Auf dem Weg zur klimaresistenten Innenstadt

Eltville führte am Kiliansring einen Dialog zu weitreichenden Zukunftsfragen

Patrick Kunkel, Andrea Schüller und Mitglieder aller im Magistrat vertretenen Parteien waren bei der Eröffnung der Aktionstage anwesend und vertraten gemeinsam das Konzept.

#ZukunftKiliansring heißt das Projekt, in das sich Bürgerinnen und Bürger an zwei Aktionstagen am Samstag und Sonntag einbringen konnten. Sie waren zum Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern der Stadt eingeladen und können noch bis zum 10. Juli auf der Internetseite www.eltville.de an der Online-Umfrage zum Projekt #ZukunftKiliansring teilnehmen. Der Parkplatz war an beiden Tagen testweise für parkende Autos gesperrt. Stattdessen prägten die Weinkisten-Gärten der KiTa-Kinder das Bild des Platzes. Auf Staffeleien wurden Computer-Animationen gezeigt, die auf Pläne des städtischen Bauamts zurückgehen und eine Vision des umgestalteten Platzes zeigen – ein Platz zum Verweilen.

„Die Temperaturen machen deutlich, warum wir hier stehen und warum wir etwas verändern müssen“, sagte Bürgermeister Patrick Kunkel nach der offiziellen Eröffnung der Aktionstage am Samstagvormittag. Es war der bisher heißeste Tag in diesem Sommer. Der gepflasterte Platz reflektierte die Hitze, und die weitgehende Abwesenheit von Bäumen ließ jeglichen Schatten vermissen. „Die Fragen lauten: Wie machen wir die Stadt widerstandsfähig gegen den Klimawandel und wie können wir die Aufenthaltsqualität auf Straßen und Plätzen verbessern – und nicht nur in der eigenen klimatisierten Wohnung?“ Zur Eröffnung waren Mitglieder aller im Magistrat vertretenen Parteien gekommen, die das Konzept für die Umgestaltung parteiübergreifend mittragen und auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der städtischen Verwaltung, der Stadtwerke und des Bauamts. Sie alle standen dem Publikum für Gespräche zur Verfügung.

„Ich scheue nicht die Diskussion“, sagte Kunkel. „Wir sind nicht umsonst Nachhaltigkeitsstadt geworden.“ Zusammen mit seiner Stabsstelle Andrea Schüller hat er in der Corona-Zeit zwei Positionspapiere zur lebenswerten und krisenresistenten Stadt der Zukunft veröffentlicht, in der Verwaltung und in den städtischen Gremien kommuniziert. Dies wird nun in der Praxis umgesetzt und weiterentwickelt. Es geht dabei um Lebensqualität, Vielfalt und ein positives Miteinander – auch weil die Pandemie gezeigt hat, dass der öffentliche Raum für Begegnungen an frischer Luft unendlich wertvoll ist. Der Bürgermeister wurde mit vielerlei Fragen konfrontiert. Eine Frage konnte er nicht beantworten: Wann soll die Umgestaltung des Parkplatzes am Kiliansring entlang der historischen Stadtmauer verwirklicht sein?

„Wir werden das behutsam machen und müssen erst weiteren Parkraum schaffen“, erklärte er. Geplant ist ein Parkhaus auf dem oberen Schwimmbad-Parkplatz, das als „Haus der Mobilität“ noch weitere Funktionen erfüllen und insbesondere auch Solarenergie erzeugen soll. Auch das Rewe-Parkhaus am Kiliansring soll ein weiteres Parkdeck erhalten. Dieses Parkhaus, das eine Stunde kostenloses Parken ermöglicht und für jede weitere Stunde 1,50 Euro kostet, bietet auch den Besuchern und Kunden der Innenstadt und den Patienten der Arztpraxen am Kiliansring eine günstige Parkmöglichkeit. Den Vorwurf, die Stadt wolle die Ärzte aus dem Ärztehaus verdrängen, wies Kunkel in einem Gespräch zurück. „Wir sind froh, dass wir die Ärzte in der Innenstadt haben.“ Die „normalen“ Parkplätze sollen zwar wegfallen, aber Kurzzeitparkplätze für die Arztpraxen sollen erhalten bleiben. Auch die Parkplätze für die E-Autos vor den Ladesäulen sollen weiterhin bestehen bleiben; ein Weg zu diesen drei Parkplätzen ist bereits in die Pläne eingearbeitet. Auch ohne einen konkreten Zeitplan zeigte sich der Bürgermeister in den Gesprächen entschlossen, am Kiliansring eine Art „Bürgerpark“ für Einheimische und Gäste voranzutreiben.

