„Es darf keinen Schlussstrich geben“

„Es darf keinen Schlussstrich geben“
Stiftung Kloster Eberbach stellte das druckfrische Buch über die NS-Zeit vor

Der Historiker Dr. Sebastian Koch stellte sein Buch vor.

Kloster Eberbach. (chk) – „Was für Menschen sind die Rheingauer eigentlich?“, habe er sich gefragt, als er vor zweieinhalb Jahren mit dem Forschungsprojekt begonnen habe, erklärte Dr. Sebastian Koch am Montag bei der Vorstellung seines druckfrischen Buches „Kloster Eberbach im Nationalsozialismus“ vor rund 200 Gästen im Laiendormitorium. Er fand zwei Merkmale, die etwas über die Mentalität der Rheingauer allgemein aussagen und besonders interessant sind für ihn die Frage, wie sich die Menschen einer Region dem Nationalsozialismus gegenüber verhalten haben.

„Zum einem hat sich der Rheingau durch ungewöhnlich früh verliehene stadtähnliche Freiheitsrechte jahrhundertelang selbst verwalten dürfen, wodurch eigenständige und selbstbewusste Menschen entstanden sind, die weniger obrigkeitsgläubig waren als in manch anderen Regionen“, fand der Historiker heraus. Zum anderen lasse sich im Rheingau ein verdichtetes katholisches Milieu beobachten. 50 Prozent seien in katholischen Vereinen und Verbänden organisiert gewesen. „Dadurch konnte Kirche im Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen ihr Einflussgebiet gegen die konkurrierende nationalsozialistische Bewegung behaupten.“

Das sich hier bietende Widerstandspotenzial sei aber nicht für einen offenen Kampf mit dem Regime aktiviert, sondern defensiv „gelebt“ worden. Aus diesen Gründen habe sich der Nationalsozialismus im Rheingau nur sehr verzögert etablieren können, obwohl die Agrar- und Wirtschaftskrise der Weimarer Republik kaum einen Wirtschaftszweig so hart getroffen habe wie den Weinbau und den Weinhandel. Nach den Wahlen 1933 wurde der Rheingau aus Sicht der neuen Machthaber als „Problemfall“ bezeichnet.

Zuvor hatte Martin Blach, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Kloster Eberbach, das Publikum begrüßt. „Als Kulturdenkmal europäischen Ranges ist es eine besondere Verantwortung, Auskunft über die Zeit von 1933 bis 1945 geben zu können“, sagte er. „Diese Lücke der Geschichtsforschung konnten wir nun schließen. Gleichzeitig müssen wir die Ergebnisse in unserer gegenwärtigen politischen Situation als Mahnung an uns alle verstehen“, ergänzte Blach gemeinsam für den Vorstand der Stiftung. „Es ist uns nicht leicht gefallen, aber es darf keinen Schlussstrich geben.“ Den Stein ins Rollen gebracht habe sein Vorstandskollege Timo Georgi, der das Gästebuch des Klosters aus jener Zeit gefunden und festgestellt habe, dass auch die Größen der Wehrmacht und der SS im Kloster ein- und ausgingen. Blach dankte ihm für den Anstoß, die Zeit von 1933 bis 1945 wissenschaftlich erforschen zu lassen und er dankte den Spendern, die dieses Projekt ermöglicht haben, ebenso seiner „Chefin“, Umweltministerin Priska Hinz und Vorsitzende des Kuratoriums, die ihm den Rücken gestärkt habe.

Auch nach mehr als 70 Jahren Frieden in Europa müsse stets daran gearbeitet werden, dass er erhalten bleibe, argumentierte die Ministerin anschließend in ihrem Grußwort. Dies gelte umso mehr in einer Zeit, in der antisemitische Straftaten zunähmen und eine Partei in den Bundestag und die Landtage eingezogen sei, die offen völkische Thesen vertrete. „Gerne habe ich der Stiftung Kloster Eberbach den Rücken gestärkt“, betonte sie. „Die Studie und der heutige Abend sind ein wichtiger zivilgesellschaftlicher Beitrag, um das Friedensprojekt Europa auch für die Zukunft zu sichern.“ Dafür danke sie der Stiftung und Dr. Sebastian Koch.

