Optima Bruyère – Die vergessene Fabrik
In den 1920er Jahren wurden in Geisenheim luxuriöse Pfeifen produziert
Geisenheim. (rer) –
Alles begann im Mai des Jahres 1923. Trotz der allgemein schwierigen Verhältnisse machten sich die folgenden fünf Gründer auf den Weg, in Geisenheim eine Pfeifenfabrik in Form einer Aktiengesellschaft aus der Taufe zu heben. Der Nackenheimer Kaufmann Georg Geiling, Karl Weber junior als Betriebsleiter, seine Frau Wilhelmine sowie die Kaufleute Fritz Klink und Friedrich Weber, allesamt aus Geisenheim, firmierten zur Gründergemeinschaft der Optima Bruyere AG in Geisenheim. Georg Geiling und Fritz Klink wurden zu den ersten Vorstandsmitgliedern bestellt, wobei beide gleichzeitig auch zur alleinigen Vertretung der Firma berechtigt wurden. Der Aufsichtsrat bestand aus Karl Weber junior, Fritz Weber und Direktor Clemens Hertin, ebenfalls aus Geisenheim. Über den Zweck des neuen Unternehmens hieß es im Gesellschaftsvertrag vom 29. Mai 1923 unter § 3: „Der Zweck der Gesellschaft sind: Herstellung von Tabakpfeifen aus Holz und anderen Raucherutensilien, sowie Handel in diesen Artikeln & Handel in den hierzu erforderlichen Rohmaterialien, und verwandte Geschäfte.“
Inflationsbedingt brachten die Unternehmer ein Gründungskapital von zehn Millionen Mark an den Markt und hinterlegten dieses in bar bei der Rheinischen Volksbank in Geisenheim. Aufgeteilt nach Aktionären hieß das: Geiling und Friedrich Weber je drei Millionen, Carl Weber junior und seine Frau jeweils 1,5 Millionen und Fritz Klink eine Million. Weitere Sacheinlagen wurden nicht vermerkt. Der ausgegebene Aktienwert betrug 10.000 Mark und so erhielten Georg Geiling und Friedrich Weber je 300 Aktien, Carl Weber junior und seine Ehefrau je 150 sowie Fritz Klink 100 Stück. Leider ist über die Geschicke und das Innenleben der Fabrik kaum etwas überliefert. Lediglich eine Akte des Amtsgerichts in Rüdesheim, welche heute im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden eingesehen werden kann, liefert spannende Hinweise zur formalen Entwicklung des Unternehmens.
Beispielsweise lässt sich dort erkennen, dass Georg Geiling am 15. November 1923, also noch im Jahr der Gründung, bereits wieder aus dem Vorstand ausgeschieden ist und Fritz Klink als alleiniges Vorstandsmitglied die Arbeit fortsetzen sollte. Und etwa zur selben Zeit wurde der Rüdesheimer Weingutsbesitzer und Kaufmann Philipp Veith in den Aufsichtsrat gewählt sowie die Finanzen der Firma auf nunmehr 25 Millionen Mark aufgestockt.
Doch die Wirren der Inflation wogen schwer. In der Bilanz für das Jahr 1923 stand zu lesen: „Das Grundkapital beträgt in Papiermark 25 Millionen Mark, eingeteilt in 2.500 Aktien zu je 10.000 Mark. Der Wert dieser Aktien betrug am 31. Dezember 1923 nicht mehr als 40 Billionen für je 100 Mark Aktienkapital.“ Folglich sollten die Aktien auf einen neuen Nennwert von 100 Goldmark umgestellt werden, wobei betont wurde, dass die alten Aktien nicht zu überstempeln seien, sondern diese vom Vorstand eingezogen und anschließend entsprechende Neudrucke ausgegeben werden sollten.
Weiterhin wurden der Geisenheimer Direktor Peter Buchholz und der Lorcher Direktor Philipp Ketzer als zusätzliche Mitglieder in den Aufsichtsrat gewählt. Zusammenfassend hieß es über das Geschäftsjahr 1923: „Die Gründung der Gesellschaft erfolgte am 29. Mai 1923, fiel also in die Zeit des verschärften passiven Widerstandes und der fortschreitenden Geldentwertung. Infolge der Zollgrenze am Rhein war es unmöglich, für die Fabrikate der Gesellschaft im unbesetzten Gebiet Abnehmer zu finden. Hingegen gelang es, im besetzten Gebiet einige Abnehmer zu gewinnen, sodass in den Monaten Juni bis August der Fabrikbetrieb notdürftig aufrechterhalten werden konnte. Als jedoch die Inflation immer rasantere Fortschritte machte und an einen geregelten und lohnenden Absatz nicht mehr gedacht werden konnte, musste zu Anfang September der Fabrikbetrieb geschlossen werden.
Diese Schließung dauerte bis Ende Dezember, nachdem vorher durch Einführung der Rentenmark stabile Währungsverhältnisse geschaffen worden waren. Aus der Bilanz für das Geschäftsjahr 1923 ist ersichtlich, dass trotz der erwähnten Umstände das Vermögen der Gesellschaft intakt geblieben ist. Die Aussichten für das Geschäftsjahr 1924 dürfen als gute bezeichnet werden.“
Und so wurde 1924 das Aktienkapital um 70.000 Goldmark erhöht, um somit weitere Investitionen zu ermöglichen. Ziel war es, einen Fabrikneubau zu errichten und einen modernen Maschinenpark anzuschaffen. Die im Geisenheimer Stadt- und Hochschularchiv erhaltene Bauakte gibt hierzu erfreulicherweise einige interessante Einblicke. So wurde die neue Fabrik auf dem Grundstück von Karl Mayer in der heutigen Hospitalstraße bis Anfang des Jahres 2025 planmäßig errichtet. Neben einem großen Fabrikationsraum, Lagerflächen und Büros entstanden dort unter anderem auch eine Polierstube, ein Hornspitzenbiegeraum sowie eine eigene Ausstellungshalle mit angeschlossenem Lager.
