„O wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte!“

„O wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte!“
Ensemble der St. Ursula-Schule begeistert mit seiner modernen Büchner-Inszenierung

„Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind“, ertönte aus den Lautsprechern und die beiden Darsteller wirkten wie Kunstwesen.

Geisenheim. (ak) – „Georg Büchner ist eigentlich ganz modern. Er hat bereits das Zeitalter der Industrialisierung vorhergesehen, in dem der Mensch ins Räderwerk der Technologisierung und Automatisierung gerät und immer mehr zu einem fremdbestimmten Dasein verdammt wird. Die fortschreitende Digitalisierung, sowie der Einsatz von Robotern in unseren Produktions- und Lebenswelten, passen genau in diese Entwicklungskette“, erklärte Bärbel Rößler.

Sie unterrichtet Deutsch, Geschichte und Darstellendes Spiel an der St. Ursula-Schule.

Von den Schülerinnen und Schülern kann Darstellendes Spiel alternativ zu Kunst oder Musik gewählt werden. Regelmäßig gibt es dann Aufführungen und es besteht die Möglichkeit, die Abiturprüfung im fünften Prüfungsfach als spielpraktische Prüfung abzulegen.

Am vergangenen Wochenende gab der Q2-Grundkurs für Darstellendes Spiel unter der Regie von Bärbel Rößler zwei Vorstellungen von „Leonce und Lena“, das einzige Lustspiel von Georg Büchner. Büchner schrieb das Werk im Frühjahr 1836 für einen Wettbewerb der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung, versäumte allerdings den Einsendeschluss und erhielt es ungelesen zurück.

„Leonce und Lena“ ist keine oberflächliche, laute Komödie, sondern stellt melancholische Narren auf die Bühne, zerrissene Figuren, die ihren Platz in einer nicht mehr heilsgeschichtlich geordneten Welt suchen. Es sind keine „gemischten Charaktere“, wie sie die Tragödientheorie fordert, sondern Kunstwesen, anhand derer Büchner die gesellschaftlichen Schichten des Adels, des Bürgertums und des wachsenden Proletariats unter einem entlarvenden Brennspiegel zeigt.

In seinem Lustspiel thematisiert Büchner den Übergang von der feudalistischen Gesellschaft (König Peter vom Reiche Popo) zur bürgerlichen Gesellschaft (Prinz Leonce), die geprägt ist von einer zunehmenden Industrialisierung und Technisierung.

„Büchner kritisierte das Bürgertum auch wegen der materiellen Ausrichtung, dem herrschenden Zeitdruck, dem Leistungsaspekt und der damit verbundenen Ausbeutung der Menschen. Auch die Identitätssuche trieb ihn um, denn wir sehen uns ja nicht selbst“, erklärte Bärbel Rößler.

Büchner fragt in seinem Schauspiel nach der Identität des Menschen: „O wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte!“ und kritisiert „idealische Dichter“ und philosophische Denkmodelle, die das „Kreatürliche“ des Menschen außer Acht lassen.

„Unsere Identität wird gebildet durch den Blick von anderen auf uns“, so Bärbel Rößler und ergänzte: „Georg Büchner parodiert Strömungen seiner Zeit mit dem Taugenichts von Eichendorf oder dem Weg nach Italien von Goethe. Auch ist Zeit ein Moment und am Ende heißt es: „Wir zerschlagen alle Uhren!“. Büchner strengte auch Überlegungen zu Ideologien und Utopien an. Er hat erkannt, dass die bestgemeinte Utopie in der Umsetzung in Terror enden kann.“

„Leonce und Lena“ verknüpft Elemente der romantischen Komödie mit denen der politischen Satire.

„Wir wollen mit unserer Inszenierung das Ernsthafte und Nachdenkenswerte dieses Schauspiels nicht durch Klamauk überspielen, sondern das Zerrissene und Fremdbestimmte der Figuren so herausarbeiten, dass sich eine kommentierende Bildwirkung ergibt. Die Puppen-, Marionetten- bzw. Automatenmetapher findet sich bei Büchner auch in seinem „Danton“ sowie in seinen Briefen wieder. Auch das Motiv des Maske-Tragens kommt häufig vor. Deshalb haben wir mit den theatralen Stilmitteln des Marionetten- und Maskenspiels gearbeitet“, verriet Bärbel Rößler und so ertönte passender Weise, während des Marionettenspiels, die Musik der Augsburger Puppenkiste aus dem Stück „Kleiner König Kalle Wirsch“.

Der senile König Peter tanzte wie König Alfons der Dreiviertelvorzwölfte aus der Puppenkiste mit seinen Hofschranzen zur Melodie „Wir legen eine Falle“ (Kleiner König Kalle Wirsch), allerdings mit neuem Text: „Wir laufen all symmetrisch, uns fällt nichts Besseres ein.“

Herausgekommen ist eine bemerkenswert gelungene Inszenierung, die es verstanden hat, mit vielen modernen Elementen klassisches Theater in die heutige Zeit zu übertragen, ohne das Stück von Georg Büchner zu verfremden. Mittels Beamer wurden Fotografien in den Blickpunkt gerückt. So tanzte ein Paar zur Fotografie mit lila Wolken während aus den Lautsprechern das Lied „Lila Wolken“ mit dem Refrain: „Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind“, ertönte.

„Neben der Marionetten-Tanz-Nummer haben wir noch einen original italienischen Tarantella-Tanz eingefügt, den Cristina Bienek vorführte, der die Reise von Leonce und Valerio nach Italien thematisiert und natürlich schön anzusehen war. Außerdem gab es einen „Spieldosentanz“ und am Schluss einen fetzigen Rock´n Roll“, freute sich Bärbel Rößler.

Die Hauptfiguren Leonce und Valerio waren bewusst doppelt besetzt. Zunächst stellte Sven Bethge den von einer „Melancholie“ befallenen Prinzen Leonce dar, der aus seiner fremdbestimmten Rolle ausbricht und ganz im Stil der wohlbetuchten, bürgerlichen Eliten der damaligen Zeit, wie Goethe nach Italien flüchtet. Begleitet wird er von Moritz Eickenbuch als immer hungrigem Proletarier Valerio.

Felix Bethge kehrt schließlich als zweiter Leonce „maskiert“ an den verhassten Hof seines Vaters zurück mit Moritz Jolie als pfiffigen, lebensfrohen Valerio.

Einmal mehr beweist gutes Schultheater, dass es möglich ist, die junge Generation nicht nur für klassische, deutsche Literatur zu interessieren, sondern auch zu begeistern und für Darsteller und Mitschüler erlebbar zu machen.

Die jungen Schauspieler, die fast alle zum ersten Mal auf den Brettern standen, von denen man sagt, sie bedeuten die große Welt, überzeugten auf sehr erfrischende Weise: Ausdrucksstark, lebendig und mit jugendlicher Freude und Begeisterung am gemeinsamen Spiel.

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