In einer Zeit, die zunehmend auf noch lebende Zeitzeugen der NS-Zeit verzichten müsse und in der durch die wachsende Distanz zum Dritten Reich in Teilen der Bevölkerung die gesellschaftlichen Grundüberzeugungen merklich in Bewegung geraten seien, sei es ratsam, in die historisch-politische Bildung zu investieren, legte Sebastian Koch nahe. Im Gegensatz zur Kinder- und Enkelgeneration, die Eltern und Großeltern noch habe fragen können, wie es „damals“ war, frage die vierte, fünfte und sechste Generation nicht mehr. „Ich hoffe, dass das Buch ein Startschuss ist und Projekte wie dieses, die Diskussion wieder zurück in die Gesellschaft bringen und Regionen und Branchen zwingen, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen.“ Die Quellenlage, die er vorgefunden habe, sei gut gewesen und die Menschen sehr offen. „Ich musste nichts anderes tun, als die Quellen sprechen lassen und ein paar Kommentare zu schreiben“, fasste er seine Arbeit zusammen. Die Personen, denen er gemeinsam mit der Stiftung dankt, füllen zwei Seiten am Anfang des Buches; weitere zwei Seiten folgen mit der Nennung von Archiven, Museen, Instituten, Verwaltungen und Unternehmungen, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gedankt wird. Ein Blick in die umfangreichen Quellenangaben am Ende des Buches mag eine Vorstellung davon vermitteln, wie „easy“ es wirklich war, das Material so auszuwerten, dass ein solches Werk entstehen konnte, dass der Autor zu Recht „spannend“ nennen darf.

„Lebenswerk“ von Gareis

Recht ausführlich wendet sich Koch der Person Rudolf Gareis zu, der seinen Dienst als Weinbaudirektor im Kloster Eberbach am 1. Juli 1918 antrat und seine Stelle auch unter den Nazis verteidigen konnte. Gareis habe sich nie der NSDAP angebiedert, habe aber, um sein „Lebenswerk“ in Eberbach weiter zu führen unter dem Eindruck einer versuchten Verhaftung 1933 einen Mitgliedsantrag gestellt, der zunächst abgelehnt und einige Jahre später nach einer Bewährungszeit positiv beschieden wurde. Versuche, Eberbach tatsächlich oder ideologisch beispielsweise als eine „Weihestätte des deutschen Volkes“ oder als SS-Ordensburg zu vereinnahmen, habe Gareis abwehren können. „Eberbach würde ansonsten möglicherweise in seiner heutigen Form nicht mehr existieren“, vermutete Koch und verwies auf die Bombardierung des Klosters Tiefenthal, wo die SS eine Spionageabteilung eingerichtet hatte. Auch sei Kloster Eberbach kein Ort gewesen, an dem die Nazis regelmäßig zu exzessiven Feiern zusammengekommen wären.

Das langjährige Wirken von Gareis im Rheingau müsse aus Sicht des Weinbaus als Glücksfall angesehen werden. Durch seine langjährigen oftmals im Verbund mit der Lehranstalt Geisenheim durchgeführten Forschungen und Rationalisierungsmaßnahmen habe er für einen Innovationsschub im Rheingauer Weinbau gesorgt. In alter mönchischer Tradition habe er das neu gewonnene Wissen mit den Winzern des Rheingaus geteilt. Die Prosperität der Staatsweingüter in der Ära Gareis sei durch die Ausschaltung der für den Außenhandel so immens wichtigen jüdischen Zwischenhändler bedroht worden. Sie hätten als mehrsprachige und gut vernetzte Weinreisende im 19. Jahrhundert die weit entfernten Märkte beispielsweise in den USA für den Rheingauer Wein erobert. In einem Kapitel geht Koch ausführlich auf „Kloster Eberbach und den jüdischen Weinhandel“ ein, auch auf die Persönlichkeiten und Schicksale der Weinhändler, soweit sie bekannt sind. Gareis, der noch lange mit den wenigen verbliebenen jüdischen Weinhändlern zusammenarbeitete, erhielt am 22. Mai 1937 ein Schreiben, von „arischen“ Weinhändlern, die ihn aufforderten die jüdischen Weinhändler von den Versteigerungen auszuschließen. Dieser Brief mit den Unterschriften ist in dem Buch abgedruckt.

