„Das Grundgesetz ist wichtiger als alles andere“

„Das Grundgesetz ist wichtiger als alles andere“
Psychologe Ahmad Mansour sprach über die „Jahrhundertaufgabe Integration“

Ahmad Mansour (links) sprach „Klartext“ mit Klaus Hamburger.

Kloster Eberbach. (chk) – „Integration ist mehr als Arbeit plus Sprache minus Kriminalität“, sagte Ahmad Mansour in einem Gespräch, zu dem die Academie Kloster Eberbach eingeladen hatte. „Integration ist eine Bringschuld der Migranten, aber die Menschen müssen auch emotional ankommen und einen Zugang in die aufnehmende Gesellschaft finden.“

Marcus Lübbering, der an diesem Tag von der Mitgliederversammlung wiedergewählte Vorsitzende der Academie Kloster Eberbach, begrüßte den prominenten Psychologen, Autor und Berater, den er bei einer Begegnung im vergangenen Jahr für diese Veranstaltung hatte gewinnen können. Das Thema lautete „Jahrhundertaufgabe Integration – Wie schaffen wir das?“ Weil Ahmad Mansour Klartext redet, macht er sich nicht nur Freunde, wird sogar bedroht, weshalb er aus Berlin mit Personenschützern angereist war. Auch war von den Teilnehmern im Vorfeld eine namentliche Anmeldung gewünscht worden.

„Sie sind bekannt dafür, dass Sie die Dinge beim Namen nennen und müssen zulassen, dass Sie auch manchmal Applaus von der falschen Seite bekommen“, sagte Klaus Hamburger, Theologe und Vorstandsmitglied der Academie Kloster Eberbach, der das Gespräch mit Ahmad Mansour führte – eine Bemerkung, die Mansour mit einem leichten Nicken zur Kenntnis nahm. Als Psychologe macht er Workshops in Gefängnissen, arbeitet für Projekte gegen Extremismus, begleitet Familien von radikalisierten Jugendlichen, Aussteiger und verurteilte Terroristen. Als Experte wird er in Talkshows eingeladen und seine Arbeit wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, wie beispielsweise dem Moses-Mendelssohn-Preis, dem Carl-von-Ossietzky-Preis oder jüngst dem Menschenrechtspreis der Gerhart-und-Renate-Baum-Stiftung.

In der Politik scheint sein „Klartext“ jedoch nicht anzukommen. Als offizielle Vertreter der Muslime in Deutschland verhandele man mit den Islamverbänden, die alle zusammen nur etwa 25 Prozent der Muslime vertreten. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland vertrete weniger als ein Prozent. Nach Ansicht Mansours sind es gerade die meisten dieser Islamverbände, die Parallelgesellschaften fördern. „Wenn Menschen Gott brauchen und in die Synagoge, Kirche oder Moschee gehen, ist das eine ganz private Angelegenheit“, betonte er. Gefährlich werde es, wenn die Religion nicht mehr als Privatangelegenheit betrachtet werde, wenn „Moslem sein“ etwas Exklusives sei und alles andere als gefährlich eingestuft werde, wenn Sonderrechte gefordert werden, die mit geltenden Gesetzen und Regeln nicht in Einklang stehen. „Ich kann Moslem sein, Sportler, Deutscher – solange ich meine Identität mehrdimensional lebe, ist es okay.“

„Was uns alle vereint, was ein Wir-Gefühl schafft, ist das Grundgesetz“, sagt Mansour. „Diese Gemeinsamkeit ist mir absolut wichtig. Das Grundgesetz ist viel wichtiger als alles andere, was die Menschen mitgebracht haben an Werten, an Kulturen und auch an Religionsverständnissen.“ Dies müsse den Menschen, die hier ankommen, vermittelt werden. „Wir erreichen die Menschen aber nicht, wenn wir nur das Grundgesetz auf Arabisch übersetzen.“ Damit war er wieder bei den Zugängen in die deutsche Gesellschaft. „Viele Männer, die nach Deutschland kommen, haben Angst vor der Freiheit. Sie kontrollieren ihre Frauen und Töchter hier viel mehr als in ihrem Heimatland.“ Haltungen könnten sich aber nur verändern durch Begegnungen und Gespräche, bei denen die Abwehr ernst genommen werde. Das gelte für Neuankömmlinge ebenso wie für manche Nachkommen der Gastarbeiter, die in Parallelgesellschaften verhaftet seien. Viele Ängste seien das Resultat von Unwissen über die freie Gesellschaft und ihre Chancen und Möglichkeiten. Niemand müsse dafür seine Religion aufgeben, aber es gehöre dazu, die Werte der patriarchalischen Gesellschaften in Frage zu stellen.

Er berichtete von Rollenspielen aus Workshops im Gefängnis, für die er mit einem Kollegen überspitzte Situationen auswählt, beispielsweise eine Szene, in der ein Vater nach Hause kommt und den Sohn mal wieder beim Spielen am Computer erwischt. Er gibt ihm einen Schlag auf den Hinterkopf und macht ihm Vorwürfe, weil er den ganzen Tag spielt, die Schule vernachlässigt, nicht in die Moschee geht, nicht betet, nicht auf seine Schwestern aufpasst. „Eine Schande bist du!“, sagt der wütende Vater und lässt keine Widerrede zu. Am Anfang gebe es von den Gefangenen überwiegend Zuspruch für den Vater, weil er dem Bild des Vaters entspricht, der sich kümmert. „Da muss man auch streng sein. Die Eltern meinen es ja nicht böse. Sie wollen, dass man etwas von der Familie, Religion und Tradition lernt“, sei ein Kommentar gewesen. Während der kontinuierlichen Zusammenarbeit mit den Männern verändern sich mit der Zeit jedoch die Vaterbilder und eine andere Art von Kommunikation wird möglich. „Wenn ich meinen Vater emotional nicht in Frage stellen kann, kann ich kein Demokrat sein“, brachte Mansour es auf den Punkt. Jungen Muslimen in traditionellen Familien werde zu Hause und in der Moschee gepredigt, ihre Sexualität zu unterdrücken; man dürfe sie nur in der Ehe ausleben. „Sexualität zu unterdrücken hat es in der Menschheitsgeschichte tausendfach gegeben. Wenn Sie Sexualität unterdrücken, beherrschen Sie die Menschen.“

