Große Schatztruhe der Gotik

Große Schatztruhe der Gotik
Werner Kremer erlaubte in seinem Vortrag neue Einblicke in die Basilca minor

Werner Kremer brillierte mit profundem Wissen und einem gut strukturierten Vortrag über die Basilica minor St. Valentinus.

Rheingau. (chk) – Zu neuen Einblicken in die Baugeschichte und Ausstattung der Basilica minor in Kiedrich begrüßte Dr. Manfred Laufs, Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Rheingauer Heimatforschung, den Referenten Werner Kremer im Rahmen der Vortragsreihe im Rüdesheimer Rathaussaal. Kremer beschäftigt sich seit 20 Jahren intensiv mit der Kirche St. Valentinus und Dionysius, die als „Schatzkästlein der Gotik“ gilt.

Er hat ihre Ausstattung erforscht, in mehreren Büchern und Broschüren in Wort und Bild dokumentiert und aufgezeigt, dass es sich eher um eine riesige Schatztruhe handelt, die beim genauen Hineinschauen immer noch Überraschungen birgt. 2010 erhob Papst Benedikt diese Kirche zur Basilica minor. „Das ist die Auszeichnung für eine päpstliche Kirche außerhalb Roms“, erklärte Kremer. Kriterien für die Auswahl sind Alter, Ausstattung und Tradition. Die Kirche beinhaltet die älteste spielbare Orgel Deutschlands, und im Choralhochamt singt Kiedrich als weltweit einziger Ort den gregorianischen Choral nach Hufnagelnotation im gotisch-germanischen Dialekt.

Da die Kirche nicht durch Krieg, Feuer oder andere Katastrophen zerstört wurde, beinhaltet sie eine Ansammlung von Ausstattungselementen von 1330 bis in die Neuzeit. Kremer stellte dem Publikum in seinem reich bebilderten Vortrag eine große Vielfalt an Objekten vor und erläuterte dabei die christliche Gedankenwelt des Mittelalters. Sein Vortrag basierte auf einem von ihm herausgegebenen Kirchenführer, doch er erlaubte weitere und neue Einblicke in die Baugeschichte, beispielsweise anhand von Steinmetz- und Meisterzeichen, die er noch im Seitenschiff Nord erfasst hat. Das kleine „h“, das er dort entdeckt hat, konnte er durch seine Nachforschungen Meister Hermann aus Miltenberg zuordnen.

2013 hat Kremer angefangen, die Steinmetzzeichen zu erfassen, die in der Basilika an 610 Positionen vorhanden und 112 verschiedenen Steinmetzen zuzuordnen sind. Doch nur drei Zeichen lassen sich mit Gewissheit namentlich zuordnen: Neben Meister Hermann sind das Nicolas Eseler und Wolfgang Tenc. Auf der Suche nach den Namen der Steinmetze und der noch unbekannten Künstler, die in Kiedrich ihre Spuren hinterlassen haben, hat Kremer nicht nur in der Literatur recherchiert, sondern dafür unzählige Fahrten gemeinsam mit seiner Frau unternommen. Neben Tagestouren verband das Ehepaar auch regelmäßig Urlaubsreisen mit den Forschungen – beispielsweise in Dinkelsbühl, Wien, Straßburg oder Brügge.

Auf Falckeners Spuren

Für Kremers umfangreichreiches Buch über den Meister der Flachschnitt-Technik, Erhart Falckener, folgten sie dessen Spuren in Rheinhessen und im Kreis Alzey-Worms. Der Meister aus Bayern habe sich in Gau-Odernheim niedergelassen und von 1486 bis 1511 in verschiedenen Kirchen in Rheinhessen und im Rheingau gewirkt. In der Simultankirche St. Maria und St. Christophorus in Bechtolsheim sei, neben Kiedrich, noch das einzige signierte, komplett erhaltene Laiengestühl erhalten, berichtete Kremer und illustrierte das Kiedricher Werk mit eindrucksvollen Fotos. Dabei hob er die „Spirale der Gerechtigkeit“ hervor, die einen Bankblock ziert. Falckener hat für den Text eine nach links drehende archimedische Spirale verwendet. Die lateinischen Druckbuchstaben sind auch für heutige Menschen lesbar, aber die Aussage ist nicht einfach zu verstehen. Kremers Textvorschlag sieht so aus: „Die Gerechtigkeit liegt in großer Not, die Wahrheit ist totgeschlagen, der Glaube hat den Streit verloren, die Falschheit ist hochgeboren. Darüber ist Gott der Herr zornig. O Mensch, lass ab, dass du nicht ewiglich verloren bist. Lobt Gerechtigkeit.“ Dieser Spruch sei 500 Jahre alt. „Und Sie können sich fragen, ob das heute noch gilt, wenn Sie sich die Welt anschauen“, merkte der Referent an.

