Das Flair des Rheingaus in seiner schönsten Form

Steinberger Tafelrunde wie in besten Zeiten / 700 Meter lange Tafel mit mehr als 1.200 Gästen

Paradiesvögel mit hohem Unterhaltungswert: Die „Busquitos“ aus Holland.

Als wäre nie was gewesen. Nach der Absage 2020 und zwei durch Abstandsregeln erzwungen „halben“ Tafelrunden im Vorjahr konnte die legendäre „Steinberger Tafelrunde“ am letzten Samstag wieder in ihrer gewohnten Form stattfinden. Durch den Lieblingsweinberg der Mönche von Kloster Eberbach zog sich über knapp 700 Meter eine Schlange von mehr als 200 Tischen durch den Steinberg. Bei perfekten Wetterbedingungen genossen mehr als 1.200 Gäste den Rheingau von seiner schönsten Seite.

1994 fand die erste Tafelrunde statt, unterbrochen wurde die Reihe nur während der Bauzeit der Steinberg-Kellerei und im ersten Corona-Jahr 2020. Doch nun konnte die beliebte Veranstaltung des Rheingau Musik Festivals – laut Intendant Michael Herrmann die am stärksten nachgefragte des ganzen Sommers – wieder stattfinden, zum 27. Mal insgesamt.

Am Konzept hat sich seitdem wenig verändert: Unter freiem Himmel – wenn man von den mittlerweile angeschafften Sonnenschirmen absieht – genießen die Gäste die einmalige Kombination aus hochwertiger musikalischer Unterhaltung und Kleinkunst, aus kulinarischen Genüssen mit rustikalen Vespertellern und Weinen aus dem Steinberg, die es wahlweise in der Geschmacksrichtung trocken oder feinherb gibt.

Gerade die Tatsache, dass der Wein dort genossen werden kann, wo er gewachsen ist, macht den besonderen Reiz der „Steinberger Tafelrunde“ aus. Pro Eintrittskarte – der Obolus lag in diesem Jahr bei stolzen 85 Euro, was der Nachfrage aber keinen Abbruch tat - erhielt jeder Gast eine Flasche spritzigen 2021er Steinberg. Wer mehr wollte, konnte sich für zehn Euro gerne eine weitere Flasche Steinberger Riesling gönnen – oder diese auch für die „Nachbesprechung“ mit nachhause nehmen. Mineralwasser vom Co-Sponsor Selters gab es übrigens in unbegrenzter Menge.

Dank – gemessen an den bisherigen Hitzewellen des Sommers 2022 – moderaten Temperaturen wurde der Riesling mit großem Genuss konsumiert, aber auch das Mineralwasser von der Lahn erfreute sich regen Zuspruchs. In seiner Begrüßung ging RMF-Intendant Herrmann auf die Trockenheit ein und erinnerte nochmals explizit an das Rauchverbot. Nicht auszudenken, wenn ein Nikotinsüchtiger seine „Kippe“ ins strohtrockene Gras geworfen hätte.

Aufmerksamer Service

Was aus Zeiten der Corona-Restriktionen beibehalten wurde: Statt des in früheren Jahren so beliebten Self-Service bei der Versorgung mit Wasser und Wein aus großen, mit Eiswasser gefüllten Bottichen gab es eine aufmerksame Bedienung durch die jugendlichen Helferinnen und Helfer des RMF. Rund 80 waren es, die am Samstag dafür sorgten, dass alles rund lief und niemand auf dem Trockenen sitzen musste. Die als Fotomotiv so beliebten Eiswasser-Tröge waren durch große Kühlboxen ersetzt worden, zu denen nur RMF-Mitarbeiter Zugang hatten.

Zurückgekehrt war man hingegen zu den großen Vesperplatten, die sich jeweils sechs Personen am Tisch teilten. So wurde als positiver Nebeneffekt auch die Kommunikation untereinander gefördert, wenn es galt, die üppig bemessenen Portionen mit Wurstvariationen, Spundekäse und Gouda, dazu Trauben und kräftiges Brot vom Backhaus Dries zu verteilen. Dies alles genossen bei einem Glas Steinberger und mit einem Blick in den Rheingau bis weit über den Rhein hinweg in die Pfalz, bot sich für die – zum Teil weit gereisten – Besucher ein perfekter Eindruck von Rheingauer Lebensart, wie sie keine Werbeagentur besser inszenieren könnte.

Logistische Meisterleistung

Damit das alles so perfekt ablaufen konnte, hatte das RMF-Aufbauteam um den technischen Leiter Jens Miska wieder kräftig geschwitzt: „Wir sind im Vorfeld eine Woche beschäftigt, damit die Tafelrunde reibungslos über die Bühne gehen kann. Wohl kaum einer der rund 1.200 Gäste hat eine Vorstellung davon, wie intensiv die Vorarbeiten sind“.

Neben der Verteilung von Kühltruhen und mobilen WCs in den Rebzeilen, von Tischen und Stühlen – Bänke gibt es nur an wenigen, halbwegs ebenen Stellen – bereiten besonders die Sonnenschirme den Helfern Probleme. Denn fast alle der 180 schweren Sonnenschirme müssen fest im steinigen Steinberg verankert werden. Mit einem großen Erdbohrer werden die Schirme sturmsicher befestigt. „Ein Knochenjob“ weiß Jens Miska. Dass dann am letzten Samstag eine kräftige Sturmböe einige Schirme „zerlegte“, war für Miska besonders ärgerlich.

