„Die 21: Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer“

„Die 21: Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer“
Martin Mosebach erzählte in der St. Ursula-Schule von seinen Erlebnissen bei den Kopten

Martin Mosebach erzählte von seinem Buch „Die 21“.

Geisenheim. (ak) – „Mein Buch „Die 21: Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer“ ist ein Solitär unter meinen Büchern. Bisher habe ich elf Romane geschrieben und stehe vor dem zwölften. Da schließt sich ein Zyklus. Bei dem Buch „Die 21“ sollte der Stoff im Mittelpunkt stehen, nicht die literarische Qualität“, verriet Martin Mosebach, ein preisgekrönter deutscher Schriftsteller, seinem Publikum.

In der St. Ursula-Schule, am Angela Tag, in der Aula St. Angela fand die Lesung mit Martin Mosebach statt.

Nach einer Begrüßung durch den stellvertretenden Schulleiter Lutz Daniel, wurde der Schriftsteller von Marie Ziech und Julius Klose aus der Schülerschaft vorgestellt: Der Autor wurde 1951 in Frankfurt geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und begann gegen Ende seines Referendariats mit dem Schreiben. Im Jahr 2007 erhielt er den Georg-Büchner-Preis durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.

Der Schriftsteller trug Passagen aus seinem Erfahrungs- und Reisebericht vor, der bei Schreiben des Buches „Die 21“ entstanden war. Die Oberstufenschüler und die zehnte Klasse des Realschulzweiges hatten sich im Vorfeld im PoWi- und Religionsunterricht mit dem Buch und den Lebensumständen der Kopten in Ägypten beschäftigt. Die Enthauptung von 21 koptischen Christen in Libyen durch die Terrororganisation IS am Strand im Westen der libyschen Stadt Sirte geschah am 15. Februar 2015. Bei den 21 Opfern der Bluttat handelte es sich um Gastarbeiter. Zwanzig der Opfer waren ägyptische Kopten, einer kam aus Ghana.

Sie wurden bei Angriffen der Gruppe Ansar al-Scharia, die sich dem IS angeschlossen hat, im Dezember 2014 und Januar 2015 entführt. Die Tat wurde über ein Internetvideo bekannt. „Das Video ist ein abscheuliches Kunstwerk. Es ist wie eine Choreografie. Es ist effektvoll und farblich aufeinander abgestimmt. Die Opfer wurden nach Größe geordnet und es wurde sogar eine Schiene befestigt für die Kamerafahrt“, erklärte der Autor.

Inspiriert zu diesem Buch wurde Martin Mosebach durch das Foto eines der Opfer auf dem Titel des „Vatican-Magazins“. „Einer von uns. Geopfert für Christus“ ist unter dem Foto zu lesen.

„Zuerst sah ich auf dem Foto nicht, dass der Kopf abgetrennt war“, bemerkte der Schriftsteller. Heute weiß er, dass der Kopf dem Heiligen Kiryollos gehört, denn der junge Mann auf dem Foto hieß Kiryollos Boushra Fawzy. Er wurde am 11. November 1991 in dem oberägyptischen Dorf El-Or geboren und starb im Alter von 24 Jahren.

Zwei Tage nach der Hinrichtung sprach der koptische Patriarch Tawadros II. die 21 Männer heilig und nahm sie als Märtyrer in das Synaxarion auf.

Bei einem Treffen mit einem Kardinal wollte Martin Mosebach wissen, warum die 21 nicht als Märtyrer der katholischen Kirche herausgestellt wurden und der erwiderte zum Entsetzten des Autors: „Aber das sind doch nur Kopten.“

„Der Weg des Christentums zeigt viele enthauptete Gläubige. Viele Köpfe wurden für das Christentum abgeschlagen. Auch in Europa. Man denke an Thomas Morus, der auf Anweisung von Heinrich VIII in England geköpft wurde oder an Alexander Schmorell, einen Mitbegründer der Weißen Rose“, so der Schriftsteller.

„Das Foto des Kiryollos und das Enthauptungsvideo sind eigentlich ein Anachronismus“, stellte Martin Mosebach fest und sinnierte: „Gehören Märtyrertum und Christentum immer zusammen?“

Die Recherchearbeiten für sein neues Buch brachten den Autor im Februar 2017 nach Ägypten, an den Ort von dem 20 der Getöteten aufgebrochen waren, um Arbeit in Libyen zu suchen. Er fuhr in das oberägyptischen Dorf El-Or und besuchte die Familien und Witwen der Opfer. „Ich habe 20-jährige Witwen kennen gelernt, die für den Rest ihres Lebens Schwarz tragen und alleine bleiben werden“, berichtete der Autor.

