Manfred Güllner: Man muss die Menschen fragen
Forsa-Chef beim Limburger Kreis auf Schloss Vollrads / „Was die Menschen bewegt“

Michael Jung zählt auch geballte vinologische Kompetenz zu seinem Limburger Kreis: Hier mit Dr. Josef „Pepi“ Schuller, Direktor der österreichischen Weinakademie (links), Prof. Dr. Monika Christmann, Leiterin des Instituts für Oenologie der Hochschule Geisenheim und Präsidentin der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) und Gutsdirektor Dr. Rowald Hepp.

Winkel. (hhs) — Es ist schon Tradition, dass der vom ehemaligen Bundestagsabgeordneten Michael Jung ins Leben gerufene „Limburger Kreis“ und die Nassauische Sparkasse als Besitzer von Schloss Vollrads einmal im Jahr nach Vollrads einladen, um einem illustren Kreis einen exklusiven Gedankenaustausch zu ermöglichen. Dazu wird immer auch ein namhafter Referent eingeladen. Das Ganze wird begleitet von einer Weinprobe mit Vollradser Weinen.

Am letzten Donnerstag war es Professor Manfred Güllner, der einen spannenden und aufschlussreichen Vortrag hielt. Der 76-Jährige Güllner ist Soziologe, Sozialpsychologe und Betriebswirt. Das langjährige SPD-Mitglied ist Gründer und Geschäftsführer des Forsa-Instituts, das zu den bedeutendsten deutschen Meinungsforschungsinstituten zählt. Immer wieder wirft man Güllner vor, dass er ermittelte Daten mit persönlichen Ansichten vermische, woraus sich ein Cocktail ergebe, der seriös und unabhängig aussehe, doch voller Meinung stecke.

Aber genau diese lebhafte und durchaus subjektive Betrachtungsweise machte den Reiz des Vortrags aus. Güllner ging auf aktuelle politische Themen ein, beleuchtete aber auch die Entwicklung der letzten 50 Jahre. „Man muss die Menschen fragen“, sei die ebenso banale wie entscheidende Empfehlung, wenn man wissen wolle, was die Bevölkerung denkt.

Aktuell berichtete er, dass der Asyl-Streit der Unionsparteien sowohl CDU als auch der CSU schade, dass der bayerische Ministerpräsident Söder und Innenminister Seehofer selbst im eigenen Bundesland schlechter angesehen seien als die von ihnen attackierte Bundeskanzlerin.

Die CSU glaube zu wissen, was die Bevölkerung in Bayern bewege. Doch: „Das ist eine krasse Fehleinschätzung“. Und Güllner weiter: „Einzelne Personen überschätzen sich. Horst Seehofer war schon als Ministerpräsident unter allen bundesdeutschen Ministerpräsidenten der am wenigsten geschätzte – wohl gemerkt im eigenen Bundesland.“

Frage man in der Bevölkerung nach, stehen das Thema Migration nirgendwo ganz oben auf der Prioritätenliste. Eine Ausnahme sei die AfD-Klientel: „Die kennen nichts anderes als die Ausländerproblematik“. Für die Hessen beispielsweise seien Fragen zur Verkehrsproblematik, bezahlbarem Wohnraum und intakte Infrastruktur deutlich wichtiger.

Vertrauensverlust

Den großen Parteien attestierte Professor Güllner einen großen Vertrauensverlust in der Bevölkerung. Dieser habe schon vor dem Auftreten der AfD eingesetzt. So habe sich das Vertrauen in die Große Koalition seit der ersten Auflage im Jahr 1966 bis hin zur jüngsten GroKo halbiert.

