Eine Frau mit vielen Begabungen
Nach dem Irak-Krieg verlor Azhar Altememe ihre Heimat und drei ihrer Schwestern

Azhar Altememe gefällt es in Eltville; eine Wohnung konnte sie hier aber noch nicht finden.

Rheingau. (chk) – Azhar Altememe liebt den Rheingau, wo sie seit zweieinhalb Jahren eine Heimat gefunden hat. Schon als Jugendliche hat sie für Deutschland als Fußballnation geschwärmt, wäre aber wahrscheinlich nie nach Deutschland gekommen, hätte die von US-Präsident George W. Bush 2003 angezettelte völkerrechtswidrige Militärinvasion nicht den Irak und den ganzen Nahen Osten in ein Pulverfass verwandelt. Das Schicksal von Azhar Altememe ist mit dieser Entscheidung und den fatalen Folgen verknüpft.

„2006 habe ich mit meiner Schwester den Irak verlassen und wir sind nach Jordanien gegangen“, erzählt sie. Bis dahin hatte sie mit ihrer jüngeren Schwester in ihrem Elternhaus im Gouvernement Diyala, nordöstlich von Bagdad gewohnt. Ihre Mutter war an einer Krankheit früh gestorben und ihr Vater war bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ihre Familie gehörte der schiitischen Minderheit in dieser Region an, die vor dem Irak-Krieg friedlich mit der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung gelebt hat. 2006 wurden Häuser der Schiiten von sunnitischen Milizen durch Bomben zerstört und die Menschen aus den Ruinen verjagt. Azhar Altememe wurde von zwei Kugeln am Arm und am Fuß getroffen – die Narben sind bis heute zu sehen. Groß geworden ist sie mit vier Schwestern. Eine Schwester kam bei den Anschlägen ums Leben. „Aber ich habe auch meine beiden anderen Schwestern verloren“, erzählt sie, denn nach den Anschlägen von 2006 hat sie sie nicht mehr finden können und nie wieder etwas von ihnen gehört.

Stationen inJordanien und Syrien

Azhar Altememe, die im Irak als gelernte Konditorin ihr Geld verdiente, fand in Jordanien Arbeit als Verkäuferin, später als Schneiderin, Stickerin und Strickerin, doch das Leben war so teuer, dass sie dort kaum überleben konnte. Sie ging nach Syrien. „Vor dem Krieg war das Leben in Syrien gut – die Menschen, die Arbeit und die Natur. Das alles hat mir gefallen“, erzählt sie. Fünf Jahre lang lebte sie in Syrien und arbeitete als Schneiderin für Damen- und Hochzeitskleider. Dann zwang der Krieg sie wieder, die neue Heimat zu verlassen. Sie ging zunächst zurück nach Jordanien. Dort lebt ihre Schwester, die einen Jordanier geheiratet und mit ihm drei Kinder hat. Azhar Altememe hatte nach ihrer Rückkehr keinen gesicherten Aufenthalt mehr in Jordanien und entschloss sich 2015, nach Deutschland zu gehen. Über die Türkei, Griechenland, Serbien und Ungarn kam sie im September 2015 in Frankfurt an, und nach einem Aufenthalt in Gießen kam sie nach Eltville, wo sie eine Wohnung in einer Flüchtlingsunterkunft fand, die vom Rheingau-Taunus-Kreis angemietet war. Weil diese Unterkunft gekündigt wurde und sie als anerkannter Flüchtling längst in eine eigene Wohnung hätte ziehen können, hat sie lange vergeblich nach einer Wohnung in Eltville gesucht. Ob es an ihrem Namen, ihrem Status oder ihrem Akzent liegt, dass sie auf alle Bewerbungen für eine kleine Wohnung eine Absage erhält, weiß sie nicht. „ Ich hätte mir einen Betreuer oder eine Betreuerin gewünscht, die mich bei der Wohnungssuche unterstützen“, sagt sie. „Und ich wünsche mir auch mehr Kontakt zu Menschen, die mit mir Deutsch sprechen.“ Schon bevor sie einen Deutschkurs in Wiesbaden besuchen durfte, hat sie einige Monate in Erbach am Deutschunterricht für Flüchtlinge teilgenommen, aber einen persönlichen Betreuer wie manche Flüchtlinge habe sie nie gehabt. „Ich bin eine starke Frau“, betont sie, lächelt, und muss sich dann doch ein paar Tränen aus den Augen wischen.

Zukunft im Rheingau

Azhar Altememe ist dankbar, dass sie in Deutschland Aufnahme gefunden hat und sie wünscht sich eine Zukunft in diesem Land. Ganz sicher ist es nicht ihre Absicht, sich im deutschen Sozialsystem „auszuruhen“. Sie hat eine Teilzeitstelle – 25 Stunden in der Woche – in der Küche einer Wiesbadener Berufsschule gefunden und hat außerdem an drei Tagen insgesamt zwölf Stunden Deutschunterricht, um ihre Kenntnisse weiter zu verbessern und sich auf entsprechende Prüfungen vorzubereiten. „Ich will unbedingt arbeiten – ich habe immer gearbeitet und die Arbeit in Wiesbaden gefällt mir sehr gut“, erzählt sie. „Im nächsten Jahr will ich eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin beginnen.“ Wohnen würde sie gerne weiterhin im Rheingau. Mit Hilfe des Jobcenters hat sie jetzt ein Zimmer in Rüdesheim gefunden, das sie sich wohnlich eingerichtet hat. Sie hat viele Begabungen und Fertigkeiten. Wann immer sie Gelegenheit hat, macht sie Handarbeiten, malt und backt. Baklava und Torten sind ihre Spezialität– auch richtig gute und dekorative Hochzeitstorten. Beim Eltviller Weihnachtsmarkt 2016 kamen die Besucher in den Genuss ihrer Backkünste an einem Stand, der von der Initiative „Refugees welcome to Rheingau“ mitveranstaltet wurde. Jetzt möchte sie in Rüdesheim zur Ruhe kommen, fährt jeden Tag nach Wiesbaden, und hofft, irgendwann doch noch eine kleine Wohnung in Eltville oder Erbach zu finden. „Ich könnte mir vorstellen bei einer älteren Frau oder einem älteren Mann zu wohnen, die auf Hilfe im Haushalt angewiesen sind. Ich würde gerne für sie kochen, putzen, waschen und einkaufen.“

Nach dem Verlust von Heimat und Familie und Jahren der Wanderschaft durch die Welt wünscht sie sich auch, in Deutschland den „Mann fürs Leben“ zu finden und zu heiraten. Von Kindern träumt sie nicht mehr. „Ich bin doch schon eine alte Frau“, sagt sie mit leichter Ironie. „Ich bin doch schon 33.“

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