Abschließend las Martin Mosebach einen fiktiven Dialog eines Beschwörers mit einem Bezweifler vor, worin über Glauben und die Bereitschaft dafür zu sterben diskutiert wurde und der Autor stellte die Frage: „Gehören die 21 zu den letzten oder zu den ersten Christen?“

„Dieses Format gibt es seit einigen Jahren an der St. Ursula-Schule. Die Schüler bereiten das entsprechend mit ihren Fachlehrerin in den Religions- und PoWI-Kursen vor“, erklärte Brigitte Lorenz, die Schulleiterin, und verriet: „Ich finde es sehr spannend. Martin Mosebach schreibt provozierend und unsere Schüler können sehr kritisch sein.“

Die anschließende Podiumsdiskussion wurde von Schülerinnen und Schülern professionell eingeleitet. Sie hatten religiöse und weltpolitische Fragen im Unterricht diskutiert und gesammelt. Nun baten sie ihren Gast um eine Stellungnahme.

Sie interessierten sich dafür, wie der Autor die Position der Kopten sieht, ob der Anstieg der Muslime in Deutschland zu einer Veränderung der hiesigen Kultur und zu einer Veränderung des Rechtsverständnisses führen wird. Außerdem wollten sie wissen, wie gute Integration gelingen kann, ob wir nun mehr Moscheen brauchen oder sogar eine Moscheensteuer.

Pfarrer Peter Lauer und Eike Zern, der evangelische Religion unterrichtet, moderierten die Diskussionsrunde.

Martin Mosebach erklärte, dass er versuchen wird einen großen Teil der Fragen zu beantworten. Zunächst gab es von ihm ein paar wissenswerte Fakten über die Kopten. Kopte heißt übersetzt Ägypter, denn die Kopten sind die Ureinwohner Ägyptens. Sie wurden Stück um Stück in die Minderheit gedrängt. Zum einen wurden sie sehr viel höher besteuert als der Rest der Bevölkerung, außerdem waren sie ständiger Schikane ausgesetzt.

Noch heute nennen sich die Kopten: „Die Kirche der Märtyrer“. Ihre Kirche wurde in den Untergrund gedrängt. Man weiß nicht, wie viele Kopten zurzeit in Ägypten leben. In Deutschland steht in den Zeitungen, dass zwischen 8 und 9% der Ägypter Kopten sind, es wird aber vermutet, dass es um die 20% sind.

Die Kopten gelten als vermögend, aber viele sind sehr arm. Große Landstriche sind christlich geprägt, man sieht dort auch Kirchen. Die Mädchen laufen ohne Kopftuch herum. In Amerika gibt es ebenfalls viele koptische Gemeinden.

„Das Unglück dieser Region ist, dass die Religion in diesen Konflikt hineingezogen wird“, beteuerte Martin Mosebach.

In den 1.400 Jahren Herrschaft über die Christen gab es bessere und schlechtere Zeiten für die Kopten. Die Zustände, die dort heute herrschen, sind erschreckend. Die Kopten haben keine Bürgerrechte, sie können keine entscheidenden Positionen einnehmen.

Despoten wie Saddam Hussein schützten sie in der Vergangenheit, heute sind sie aus dem Irak fast verschwunden.

„Mein Interesse war das Martyrium. Es ging mir nicht um die Mörder. Mir ging es um die Opfer und ihr Verhalten, sie waren triumphierend und sahen es als ein Triumph des Glaubens. Ihre Mütter haben dafür gebetet, dass ihre Söhne in den 40 Tagen, in denen sie verschwunden waren, stark bleiben in ihrem Glauben und nicht dafür, dass sie zurück nach Hause kommen“, berichtete der Autor von seinem Aufenthalt in dem Dorf El-Or.

Viele Kopten lassen sich auf ihren Handrücken ein Kreuz tätowieren und das in einer muslimischen Welt. Sie sagen von sich: „Wir sind die Kirche der Märtyrer. Bevor wir vom Glauben abschwören, sterben wir.“

Dann kam Eike Zern auf die Rezessionen zu dem Buch „Die 21“ zu sprechen: „In den Rezessionen klang der leichte Vorwurf heraus, dass sie den „verfetteten“ Amtskirchen den Spiegel vorhalten.“

Worauf der Autor erwiderte: „Jeder Historiker hat seine eigene Welt im Blick. Der Vorwurf trifft zu. Ich habe ein jugendliches Christentum dort kennen gelernt. Dafür haben die Kopten viel bezahlt. Alle dramatischen Bewegungen der Kirchengeschichte hat es bei ihnen nicht gegeben. Sie sind jugendlich geblieben. Diese Menschen leben ein zeitloses Leben. Der moderne IS spielt für sie keine Rolle, es sind Satansfiguren, die den Menschen prüfen und sie interessiert nur: Bleibe ich in meinem Glauben stark. Diesen Geist habe ich spontan dort erlebt.“

Weitere Artikelbilder:

Noch keine Bewertungen vorhanden

Neueste Kommentare

Musik aus der Zeit des Hattenheimer Geigerkönigs
13 Wochen 6 Tage
Fachwerkhaus beschädigt
17 Wochen 4 Tage
Betrieb im Kindergarten Ranselberg geht weiter
36 Wochen 6 Tage
60 Menschen verlieren ihren Job
1 Jahr 5 Wochen
Dem Opernsänger Peter Parsch zum Gedenken
1 Jahr 15 Wochen


X