Die momentane Misere der CDU Angela Merkel anzulasten, sei unlauter. Vielmehr habe der Niedergang schon unter der Kanzlerschaft von Helmut Kohl eingesetzt, mit dem Amtsantritt Merkels habe sich die Zustimmung stabilisiert. Wenig Positives hatte er auch für seine Partei zu vermelden. „Ich glaube nicht, dass Andrea Nahles die SPD aus dem Tief herausführen kann. Hat die eigentlich schon mal richtig gearbeitet oder ihr ganzes Leben nur Politik gemacht?“

Dem Vortrag lauschten rund 60 Gäste gebannt. Auch wenn Güllner nicht unbedingt große Neuigkeiten zu verkünden wusste und das Meiste aus den Medien bekannt war, hatte es doch wohl kaum jemand so authentisch aus berufenem Mund gehört. Selbst die von Vollrads-Direktor Dr. Hepp vorgestellte Weinprobe, in die Güllners Vortrag eingebunden war, konnte die Konzentration nicht beeinträchtigen.

Gedankenaustausch

Erst nach dem Vortrag erwachte die Diskussionsfreudigkeit bei den Zuhörern. Fast alle Teilnehmer der Runde sind Mitglieder des Limburger Kreises, einem Netzwerk, in dem fast 2.500 Verantwortungs- und Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eingebunden sind. „Strippenzieher“ Michael Jung war von 1987 bis 1998 Abgeordneter im deutschen Bundestag und vertrat den Wahlkreis Rheingau-Taunus–Limburg für die CDU. Seit seinem Rückzug aus der Tagespolitik führt er in Limburg eine Anwaltskanzlei.

Als Gründer und Motor des „Limburger Kreises“ sieht er seine Aufgabe darin, Mitglieder seines Netzwerkes bei gemeinsamen Veranstaltungen fallweise zusammenzuführen. Alljährlich organisiert er rund zwei Dutzend Veranstaltungen mit namhaften Politikern, bedeutsamen Wirtschaftsführern und exponierten Vertretern der Gesellschaft. Selbst beim Bischof im heimischen Limburg ist er regelmäßiger Gast.

Gastgeber war die Nassauische Sparkasse, vertreten durch Vorstand Michael Baumann. Baumann ging zu den Besitzverhältnissen von Vollrads nur insoweit ein, als dass es nicht das Ziel der Bank gewesen sei, ein eigenes Weingut zu führen.

Verantwortung

Man habe Schloss Vollrads aufgrund „notleidender Kredite“ übernommen und sich in der Verantwortung als Sparkasse für die Region gesehen, die Arbeitsplätze der Mitarbeiter wie auch das Schloss als Kulturgut zu erhalten und es nicht in die Hände fremder Investoren zu geben. Erfreulich klar seine Aussage: „Das Schloss bleibt auch in Zukunft im Eigentum der NaSpa“.

Heute stehe Vollrads auf drei Säulen – das Weingut und die Gastronomie erwirtschafteten Gewinne, mit denen die Defizite der Liegenschaftsgesellschaft abgedeckt werden, die sich um die Unterhaltung der Immobilie kümmere. Wichtig war Baumann die Feststellung, dass die NaSpa keinen Gewinn aus Schloss Vollrads abzieht, dass die Bank aber auch nichts mehr investiert. „Wir arbeiten mit vielen Winzern der Region zusammen und wollen zu diesen Kunden nicht in Konkurrenz treten“, versicherte er den interessierten Zuhörern.

Vollrads ist Riesling

Dass das Weingut wieder Gewinn abwirft, dürfte auch ein Verdienst von Gutsverwalter Dr. Rowald Hepp sein, der mit seinem Team die Weine von Vollrads wieder zu einem weltweit angesehenen und begehrten Produkt gemacht hat. Hepp erläuterte, dass Schloss Vollrads – zumindest was die urkundlichen Nachweise angeht – das älteste Weingut der Welt ist. „Wir wollen uns aber nicht auf der Vergangenheit ausruhen, sondern sehen sie als Verpflichtung und Herausforderung zugleich, alle Möglichkeiten für eine erfolgreiche Zukunft zu nutzen“.

Dass er eine gute Basis gelegt hat, bewies die Qualität der Vollradser Weine – durchweg Riesling. „Wir bewirtschaften 81 ha Weinberge, ausschließlich mit Riesling bestockt. Schloss Vollrads ist ein Synonym für Riesling“, betonte Dr. Hepp, der die „Königin der weißen Rebsorten“ auch für den Klimawandel gewappnet sieht.

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