Sterne des Himmels

Werner Kremer stellte Dokumentation über Steinmetzzeichen der Pfarrkirche vor

Dieses Sternengewölbe ziert das Deckblatt der Dokumentation „“Sterne des Himmels“.

Kiedrich. (mh) – Länger als sieben Jahre hat Werner Kremer, zweiter Vorsitzender des Kirchenbau-Vereins Kiedrich e.V., recherchiert, ist viel gereist und hat zahlreiche fachbezogene Gespräche geführt. Das Ergebnis ist die über 200 Seiten umfassende Dokumentation über Steinmetzzeichen in der Basilica minor St. Valentinus und Dionysius mit dem Titel „Sterne des Himmels“, in der sich deren Baugeschichte nachverfolgen lässt.

 

Wie Bürgermeister und erster Vorsitzender des Kirchenbau-Vereins Kiedrich, Winfried Steinmacher, bei der Vorstellung der Dokumentation im Rathaus betonte, danke er Kremer für seine außerordentlichen ehrenamtlichen Tätigkeiten. Diese seien so umfangreich, „dass sie sich nicht in Worten fassen lassen“. Zu seinen zahlreichen Publikationen zählen insbesondere Dokumentationen zum spätgotischen Laiengestühl, über die Sanierung des Turms der Burg Scharfenstein, die fotografische Erfassung der Chorfenster in der St. Valentinuskirche und in der St. Michaelskapelle unter dem Titel „Edelsteine des Himmels“, über den Hochaltar und andere Themen. Über mehrere Jahre hinweg habe Kremer Steinmetzzeichen gesucht, diese bildlich festgehalten und durch eine akribische Forschung die Zuordnung zu den einzelnen Baumeistern ermöglicht. Mit der Dokumentation „Sterne des Himmels“ habe er vor allem eine Information für die nächsten Generationen geschaffen, „die in diesem Umfang so nicht mehr möglich gewesen wäre“.

„Die prächtigen Sterngewölbe der Kirche haben mich verführt, die Dokumentation 'Sterne des Himmels' zu titeln“, so der Autor. Auch weil Gotik und Symbolik nicht trennbar seien. „Die Basilica minor ist“, wie er sagt, „an allen Deckengewölben mit vier-, sechs, acht- und zwölfteiligen Kreuz- oder Sternengewölben ausgeführt“.

Wer Kirchengeschichte dokumentiere, komme an der Erfassung der Steinmetzzeichen nicht vorbei, „denn sie geben Auskunft, wer an diesem Gotteshaus als Steinmetz, Baumeister und als Förderer gearbeitet hat“. In seiner Funktion auch als Kirchenarchivar sei die Dokumentation eine wichtige und reizvolle Aufgabe gewesen, „die Hintergründe des Bauablaufs zu studieren, die Baumeister zu erkennen und zu verstehen, wie diese Kirche entstanden ist“. Dabei sei es ihm zugute gekommen, dank der gewölbehohen Einrüstung des Innenraums während der Restaurierungsarbeiten von 2012 bis 2014 auch „in den letzten Winkel“ zu gelangen und dabei viele neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Als er 1998 per Zufall von der Existenz der Grabplatte von Wolfgang Tenc in der Stadtpfarrkirche Steyr/Österreich erfahren habe, die das gleiche Steinmetzzeichen wie in Kiedrich auf drei Wappenschildern und an der Kanzel aufweisen, sei er auf Spurensuche gegangen. Dabei sei er unter anderem auch in Rauenthal fündig geworden.

„Somit lag es auf der Hand“, so Kremer, „vorrangig nach diesem Zeichen an den Sandsteinteilen des Bauwerks zu suchen, diese zuzuordnen und der Frage nachzugehen, ob Rückschlüsse zur eindeutigen Identifizierung des Baumeisters möglich sind“. Dies habe sich als sehr zeitaufwändig erwiesen, „zumal jedes Steinmetzzeichen teilweise mit Spiegel gefunden, zugeordnet, teilweise vermessen, nach Möglichkeit fotografiert, digitalisiert und gezeichnet werden musste“.

135 Steinmetzzeichen

Unumwunden räumt der Autor ein, „dass ich damals die Arbeit unterschätzt habe, denn ich ging davon aus, dass etwa 50 bis 60 Zeichen vorhanden und zu bearbeiten sind“. Bei der Fertigstellung der Erfassung habe er jedoch 135 verschiedene Steinmetzzeichen dokumentiert, positioniert an mehr als 639 Stellen.

