Ensemble zusammengestellt, in dem er selbst als Bass mitwirkte. Die professionellen und semi-professionellen Sängerinnen und Sänger kommen aus dem Rhein-Main-Gebiet und haben in unterschiedlichen Besetzungen bereits zusammen musiziert, auch mit Chorleiter Alexander Grün, der auch in der Johanneskirche die Arrangements und die Leitung übernahm. Er ist Musikwissenschaftler und arbeitet am Nationaltheater Mannheim; nebenberuflich ist die Kirchenmusik seine Leidenschaft, die er als Organist, Chorleiter und Arrangeur auslebt.

„Wir haben uns in diesem Gottesdienst für diese professionelle bzw. semi-professionelle Besetzung entschieden, weil die Vorbereitungszeit extrem knapp war“, erklärte Bianca Schamp nach dem Gottesdienst, „und weil aufgrund der Hygiene- und Abstandsregeln nur sehr wenige Sängerinnen und Sänger in der Kirche sein dürfen und unsere eigenen Ensembles im Moment wegen der Corona-Beschränkungen schon seit längerer Zeit nicht in der gewohnten Weise proben.“ Instrumental begleitet wurde der Gottesdienst von Andreas Karthäuser, einer der beiden Organisten der Triangelis-Gemeinde, und von den Gastmusikern Klemens Vetter (Euphonium), Christoph Latzel (Horn) und Tim Roth (Kontrabass). Zum Auftakt sang das Ensemble, begleitet von der Orgel, „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.“

Als Solistin wirkte auch die 16-jährige Paula Dosch mit. Sie ist von Kindesbeinen an in der Triangelis-Gemeinde aktiv, stand schon als Dreijährige beim Kindermusical auf der Bühne und bis heute singt sie mit ihrer klangvollen Stimme in Musicals und Gottesdiensten. Seit ihrer Konfirmation bereichert sie auch die Gruppe der jugendlichen Teamerinnen und Teamer. Sie war neben Präses Irmgard Schwätzer, dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm und weiteren Synodalen eine von drei „Stimmen“ aus der Gemeinde, die in eingeblendeten Video-Botschaften auf die Frage antwortete: „Was ist eigentlich Kirche für mich?“ Paula Doschs Antwort lautete: „Kirche ist für mich ein Ort, wo ich aufgewachsen bin. Es hat damit angefangen, dass ich mit meiner Oma früher am Bett gebetet habe. Und heute bin ich Teamerin in der Gemeinde, mache Jugendarbeit und habe sehr viele Freunde hier gefunden. Und mit denen kann ich mich ausprobieren. Und was für mich natürlich ganz wichtig ist: Hier kann ich Musik machen und meine Musik auch wirklich ausleben.“

Auch Isolde Wende vom Kirchenvorstand beantwortete die Frage: „Kirche ist für mich ein Stück Heimat. Ich fühle mich hier wohl und ich möchte, dass auch andere sich hier wohlfühlen. Und deshalb bin ich immer für Projekte zu haben und aktiv, bei denen es konkret um den Menschen geht, dem jetzt geholfen werden soll. Zum Beispiel engagiere ich mich für geflüchtete Menschen.“ Dieter Greiner, ebenfalls Mitglied des Kirchenvorstands, sagte: „Die Kirche ist für mich ein Platz, wo jeder hingehen kann, mit seinen Fähigkeiten, mit seinen Talenten, mit seinen Begabungen – ob man Musik macht, ob man bei den Teamern, bei den jungen Leuten sich einbringt, ob man Besuchsdienste macht. Mit ganz verschiedenen Dingen kann man sich in der Kirche einbringen und für andere da sein und dann auch selbst für sich sehr viel mitnehmen.“ Isolde Wende und Dieter Greiner gestalteten mit bewundernswerter Ruhe und Sicherheit auch die Liturgie und die Fürbitten mit.