Zwangsarbeit und Widerstand

Als die Männer im Krieg waren, mussten Frauen und Kinder – auch in den Weinbergen – ihre Arbeit übernehmen. „Die Weinberge wären aber nach dem Krieg nicht in einem so guten Zustand gewesen, hätten nicht Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene sie über den Krieg gerettet“, sagte Koch. Mindestens eines der zahlreichen Rheingauer Gefangenen-Lager sei im Kloster Eberbach errichtet worden. Die Informationen, die er dazu fand, waren relativ spärlich, aber es habe keine Hinweise auf Erschöpfungszustände, Misshandlungen oder gar Erschießungen gegeben. Die Zwangsarbeiter seien offenbar gut genährt gewesen, auch weil man auf ihre Arbeitskraft angewiesen war.

„Prominentester“ Eintrag im Gästebuch während der NS-Zeit ist der Besuch von Heinrich Himmler am 4. Dezember 1935. In der Endphase des Krieges, insbesondere als nach einer Gebietsreform 1944 Gauleiter Sprenger direkten Zugang auf Kloster Eberbach erhielt, seien vermehrt hochrangige Treffen in Eberbach abgehalten worden. So tranken Vertreter Deutschlands und Vichy-Frankreichs in Eberbach auf die „Réconciliation France-Allemagne“. In der Endphase des Krieges trafen sich auch führende europäische Antisemiten im Zuge einer Arbeitstagung in Eberbach zu einer Weinprobe.

Zu einer Weinprobe unter Leitung von Direktor Gareis waren einige Jahre zuvor auch die führenden Ärzte und Sachbearbeiter der T4-Aktion, die den Eichberg besuchten, im Pfortenhaus von Kloster Eberbach zusammengekommen. „Über die Krankenmorde auf dem Eichberg wusste man in Eberbach wie im Rheingau allgemein Bescheid“, hat Koch festgestellt. Bestehende Kanäle wie eine gemeinsame NSDAP-Ortsgruppe Eichberg-Eberbach oder der gemeinsame Vorsitz des Weinbaudirektors Gareis und des jeweiligen Direktors des Eichbergs im Vorstand der gemeinsam geführten Schule seien offensichtlich nicht genutzt worden, um Kritik an den selbst nach geltendem Recht der Nationalsozialisten verbotenen Morde auf dem Eichberg zu äußern.

Widerstand gegen das Regime wurde im Umfeld eines häufigen Gastes Kloster Eberbachs, dem Wiesbadener Studienrat Hermann Kaiser, organisiert. Ihm oblag die Aufgabe, den Widerstand im Rheingau aufzubauen. Eine enge Vertrauensperson fand er im Betriebsleiter der Domäne Hattenheim, Michael Scheuermann, der beispielsweise mehrfach einer jüdischen in „Mischehe“ lebenden Ärztin Gastfreundschaft gewährte. Während Kaiser nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli verhaftet und in Plötzensee ermordet wurde, blieben die Widerstandsstrukturen im Rheingau unentdeckt. „Es gab aber keinen originären Wiesbadener, Rheingauer oder Eberbacher Widerstand, sondern es waren immer Einzelpersonen, die so handelten“, stellte Koch klar.

Podiumsdiskussion

Bei der anschließenden Diskussion fehlte der erkrankte Professor Jürgen Falter. Stefan Schröder, Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers, befragte Sebastian Koch und Peter Seyffardt, Präsident des Rheingauer Weinbauverbands zu einzelnen Schwerpunkten. Seyffardt gestand, dass er von Rudolf Gareis erst durch Kochs Buch erfahren und erkannt habe, dass dieser große Verdienste um den Rheingauer Wein habe, insbesondere auch, wenn er verhindert habe, dass Kloster Eberbach zu einer SS-Ordensburg geworden sei. Ob er glaube, dass es so etwas wie eine „DNA der Rheingauer“ in Kochs Ergebnissen erkenne, wollte Schröder wissen. Die Rheingauer hätten in ihrer Geschichte häufig ihre Eigenständigkeit bewiesen, antwortete Seyffardt. Graf Matuschka-Greifenclau habe es so ausgedrückt: „Wir regeln die Dinge selbst.“ Es sei gut zu wissen, dass der Rheingau keine Nazi-Hochburg war. „Aber stolz können wir auf diesen Teil der Geschichte natürlich nicht sein“, betonte er. Er teile die Meinung von Sebastian Koch, dass der Ausschluss der jüdischen Weinhändler, abgesehen von der menschlichen Tragödie, dem Rheingau großen Schaden zugefügt habe. „International gesehen hat der Rheingauer Wein dadurch seine Reputation verloren und sich bis heute nicht erholt. Diese jüdischen Weinfreunde fehlen uns heute.“

