Von der heilsamen Kraft der Zuwendung im Gespräch
Professor Dr. Gianni Maio fordert eine Abkehr von einer aktionistischen Medizin

Professor Dr. Giovanni Maio fordert eine Medizin der Zuwendung, Zeit für Gespräche mit dem Patienten, und eine Politik, die dies möglich macht.

Kloster Eberbach. (chk) – Um Leben und Tod, Hoffnung und Mut, geht es in der Vortragsreihe „Medizin und Ethik“, die von der Frankfurter Stiftung Hospital zum Heiligen Geist, der Evangelischen Akademie Frankfurt und weiteren Veranstaltern ins Leben gerufen wurde. Eine Sonderveranstaltung zum Thema „Da-sein – Über die heilsame Kraft der Zuwendung“ fand im Kloster Eberbach statt. Man habe diesen Ort, den einst Zisterzienser gegründet hätten, bewusst ausgewählt, erklärte Dr. Kurt W.

Schmidt, Theologe am Zentrum für Ethik in der Medizin und nebenamtlicher Studienleiter an der Evangelischen Akademie Frankfurt. „Wir wollen diesen asketischen Raum auf uns wirken lassen“, sagte er vor den etwa 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Bibliothekssaal.

„Warum laden wir zu dem Thema ein? Wir alle wissen doch, dass Zuwendung gut tut“, sagte Professor Dr. Elke Jäger, Chefärztin der der Frankfurter Klinik für Onkologie und Hämatologie im Krankenhaus Nordwest in der Trägerschaft der Stiftung zum Heiligen Geist. Sie berichtete von einem Patienten aus besten wirtschaftlichen Verhältnissen, der an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war. Er habe schon etliche Experten vor ihr konsultiert, habe ihr 25 Therapieempfehlungen vorgelegt, um noch ihre Meinung einzuholen. Wenige Tage später habe er noch einmal angerufen und sie gefragt: „Können Sie mir Mut machen für die Behandlung?“ Sie könne sich nicht erinnern, dass Patienten vor 25 Jahren eine solche Frage gestellt hätten. Die „Personalisierte Medizin“ mit Gentypisierung und Biomarker bezogenen Therapiekonzepten eröffne Möglichkeiten und Entscheidungsspielräume, die es damals noch nicht gegeben habe. „Wenn ich als Ärztin gefragt werde, Mut zu machen, was brauche ich dann selbst? Um alles abzufragen, brauche ich Zeit – und die haben wir in unserem Gesundheitssystem nicht.“

Als Referent dazu war Professor Dr. Giovanni Maio eingeladen. Er ist Professor für Bioethik und Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Er ist bekannt, aber in Medizinerkreisen nicht überall beliebt für seine Kritik an der Gesundheitswirtschaft; er fordert mehr Zeit für die Zuwendung zum Patienten – auch in seinen Büchern, beispielsweise in dem Buch „Den kranken Menschen verstehen – Für eine Medizin der Zuwendung“, das im Herder-Verlag erschienen ist. Für seinen Vortrag im Kloster Eberbach hatte er einen einzigen Schwerpunkt gesetzt: das Gespräch.

„Wenn ich einen Menschen behandele, begegne ich diesem Menschen. Der Kern der Medizin ist nicht das Handeln, sondern das Gespräch“, betonte Maio. „Wenn das Gespräch, das Da-sein, als originäre Begegnung mit einem anderen Menschen nicht glückt, kann die Behandlung nicht glücken.“ Schon bevor der Patient ins Zimmer komme, sei man angesprochen; eine responsive Haltung sei notwendig. „Allein durch den Anblick spüre ich die Frage. Wenn die Heilberufe antworten, antworten sie auf ein Gespür hin.“

Maio machte deutlich, dass der Patient von Beginn der Behandlung an als Mensch angenommen werden will und nicht nur als Symptomträger ausgefragt werden will. „Ich hole ihn mit meinen Worten aus seiner Anonymität heraus, und das geht nicht nach einem Raster.“ In einem verantwortlichen Gespräch steuere man den anderen nicht. Das Gespräch sei ein Wagnis, man wisse nie, wie man herauskomme. Im Gespräch erkenne ich die Ebenbürtigkeit der Person an, von der ich mich ansprechen lassen muss und von der ich etwas lernen will.“

Zweckrationalisierte Medizin

Die moderne Medizin sei zweckrationalisiert – reine Gesprächstechnik, formelhafte Worthülsen, Floskeln. „Ich finde, dass Floskeln mehr verletzen können als Schweigen.“ Die Achtung vor dem Anderen erfordere eine patientenorientierte Sprache und müsse seine Unverwechselbarkeit ernst nehmen. „Echtes Sprechen ist ein kreativer Prozess.“ Es sei die Aufgabe der Heilberufe, dem echten Gespräch Raum zu geben, Weite zuzulassen und eine Haltung der Demut einzunehmen. „Der andere ist mir immer in dem voraus, was er über sich selbst weiß. „Wir müssen Resonanzfähigkeit und Zuwendungsbereitschaft mitbringen. Dafür müssen wir in der Medizin kämpfen.“

„Was kann ich als Patient dazu beitragen, dass das Gespräch gelingt?“, wollte anschließend ein Zuhörer wissen. „Durch die Auswahl der Ärzte. Die Ärzte, die sich Zeit nehmen, müssen Sie belohnen, indem Sie sie auswählen“, war die Antwort des Professors. Die anderen würden schon vom System belohnt. „Je weniger Zeit sie sich nehmen, je weniger sie sprechen, desto mehr Patienten schleusen sie durch, desto mehr verdienen sie.“ Was tun, wenn es keine Auswahl gibt, beispielsweise im Krankenhaus, lautete die nächste Frage. Patienten könnten durchaus auch Ärzte „erziehen“ und darauf hinweisen, dass sie sich nicht aufmerksam behandelt fühlen, äußerte Maio. Ein Chirurg meldete sich zu Wort und gestand, dass er Gespräche als anstrengender empfinde als das Operieren selbst. Dafür hatte Maio Verständnis. „Die Güte der Indikation kann nicht quantifiziert werden. Wir haben leider durch die Fallpauschalen eine aktionistische Medizin. Das haben die Politiker zu verantworten. Wir müssen eine Systemveränderung herbeiführen.“ Das System funktioniere nur, weil die Ärzte es mittragen und dem ökonomischen Zwang auf den Leim gingen.

Es gab auch die andere Seite, von der ein Frankfurter Palliativmediziner berichtete: „Ich erlebe es oft, dass Menschen am Ende ihres Lebens Erleichterung empfinden, wenn sie erfahren, dass man sich auch gegen Machbares entscheiden darf. Sie fühlen sich als Mensch endlich ernst genommen.“ Zwischen der Machbarkeit, die zelebriert wird, und dem Gespräch sah Maio einen Zusammenhang. „Aber den Sinn des Gesprächs kann man nicht messen. Deshalb verstehe ich mein Sprechen hier auch als eine politische Rede.“

„Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum wir diesen Ort gewählt haben“, sagte Kurt W. Schmidt noch einmal nach dem Vortrag. „Von Klöstern und Abteien sind immer wichtige Impulse und Reformen ausgegangen.“

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