„Was ist uns die Rheingauer Kulturlandschaft wert?“
Beim Hoffest der Bürgerstiftung „Unser Land! – Rheingau-Taunus“ ging es um Fachthemen

Talkrunde mit Experten: Weinbaupräsident Peter Seyffardt, Vorsitzender der Bürgerstiftung Klaus Werk, Professor Dr. Hans Reiner Schultz, Präsiden der Hochschule Geisenheim, und Bürgermeister Patrick Kunkel (v.l.).

Eltville. (chk) – „Weinbau im Kulturland Rheingau“ stand als Thema im Mittelpunkt des Hoffestes, das d die Bürgerstiftung „Unser Land! – Rheingau und Taunus“ mit dem Weingut Diefenhardt am vergangenen Sonntag veranstaltete. Dazu gab es eine Talkrunde, Infostände, Fachvorträge und Kellerführungen.

„Der Rheingau ist als Kulturlandschaft von besonderer Bedeutung“, betonte Professor Klaus Werk, Vorsitzender der Bürgerstiftung, zu Beginn der Talkrunde. Der Rheingau sei auch Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten und beherberge eine reiche Vogelwelt. Werk moderierte die Runde und ließ drei Experten zu Wort kommen: Professor Dr. Hans Reiner Schultz, Präsident der Hochschule Geisenheim, Bürgermeister Patrick Kunkel und Peter Seyffardt, Präsident des Rheingauer Weinbauverbands und mit seinem Weingut Diefenhardt ein Partner der Bürgerstiftung. Als Gastgeber stellte er das Weingut vor, das er gemeinsam mit seiner Tochter Julia Seyffardt führt. Während seines Studiums in Geisenheim sei er 1980 einer der ersten gewesen, der begonnen habe, jede zweite Reihe in den Weinbergen des Familienweinguts zu begrünen, berichtete er. Er hob außerdem die Verdienste von Graf Matuschka-Greiffenclau hervor, der als Präsident des Weinbauverbands in den 1990er Jahren die Weichen gestellt habe, um den Rheingau weltweit zu einer der führenden Regionen im wasser- und umweltschonenden Weinbau zu machen. Was in anderen Regionen in Sachen Umweltschutz jetzt angestrebt werde, praktiziere man im Rheingau seit 20 Jahren. Natürlich gehe es weiter darum, die Kulturlandschaft zu erhalten und zu verbessern, und dazu biete der Rheingauer Weinbauverband Workshops zum umweltschonenden Weinbau und anderen Themen an.

„Das Wort ‚Kulturlandschaft‘ ist wenig sexy und viele können sich nichts darunter vorstellen“, räumte Patrick Kunkel ein. „In Eltville ist das Bewusstsein dafür aber geschärft.“ Die Stadt, die im vergangenen Jahr unter die drei nachhaltigsten Kleinstädte Deutschlands gewählt worden sei, sei auch in diesem Jahr für den Nachhaltigkeitspreis nominiert. Das setze gewisse Anstrengungen voraus, die er sich auch von anderen Rheingauer Kommunen und vom Rheingau-Taunus-Kreis wünsche. Es gehe um Antworten auf die Fragen: „Was ist uns der Rheingau wert? Was wollen wir hinterlassen?“

„Wir können versuchen zu bewahren, aber Aufgabe der Hochschule ist es auch, das Bewusstsein weiterzuentwickeln“, sagte Professor Dr. Hans Reiner Schultz. Dazu gehöre auch die Schaffung von mehr Biodiversität. Bei der Entwässerung habe man in der Vergangenheit viele Fehler gemacht. Selbst die Römer hätten schon versucht, das Wasser in der Fläche zu halten, und auch die Terrassierung sei besser gewesen als die Gräben, die seit den 1970er Jahren in den Weinbergen angelegt worden seien. Vieles was damals gemacht worden sei, würde man heute anders beurteilen, erklärte auch Klaus Werk. „Ich bin sicher, dass man die Hochhäuser in Geisenheim heute nicht mehr bauen würde und auch das Gewerbegebiet in Martinsthal würde man anders gestalten“, sagte er. „Ich würde niemand einen Vorwurf machen, aber jetzt, hier und heute würde man es anders machen.“

„Demokratie braucht Begeisterung“, betonte Kunkel, der es für wichtig hält, Menschen über Parteigrenzen hinweg für eine begrenzte Zeit für Projekte vor der eigenen Tür zu gewinnen. Er beziehe die Ortsbeiräte, die Vereine und besonders die Jugendlichen ein, die er motiviere mitzureden und ihre eigene Zukunft zu gestalten.