Während im Steinberg die Hostessen mit dem Getränkeservice beschäftigt sind, versuchen entlang der Zufahrtsstraßen die Jungs vom Parkplatzdienst die Auto-Blechlawine in geordnete Bahnen zu lenken. Am Samstag waren es etwa 20, die –mit ihren Funkgeräten in ständiger Kommunikation– Parkplätze zuweisen, Busse einweisen und sich mitunter auch mal mit Taxifahrern anlegen mussten, die ihre Gäste möglichst nahe an die Veranstaltung bringen wollten.

Und um das Zahlenspiel zu vervollständigen: Zehn Techniker waren im Vorfeld einige Tage beschäftigt, um den Steinberg so zu verkabeln, dass die Musik der im Wechsel entlang der Tische promenierenden Bands überall in guter Qualität zu hören ist. Insgesamt eine logistische Höchstleistung.

Kraftakt

Nicht zu vergessen schließlich die Metzgerei Elzenheimer aus Frankfurt, deren Mitarbeiter alljährlich einen Kraftakt der besonderen Art erbringen müssen. RMF-Intendant Michael Herrmann deutete auch in diesem Jahr sein - politisch nicht ganz korrektes – Wortspiel von „Elzenheimers Sklaven“ an. Von diesen Helfern nahm ihm das aber niemand übel. Denn die kräftigen Träger kommen nicht des Geldes wegen in den Steinberg. Als Freunde und Bekannte der Familie Elzenheimer steht bei ihnen der Spaß am Event im Vordergrund.

In der Nacht vor der Tafelrunde legen die Mitarbeiter des Familienbetriebs Sonderschichten ein, um rund eine Tonne Wurst und Käse vorzubereiten. „Alles wird ganz frisch gemacht, in Kühlwagen auf 2 Grad heruntergekühlt und in den Steinberg geliefert“, betonen die Frankfurter Metzger voller Stolz. „Es ist viel Arbeit, aber es ist auch immer wieder schön, und es macht allen großen Spaß“.

In einem sänftengleichen Tragesystem werden dann jeweils 40 Wurst- und Käseplatten durch den Steinberg geschleppt. Weil die Wege so schmal sind, können immer nur zwei Mann an den gut 160 kg schweren Sänften anpacken – ein Knochenjob, der nur deshalb bewerkstelligt werden kann, weil sich die Träger regelmäßig abwechseln.

Zur Kulinarik die Kunst

Bei der Programmgestaltung griffen die Planer des RMF auf Bewährtes zurück. Die beliebte Formation der „Speedos“ ist seit etlichen Jahren Garant für beste Stimmung bei der Veranstaltungsreihe „Fahrende Musiker in Weingütern“ mit Rock- und Pop-Klassikern, Evergreens und Partysongs. Gerne wurde das Publikum mit einbezogen, das – nicht immer schön, aber immer fröhlich – eifrig mitsang.

Schon im letzten Jahr war das Quartett der „Speedos“ kurzfristig eingesprungen, weil die eigentlich engagierten „Busquitos“ aus Holland wegen Quarantäne-Bestimmungen nicht einreisen durften. Diesen Auftritt holten die bunten Paradiesvögel aus Holland in diesem Jahr nach. Auch sie bestachen durch ein breit gefächertes Repertoire mit „Guter-Laune-Musik“, ohne dass im Steinberg Ballermann-Feeling aufkam.

Dritte Formation war das Trio „The Bad Mouse Orchestra“, das seine Zuhörer zurückversetzte in die goldene Swing-Ära der 1920er Jahre. Mit der zarten Stimme ihrer aparten Sängerin Charlotte Pelgen setzte das „Mäuse-Orchester“ einen Kontrapunkt zu den beiden Männer-Quartetts. Gerade bei diesen eher leisen Tönen war die Tontechnik besonders gefordert. Galt es doch, die Musik überall im Steinberg mit vielen kleine Boxen zu übertragen, ohne dass durch zu große Lautstärke die Gespräche gestört wurden.

Von 17 bis 22 Uhr spielten die drei Formationen jeweils 30 Minuten im Wechsel und wandelten dabei an der langen Tafel entlang. Zuspruch und Applaus der Gäste dürften die Musiker bei ihren „Wandertouren“ beflügelt haben.

Dankbar waren die Gäste auch für die Kleinkünstler und Gaukler, die in diesem Jahr wieder ganz nah an die Gäste herandurften. Wo immer der Hamburger Zauberer Jan Logemann auftauchte, hinterließ er staunende Besucher, denen es partout nicht gelingen wollte, die scheinbar so einfachen Tricks nachzuvollziehen.

Auch sein Kollege „Chapeau Bas“, der erst auf Stelzen durch den holprigen Steinberg wandelte und später, als es dann zu eng wurde, auf zwei Beinen an den Tischen entlang spazierte – und sich als „ehrlicher Taschendieb“ profilierte, hatte immer die Lacher auf seiner Seite.

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