Zuversicht ins eigene Handeln

Der Philosoph Jürgen Wiebicke sprach über eine nervöse Stimmung im Land

Jürgen Wiebicke las aus seinem Buch und stellte im Dialog mit dem Publikum seine Erkenntnisse vor.

Erbach. (chk) – „Sind Sie zu Fuß gekommen?“, fragte Pfarrerin Bianca Schamp den Referenten Jürgen Wiebicke, der am Lesetisch vor dem Altar in der Johanneskirche Platz genommen hatte. „Es war eine Anspielung auf den Titel seines Buches „Zu Fuß durch ein nervöses Land“, das auch Thema im Forum Triangelis war, was nach einer durch Corona bedingten Pause von einem halben Jahr wieder startete.

 

„Nein, ich bin heute nicht zu Fuß gekommen, sondern mit dem Zug nach Bingen und bin dann mit der Fähre und dem Rad gefahren“, antwortete er. Der Journalist und Philosoph lebt in Köln und moderiert beim WDR 5 jeden Freitag „Das philosophische Radio“. Er habe irgendwann gespürt, dass er immer ratloser werde und beschlossen, ziellos zu wandern – „Auf der Suche nach dem, was uns zusammenhält“, so legt es der Untertitel seines Buches nahe.

„Ich hatte keinen Ehrgeiz, möglichst viel zu laufen oder möglichst wenig Geld auszugeben.“ Es war im Sommer 2015, vom 29. Juni bis zum 25. Juli. „Ausgerechnet in diesem nervösen Sommer, der zudem drückend heiß war, habe ich meinen Rucksack gepackt, um einfach loszulaufen. Ohne genauen Plan, aber mit ziemlich viel Zeit.“ Es war der Sommer, in dem viele Flüchtlinge kamen, aber es war noch vor der großen Flüchtlingswelle. Wiebicke nahm sich Zeit für geplante und zufällige Begegnungen unterwegs. Es ging ihm nicht um Panoramablicke. Nachdem er sich zwei Stunden von seinem zu Hause entfernt habe, sei er in einer anderen Welt gewesen. Seine Wanderung führte von Köln nach Dormagen, Richtung holländische Grenze, Xanten, Wesel, Hamm, Gütersloh, Rheda-Wiedenbrück und letzte Station vor der Rückkehr nach Köln war Bielefeld.

Er traf Künstler, Millionäre und Sportler, sprach mit Leitern von Jugendhilfezentren und Flüchtlingsheimen, besuchte ein Schützenfest, Yoga-Sitzungen im Klostergarten und war bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Im Essener Norden war er auf einem Schrottplatz, wo das Material die „Reise rückwärts“ antritt. „Dort arbeiteten nur Schwarze. Ich hatte den Eindruck, nicht mehr in Deutschland zu sein“, erzählte er. Wanderer hätten häufig Kredit bei den Menschen, auf die sie zufällig treffen und die ihnen erzählen, wie sie leben oder wie sie in die Zukunft schauen. Als er später nach dem roten Faden gesucht habe, sei ihm die nervöse Stimmung bewusst geworden. „Viele schauen pessimistisch in die Zukunft. Das kenne ich noch ganz anders – mit Rückenwind. Das hat sich sehr stark verändert.“ Die Menschen seien kritisch bis zaudernd und würden gerne festhalten, was jetzt ist. „Zur Demokratie gehört, dass man Zuversicht in das eigene Handeln hat.“ Selbst Führungskräfte neigten dazu, sich als Getriebene zu fühlen.

Andererseits machte er auch so etwas aus wie einen guten kollektiven Geist, der sich im Sommer 2015 darin äußerte, dass sich angesichts der Flüchtlinge ein breiteres Bürgerengagement entfaltete als zuvor. Ein Beispiel für Engagement hat er zum Beispiel in Dortmund im „Drei-Bäume-Part“ entdeckt, wo inmitten des Baumdreiecks Rosen, Astern und Stauden blühen. In der Mitte stehen eine Sitzbank und ein Vogelhäuschen. Ein aus Weidenstöcken bestehender Zaun begrenzt die Insel. Auf einem Schild am Vogelhäuschen stehen die Namen der „Kümmerer“. Ehrenamtliches Engagement brauche namentliche Anerkennung, weil Menschen als soziale Wesen darauf angewiesen seien. So etwas wie den Drei-Bäume-Park bezeichnete er als einen „guten Ort“. Einen guten Ort habe er fast vor seiner Haustür in einem Kölner Viertel, wo hohe Arbeitslosigkeit herrsche. In den Sommerferien gebe es dort eine Ferienfreizeit für 600 Kinder für 15 Euro pro Woche – 150 Menschen machten dies möglich. Vor dem Essen wird gesagt, was es zu essen gibt und wer es gekocht hat – mit namentlicher Nennung. „Und dann wird getrommelt“.

Es mache einen Unterschied, ob es 20 oder 200 gute Orte gebe, denn viele gute Orte prägten das Land. „Die besten politischen Biographien brauchen einen Nährboden und der beginnt an einem guten Ort – meist vor der Haustür.“ Seine erste Regel lautet: „Liebe deine Stadt.“ Wichtig sei, miteinander zu sprechen. „Auch wenn wir ganz unterschiedliche Meinungen haben. Wir müssen den Dissens organisieren – das ist das Demokratieprinzip.“ Ein Stichwort war „Abschied von der Zuschauerdemokratie.“

„Müssen wir anerkennen, dass wir nicht grenzenlos optimierungsfähig und nicht auf stetiges Wachstum ausgerichtet sind?“, war eine der Fragen von Pfarrerin Bianca Schamp in der anschließenden Fragerunde, in der auch das Publikum zu Wort kam. Nach 40 Jahren Neoliberalismus gebe es durchaus Korrekturbedarf beim Bild des Menschen, räumte Wiebicke ein. In Anlehnung an den Gütersloher Psychiater Klaus Dörner zitierte er: „Menschen sind nicht hilfsbedürftig – Menschen sind helfensbedürftig.“ Ein Thema war auch der Umgang mit der Zeit. Es sei ein echtes Mysterium, dass diese Gesellschaft, die so viel Zeit habe wie keine andere zuvor, vorgebe, keine Zeit zu haben.

Jürgen Wiebickes Buch ist voll von Schilderungen echter Begegnungen mit höchst unterschiedlichen Menschen, von denen er aber nur wenige vorstellte. Sein Buch ist daher eine empfehlenswerte Lektüre, die noch viel Stoff zum Nachdenken bietet. Erschienen ist es bei Kiepenheuer & Witsch. Gebundene Ausgabe. 326 Seiten. 19,99 Euro.

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