Drei „Machos“ und eine souveräne Psychologin

Fernsehhelden in der Alten Schule Stephanshausen / Interna aus der TV-Szene

Immer mittendrin im Geschehen: Die Geisenheimer Fußball-Legende Bubi Hönig (2.v.l.) mit Béla Réthy, Jörg Dahlmann, Birgit Zmrhal und Thomas Wark.

Volkmar Näglers Musiktheater „Alte Schule Rheingau“ wurde am letzten Freitag – wieder einmal - zum Mekka der Rheingauer Fußballfreunde. Kamen doch zur 3. Veranstaltung der Gesprächsrunden-Serie „Runde Sache“ Reporterlegenden nach Stephanshausen, die ansonsten nur im Fernsehen zu erleben waren. Die ehemaligen ZDF-Journalisten Thomas Wark, Jörg Dahlmann und Béla Réthy sorgten für riesiges Interesse. Besonders auf Béla Réthy waren viele gespannt – gab es doch anlässlich seines Ausscheidens beim ZDF bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar einen in dieser Form noch nicht erlebten Hype.

Schon lange im Voraus war die „Runde Sache 3.0“ ausgebucht, viele Interessenten hofften vergeblich, dass sie noch kurzfristig von der Warteliste nachrücken durften. „Wir haben heute eine wunderbare Crew“, freute sich Volkmar Nägler in seiner Begrüßung: Mit einem Augenzwinkern bezeichnete er die populären Sportreporter Thomas Wark, Jörg Dahlmann und Béla Réthy als „drei Machos“, denen er mit der renommierten Sportpsychologin Birgit Zmrhal ein Gegengewicht als Moderatorin entgegensetzen wolle.

Zmrhal betreut viele Spitzensportler, coacht u.a. die harten Jungs der Rugby-Nationalmannschaft, war bei den Olympischen Spielen in Rio zuständig für die deutschen Boxer und berät auch viele Spitzenfußballer. Sie gehört zu den ausgewählten Trainern und Coaches der Führungsakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Birgit Zmrhal wünschte sich schon bei ihrer Vorstellung, dass die Gäste in der bis auf den letzten Platz gefüllten Alten Schule am Ende sagen: „Gut, dass ich heute Abend hier war“.

„Gut, dass ich hier war“

Man kann es vorweg nehmen: Zmrhals Hoffnung wurde mehr als erfüllt. Die drei Journalisten erlaubten Blicke hinter die Kulissen, erzählten viele Anekdoten aus ihrem bewegten TV-Leben – sehr persönlich, viele lustig, aber auch einige nachdenklich stimmende. Von ihren Begegnungen mit der Fußball-Legende Pelé erzählten sie ebenso wie von belastenden und gefährlichen Reportagen – z.B. über die Fußballnationalmannschaft von Kolumbien, die vom berüchtigten Medellin-Kartell gesteuert wurde. „Der Fußball war damals eine reine Drogenwaschanlage. Aber wir wollten nicht über einen lustigen Torwart oder einen schnellen Außenverteidiger berichten, sondern trotz aller Risiken auch Hintergründe schildern“, erzählte Réthy, der gemeinsam mit Thomas Wark im Vorfeld der WM 1990, an der Kolumbien Gruppengegner der deutschen Nationalmannschaft war, vor Ort recherchierte.

Wark und Réthy verbrachten die längste Zeit ihres Berufslebens beim ZDF; Dahlmann war am Ende seiner Karriere auch bei den Privatsendern SAT1 und Sky aktiv – wo ihm letztendlich seine flotten Sprüche zum Verhängnis wurden.

Gute alte Zeit

Es war nicht das Klischee von der guten alten Zeit, von dem manche Ältere so gerne schwärmen. Die „Fernsehhelden“ untermauerten ihre positiven Erinnerungen auch mit detaillierten Fakten. "Vor allem", so Thomas Wark „waren die alten Zeiten lustiger“. Wark ist gebürtiger Rheingauer und einer der Väter des Stephanshäuser Fußball-Talks, für den er seine vielfältigen Kontakte gerne nutzt.

„Wir haben unheimlich viel von unseren Vorgesetzten gelernt". TV-Größen wie Dieter Kürten, Harry Valérien, Oskar Wark oder Wolfram Esser seien weniger Chefs als Vorbilder und Mentoren gewesen, die die jungen Kollegen förderten. Heute, so bedauerte Béla Réthy, seien die Vorgesetzten vielfach Betriebswirtschaftler mit Bezug zu Zahlen, aber nicht unbedingt zum Sport. Das führe auch dazu, dass auch die heutige Generation der Journalisten oft keinen Mut mehr zur eigenen Meinung habe. „Die wollen nur sauber durchkommen und bloß nicht anecken“.

Réthy bekannte, dass ihn die „sozialen“ Medien nicht interessierten. „Die öffentliche Meinung ist für mich irrelevant“, die „Sprachpolizei“ habe heute viel zu viel Einfluss. Als ihr Erfolgsrezept nannten die drei Journalisten, dass sie authentisch geblieben seien, ohne sich selbst zu sehr in den Mittelpunk zu stellen. Réthys Credo: "Als Kommentatoren sind wir nur die Mittler, aber wir stehen nicht im Mittelpunkt. Du musst das Ereignis wirken lassen“.