In seinem gut strukturierten Vortrag mit mehr als 100 erstklassigen PowerPoint-Folien führte er das Publikum auf diese Weise durch die gesamte Kirche, streifte ein Thema mal kürzer und verweilte bei einem anderen ausführlicher – angefangen vom Grundriss der romanischen Vorgängerkirche bis zum achtteiligen Schlussstein im Chorgewölbe. Das darunter hängende Andachtsbild, ein sogenanntes Erbärmdebild, zeigt den lebenden Jesus mit seinen Kreuzigungswunden.

Tugend und Laster

Fast alle Zeichnungen und Fotografien seines Vortrags – und auch seiner Bücher – hat Kremer selbst angefertigt. Neben vielen Daten, Fakten, Namen und gehaltvollen Informationen über die weitgehend gotische Ausstattung und die wertvollen Heiligenfiguren waren gerade auch die Detailfotos von weniger offensichtlichen Kunstwerken sehr aufschlussreich. Das sind neben den filigranen Blumenmalereien im Gewölbe beispielsweise auch figürliche Darstellungen von Tugenden und Lastern an den Konsolen im Seitenschiff Nord. Durch seine Erläuterungen erlaubte Kremer einen Blick in die Vorstellungswelt gottesfürchtiger Menschen des Mittelalters. Dem tugendhaften Mädchen mit der Bibel in der Hand stehen Tänzerinnen und Nixen als Sinnbild der Verführung, als teuflische Weiber, gegenüber. Ein Gaukler wird ebenfalls als Fischmann dargestellt „Spielleute galten immer als Verführer der Menschen“, erläuterte Kremer. „Es wundert mich, dass diese Darstellungen überhaupt noch existent sind.“

Erhellend war auch seine Erläuterung der symbolischen Details des Tympanons von 1420, das sich im Giebelfeld über dem Haupteingang befindet. Das 1420 geschaffene Kunstwerk aus Mainsandstein zeigt in zwei Hauptszenen die Verkündigung an Maria und die Krönung Marias. Über beiden Szenen ist mittig Gottvater mit zwei musizierenden Engeln dargestellt. Von zentraler Bedeutung für die Verkündigungsszene ist die Darstellung der „Empfängnis über das Ohr“ – das Strahlenbündel vom Mund Gottvaters zum Ohr Marias mit der Taube und dem Jesuskind, als Symbol für den Heiligen Geist und „das Wort, das Fleisch ward“.

Glücksfall John Sutton

Für die Kirche, die ihre reiche Ausstattung zahlreichen Stiftern verdankt, sei Baronet John Sutton ein großes Glück gewesen. Als er 1857 nach Kiedrich kam, sei er eigentlich auf der Suche nach Orgeln gewesen. „Doch dann verliebte er sich in die Kirche und blieb in Kiedrich“, berichtete Kremer. Er habe die die fast unbrauchbare Orgel von 1500 in Brügge restaurieren lassen und große Summen in die Restaurierung der Pfarrkirche gesteckt. Auf heutige Verhältnisse umgerechnet seien es 14 Millionen Euro, die er in Kiedrich gelassen habe, merkte Wilma Scholl an, die ebenfalls eine exzellente Kennerin der Basilika minor und eine engagierte „Kämpferin“ für deren Erhalt ist.

Manfred Laufs dankte Werner Kremer für seinen mit profundem Wissen gefüllten Vortrag. „Ich sehe Sie in der Nachfolge von Baronet John Sutton“, betonte er. „Denn Sie geben Ihre Zeit und Ihr Wissen für diese Kirche.“ Doch das war Kremer zu viel der Ehre – mit Sutton, der sein Geld und seinen ganzen Idealismus in die Kirche gesteckt habe, wolle er sich nicht messen lassen, wehrte er ab. Würde man allerdings die ehrenamtliche Zeit, die Werner Kremer seit 20 Jahren in seine Forschungen, Dokumentationen, Publikationen und Führungen steckt, monetär umrechnen, ergäbe dies ohne jeden Zweifel auch eine ganz hübsche Summe.

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