Insgesamt scheint das Geschäft, trotz der positiven Prognosen, auch im Jahr 1924 nur schleppend verlaufen zu sein, denn es schloss mit einem Verlust von über 12.000 Reichsmark. Im Abschlussbericht hieß es: „Die Neubauten sind im vorderen Teile der Fabrik noch nicht ganz fertiggestellt, weil die Frostperiode zu früh eintrat. Die Maschinen sind noch nicht alle angeliefert. (…) In Anbetracht, dass die Ware der »Optima«, die noch zu wenig bekannt ist, eingeführt werden muss, ferner, dass die Zahlungsziele wegen der Geldknappheit immer mehr verlängert werden müssen, ferner die Beschaffung von weiteren Kapitalien für Neubauten und Betrieb und die traurigen Aussichten in der Wirtschaftslage lassen keine günstigen Aussichten für das Jahr 1925 aufkommen. Nennenswerte Verluste beim Verkauf sind im Geschäftsjahr nicht zu verzeichnen gewesen. Immerhin wird die »Optima-Pfeife« (…) als gutes, einwandfreies Erzeugnis anerkannt und dementsprechend gerne gekauft.“
Zu Beginn des Jahres 1925 schied Geschäftsführer und Gründungsmitglied Fritz Klink aus dem Vorstand aus und Peter Buchholz führte im Folgenden als alleiniger Geschäftsführer das Unternehmen. Kurz darauf schied auch Fritz Weber aus dem Aufsichtsrat aus. Auf ihn folgte Carl Tübcke aus Wiesbaden. Über die Zahl der in der Fabrik tätigen Mitarbeiter schweigen sich die Unterlagen leider beharrlich aus. Lediglich im Jahr 1925 findet sich der kurze Hinweis, dass „für die sonstigen Büroarbeiten eine weibliche Angestellte mit einem Anfangsgehalt von 100 Mark eingestellt werden soll“. Und an anderer Stelle wird immerhin ein Fräulein Graf als Lageristin namentlich genannt.
Insgesamt scheint das Geschäft jedoch weiterhin nur schleppend gelaufen zu sein und muss dabei neben der Inflation vor allem auch unter der französischen Besatzungspolitik besonders gelitten haben. In einem Bericht vom 31. Oktober 1925 hieß es: „Die Beschaffung von Geld war besonders schwer und es mussten dabei besonders große Opfer gebracht werden. Die Neuanlagen sind jedoch nunmehr endgültig fertiggestellt und die Maschinen sind hervorragend in ihren Leistungen. Ein Moment trat im Laufe des Jahres ganz bedeutend in die Erscheinung, nämlich Frankreich mit seiner schlechten Franken-Valuta. Dadurch war es der französischen, seit altersher auf der Höhe stehenden Pfeifenindustrie, möglich, Deutschland, besonders aber das besetzte Gebiet, mit ihrer billigen Ware zu überschwemmen. Bedauerlicherweise hat die deutsche Regierung nichts dagegen getan und es wird kein Einfuhrzoll auf französische Pfeifen erhoben. (…) Wie lange diese trostlosen Zustände auf dem Pfeifenmarkte noch bestehen werden, ist nicht abzusehen.“
Aufgrund dieser massiven Hemmnisse war die Firmenleitung konsequenterweise im Folgenden darauf bedacht, möglichst sparsam zu arbeiten und alle unnötigen Kosten zu vermeiden. So wurde 1925 auch das Aktienkapital des Unternehmens von 75.000 auf 25.000 Reichsmark reduziert und auch die Anzahl der Aktien wurde dementsprechend von 750 auf 250 Stück angepasst. Am Ende half es jedoch alles nichts. In der Generalversammlung vom 13. Oktober 1927 wurde die Auflösung der Aktiengesellschaft beschlossen und Peter Buchholz gleichzeitig zum Liquidator des Unternehmens bestellt. Die Einstellung der Produktion erfolgte zum 1. Juni des Jahres 1927, wobei bereits im Frühjahr desselben Jahres mit dem Ausverkauf des Warenlagers begonnen worden war. Das Gebäude und die Maschinenfabrik wurden am 14. Oktober 1927 zu einem Preis von 50.000 Mark an die Rheinische Volksbank verpfändet. Die gesammelten Unterlagen der Firma wurden in zwei Kisten an das Amtsgericht Rüdesheim geschickt, wo sich deren Spur anschließend leider verliert. Offiziell erloschen war die Firma gemäß Eintrag im Handelsregister am 1. November 1928. Die Abwicklung des Unternehmens zog sich allerdings noch bis in das Jahr 1929 hinein, da es zum einen Streit zwischen den Aktionären gab und auch das Finanzamt Steuernachforderungen im Bereich der Kapitalverkehrssteuer an den Liquidator stellte. Heute erinnert nur noch die schlichte Backsteinfassade der ehemaligen Fabrik sowie eine Werbeanzeige in dem von Carl Hoehl verfassten „Führer durch Geisenheim“ an diese spannende Firmenepisode aus bewegter Zeit.




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