Zu den Zeitzeugen, die Sebastian Koch befragt hatte, gehörte auch Heinrich Gerhard aus Hattenheim, der 1930 geboren ist und dessen Vater mit Michael Scheuermann gut bekannt war. Stefan Schröder holte ihn auf die Bühne, um ihn nach jener Zeit zu befragen. So wie sein Vater und Michael Scheuermann sich häufig getroffen hätten, sei auch er mit dem vier Jahre älteren Sohn Karl-Josef Scheuermann gut bekannt gewesen. Familie Gerhard, die ein Lebensmittelgeschäft in Hattenheim hatte, unterhielt auch eine Filiale im Kloster Eberbach, wo damals etwa 15 Familien gewohnt hätten.

Im Anschluss an die Diskussion erzählte Heinrich Gerhard, Familie Scheuermann sei eine sehr christliche Familie gewesen, aber erst durch die Nachforschungen von Dr. Koch habe er erfahren, dass Michael Scheuermann dem Widerstand angehörte, was ihn sehr gefreut habe. Später habe die Familie Hattenheim verlassen und Karl-Josef sei Bürgermeister in Wertheim am Main geworden. Er habe den Kontakt verloren und habe sich gefreut, dass er die Enkelin von Michael Scheuermann bei der Buchvorstellung getroffen habe. Heinrich Gerhard selbst hat nicht nur bis 1975 die Filiale im Kloster Eberbach weitergeführt, die stundenweise geöffnet war, sondern nach seiner Geschäftsaufgabe in Hattenheim von 1999 bis 2014 als Museumsführer im Abteimuseum von Kloster Eberbach gearbeitet.

Auch aus dem Publikum gab es noch eine rege Beteiligung an der Diskussion. Dazu gehörte beispielsweise der Hinweis von Walter Hell, dass nicht nur katholische Verbände, sondern auch die sozialdemokratische Arbeiterbewegung sich ablehnend gegenüber den Nationalsozialisten verhalten hätten. Auf Stefan Schröders Frage, ob die Rheingauer als Katholiken überwiegend vor dem Gedankengut der Nazis gefeit waren oder ob sie doch eher Opportunisten waren, verwies Sebastian Koch noch einmal auf die Ergebnisse der letzten freien Wahlen: „In keinem anderen Teil von Hessen-Nassau hat die NSDAP so schlecht abgeschnitten wie im Rheingau.“

„Ich möchte, dass wir uns erheben und an die Opfer jener Zeit denken, aber auch an die, die still waren“, sagte Martin Blach am Ende der Veranstaltung. „Vielleicht wären auch wir still gewesen“.

Das Buch

Einige Tage vor der öffentlichen Buchvorstellung im Laiendormitorium hat die Stiftung Kloster Eberbach die Presse zum Gespräch mit Autor Sebastian Koch und Verleger Roland Apsel eingeladen. Die Stiftung habe Koch absolute Freiheit für seine Forschung garantiert, denn es sei die „verdammte Pflicht“ in Zeiten wie diesen das Thema aufzuarbeiten, auch wenn es vielleicht 20 bis 30 Jahre zu spät sei, hatte Martin Blach erklärt. Doch Sebastian Koch ist der Meinung, dass das Buch genau zum richtigen Zeitpunkt erscheine. Verleger Apsel erzählte, er sei fasziniert gewesen vom Schwanken zwischen Eigensinn und Normalität, wie es sich im Rheingau gezeigt hätte.

Sebastian Koch hat die Ergebnisse seiner Forschung in zehn übersichtliche und fundierte Kapitel aufgeteilt, in denen es zwar immer um Kloster Eberbach geht, aber auch um die historische Herleitung der Themen und das wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Umfeld. In dem Buch gibt es einiges zu entdecken, was so nicht bekannt oder in dieser Form bisher noch nicht zusammengefasst war. Ein elftes Kapitel schließt sich an, das auf die Archäologie der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges in und um Kloster Eberbach eingeht. Verfasst wurde es von Thomas Becker, Bernd Steinbring und Kai Mückenberger.

Kloster Eberbach im Nationalsozialismus von Sebastian Koch ist im Verlag Brandes & Apsel als gebundenes Buch erschienen. 320 Seiten, 29,80 Euro. Das Buch ist an der Klosterkasse und im Buchhandel erhältlich.

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