Schweigende Frau auf der Kanzel

Schweigende Frau auf der Kanzel
„Seelennahrung“: Stephan Guber zeigt Holzskulpturen im Rheingauer Dom

Bildhauer Stephan Guber mit seinem Werk „Das Wirken der Aufrichtekraft“ aus dem Stück eines gewaltigen Lindenholzstammes.

Geisenheim. (chk) – „Soulfood – Seelennahrung“ heißt die Ausstellung mit Holzskulpturen von Stephan Guber die derzeit im Rheingauer Dom zu sehen ist. Der Bildhauer zeigt in Geisenheim Arbeiten aus seinen Projekten „ecce homo 2.0“ und „Leib und Leben“, dazu noch neue Arbeiten. Im Mittelpunkt seiner Kunst steht der Mensch.

Wer die Kirche betritt, begegnet gleich am Eingang zwei außergewöhnlichen Skulpturengruppen. Auf der linken Seite steht ein 2,20 Meter hohes und 1,90 Meter breites Kunstwerk mit dem Titel „Das Wirken der Aufrichtekraft“, das die biblische Geschichte der Auferstehung thematisiert. Das Werk auf der rechten Seite hat die Kreuzigung, „Das Geschehen an der Schädelstätte“, zum Thema und ist 2,00 Meter hoch und 2,20 Meter breit. Angefangen hat dieses Projekt ‚Leib und Leben‘, als man dem Künstler vor vier Jahren den Stamm einer Friedhofslinde anbot – aus einem Nachbarort seiner Heimatstadt Nidda. „Ich sagte zu und sicherte mir den tonnenschweren Mittelteil mit starken Astabgängen“, erzählte Stephan Guber bei der Eröffnung der Ausstellung. „Um den Stamm in meine Werkstatt zu bekommen, musste ich ihn mittig teilen, so dass zwei riesige atemberaubende Holzelemente entstanden.“ Bei ihrem Anblick habe er – halb im Scherz – gesagt: „Das gibt bestimmt einmal eine Kreuzigungs- und Auferstehungsgruppe“. Als im Sommer danach eine Anfrage der evangelischen Kirchengemeinde Friedberg gekommen sei für eine Ausstellung in der Burgkirche während der Passionsandachten 2017, und er beim Betreten der Kirche zwei leere Holzpodeste neben dem zentralen Altar gesehen habe, sei klar gewesen, dass er seinen ersten Gedanken umsetzen würde. So wurde dieses Werk erstmals in Friedberg ausgestellt.

Und nun, noch in der Passionszeit, haben diese Kunstwerke den Weg in den Rheingauer Dom gefunden – begleitet von vielen weiteren Holzskulpturen. Eine Ausstellung in ähnlicher Form hat Stephan Guber im vergangenen Jahr im Dom in Minden gezeigt. Weitere lebensgroße Skulpturen aus diesem Projekt sind jetzt Geisenheim zu sehen, wie die anrührende dreiteilige Eichenholzgruppe „Passion“ und die 90 Zentimeter hohe Skulptur „mater invisibilis“ die in einem Beichtstuhl steht. Weitere lebensgroße Skulpturen aus der Reihe „ecce homo 2.0“ stehen im Kirchenraum oder sitzen in den Bänken. Einige dieser Figuren waren im vergangenen Herbst in der Lorcher Kirche St. Martin zu sehen. Initiator der dortigen Ausstellung war Georg Breitwieser, der als Kunstsammler Werke von Stephan Guber aus seinem Privatbesitz im Weingut Guber zeigte. Die Skulpturen in der Kirche waren eine Erweiterung dazu. „Dort wurde Pfarrer Marcus Fischer aufmerksam auf die Ausstellung und fragte mich, ob ich im Rheingauer Dom ausstellen wolle“, berichtete Guber.

Pfarrer Marcus Fischer war es auch, der mit seiner Predigt die Ausstellung eröffnete und einging auf Themen wie Seelennahrung, das Wirken der Aufrichtekraft der Auferstehungsgruppe und auf die Frau auf der Kanzel. „Der Künstler hat eine Frau ausgesucht für die Kanzel. Sie schließt die Augen. Sie spricht nicht“, sagte er. „Vielleicht predigt sie auf einer anderen Kanzel. Vielleicht am Tisch der Familie oder in einer Kita?“ Er kündigte an, dass die Skulpturen thematisch auch in das Triduum eingebunden werden, in die Gottesdienste von Gründonnerstag bis Ostersonntag.

Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass die Frau auf der Kanzel auch als provokantes Symbol in der katholischen Kirche gesehen werden könnte, erklärte Stephan Guber im persönlichen Gespräch nach dem Gottesdienst. Er sei zunächst überrascht und dann sehr angetan gewesen von dem Vorschlag des Pfarrers, auch dort eine Skulptur zu platzieren. Weitere lebensgroße Figuren stehen im Beichtstuhl, in einem Seiteneingang oder sitzen in den Kirchenbänken. Wer in den nächsten Wochen den Rheingauer Dom besucht, auch außerhalb der Gottesdienstzeiten, wird hier nie allein sein. Die Figuren aus Pappelholz aus der Reihe „ecce homo 2.0“ entfalten eine eigene Wirkung. „Die Stehenden und Sitzenden gehen durch die Kirchen der Republik“, erklärte Guber, der sie aber auch schon in Fabrikhallen und anderen Räumen gezeigt hat. „Sie tauchen auch in Schulen auf, bevölkern Klassenzimmer, und wenn sie nicht in Kirchen sitzen oder stehen, nehmen wir sie völlig anders wahr, obwohl es dieselbe Gestalt ist.“ Es gehöre zu seinem Konzept, keine Ausstellungen in neutralen Räumen zu machen, um zu sagen: „Schaut her, wie gut ich bildhauern kann. Die Figuren nehmen den Raum auf, werden zu Menschen wie du und ich.“ Sein Thema ist der Mensch in seiner inneren und äußeren Verfasstheit und seine Eingebundenheit in die umgebende Welt.

In der Ausstellung im Dom sind auch neue Skulpturen zu sehen, die sich durch ihre dunkle Farbe abheben – Werke aus Ahorn und Birke, schwarz gebrannt, beispielsweise eine lebensgroße Figur, die den Titel trägt „Im anderen Gewand“. Dazu gibt es an der Seitenwand einen begleitenden Text: „Der Andere. Er ist’s immer. Was wir nicht sind, muss er sein, ob er will oder nicht. Vor allem: Böse, schuldig, schlecht und dunkel …“ Für ihn als Bildender Künstler sei es richtig, sich auch an ikonographische Bilder heranzuwagen. Bei den Darstellungen, denen beispielsweise die Kreuzigung und die Auferstehung zugrunde liege, führe der Gestaltungsvorgang dazu, dass noch einmal eine andere Beziehung zum Inhalt auftauche. „Existenzielle Themen haben mit Kunst zu tun. Phänomenologisch interessieren mich die Dinge extremst.“

Stepan Guber hat seine Werke in den vergangenen drei Jahrzehnten in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Er ist mit vielen Arbeiten in privaten Sammlungen und im öffentlichen Raum vertreten; seit 2017 steht eine von ihm geschaffene Skulpturengruppe vor der hessischen Landesvertretung in Berlin.

Wer im Rheingauer Dom den Sitzenden und Stehenden, den Leidenden und den Erlösten in die ausdrucksstarken Gesichter blicken möchte und die Figuren im Kontext der Kirche bewusst erleben will, hat dazu täglich bis zum 3. Juni Gelegenheit. Weitere Informationen über den Künstler gibt es auf seiner Internetseite www.stephan-guber.de.

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