Jörg Dahlmann schränkte aber ein, dass das in der heutigen Medienlandschaft, insbesondere bei den Privatsendern, die sich über die Quote definierten auch gefährlich sein könne. So hätte es seinerzeit der Vorstand des FC Bayern München geschafft, dass Dahlmann nach einem kritischen Interview mit dem damaligen Trainer Louis van Gaal das nächste Europacupspiel der Bayern für seinen damaligen Sender SAT1 nicht kommentieren durfte. „Beim ZDF wäre das nicht möglich gewesen“, waren sich Thomas Wark und Béla Réthy einig. Uli Hoeneß, damals noch Manager der Bayern, habe sich im Nachgang persönlich für das Verhalten des Vorstands entschuldigt, ergänzte Dahlmann.

Populär

Beim Privatsender Sky wurde Dahlmann später für seine angeblich sexistisch-rassistischen Sprüche gefeuert. Zunächst sei eine Verlängerung seines Vertrags abgelehnt worden, weil er - bezogen auf die Reservistenrolle des Bundesliga-Torhüters Lorenz Karius und dessen Beziehung zum TV-Sternchen Sophia Thomalla – den Spruch losließ: „Für eine Kuschelnacht mit Sophia würde ich mich auch auf die Bank setzen“. Was die so angesprochene Thomalla als lustig und eher als Kompliment empfunden habe. Dass er einen japanischen Fußball-Profi als „aus dem Land der Sushis“ kommend beschrieb, sei dann der endgültige Anlass für seinen Rausschmiss gewesen. „Das soll rassistisch gewesen sein“, kritisiert er den Shitstorm, den einige „Vollpfosten“ bei Twitter ausgelöst hätten.

Auch wenn Béla Réthy – seine Eltern flüchteten 1956 nach dem Ungarn-Aufstand über Österreich nach Brasilien, so dass er neben ungarisch auch portugiesisch spricht und die deutsche Sprache erst mit 12 Jahren lernte, als die Familie nach Deutschland übersiedelte - wohl der populärste der drei Fernsehhelden sein mag, gab es zwischen den drei Herren auf der Bühne keinerlei Neid. „Bei uns gab es nie ein Konkurrenzdenken. Wir sind in unserem Beruf Freunde geworden“, bestätigten sie unisono.

Wark und Dahlmann gratulierten Réthy für seine Berichte von der Fußball-WM in Katar (Réthy: „Das schönste daran war, dass sie endlich zu Ende war“). Ausgerechnet an seinem 66. Geburtstag am 14. Dezember beendete er nach mehr als 30 Jahren seine Karriere beim ZDF mit dem Halbfinale Frankreich gegen Marokko. Sein Abschied aus der aktiven Welt der Moderation wurde weithin in Funk, Fernsehen und Printmedien gewürdigt.

In der Rente sei er „noch nicht so recht angekommen“, räumte Réthy ein. Das würde ihm wahrscheinlich erst bewusst, wenn an diesem Wochenende die Fußball-Bundesliga nach der Winterpause starte. Sein schönstes Erlebnis in seinem Kommentatorenleben sei übrigens nicht der 7:1 Kantersieg des deutschen Teams gegen Brasilien gewesen, sondern die Winterolympiade in Lillehammer im Jahr 1994. „Da ging es nur um Sport. Das ganze Land Norwegen stand hinter den Spielen, die Politik spielte keine Rolle.“

Adlerträger

Ursprünglich habe man nur vier Veranstaltungen zur „runden Sache“ geplant, erzählte Volkmar Nägler am Rande des Heldentalks. Doch dabei wird es nicht bleiben. „Es geht sicher weiter, es ist noch lange kein Ende in Sicht“. Für den nächsten Abend steht der Termin fest, viele Fans der Frankfurter Eintracht haben sich schon Tickets im Vorverkauf gesichert: Am 9. März werden der Musiker und Comedian Henni Nachtsheim („Badesalz“) und der Rheingauer Grafiker und Maler Michael Apitz ihr Buch „Adlerträger“ vorstellen.

Viele Interessenten hätten auch schon angefragt, ob man die hoch emotionale Auftaktveranstaltung „Fußball-Nostalgie im Rheingau“ mit Bubi Hönig nicht wiederholen können. Doch das will Nägler nicht und verweist auf einen weiteren Abend in Stephanshausen, an dem der Geisenheimer Historiker Oliver Mathias und die Fußball-Legende Bubi Hönig dessen Biographie vorstellen wollen.

Waldbühne

Der rastlose Volkmar Nägler plant auch schon das nächste Projekt. Auf dem Außengelände der „Alten Schule“ will er eine überdachte „Waldbühne“ eröffnen. Vorbild soll die legendäre Berliner Waldbühne sein – „nur schöner“, wie Nägler schmunzelt. Nach 16 Jahren „herumbasteln“ an der Alten Schule sei das Haus jetzt „fix und fertig“, freute sich Nägler. „Am 31. Januar wird der letzte Nagel eingehauen, und dann beginnt sofort unser neues Projekt.“

Die Idee für die Waldbühne Stephanshausen entstand in der Corona-Zeit, in der Nägler und seine Helferinnen viele Veranstaltungen im Freien organisierten, um die Abstands- und Hygieneregeln einhalten zu können. Nägler: „Da mussten wir viel improvisieren, aber jetzt machen wir es richtig!“ Die Platzkapazität soll übrigens nicht erweitert werden – auch aus Rücksicht auf die Nachbarn, wie Nägler betont.

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