Die oft gestellte Frage, wie die Baumeister und Steinmetze hießen, lasse sich nicht eindeutig beantworten. Deshalb sei es sicherlich erlaubt, „begründete Annahmen niederzuschreiben, die dazu führen könnten, diese bei der Erlangung neuer Erkenntnisse zu bestätigen oder zu korrigieren“.

Die in Kiedrich gefundenen Zeichen, teilweise mit Jahresangabe, könnten namentlich momentan nur drei vermuteten Steinmetzen beziehungsweise Baumeistern zugeordnet werden. Dabei handele es sich um Wolfgang Tenc und einen Meister Hermann (genannt im Miltenberger Gerichtsbuch und vermutlich Meister der Miltenberger Bauhütte). Deshalb dürfe davon ausgegangen werden, dass der verwendete Sandstein für die Gewölbe aus einem dortigen Steinbruch stammt. Ferner Nicolas Eseler der Ältere. Dokumentiert und mit Fotos unterlegt hat Kremer ferner die Auftraggeber und Kirchenrechner (Geldgeber), die zusammen mit den Baumeistern und der Gemeinde Kiedrich mit einer Vielzahl an Wappenschildern vertreten sind. Darunter insbesondere der Sippe der Scharfensteiner. Ferner die im Kirchenschiff zahlreich vorhandenen Gewölbekonsolen mit neuen Definitionen von Peter Klöppel aus Guntersblum und der Schlusssteine.

Ausführlich beschreibt der Autor auch die Baugeschichte, die von der romanischen Kirche von um 1000 bis um 1310 (deren Patron der heilige Dionysius ist) und den Neubau der gotischen Kirche um 1310 exakt auf den alten Grundmauern bis zur Fertigstellung um 1380 reicht. Entscheidend dafür sei die ins frühe 14. Jahrhundert zu datierende Wallfahrt zur Schädelreliquie des heiligen Valentin gewesen, vermutlich eine Schenkung aus Kloster Eberbach.

Erstaunlich sei, dass fast 500 Jahre lang in Kiedrich Kirchenbau betrieben wurde. Dies sei in keiner Rheingauer Gemeinde so bekannt. Nicht geklärt sei das Vorhandensein einer karolingischen Vorgängerkirche.

Da der ansteigende Pilgerstrom eine Erweiterung der Kirche verlangte, sei diese um 1460 bis 1493 erweitert worden. Dazu zähle ein neuer großer Chor mit seinen einzigartigen floralen und Flammenmalereien (ab 1460/1481), ein fast doppelt so hohes Mittelschiff mit beidseitigen Emporen und eine neue Kanzel.

Stifter der Kanzel (1493) im Rahmen der Erweiterung des Mittelschiffs war, so Kremer, Johann Knebel von Katzenellenbogen. Der ursprüngliche Lettner, geschaffen als Chorschranke (um 1493), sei das vorletzte Erweiterungsbauwerk der gotischen Kirche gewesen. Nach dessen Abbau um 1670 habe Kiedrichs größer Wohltäter, Sir John Sutton, dessen Neuaufbau (um 1862) veranlasst. Kremer weist in seiner Dokumentation auch auf die in den folgenden sechs Jahrhunderten sich veränderten Turmhelmausführungen hin. Es werde vermutet, dass der um 1380 in vier Stockwerken fertig gestellte Turm zuerst mit einem gotischen hohen spitzen Turmhelm ausgerüstet war.

Nachdem dieser abgebrannt war und durch einen dreistufigen barocken Turmhelm mit einer Balustrade für einen Feuerbeobachter ersetzt worden war, sei der Kirchturm ab 1873 im Auftrag von Sutton in einen neugotischen Turmhelm verändert worden, „denn dieser wollte eine gotische Kirche ebenfalls in dem äußeren Erscheinungsbild“, so dessen Begründung. Für diesen heutigen Turmhelm habe Sir John Sutton den hochgeachteten Baumeister Franz-Josef Ritter von Denzinger verpflichtet.

Die in einer Auflage von 500 Exemplaren erstellte Dokumentation ist ab sofort am Schriftenstand in der Kirche und im Rathaus bis zum 31. Oktober zum Preis von 19,80 Euro und ab dem 1. November in der Bücherei Lauer in Eltville zum Preis von 24,80 Euro erhältlich. Der Erlös kommt der Renovierung und Instandhaltung der Basilica minor zugute.

Wer bis zum Ende des Jahres dem Kirchenbau-Verein als neues Mitglied beitritt, erhält eine Dokumentation kostenlos.

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