In seiner Predigt ging Bischof Stäblein auf die Lesung aus dem Kapitel 8 des Römerbriefs ein, das auch „Seufzerkapitel“ genannt wird und stellte eine Verbindung zu den „Peanuts“ her, insbesondere zu Snoopy und Charlie Brown, die er als „Seufzergemeinschaft“ bezeichnete, die sich gegenseitig stets tröstete. „Liebe Gemeinde, die Welt ist oft genug auch so eine Seufzergemeinschaft“, betonte Stäblein. „Schließlich kann man doch auch wunderbar gelöst, aus Zufriedenheit seufzen. Weil sich fügt, wonach wir suchen.“ Beispielsweise eine Hand, die einen halte in Corona-Tagen oder ein Bild, das immerhin da sei beim Skypen, wenn man sich schon nicht besuchen könne. Auch die Kirche sei eine – meistens – gelöste, frohe Seufzergemeinschaft in Sehnsucht und Aufbruch, eine von der man zurecht Trost erwarten könne.

Bewegte Rückmeldungen

„Die für mich prägendste Erfahrung war eine, die ich schon beim letzten ZDF-Gottesdienst im Mai machen durfte, die mich auch dieses Mal sehr bewegt hat und für die ich wirklich dankbar bin, weil man sie nicht selber ‚schaffen‘ kann“, erklärte Pfarrerin Schamp im Nachgespräch, „trotz aller Scheinwerfer, Kameras und genau ‚ausgetakteten‘ Proben vorab, haben wir ab dem Moment, in dem die Übertragung losging, wirklich Gottesdienst gefeiert – in dieser Kirche mit allen Mitwirkenden und für und mit einer großen Gemeinde weit über die Kirche hinaus.“ Das sei über die gesamte Übertragungszeit hinweg spürbar gewesen. „Das haben auch viele Zuschauende zu Hause so erlebt, wie uns die vielen positiven Rückmeldungen zeigen.“

Es seien wieder eine Million Zuschauende dabei gewesen. „Wir haben viele positive und oft bewegte Rückmeldungen bekommen – zur Musik des Gesangsensembles und den Instrumentalisten, zur jugendlichen Solistin Paula Dosch und den Mitwirkenden aus unserer Gemeinde, zur Predigt des Bischofs, den Video-Statements und zur Ausstrahlung und Gesamtkonzeption des Gottesdienstes.“ Einige Zuschauende vom ZDF-Gottesdienst im Mai waren wieder dabei und haben sich an die Kirche und die Pfarrerin erinnert und dies mit viel Wertschätzung zum Ausdruck gebracht. „Insgesamt hat unser Telefonteam am Zuschauertelefon gemerkt, dass die Gemüter etwas beschwerter sind als im Mai“, hat Bianca Schamp auch erfahren. „Es gab mehr persönliche und ernste Töne, viele Trostgespräche und auch einige kritische Rückfragen zum Thema Kirche und Zukunft der Kirche.“ Aber genau das habe mit dem Thema auch angestoßen werden sollen – dass Menschen sich einbringen, ihre Meinung äußern und ihre eigenen Ideen, Wünsche und Perspektiven für die Kirche von morgen formulieren.

Pfarrerin Schamp berichtete von einem Zuschauer, der beispielsweise diese schöne Rückmeldung geschrieben hat: „Ich wünsche mir, dass meine Kirche musikalisch so vielfältig, ernsthaft und freudig ist, wie sie es in Ihrem Gottesdienst war. Dass sie mir so viel begründete Zuversicht vermittelt, wie Sie alle es gestern getan haben. Und dass sie mir glaubhaft so viel Liebe zuspricht, wie das in Ihrem Gottesdienst deutlich zu spüren war.“ In diesem Sinne war auch das letzte Lied ein beflügelnder Abschluss: „Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir geh‘n an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.“

Wer die Generalprobe mit dem ganzen Technikaufgebot miterleben darf, kann nur staunen, wie ruhig und feierlich der Gottesdienst auf dem Bildschirm wirkt. Das ist dem eingespielten ZDF-Team zu verdanken, zu dem auch wieder die Eltviller Kamerafrau Karina Handke gehörte, die sich über das „Heimspiel“ freute und dabei von Lukas Eisenbarth, einem jugendlichen Kamera-Assistenten aus der Gemeinde, unterstützt wurde. Zum ZDF-Team gehört auch Bildtechniker Konstantin Wolf, der sozusagen von Geburt an Mitglied der Gemeinde ist. Schon am 22. November kommt der nächste ZDF-Gottesdienst aus der Johanneskirche.

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