Befragt wurde er auch zu seinen Vorstellungen zu weiteren Verkehrsthemen, beispielsweise zur Rheingauer Straße, die an zwei Wochenenden testweise gesperrt war. Auch die übrigen städtischen Vertreterinnen und Vertreter führten bis zum frühen Nachmittag anregende Gespräche, bis der Platz sich wegen der Hitze immer weiter leerte.

Mobile Gärten

Am Vormittag kamen auch die Studentinnen und Studenten des Bachelor-Studiengangs „Public Management“ von der Hochschule Darmstadt mit ihrer Professorin Dr. Friederike Edel. Sie hatten die Idee entwickelt, den Platz an beiden Tagen mit Pop-Up-Gärten zu bestücken, was die KiTas Kindergartenburg, Wichtelhäuschen, Piratennest und Farbenland umgesetzt haben, indem sie Wochen vorher Weinkisten mit Erde und bienenfreundlichem Saatgut befüllt und sorgsam gegossen hatten. „Für die Studierenden war das ein schönes Projekt, das sie mit der Praxis in Berührung brachte. Damit schulen sie ihre Kreativität“, betonte Friederike Edel, die mit den Studierenden vom Resultat sehr angetan war.

Vertreten waren auch die Stadtwerke Eltville, der frühere Bauhof, die ebenfalls zum Austausch mit Besuchern zur Verfügung standen und auch dafür gesorgt hatten, dass alles rechtzeitig transportiert und auf dem Platz aufgebaut war. Selbst hatten die Mitarbeiter einen kleinen Barfußpfad und zwei mobile Baumkübel aus kaputten Wasserfässern und alten, unbrauchbaren Holzdielen gebaut und bepflanzt. Außerdem zeigten sie fünf Insektenhotels in Form von Baumstämmen, die für jeden Eltviller Stadtteil standen. Neben den Löchern für Wildbienen war im Stamm auch ein „Fach“ für Florfliegen und andere nützliche Insekten vorgesehen. An diesen Ideen hat Landschaftsplanerin Patrizia Zey vom Bauamt mitgearbeitet, die im Team der Stadtwerke sitzt und für die Grünflächengestaltung zuständig ist. Zusammen mit dem Leiter der Stadtwerke, Stefan Seyffardt, und den Mitarbeitern Matthias Russ und Maik Hoffmann zeigte sie, wie die Einsätze für Insekten befüllt wurden. Die Stadtwerke stellten außerdem das Material für kleine Insektenhotels zum Mitnehmen zur Verfügung, die Kinder mit dem Team des Mehrgenerationenhauses „basteln“ konnten.

Konstruktive Gespräche

Andrea Schüller zeigte sich in einem abschließenden Gespräch von den Aktionstagen zufrieden. „Dieser Dialog ist der richtige Weg, den wir als Stadt weiterführen müssen“, sagte sie. „Und ich finde es gut, dass alle Stadträtinnen und Stadträte das Konzept parteiübergreifend vertreten haben.“ Natürlich gebe es Bedenken, die ernst zu nehmen seien, aber die meisten Menschen seien gut informiert, aufmerksam und interessiert in die Gespräche gegangen. „Ich denke, dass es eine schweigende Mehrheit gib, die sich der Probleme bewusst ist und weiß, dass im Hinblick auf den Klimawandel etwas passieren muss, dass versiegelte Flächen wie auf diesem Parkplatz die Hitze speichern und bei Starkregen das Wasser nicht aufnehmen können, sondern Überschwemmungen verursachen.“ Bauamtsleiter Udo Späth habe ihr die ursprünglichen Pläne für den Parkplatz gezeigt, wo er weniger Stellplätze, weniger versiegelte Flächen und mehr Grün vorgesehen habe, aber er konnte sich damals nicht damit durchsetzen.

Es habe einige Stimmen gegeben, die gefragt hätten, warum es gerade dieser Platz sein müsse. Es sei doch besser, stattdessen im Stadtpark eine höhere Aufenthaltsqualität zu schaffen. „Das tun wir auch von städtischer Seite, aber dieser Platz am Kiliansring ist die einzige Fläche in der Altstadt, die wir noch entsiegeln können.“ Bedenken wurden beispielsweise geäußert, dass es durch die am Kiliansring wegfallenden Plätze einen Parkausweichverkehr in Seitenstraßen geben und es für die Anwohner noch schwerer werden könnte, einen Parkplatz zu finden. „Aber die meisten Menschen haben sich bedankt, dass wir ihnen die Möglichkeiten aufgezeigt haben und einige haben gefragt: Worauf warten Sie eigentlich noch?“

Wie am Dienstag zu erfahren war, hatten bereits in den ersten drei Tagen 65 Personen die Online-Umfrage zur #ZukunftKiliansring beantwortet.

 

 

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