„Ich bin froh, dass die ganzen ‚Player‘ mehr und zusammen machen“, sagte Schultz. „Wenn es zur Biosphärenregion käme, wäre es ein großer Wurf.“ Dieses Stichwort hatte Professor Werk bereits vorher genannt und erläutert, dass bis Ende 2019 in einer Machbarkeitsstudie geprüft werden soll, ob der Rheingau-Taunus-Kreis und der Main-Taunus-Kreis zusammen mit der Landeshauptstadt Wiesbaden eine Biosphärenregion werden könnten. Dafür hat das Land Hessen 200.000 Euro bereitgestellt. Ein Biosphärenreservat ist eine von der UNESCO initiierte Modellregion, in der nachhaltige Entwicklung in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht exemplarisch verwirklicht werden soll.

Die in der Runde angesprochenen Fortschritte in der Entwicklung der Kulturlandschaft konnte Dagmar Söder vom Hessischen Landesamt für Denkmalpflege in ihrer Wortmeldung nicht bestätigen. Sie ist selbst Beisitzerin im Vorstand der Bürgerstiftung und sieht im Rheingau mehr Monokultur als je zuvor. „Positive Tendenzen kann ich noch nicht feststellen“, betonte sie. Auch, dass Bauprojekte, wie das Studentenwohnheim der EBS, an dem ausgewählten Standort gebaut werden konnten, betrachtet sie nicht als gelungene Weiterentwicklung der Kulturlandschaft im Rheingau.

Während in der Talkrunde Weinbaupräsident Peter Seyffardt die Meinung vertreten hatte, den beiden Aussiedler-Weingütern in Eltville und Oestrich-Winkel habe man die Bauvorhaben nicht verweigern können, sah dies Dr. Renate Quermann vom Stadtbildverein anders. Sie verwies auf ein in Baden-Württemberg gefälltes Gerichtsurteil, wonach Belange des Naturschutzes und der Landschaftspflege einem im Außenbereich privilegierten Vorhaben entgegenstehen können. Dieses Thema wird derzeit ohnehin kontrovers im Rheingau diskutiert. In Eltville will man den Weg gehen, aussiedlungswilligen Winzern anzubieten, eine städtische Fläche günstig zu erwerben, so dass sie ihre eigenen, wertvollen Weinberge schonen können. Kunkel betrachtet dies als wichtige Form der Wirtschaftsförderung. Mit den Staatsweingütern konnte er bereits eine freiwillige Lösung erzielen, trotz der bereits erteilten Baugenehmigung eine Maschinenhalle nicht in die exponierte Lage „Baiken“ zu bauen, sondern an den Stadtrand Eltvilles auszusiedeln. In der kurzen Talk- und Diskussionsrunde wurde schon deutlich, dass es kein leichtes Unterfangen sein wird, die Erhaltung und Entwicklung der Kulturlandschaft zu verfolgen, wenn dies zum großen Teil auf freiwilliger Basis erfolgen soll, während möglicherweise andere lukrativere oder einfachere Möglichkeiten locken.

Am Nachmittag standen kurze Vorträge auf dem Programm. So sprach Peter Seyffardt über umweltschonenden Weinbau. Dr. Andreas Booß, stellvertretender Vorsitzender des Vereins zur Förderung des historischen Weinbaus im Rheingau, sprach über historische Traubensorten den sogenannten „gemischten Satz“. Den Auftakt machte Dagmar Söder mit einem Vortrag zur Klosterlandschaft Eberbach.

Dazwischen wurden Kellerführungen mit Weinverkostung angeboten. Mitarbeiter Luca Ettingshausen, derzeit noch Student an der Hochschule Geisenheim, übernahm die Führung durch den Weinkeller, der zum großen Teil aus dem 17. Jahrhundert stammt und Edelstahltanks, Eichen- und Barrique-Fässer beherbergt. „100.000 Flaschen Wein werden im Jahr verkauft“, erklärte er. Zur Verkostung wurde ein 2017er „Blanc de Noirs“ aus dem Eichenfass eingeschenkt und ein 2015er Riesling aus dem Barrique mit dem Namen „Wildes Holz“.

Das Team des Gutsauschanks von Ariane Schäfer, der Schwester von Peter Seyffardt, sorgte für das leibliche Wohl der Gäste, die sich außerdem im Hof an verschiedenen Infotischen informieren, unterhalten und vernetzen konnten. Vertreten waren beispielsweise der Naturpark Rheingau-Taunus, der Landschaftspflegeverband Rheingau-Taunus und der Regionalpark Rhein-Main mit einem großen Angebot an Freizeitkarten und Veranstaltungshinweisen.

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