Klaus Hamburger hatte zu Beginn des Gespräches Ahmad Mansour nach seiner Beziehung zu Gott gefragt. „Ich habe eine ambivalente Beziehung zu Gott“, war die Antwort. „Ich streite mit ihm, ich zweifle an ihm, aber ich brauche ihn.“ Beispielsweise für Stoßgebete, wenn das Flugzeug in Turbulenzen gerät. Hamburger befragte ihn auch zu seiner Radikalisierung, die er als Jugendlicher durchlebt hatte. „Ich wurde in der Schule gemobbt, weil ich bessere Noten in der Schule schrieb als Kinder aus wohlhabenderen Familien“, erzählte er. Er habe sich isoliert gefühlt, und ein Iman sei freundlich auf ihn zugekommen, habe ihn in die Moschee eingeladen, wo er sich bald zu Hause fühlte. Seine Eltern seien keine frommen Muslime gewesen und sein Vater sei sehr wütend gewesen, dass sein Sohn in diese bestimmte Moschee gehe.

Ahmad Mansour ist 1976 als Araber in Israel geboren. Erst als Jugendlicher entwickelte er sich zu einem radikalen Moslem, obwohl er zunächst nicht nach der Religion gesucht, sondern sich in der Moschee einfach angenommen gefühlt habe. Der Imam forderte nicht auf zur Gewalt, sei stets freundlich geblieben, habe aber streng religiöse Ansichten vertreten und eine Autorität über ihn erlangt. „Ich habe mich nie als Fanatiker gefühlt, war aber überzeugt, im Besitz der Wahrheit und auf dem richtigen Weg zu sein.“ Und er gab zu, Anschläge in Israel „gefeiert“ zu haben.

Irgendwann bröckelte der feste Glaube. „Ich wurde neugierig auf meine Feinde und ging zum Psychologie-Studium nach Tel Aviv, einer sehr westlichen, modernen Stadt. Aber ich traf Menschen, die meinen Vorurteilen nicht entsprachen.“ Die Offenheit und Freundlichkeit überwältigten ihn und er lebte fortan im Zwiespalt zwischen der familiären und religiösen Enge in seinem Dorf und der Weltoffenheit in Tel Aviv. Seit 2004 lebt er in Berlin, ist mit einer deutschen Frau verheiratet und seit 2017 selbst deutscher Staatsbürger. Das Paar hat eine vierjährige Tochter und gemeinsam mit seiner Frau hat er Anfang 2018 die Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention gegründet. Er gehört außerdem der Initiative Säkularer Islam an, die sich vor einem Jahr gegründet hat.

Aus dem Publikum wurde die Frage an ihn herangetragen, wie er es fände, dass ein Schwimmbad nur für Muslime gebaut werden solle – eine Idee, für die er sich nicht begeistern konnte. „Wäre es nicht besser, den Migranten mehr Zeit zu geben?“, war eine weitere Frage. „Abwarten, ohne etwas zu tun, löst die Probleme nicht“, antwortete Mansour. „Das Mädchen aus Syrien, das jetzt seine Freiheit will und Hilfe braucht, kann nicht noch drei Generationen warten.“ Es sei so viel von den Schwierigkeiten bei der Integration die Rede gewesen. „Gibt es denn auch etwas Positives, was die Menschen mitbringen?“, wollte eine Zuhörerin wissen. Natürlich hätte jede Kultur etwas Bereicherndes, von der andere Kulturen lernen könnten. So könnte beispielsweise die Gastfreundschaft der meisten Migranten die deutsche Kultur bereichern. „Ich bin überzeugt, dass die Elite in diesem Land die ist, die die Seiten beider Kulturen lebt, aber ich warne vor Romantisierung.“ „Was kann ich selbst tun, um den Menschen das Ankommen in unserer Gesellschaft zu erleichtern?“, fragte jemand. „Einfach aufmerksam sein und Interesse zeigen“, war Mansours Rat. Wenn er mit Migranten rede, zeigten sich die fehlenden Berührungspunkte manchmal in der Frage: „Wie leben eigentlich die Deutschen?“

Anschließend signierte er sein Buch „Klartext zu Integration – Gegen falsche Toleranz und Panikmache.“ In diesem überaus lesenswerten Buch gibt er viel von sich persönlich, seinem Werdegang und seinen Gedanken preis. Es beginnt mit einer „Anleitung zur Realität“ und endet mit einer „Anleitung zur Integration – Zehn konkrete Schritte, die Politik und Gesellschaft gehen müssen.“ Er schreibt: „Selbstverständlich gibt es viele Vorbilder, Migranten, denen der Weg geglückt ist. Frauen und Männer, die jeden Tag dazu beitragen, dass dieses Land prosperiert. Doch die Ränder, an denen jene leben, die noch nicht angekommen sind oder sich momentan sogar weiter von der Demokratie entfernen, sind schlicht zu breit geworden. Und Integration muss alle Menschen erfassen.“ Dafür macht er sehr konkrete Vorschläge und zeigt ebenso deutlich auf, was derzeit nur „Flickwerk“ in der Integrationslandschaft ist und weshalb die „Jahrhundertaufgabe Integration“ noch nicht gelingen konnte.

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